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Dienstag, den 3. October 1882.

Zeitung

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Die 9. General-Versammlung des Cäcilien-Vereins für alle Länder

deutscher Zunge zu Münster.

(Nach dem Münst. Sonntagsblatt.)

Bekanntlich wurde von dem für die Sache der kirchlichen Tonkunst aufs höchste be­geisterten Priester der Diöcese Regensburg, Canonicus Dr. Witt zu Landshut, vor länger als einem Jahrzehnt ein Verein in's Leben gerufen, der sich zur Aufgabe stellte, die an so vielen Orten in Verfall gerathene Kirchenmusik in bessere Bahnen zu leiten, seine Mitglieder zur richtigen Erkenntniß des Wesens wahrer kirchlicher Tonkunst an­zuleiten und für die Ausführung derselben zu begeistern. Als ein wesentliches Mittel, dieses Ziel zu erreichen, gelten die General- Versammlungen, welche alle 2—3 Jahre in den verschiedenen Städten Deutschlands mit größtem Erfolge gehalten wurden. Solche Versammlungen tagten bisher in Bamberg, Regensburg 2 mal, Eichstädt, Köln, Gratz, Biberach, Augsburg; für dieses Jahr hatte der Generalprüses Dr. Witt der Stadt Münster die Ehre zugedacht, die Mitglieder der 9. General-Versammlung in ihre Mauern aufzunehmen, einmal wohl deshalb, weil der Norden Deutschlands den bisher mehr ini Süden tagenden Ver­sammlungen naturgemäß fern gestanden, dann aber zumeist darum, weil an leitender Stelle mit Recht geglaubt wurde, daß die Leistungen des schon längst über die Grenzen der Diöcese hinaus rühmlichst bekannten münsterschen Domchors nicht wenige Musik­kenner und Freunde anziehen würden. Deutschland hatte zum 4.-6. September

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Das Wunder am Feste Mariä Himmelfahrt.

Aus dem Französischen von Heinrich Lasserre, übersetzt von Konrad Helfrich.

(Fortsetzung.)

In dem Priester, welcher die Stufen des Altars hinaufschritt, erkannte Abbs de Musy eineswegs seinen ehemaligen geliebten Lehrer. In feinem Rollstuhle sitzend betrachtete er bei sich selbst über die verschiedenen Schrift­stellen, welche die klare und deutliche Stimme des Celebranten zu feinem Ohre dringen ließ.

Als der Priester zur linken Seite des Altares gegangen war, erhoben sich alle Anwesenden, mit Ausnahme unseres Kranken, zur Vorlesung des Evangeliums. Und die letzten Worte waren diejenigen, welche der Herr einst an seine allzugeschäftige Bewirtherin richtete, göttliche Worte, bestimmt, um im Laufe der Jahrhunderte alle unnützen Sor­gen für dieses vergängliche Leben zu be­schwichtigen: „Martha! Martha! Du bist besorgt und kümmerst Dich um Vieles. Rur Eines ist nothwendig! Maria hat den besten Theil erwählt."

„Wohlan! ich habe den Antheil Marias", sprach der gelähmte zu sich selbst, „und ich sollte mich betrüben, weil ich nicht den der

aus allen Gauen seine Vertreter nach Münster gesandt. Aus Norden und Süden, Osten und Westen, sah man die Cäcilianer dorthin eilen; selbst das Ausland stellte eine stattliche Schaar lieber Gäste, wohl am meisten Holland, dann Oesterreich, Belgien, Dänemark, England und Irland.

Das Programm der Gesangesproductionen war ein reichhaltiges und gewähltes. Nach der Begrüßungsfeier durch den Herrn Prä­laten Dr. Giese und Canonicus Koenen aus Köln, welch letzterer an Stelle des durch Kränklichkeit verhinderten Generalpräses Dr. Witt die Verhandlungen leitete, fand zu­nächst eine feierliche Complet in der Cathe- drale statt. Die weiten Hallen des Domes faßten kaum die Menge der Zuhörer, die mit gespanntester Aufmerksamkeit den Vor­trägen folgten. Ein stattlicher Chor von ungefähr 80 Sängern that uns theils im vierstimmigen Choral, theils in mehr­stimmigen Weisen die Herrlichkeiten kund, welche sich in der Liturgie finden lassen, wenn sachkundige Sänger sich ihrer an­nehmen. Bisher nie gekannte, ungeahnte Schönheiten erfüllten uns mit Bewunderung, als würdige Einleitung in die Freuden der folgenden Tage. Den Glanzpunkt des Festes aber bildete das am folgenden Morgen 9 Uhr gehaltene Hochamt in der Domkirche. Außer den Choralstücken des betreffenden Tages waren die polyphonen Gesangtheile theils der 4stimmigen Messe Iste confessor, theils der vom Tridentinum approbirten 6stimmigen Missa Papae Mar- celli entlehnt. Athmet die erstere Meffe mehr betende Ruhe und innige Andacht, so Martha habe? Ich bin ein Christ! Ich bin Gott geweiht! Ich kann mich so jeden Tag mit dem Herrn unterhalten, der in der Communion zu meinem Besuche kommmt: und ich sollte noch irgend etwas Anderes verlangen?"

