256. Dienstag, den 7. November 1882.
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-n. Arrto Errraneipatiorr (Selbst- Befreiung).
M ahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden.
Bekanntlich hat der Berliner Prediger de la Stoi auf dem Antisemiten-Congresse zu Dresden alles Ernstes den Vorschlag gemacht, die Juden wieder nach dem Orient zu führen, und zwar mit Englands Hilfe sie in Egypten anzusiedeln. Der Vorschlag war gewiß nicht praktisch, aber es lag ihm eine richtige Idee zu Grunde. Während nun die liberalen Blätter Herrn de la Stoi weidlich verspotteten, taucht von jüdischer Seite ein ähnlicher Plan auf. Unter obigem Titel erschien nämlich bei einem judenfreundlichen Verleger unlängst eine Schrift, welche an die letzten Judenverfolgungen und den mißglückten Versuch anschließt, die aus Rußland vertriebenen Juden in Amerika anzusiedeln, um daran praktische Vorschläge zu knüpfen. Der jüdische Verfasser geht von der Ansicht aus, daß die Juden deshalb von den anderen Völkern, unter denen sie leben, verachtet und gehaßt würden, weil sie keinen eigenen Staat, kein Vaterland hätten, und schlägt deshalb vor, ein solches von dem Ueberschuß der jetzt in der Zerstreuung lebenden Juden entweder in Nordamerika, oder in der asiatischen Türkei zu gründen. Hätten die Juden wieder ein Vaterland, so ständen sie anderen Völkern gegenüber, wie diese sich unter einander gegenüderstehen.
Es soll hier nicht die Unmöglichkeit dieser Gründung besprochen werden. Das Merkwürdigste ist nämlich die Begründung dieser Nothwendigkeit durch den Beweis, daß, wie iö
Oswin Connor.
Eine Erzählung aus dem Volksleben Irlands.
Aus dem Englischen des Charles Lever, frei übersetzt von Alice Salzbrunn..
(Fortsetzung.)
Oswin sah bei diesen Worten auf; da gewahrte er gerade gegenüber Philipp Joyce, an einen Baum gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt und eine Zornwolke auf der Stirn, seine Augen starrten gleich denen eines Wüthenden. Ein kalter Schauer ging durch Oswin Connors's Glieder, als er daran dachte, daß dieser Zorn Maria treffen könne; er wußte, daß ihr Bruder ein Tyrann im Hause sei. Daher benutzte er den Augenblick, in welchem das Gebet der Wallfahrer an der Station begann, um seinen Platz zu verlassen und begab sich auf einem Umweg zu Philipp Joyce.
„Ich habe Euch etwas zu sagen, Philipp Joyce", sagte er leise, indem er jedes Zeichen seiner Bewegung unterdrückte, „kann ich hier sprechen?"
Oswin's krankhaftes, abgezehrtes Aussehen setzte Philipp in Erstaunen, er sah ihn einige Secunden schweigend an, dann sagte er rauh: „Hier oder anderswo, das ist gleich, nachdem Ihr es gestern nicht sagen wolltet."
es ans Seite 1 der Broschüre heißt, die Juden „im Schooße der Völker, unter denen sie leben, thatsächlich ein fremdartiges Element bilden, welches von keiner Nation gut vertragen werden kann." Und auf der folgenden Seite heißt es: „Das jüdische Volk hat kein eigenes Vaterland, wenn auch viele Vaterländer; es hat kein Centrum, keinen Schwerpunkt, keine eigene Vertretung, keine Regierung. Es ist überall anwesend und nirgends zu Hause. Die Nationen haben es nie mit einer jüdischen Nation, sondern immer nur mit I u d e n zu thun. Für eine jüdische Nationalität fehlt es den Juden an einer gewissen, jeder andern Nation innewohnenden charakteristischen Volksthümlichkeit, welche durch das Zusammenwohnen auf einem Staatsgebiete bedingt ist. Diese Volksthümlichkeit konnte sich natürlich in der Zerstreuung nicht herausvilden, vielmehr scheint bei den Juden jede Erinnerung an die einstige gemeinsame Heimath vernichtet zu sein. Dank ihrer leichten Anpassungsfähigkeit haben sie nur um so leichter sich die ihnen nicht angeborenen Eigenthümlichkeiten derjenigen Völker angeeignet, unter die sie das Schicksal geworfen. Nicht selten haben sie sogar ihren Schutzgebern zu Liebe sich ihrer traditionellen Originalität gänzlich entäußert. Sie haben sich gewiße kosmopolitische Tendenzen angeeignet oder eingeredet, welche ebenso wenig Anderen zusagen, als sie ihnen selbst genügen könnten."
