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Mittwoch, den 25. October 1882.

Fuldaer ® Zeitung.

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-g. Die »Heilsarmee" in England.

Es ist dies eine neue relegiöse Secte; ihr Stifter und Haupt, oder wie er sich selbst zubenannt, ihr „General" ist Herr W. Booth, ein ehemaliger methodistischer Prediger in London. Booth gehörte für eine Reihe von Jahren der „Neuen Methodisten-Ver- einigung" an und soll sich durch den Er­folg namentlich seiner Panderpredigten aus­gezeichnet haben. Die gewöhnliche Routine des ordentlichen Predigeramtes und die her­kömmliche Verwaltung desselben sagten aber seiner Neigung nicht zu; seine originelle Individualität trieb ihn zu Ungewöhnlichem. Als ihn daher die Regierungsorgane seiner Secte verpflichten wollten, sich im Dienste an die übliche Norm zu halten, gab er die Verbindung mit der „Neuen Methodisten- Vereinigung" auf und beschloß, von nun an selbstständig zu wirken, d. h. eine neue Secte nach seinem eigenen Geschmacke zu gründen. So wurde denn Herr Booth um das Jahr 1861 der Stifter der „Christ­lichen Wiederbelebungs-Gesellschaft von Ost- London." Es waren die unteren Schichten des Volkes, die große Masse namentlich der so zahlreichen Arbeiter- und Fabrikbe­völkerung, welcher Booth von jetzt an seine Thätigkeit zu widmen beschloß. In diesen Elasten der Bevölkerung fehlte es dem neuen Religionsagitator denn auch nicht an Erfolg, in Ost-London fand er bedeutenden Anklang und Zulauf, was ihn bewog, seiner Secte die mehr umfassende Benennung: „Christliche Mission für Ost-London" zu geben. Als sich jedoch die Secte allmählich über die Grenzen Londons hinaus weit in die Provinzen verbreitete, wuchs mit der Zahl der Jünger auch des Hauptes Unter» nehmungsmuth, und er beschloß jetzt, seine Wirksamkeit planmäßig über das ganze vereinigte Königreich auszudehnen. Den bisher beschränkten Namen seiner Secte änderte er 1878 in den allgemeinen von ^Heilsarmee", eine Bezeichnung, die den Schlüssel enthält, sowohl zur äußeren Ein­richtung als zum Ziele der neuen Reli­gionsgesellschaft. Sie soll nämlich nach Booth's Idee eine religiöse Armee sein, welche unter seinem Obercommando gegen Teufel und Sünde kämpft und durch deren Besiegung die Menschen der Erlösung durch Christus zuführt. Dieser Idee gemäß hat die Heilsarmee nur militärische Titel adop- tirt, während nämlich die einfachen Mitglie­der „Soldiers" (gemeine Soldaten) genannt werden, bilden die Prediger und Ange­stellten ein Corps von „Officers", welche je nach ihrem Range die beim englischen Militär gebräuchlichen Titel führen, freilich, um Verwechslungen und unangenehme Reib­ungen mit den Militärbehörden des Landes vorzubeugen, mit dem Zusatz: .Salvation Anny“. Herr Booth selber als Oberbe­fehlshaber nennt sich „General“, und von feiner officiellen Residenz wird nur als

„Headquarters“ (Hauvtquartier) geredet. Auf sein Commandowort hören die ihm unterstehenden „Colonels“, „Majors“, „Captains“, „Lieutenants“, „Öorporals“ und was es sonst noch für Würdenträger im Heere geben mag. Die Versammlungs- Locale heißen nicht mehr wie bei andern Secten Capellen, Kirchen oder Bethäufer, sondern sind zu „Barracks“ (Kasernen) geworden. Selbst die Versammlungen er­freuen sich militärischer Ehrentitel, wie denn z. B. gemeinsames Gebet auf den Knieen als „Kneedrill“ (Kniee-Exerciren), eine Procession als „March“ (Marsch), ein außergewöhnliches Meeting unter Vorsitz des Generals als „Council of War“ (Kriegsrath) bezeichnet wird. Die Armee besitzt auch ihre officielle Zeitung, welche jede Woche vom General in zwei verschie­denen Ausgaben veröffentlicht wird, die eine für die eigentliche Armee unter der Aufschrift: „Der Kriegsruf und officielle Zeitung der Heilsarmee" , die andere unter der Benennung: „Der kleine Sol­dat" für die bereits mehrere Tausende zählenden Kinder, welche der Secte an» gehören. Militärischen Geschmack verräth auch hie für das Heilsheer 'gewählte Devise: „Bloodand Fire“, welche namentlich auf den Fahnen zu lesen ist; sie klingt freilich kriegerisch und blutdürstig genug, aber unter „Blood“ soll doch nur das vom Erlöser für die Menschheit vergossene Blut und unter dem „Fire“ blos das innere Gnadenfeuer verstanden werden, mit welchem nach der Secte Ansicht der heilige Geist die neuen Heilssol­daten tauft.

