Freitag, den 17. November 1882.
Jritung
Jtoarr
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Hl. Wien s Bedrängnitz im Jahre 1683.
I.
Nur noch Monate trennen uns von jener Jubelfeier, welche die Kaiserstadt an der Donau überaus festlich zu begehen bereits rege Vorbereitungen trifft: dem 200jährigen Gedenktage der Befreiung Wien's aus der Belagerung durch die Türken, eine Feier, an welcher sich zu betheiligen die gesummten Länder der Habsburgischen Monarchie, weiter das ganze deutsche Reich, ja die gesammte europäische Christenheit allen Anlaß und alles Recht haben. Denn war die vom Halbmonde drohende Gefahr, wenn auch Wien zunächst, so doch auch dem gesummten christlichen Abendlande nahe, schlugen die rettenden Schlachten Krieger aus allen deutschen Gauen, ja aus fast allen damals christlichen Ländern, freute sich damals — mit einer einzigen Ausnahme, nämlich des allerchristlichsten Königs von Frankreich, Ludwigs XIV. — das gesammte christliche Europa der glänzend erfochtenen Siege über die Türken- und Tar- tarenhorden: dann darf, dann sollte auch das Jahr 1883 die christlichen Völker Europas vereint sehen in der Gedächtnisfeier der Befreiung von Wien, dem damaligen Bollwerke - des christlichen Abendlandes gegen die andringende Sturmfluth des Osmanenthums.
Unter den Hülfsmächten, auf die der Kaiser Leopold in der Türkenbedrängniß bauen konnte, ragt am ersten und meisten hervor der Papst Jnnocenz XI. Die Gesinnung des Papstes Jnnocenz XI. war würdig derjenigen der früheren großen Päpste, durch deren Bemühungen vor Allen: es gelungen
war, das heilige Land für die Christen wieder zu gewinnen. Rom, der Papst, er war auch jetzt in diesen Entscheidungskämpfen der Christenheit wider den Islam der Mittelpunkt der moralischen und materiellen Hilfe. Jnnocenz XI. erließ ein Edict, welches Gebete anbefahl für den Frieden und die Eintracht zwischen den christlichen Fürsten und für den Schutz der heiligen katholischen Religion. Um 6 Uhr des Abends luden die Glocken zu diesem Gebete anstatt das Ave Maria. Jedermann entsprach willig. Auf die Mahnung der Glocken warf sich das Volk auf den Straßen in die Kniee. Die fahrenden Wagen hielten an und die Insassen stiegen aus, um sich mit dem Volke im Gebete für die Rettung Wien's zu vereinigen. Der Papst selbst aber lag Tag und Nacht auf den Knieen und vergoß so viele Thränen, daß man die Stelle, wo er gekniet, davon angefeuchtet fand. Und nicht bloß durch ermahnende Worte an die Christenheit und Gebete kam der Papst in der großen Bedräng- niß zu Hilfe; Jnnocenz XI. lieferte bis zum 10. October 1683 die für die damaligen Zeiten unglaublich hoheSumme von 1,200,000 Gulden in's kaiserliche Aerar. Wie sehr die Türken den Papst fürchteten und als eine Macht betrachteten, mit der sie zu rechnen hätten, ergibt sich aus folgenden Worten des aus Constantinopel heimkehrenden venetiani- schen Botschafters Civromo: „In besonderer Beachtung steht bei den Türken der Papst. Ihn halten sie für fähig, die christlichen Potentaten zu einem Bunde wider sie zu vereinigen als dem einzigen Bollwerk wider ihre Macht, das sie fürchten." Es ist
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Oswin Connor.
Eine Erzählung aus dem Volksleben Irlands. Aus dem Englischen des Charles Lever, frei übersetzt von Alice Salzbrunn.
(Fortsetzung.)
„Warum willst du nicht draußen auf dem Wege spielen, bis ich wieder zu dir komme, Patrick? Hier ist ein kalter, feuchter Ort für dich, mein Junge."
„Onkel, Onkel!" rief das Kind und sah ihn mit einem liebevollen Lächeln an, als wolle es sagen, es bleibe lieber bei ihm.
„Nun gut; wer weiß, ob du nicht Recht hast. Wenn es Gottes Wille ist, mich hin- wegzunehnien, ist es vielleicht am besten, du stirbst auch. Es ist entsetzlich, allein in der Welt zu stehen, das fühle ich jetzt!"
Bei den letzten Worten stand er still und stützte sein Haupt auf das Spatenkreuz.
„Sagtest du etwas, Patrick? Ich hörte eine Stimme."
Das Kind schüttelte verneinend den Kopf.
„Der Wind ging durch die alten Mauern. Ach! man kann hier Seufzer und Schluchzen zu hören glauben; viele weinten an diesen frischen Gräbern."