Endlich heißt es an einer andern Stelle (Seite 18 und 19): „Mit unparteiischem Blicke, ohne vorgefaßte Meinung müssen wir im Volksspiegel die tragisch-possenhafte Figur
Der Hohn über Oswin's Mangel an Muth war unverkennbar; für einen Augenblick sah er beleidigt aus, aber er schüttelte nur traurig den Kopf und sagte: „Davon wollte ich nicht sprechen, sondern von Eurer Schwester Maria."
Philipp starrte ihn verwundert an und lachte ihm plötzlich so beleidigend höhnisch in das Gesicht, daß Oswin's Wangen schamroth wurden.
„Sicherlich kenne ich Eure Meinung, Philipp Joyce," sagte er und unterdrückte seinen Zorn mit ungeheurer Anstrengung, „ich bin ein armer Hüttenbewohner, welcher nur ein Stück Bergland besitzt; ich habe kein Recht, mein Haupt zu ihr zu erheben. Aber hört, Philipp," — er faßte seinen Arni und sprach in dumpfem Tone — „wenn das Mädchen nicht wäre, was sie ist, sondern nur Eure Schwester,, so würde ich sie verachten, wie ich Euch selbst verachte," und dann stieß er ihn so gewaltsam von sich, daß Philipp schwankte. Bevor er sich besinnen konnte, war Oswin wieder an seiner Seite und fuhr fort: „Nun noch ein Wort, und Alles ist beendet zwischen uns. Um Eure Gunst oder Euren Haß habe ich mich nie bekümmert. Wird Maria mich abweisen, so sehe ich sie nicht wieder. Nur laßt Euren Zorn nicht an ihr aus, denn es ist nicht ihre Schuld."
unseres Volkes herauserkennen, welche verzerrten Gesichtes und mit verstümmelten Händen die große Weltgeschichte mitmachen hilft, ohne mit der eigenen kleinen Volksgeschichte auch nur leidlich fertig zu werden. Wir müssen uns ein- für alle Male mit den Ideen befreunden, daß die anderen Nationen, vermöge eines ihnen innewohnenden naturgemäßen Antagonismus, uns ewig ausstoßen werden. Vor dieser Naturkraft, welche wie jede andere Elementarkraft wirkt, dürfen wir unsere Augen nicht verschließen; wir müssen von ihr Notiz nehmen. Beklagen dürfen wir uns über dieselbe nicht. Verpflichtet sind wir dagegen, uns selbst zusammenzunehmen, uns aufzuraffen und darauf zu achten, daß wir nicht in Ewigkeit das Aschenbrödel, der Ambos der Völker, verbleiben."
Ist hier nicht Vieles gesagt, was selbst die Antisemiten in Deutschland nicht so drastisch ausgesprochen haben? Und sollten nicht manche Juden aus solchen Stimmen lernen, daß sie etwas bescheidener gegenüber der antisemitischen Bewegung auftreten müssen? Uebrigens wünschen wir von ganzem Herzen, daß die in der besprochenen Schrift propo- nirte Bildung einer jüdischen Colonie oder selbst eines eigenen jüdischen Staates in Nordamerika oder in der asiatischen Türkei in nächster Bälde verwirklicht werde!
Deutsches Reich.
* Berlin, 5. Nov. Der liberale Magistrat Crefeld's hat mit allen gegen zwei Stimmen beschlossen, gegen die Aufhebung der Crefelder Simultanschulen Beschwerde zu erheben.
„Wenn meine Schwester an Euresgleichen denken sollte, würde ich sie noch am heutigen Abend vor die Thüre werfen," sagte Joyce, dessen Muth jetzt stieg, weil er mehrere seiner Parteigenossen näher kommen sah, als seine Unterredung mit Connor bemerkt wurde.
„Gut, so wollen wir nicht mehr davon sprechen," sagte Oswin mit furchtbar bedeutsamem Lächeln, „wir werden auch diese Worte auszugleichen haben, wenn wir nächstens zusammen kommen. Ich bin ohnehin noch tief in Eurer Schuld," — er lüftete seinen Hut und zeigte die breite feuerrothe Narbe auf seiner Stirn — „lebt wohl!"
Ein verächtliches Kopfnicken war Philipp's Antwort, und Oswin ging heim.
Wenn der Wohlstand die Gemüthsstimmung, sich seiner zu freuen, geben könnte, so würden die Reichen immer glücklich sein; aber das ist nicht der Plan der Vorsehung. Der Besitz ist nur ein Haltepunkt auf der Bahn des Ehrgeizes; der Weg ist erhellt, aber das Ziel noch nicht nahe gebracht. Oswin war niemals trauriger auf seinen Berg zurückgekehrt. Er ging an seinen jetzt beim Nahen des Frühlings grünenden Feldern vorbei, ohne sie zu sehen; er hatte weder Blicke noch Gedanken für seine schon auf dem Berge grasende Heerde; getäuschte Hoff-