In Bezug auf Lehre und Glaube adop- tirte Herr Booth ohne Weiteres, was er in dem Lehrkasten der fortgeschrittensten metho­dischen Secten vorfand; nur hat er, der es auf die religiöse Bewegung der großen Massen abgesehen hat, Lehre und Dogma möglichst vereinfacht. Er hat nur diese eine urprote­stantische Lehre: Christus ist zur Erlösung der Menschen gestorben, und willst Du seiner Erlösung theilhaftig werden, so brauchst Du nur fest zu glauben, daß Du wirklich durch das Blut Christi geretteft bist; dieser Glaube bewirkt augenblickliche Reinigung von allen Sünden im Blute des Lammes, und den so Geheiligten ist der Himmel sicher. Daher betrachtet die Heilsarmee es denn auch als ihre Hauptaufgabe, die Menschen zu dieser fubjecQien Ueberzeugung zu bringen. Wer immer durch die Reden, die Musik, den Ge­sang, die Betheuerungen ober das Gebet des Heilsheeres bewogen, diese subjective Ueber­zeugung in seinem Herzen fühlt oder das Ge­fühl derselben sich aufzwingt, der wird eben dadurch ein Christ, ein Bekehrter, ein Er­löster, ein Heiliger und Auserwählter, mag er auch kurz vorher ein noch so großer Sün­der gewesen sein und entweder keine oder was immer für eine Religion gehabt haben. Wer dagegen dieser subjectiven Ueberzeugung ent­behrt, der ist' und bleibt ein unerlöster Sün­

der und ist nicht einmal ein Christ. Damit nun in dieser Form die christliche Religion nicht gar zu leicht erscheine, hat Booth noch einige moralische Vorschriften hinzugefügt; er befiehlt nämlich vollständige Enthaltung von berauschenden Getränken und von Tabak. Nehmen wir hierzu noch militärische Sub­ordination, so ergeben sich als die wesent­lichen Erfordernisse für einen Heilsarmee- Soldaten die folgenden vier: er muß glau­ben an Erlösung durch das Blut Christi; er muß öffentlich bekennen, daß er persönlich erlöst ist und dieses fühlt; er muß sich ent­halten von geistigen Getränken und Tabak; er muß endlich gegen die Officiere schuldige Subordination zeigen.

Der uns hier zubemessene Raum gestattet es uns leider nicht, auch eine Beschreibung einer religiösen Versammlung dieser Secte zu geben. Was aber im Allgemeinen den äußeren Erfolg derselben angeht, so nimmt die Heilsarmee nicht bloß in England fort­während zu, sondern besitzt auch schon Zweige in Australien, Amerika und Frank­reich. Im Jahre 1881 wurden an localen Beisteuern mehr als 57,000 Pfd. Sterling, vlso mehr als 1,140,000 Mark einge­nommen. Die officielle Zeitung der Armee wurde im Mai d. I. in 267,000 Exemplaren gedruckt, und der General hoffte es bald auf 300,000 Exemplare zu bringen.

Es ist Thatsache, daß Herr Booth mit feiner neuen Secte Erfolg gehabt, d. h. be­deutenden Anklang bei den unteren Massen des protestantischen Volkes in England ge­funden hat. Es ist ferner nicht in Abrede zu stellen, daß durch die Bemühungen der Heilsarmee manche Säufer wenigstens zeit­weilig von ihrem 'Laster geheilt wurden, und daß manche Personen aus dem Arbeiter­stande, die bisher aller Religion vollständig fremd waren, aus dem Munde der Heils- soldaten zum ersten Male Kunde vom Erlöser erhielten und gerührt worden sind. Gleich­wohl stellt sich das Unternehmen des Herrn Booth dar als eines der letzten Zersetzungs- producte im Auflösungsprocesse des Prote­stantismus ; die Heilsarmee ist dem religiösen Nihilismus, verbunden mit subjectiver Ge­fühlsschwärmerei, bereits sehr nahe gekommen. Da aber die innere Hohlheit und Unsolidität geschickt zugedeckt ist mit populärem äußerem Aufputz, mit Geräusch, Musik, Bewegung und Anderem, woran das gemeine Volk Gefallen hat, so erfreut sich die neue Reli­gion zeitweiligen äußeren Erfolges; wie lange dieses dauern wird, muß die Zukunft lehren.

Deutsches Reich.

* Berlin, 23. Oct. Die Abreise des Kaisers von Baden-Baden erfolgt nach den bis jetzt getroffenen Vorkehrungen und Bestimmungen am 24. Oct., Abends 63/4 Uhr, die Ankunft in Berlin am Mittwoch, den 25. Oct., Morgens 93/4 Uhr.