Am Altäre war es unterdessen still ge­worden. Der Priester las leise die Oration, welche Sekret genannt wird und welche an diesem Tage lautet: Subveniat, Domine, plebi tuae Dei genitricis oratio: quam etsi pro conditione carnis migrasse cog- noscimus, in coelesti gloria apud te pro nobis intercedere sentiamus.“ „Es möge, o Herr! deinem Volke die Fürbitte der Gottesgebärerin zu Hilfe kommen; und wenn sie auch, wie wir wiffen, gemäß der mensch­lichen Natur aus dieser Welt geschieden ist, so laß uns doch ihre Fürsprache bei Dir in der himmlischen Glorie empfinden."

Dies war die Bitte, welche der Priester in diesem Augenblicke im Namen der Kirche zum Himmel richtete. Und das erhabene Opfer nahm seinen Fortgang hin zu dem unbegreiflichen Geheimniffe der Consecration.

Die andächtige Versammlung, welche un­ter der Wölbung der Krypta betete, hatte unterdessen nichts Ungewöhnliches wahrge­nommen. . . . Und dennoch, auf den an die allerseligste Jungfrau gerichteten Hilfe-

entquillt der letzteren freudiges Frohlocken und jubelnde Begeisterung, die sich dem Hörer in vielstimmigen Accorden in immer neuen Harmonien kundgibt, die immer aufis neue den Heiland auf dem Altäre preisen, der, um die Menschen zu erlösen, auf die Erde herabgestiegen. Beide lassen in ihrer genialen Auffassung und Durchführung er­kennen, daß nur der Fürst der kirchlichen Tonkunst selbst, Palestrina, sie schaffen konnte. Die daran sich schließende Predigt des Herrn apostolischen Vicar ©rüber aus Kopenhagen behandelte in geistreicher und gediegener Weise den Gedanken, daß gerade die Bestrebungen des Cäcilien-Vereins so bedeutend seien, weil alle Mitglieder des­selben, die Leiter, Componisten und Sänger nicht aus irdischen Rücksichten, nicht nach eigener Meinung, nicht nach bloß einseitigen Regeln der Kunst, sondern aus und im Ge­horsam gegen die Vorschriften der Kirche fühlten und handelten, daß auch deshalb die wahre Kirchenmusik einen so hohen Platz einnehme, weil sie Gott dem Herrn diene mit Selbstverleugnung und Unterwerfung unter die Auctorität der Kirche, und auch darum nur gefunden werden könne in der katholischen Kirche, in der Nachahmung unseres Vorbildes, des göttlichen Heilandes, der, wie der Apostel Paulus sagt, gehorsam wurde bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuze. Gewiß haben diese herrlichen, mit Wärme und Ueberzeugung vorgetragenen Worte manches Herz entzündet und gewonnen für die Sache des Cäcilien-Vereins. Ein nun folgendes Te Deum von Fr. Schmidt schloß diese unvergeßliche Feier. Am Nach­ruf: „Laß uns doch ihre Fürsprache bei Dir in der himmlischen Glorie empfinden," auf diesem Hilferuf an die Mutter Jefu Christi hatte eine andere Stimme, als die des Directors ober bes Volkes geantwortet: „Amen", „So geschehe es;" eine Stimme, welche kein menschliches Ohr vernommen halle, als sie sprach, welche jeboch, wenn sie spricht, bie Unermeßlichkeit bes Himmels erfüllt.

Der Pilger von Digoine hatte, an bem Pfeiler sitzenb, welcher ihn ben Blicken ver­barg, bie Dinge biefer Welt vergessen und ruhte gleichsam an ber Brust bes Herrn.

Das ernste Wort: Sursum corda, mit lauter Stimme ausgesprochen, rief ihn zum Bewußtsein der Gegenwart zurück.

Wie soll man sich sein Erstaunen malen? Indem er so wieder zu sich selber kam, fühlte er in feiner überraschten und erstaun­ten Seele das sichere Bewußtsein, daß er fortan sich erheben, aufrecht stehen und gehen könne; die ruhige Ueberzeugung, daß er lesen und das helle Tageslicht vertragen könne; die volle GewWheit, daß all die Lei­den, welche seit so vielen Jahren auf ihm lasteten, soeben plötzlich und für immer ver­schwunden seien.

(Fortsetzung folgt.)