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Oswin Connor.

Eine Erzählung aus dem Volksleben Irlands. Aus dem Englischen des Charles Lever, frei übersetzt von Alice Salzbrunn.

(Fortsetz ung.)

Der neue Verwalter entwickelte eine bis­her ungekannte Ausübung seiner Gewalt. Rückständige Pacht sollte sogleich und unbe­dingt gezahlt werden; Pachtverträge, deren Bedingungen nicht genau erfüllt waren, wur­den ungiltig erklärt; Unterpächter erhielten die Kündigung, und eine strenge Ausführ­ung aller Maßregeln war angedroht, damit die Besitzungen bewundernswerth verwaltet und die Pflichten des Administrators höchst verdienstlich erfüllt würden. Viele dieser Pachtrückstände waren von dem Gutsherrn zur Zeit der Noth bewilligt worden, aber sie waren weder im Grundbuch eingetragen, noch besaß der Pächter eine Quittung darüber. Der Gutsherr hatte nicht die Absicht ge­habt, sie je zu verlangen, und die Pächter hatten die Summen vergessen, bis eine ge­naue Nachforschung des neuen Verwalters diese Schulden entdeckte. Die frühere Nach­sicht hatte jetzt traurige Folgen. Die Schuld gewährte dein Gutsherrn das Mittel zur Tyrannei und raubte dem Pächter alle Lust zur Verbesserung seiner Lage. „Warum

sollte ich arbeiten," sagte er, „wenn'ich nie Nutzen davon habe?" Der Gutsherr klagte dann über Undankbarkeit, während der Bauer gegen die Unterdrückung sprach. Konnten Beide Recht haben? Die Unmöglichkeit, jemals unabhängig zu werden, führte bald zur hartnäckigen Gleichgiltigkeit. Die Nahrung war genug für den Armen, welcher allen andern Erwerb abgeben mußte; deshalb wurde er an seine Armuth gekettet. Er war der Beraubung bei großer wie bei ge­ringer Arbeit ausgesetzt und sank in unbe­dachtsame, verzagte Knechtschaft. „Man kann mir nur Alles, was ich habe, nehmen," lautete die Philosophie des Bauern, und diese Wahrheit erhielt den Zusatz, daß dieses Alles so wenig als möglich sein sollte. — Andere Uebel entstanden aus dieser Ursache. Die Nachlassung des Pachtgeldes hing ge­wöhnlich von der Darstellung der Armuth ab, welche die Pächter von ihren Nachbarn geben konnten. Daher wurden die Lüge und Verstellung eingeführt. Die Hütten blieben mit halbzerstörten Dächerü stehen, fast nackte oder zerlumpte Kinder zitterten vor Kälte, Greise und Kranke wurden im herzzerreißenden Züstand ausgestellt, das Bet­teln wurde zur Gewohnheit, nur um den Grundbesitzer zu täuschen und ihn glauben zu lassen, daß es grausam sei, irgend eine

rn. Wien s Bedrärrgnitz im Jnhre 1683.

II.

Innerhalb des Raumes, den die beiden Türkenlager vor Wien von 1529 und 1683 bedeckten, gibt es außer den Stätten des christlichen Cultus, welche nachher völlig wie­der hergestellt werden konnten, vielleicht nur ein einziges Denkmal von Stein, das, obgleich im täglichen Bereiche der Verwüster, dennoch beide Belagerungen überdauert bat. Gegenüber dem Portale der Kirche von Pen­zing (Vorort von Wien, am linken Ufer des Wienfluffes), welche, damals ausgebrannt, später auf den alten Fundamenten und dem übrig gebliebenen Gemäuer wieder erstand, erhebt sich bis zur Höhe von 26 Fuß eine schöne Kreuzsäule, in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts im Volksmunde noch richtig als das ewige Licht genannt. Die Säule des ewigen Lichtes von Penzing jedoch hat das Eigenthümliche, daß sie auch die Darstellung des Bildes des Gekreuzigten trägt. Demnach sind hier die beiden altchristlichen Gebräuche, derjenige des Kreuzes auf dem Friedhöfe und derjenige des ewigen Lichtes in Eins zusammengezogen. Dazu galt die Meinung, daß die Säule die Stelle bezeichne, wo der Apostel Jacobus der Ältere auf seiner Wanderung nach Spanien hier den Landes­einwohnern gepredigt habe. Die Tradition, daß der Apostel an der Stelle ausgeruht, wo die ihm gewidmete Kirche sich erhebt — noch heute ist der alte Name derselbe: eccle- sia sancti Jacobi Majoris ad septem quer­ens in valle sancta — ist uralt. Ebenso

gewiß ist, daß die Jacobskirche von Penzing, eine der ältesten von Niederösterreich, zu den Zeiten der Kreuzzüge ihre Bedeutung hatte als Station für die Pilger, welche im Bap­tisterium der Kirche aus der hl. Jacobsquelle tranken. Der Kunde der Türken von 1683 lagen solche Dinge fern. Auch vermutheten sie in oder unter der Säule keine Schätze. Dem Feuer bot der Stein kein Material. Darum blieb das Denkmal christlicher Fröm­migkeit und Kunst mitten im Türkenlager bestehen. Und so ragt es noch heute.

