M 228
Mittwoch, den 4. October 1882.
Fuldaer S3S Jeitung.
Die ,Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonmrt gegen Borausbezahlung,u Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche «bonnementsprers bekägt ausschl,eßl,ch Brmgerlohn '» Fulda 1 Mark und 60 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ms Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Mit den »Jllustrirten Sonntagsblättern' kostet dieFuld.Ztg vierteljährlich in Fulda M. 1.90; auswärts am Postschalter 3R. 1./5; m s Haus gebracht M. 2.15. 'Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
Aufruf.)
Der Ablauf der Wahlperiode des Preußischen Abgeordneten-Hauses und die bevorstehenden Neuwahlen legen uns die Pflicht auf, an die Wähler und Gesinnungsgenossen der Centrums-Fraction uns zu wenden.
War unsere Lage in dieser Zeit auch vielfach eine besonders schwierige, so dürfen wir doch mit Dank gegen Gott conflatiren, daß die Bedeutung und das Geivicht der Centruinspartei einer wachsenden Anerkenilung sich erfreute.
Die Erkenntniß, daß die Störung des inneren Friedens auf kirchlichem Gebiete die schwersten Schäden herbeigeführt, daß diesem unerträglichen Zustande ein Ende zu machen sei, hat sich mehr und mehr Bahn gebrochen.
Hoffen wir, daß den Anfängen zu einer Besserung bald die volle That folge.
Die Centrums-Fraction hat den Bestrebungen: Härten zu mildern, für die Herbeiführung des Friedens Zeit und Boden zu gewinnen, — welche Bestrebungen die conservative Partei in dankensmerther Weise unterstützte — ihre Mitwirkung und Zustimmung nicht versagen dürfen.
Aber wir haben stets festgehalten und halten fest an der Forderung freier Bewegung und Selbstständigkeit für die Kirche, daher der Beseitigung der dieselbe hemmenden Schranken und besonders aller der Gesetze, welche die unveräußerlichen Rechte der Kirche, den christlich-confessionellen Charakter der Schule, das Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder beeinträchtigen. Der revolutionären Strömung, welche ringsum sich breit inacht, den Gefahren für Thron, Staat und Gesellschaft, kann nur ein christlich erzogenes, gottesfürchtiges Volk erfolgreichen Widerstand leisten.
Mit der Verwirklichung unserer Forderungen wird auch der confessionelle Friede, den wir stets zu wahren gewillt sind, gesichert. Ausdrücklich müssen wir hier Einspruch erheben gegen die Versuche, durch Hervorrufung von Zwietracht unter den christlichen Confessionen das Friedenswerk zu stören und damit zugleich den schwindenden Einfluß des Liberalismus wiederherzustellen.
Daß die Umkehr von den Wegen des falschen Liberalismus auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens nothwendig ist, wiederholen wir nochmals, weil — ohne zu verkennen, was zum Wohle des Grundbesitzes, der Gewerbe, insbesondere des Handwerks und der Arbeit erstrebt und geschehen ist, — wir doch die Stetigkeit und Klarheit vermissen, welche» aus dem Gebiete der Gesetzgebung wie der Verwaltung unbedingt nothwendig, das Recht und die Pflicht einer christlich-conservativen Regierung ist.
Von diesem Grundgedanken muß auch die Entwickelung der Selbstverwaltung in Gemeinde, Kreis und Provinz getragen sein, frei von bureaukratischer Schablone und Gleichmacherei, unter Wahrung der berechtigten Eigenthümlichkeiten und liebgewordenen Einrichtungen der einzelnen Landestheile.
Die vor drei Jahren im Reichstage unter Anregung und mit Unterstützung des Centrums eingeschlagene Wrrthschafts- p olitik hat sich trotz der traurigen Folgen wiederholter Rückschläge in den Ernten des Landes als rich tig und nutz bringend bewährt.