Er setzte seine Arbeit fort. Die Dunkelheit nahm rasch zu, als Oswin aus dem
tiefen Grabe stieg und niederkniete, um zu beten, ehe er den Leichnam der Erde übergab.
„Kniee neben mir, mein Liebling," sagte er, und schlang seinen Arm um den kleinen Knaben, „Gott liebt die Kinder, ihre Engel sehen allezeit das Angesicht des Vaters im Himmel;" er vereinigte die kleinen Hände mit den seinen und flehte dringend um die Seelenruhe des Abgefchiedenen.
„O mein Vater," sagte er, indem er endlich aufstand und sich zum Sarge wendete, „o mein Vater, Gott sieht in mein Herz und weiß, daß wenn ich die Erde barfuß durchwandern könnte, um dir den Frieden zu geben, fo würde ich es thun; du warst ein guter Mann und ein treuer Vater."
Er küßte den Sarg und betrachtete ihn schweigend. Dann schien er sich gewaltsam zu ermuthigen, löste die Stricke und hob den Sarg von der Karre; er legte unter demselben die Seile zurecht, aber er bedachte jetzt, daß er ihn nicht ohne Hilfe in das Grab senken könne.
„Ich muß den Weg hinunter gehen und Jemand suchen," murmelte er; in diesem Augenblick bemerkte er in einiger Entfernung einen Mann an einem Grabe knieend.
„Gott helfe ihm. er trauert auch!" sagte Oswin, indem er sich ihm näherte und sah, daß es das frischgemachte Grab eines Kin-
ungeschichtlich, die Frage aufzuwerfen, ob Wien hätte erhalten und gerettet werden können ohne den Papst Jnnocenz XI. That- sache ist, daß er vor Allem beitrug, daß Wien erhalten und gerettet wurde.
In allen christlichen Jahrhunderten hat bei allgemeinen Gefahren und Bedrängniffen der Klerus der katholischen Kirche durchweg Hervorragendes geleistet. Das zeigte sich in den Türkenkriegen und namentlich bei den Entscheidungskämpfen im Jahre 1683 vor Wien. Der Welt- wie der damalige Ordensklerus zeigte sich überaus opferwillig und opferfreudig. Wäre er es nicht schon aus sich gewesen, wie hätte das Beispiel des großen Papstes Jnnocenz ihn dazu entflammen müssen! Mit dem Papste sehen wir Cardinäle, Bischöfe, Priester, Mönche, jeden nach Kräften thätig. Auf die Aufforderung des Bischofs Emerich von Wien an die Welt- und Klostergeistlichen, bei der bevorstehenden Gefahr für Alle nicht bloß mitzuschanzen, sondern auch, wenn es sein müffe, die Waffen zu ergreifen, folgte allgemeine Zusage. Am Morgen des 9. Juli 1683 sah man den Provincial der Augustiner auf der nächstgelegenen Kärnter Bastei mit dem Schubkarren und der Hacke erscheinen, ihm nach die Patres und Fratres. Ebenso die Insassen der anderen Klöster je nach dem angewiesenen Orte. Das dauerte fort auch unter dem Geheul der türkischen Kugeln. Ein anderes Bild boten die bis dahin friedlich stillen Kreuzgänge dar. Sie hallten wieder vom Waffenlärm. Die Mönche stellten dort Scheiben auf, um sich im Schießen zu üben. Und wer stand in den Schreckenstagen vom 14. Juli des war. Oswin wartete mehrere Minuten vergeblich, daß der Mann sich erheben werde; dann sagte er: „Verzeiht, daß ich Euch störe, aber vielleicht wollt Ihr so gut sein, mir beim Einsenken eines Sarges zu helfen, ich habe nur ein Kind bei mir."
Der Mann stand auf und wendete sich um. Ihre Blicke begegneten einander, Philipp Joyce und Oswin standen einander hier gegenüber. Wie anders waren sie jetzt, als bei ihrem letzten Zusammentreffen! Zorn, beleidigter Stolz und Rache glühten damals in ihren Zügen und erschütternden ihre Gestalten. Jetzt standen Beide bleich, gramgebeugt und tieftraurig.
Oswin sprach zuerst. „Ich bat Euch um Entschuldigung, ehe ich Euch sah, Philipp Joyce, und ich thue es jetzt nochmals, weil ich Euch störte; ich erkannte Euch nicht und wollte den Leichnam meines Vaters in die Grube senken."
„Ich wußte nicht, daß er tobt ist," sagte Philipp mit hohler Stimme, als spräche er zu sich selbst, „hier liegt mein armer kleiner Wilhelm," und er zeigte auf den Hügel zu seinen Füßen.
(Fortsetzung folgt.)