Die gewaltigsten Kämpfe während der Be­lagerung im Jahre 1683 tobten um das Burg-Ravelin (Außenwerk). Die Verände­rungen der nachfolgenden Zeiten haben jede Spur des einstigen Burg-Ravelins völlig ver­wischt. Unter den Tausenden, welche täglich dort passiren, wo die Bellariastraße auf den Burgring trifft, oder welche an schönen Som­merabenden im Volksgarten sich an den friedlichen Klängen der Musik erfreuen, kommt sicherlich sehr Wenigen der Gedanke in den Sinn, daß einst in den Sommertagen des Jahres 1683 andere Laute dort vernommen wurden, oder überhaupt, daß sie selber eine Stätte betreten, denkwürdig durch das, was dort geschehen, wie wenige in Europa. An anderen Orten sind Schlachten geschlagen einmal, oder auch, an wenigen, zweimal. An dieser Stelle aber haben sich vier lange Wochen hindurch die Kämpfe täglich erneuert, auch mehrmals an einem Tage, mit dem Menschenverluste vieler Tausende auf tür­kischer Seite und mit nicht geringem auch auf kaiserlicher Seite. Aber das Object des Kampfes? Man darf sagen, daß in die

Jl» 268. Dienstag, den 21. November 1882.

Fuldaer l® Zeitung.

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Kämpfe um diese Stelle, um das Burg-Ra­velin, sich die Belagerung von Wien im Jahre 1683 gewissermaßen concentrirte. Da­her ist die Stelle des einstigen Burg-Rave- lins vergleichbar jedem andern Schlacht- oder Sieges-Felde der kaiserlichen Monarchie. Denn ob auch zuletzt die Vertheidiger dennoch weichen mußten: an dieser Stelle hatten sie die An­griffskraft der Feinde, wenn auch nicht ge­brochen, so doch bis zur Lahmlegung hinge­halten. An dieser Stelle hatten sie die Zeit gewonnen für das Herannahen des Ersatz­heeres. Darum haben die Vertheidiger des Burg-Ravelins sich ivohl verdient gemacht nicht bloß um die Stadt Wien, nicht bloß um die Monarchie des Hauses Habs­burg, sondern um die gesammte Chri­stenheit des Abendlandes. „Denn es handelt sich," ruft ein Zeitgenosse, der Florentiner Malagonelli, aus, „unter dem Namen der Burg Wien zum zweiten Male um die Freiheit oder die Knecht­schaft desMenschengeschlechts." Das Burg-Ravelin von 1683 war nach den schönen Worten Onno Klopp's das Thermo- pylä der Christenhest. Aber die Spartaner setzten dem Könige Leonidas und seinen Ge­treuen ein Denkmal zur Erinnerung an ihre Hingabe für das Vaterland. Kein Stein und keine Inschrift mahnt die Nachwelt an den schuldigen Dank für die einstigen Vertheidiger des Burg-Ravelins und — setzen wir es mit Nachdruck hinzu, der Christenheit. Und selbst die Stätte als solche kennt man nicht mehr.

Geldsumme zu fordern. Zuweilen hatten diese Anschläge Erfolg, aber wenn die Un­wahrheit entdeckt wurde, mußten die wirklich ganz Verarmten mit den Schuldigen! leiden, weil man sich gegen alles Elend verhärtete. Für Einen, dessen Lügenhaftigkeit glückte, mußten Viele in der Trübsal büßen.

Oswin wurde endlich durch das Gespräch seiner Dorfgenossen daran erinnert, daß auch er eine Aufforderung erhalten habe, in Gal- way bei dem neuen Verwalter zu erscheinen. Er hatte diesen Besuch in seiner Trauer ver­säumt, und da die Aufforderung nicht wie­derholt worden war, glaubte er, sie sei zurückgezogen, weil der Verwalter seine Be­freiung von der Pacht erfahren habe. Jedoch begleitete er Ende September Philipp Joyce nach Galway und war bereit, nöthigenfalls die halbsährige Pacht zu zahlen, aber er hoffte lebhaft, es werde nicht werden.

Es war ein glücklicher Morgen für den armen Oswin, der glücklichste seines ganzen Lebens. Er war zum Frühstück zu Joyce gegangen und hatte Maria allein bei der Bereitung desselben gefunden. Eine Zeit­lang beobachteten Beide ihre gewöhnliche Zurückhaltung, sie sprachen von den Dingen die ihnen am gleichgiltigsten waren, und endlich, nachdem Oswin vergeblich zum Fen­ster nach Philipp ausgeschaut und sich ge-