Durch eine weise und sparsame Finanzwirthschäft muß dieselbe voll ausgenutzt und ferner Sorge getragen werden, die Steuerlast thunlichst zu erleichtern, dieselbe gerecht und gleichmäßig zu vertheilen.
Das sind die Grundsätze,'für welche die Centrumsfraction immer eingetreten ist und cintreten wird, wenn derselben das Vertrauen der Wähler auch ferner zur Seite steht.
Die Einigkeit der Wähler und Gewählten, in welcher wir nun über zwölf Jahre, trotz aller Anfeindungen und Versuche uns zu spalten, treu zusammengestanven, ist die Ehre, der Stolz und die Gewähr des Erfolges unserer Partei.
Darum Alle an die Wahlurne bei der bevorstehenden Wahl, zu einem Siege mit Gottes Hilfe für Wahrheit, Recht und Freiheit!
' Im Mai 1882.
Die Centrums-Fraction des Preußischen Abgeordnetenhauses.
I. A.:
Der Vorstand derselben 1879 —1882.
Dr. Freiherr von Hchorlrmer-Alst. Dr. Windthorst (Meppen). Ar. Keichensperger (Köln). Dr. Keichenrperger (Nlpe). de Syo. HUsser. Diesenbach. Graf MatnschKa. Ar. Iran?. Kaufmann. Dr. Ireiherr von Heereman.
*) Der freundliche Leser wolle nicht übersehen, daß der „Aufruf" bereits am Schlüsse der letzten Session des Landtags, im Mai d. I., verfaßt worden ist. ___________________________
Deutsches Reich.
* Berlin, 2. Oct. Der Kaiser stattete in Baden-Baden am Sonnabend im Laufe des Nachmittags der Herzogin von Hamilton und dem Großherzog von Sachsen einen Besuch ab und machte einen Spaziergang auf der Promenade.
— Lothar Bucher, der die letzten Tage seines Urlaubs in Varzin zubrachte, ist von dort zurückgekehrt und hat seine Geschäfte wieder übernommen.
— Der bisherige außerordentliche Pro- feffor Dr. Franz Kaulen ist zum ordentlichen Profeffor in der katholisch-theologischen Facultät der Universität Bonn ernannt worden.
— Die Handelskammer zu Leipzig hat
sich der Eingabe der Frankfurter Handelskammer an den Bundesrath wegen Beseitigung der Verschiedenheit der Postwerthzeichen angeschloffen, „da jetzt Aussicht ist, daß sich ein Ausgleich finden läßt, ohne das politische Gebiet und die Reservatrechte Bayerns und Würtembergs zu berühren.
Oesterreich-Ungarn.
* Wien, 2. Oct. Von hier wird der .Franks. Ztgck telegraphisch gemeldet: „In Preßburg wurde auch gestern die Ruhe nicht gestört, dagegen treffen voin Lande betrübende Nachrichten über dort am Samstag verübte Excesse ein. Nach St. Georgen, wo schon seit 8 Tagen die Juden mißhandelt wurden, war rechtzeitig eine Dragoner-Ab- theilung geschickt. Als dieselbe am Samstag
Nachmittag dort einrückte, wurde sie mit einem Steinhagel empfangen. Doch gelang es durch Verhaftung von 20 Excedenten, die Ruhe zu sichern. Der Führer derselben war ein Steuerexecutor. Sehr wüst ging es dagegen in Wartberg, Reihe, Lanschütz und Jvanka zu. Die durch Pöbelhaufen aus der Umgebung jener Orte verstärkten Bauern überfielen um Mitternacht die jüdischen Behausungen, plünderten und raubten, steckten einzelne Objecte in Brand und mißhandelten die Juden in arger Weise. Am ärgsten wurde in Lanschütz gehaust. Dort erschienen Samstag Abends im Gemeinde-Wirthshause als Bauern verkleidete Agitatoren und har- ranguirten die dort anwesende, fortwährend anwachsende Bauernmenge, während im sei-