226
Sonntag den 1. October 1882,
Fuldaer Zeitung.
Die »Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Ran abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda
.in der Exvedition, Luttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark *nb 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pf- Rit den »Jllustrirten Sonntagsblättern^ kostet dieFuld.Ztg vierteljährlich in Fulda M. 1.90; auswärts am Postschalter M. 1.75; in's Haus gebracht M. £15.
Inserate; Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
z Politische Streifzüge.
(Nachdruck verboten.)
In Eisenach, am Fuße der Wartburg, wo einst der vom Reichstage zu Worms geächtete Luther als „Junker Georg" lebte und sein Zerstörungswerk fortsetzte, das so unsägliches Elend über Deutschland brachte, tagte vor Kurzem die 55.Naturforscher-Versammlung, bei welcher Gelegenheit der Atheist und Affenapostel Ernst Häckel einen Vortrag über die Naturanschauung von Darwin, Göthe und Lamarck hielt. Was hat das mit der Politik zu thun ? wird der Leser denken. Viel mehr, als man auf den ersten Blick glaubt, denn der von der sogen, modernen Naturwissenschaft gepredigte Unglaube, der einen Schöpfer leugnet, Alles aus dem Urschleim entstanden sein läßt und den Stammbaum des Menschen auf ein „affenartiges Säugethier" zurückführt, hat nicht blos zersetzend gewirkt bezüglich des religiösen und socialen Lebens, sondern ganz besonders auch hinsichtlich der Politik. Die politischen Parteien gehen weniger deshalb auseinander, weil der Eine fortschrittlich, der Andere nationalliberal oder conservativ gesinnt ist, weil der Eine für directe und der Andere für indirecte Steuern „schwärmt", sondern die wesentlichste Scheidewand bildet der Glaube und der Unglaube. Hier ist die Brücke, wo die Geister auseinandergehen, wo der bitterste Kampf beginnt, wo die Parlamente sich in Concilssäle verwandeln und über die Kirche und jede positive Religion zu Gericht sitzen. Der im stolzen Kleide derNaturwiffenschaft auftretende Atheismus, den Profefforen ä la Häckel vom Ka-
15
Das Wunder am Feste Mariä Himmelfahrt.
Aus dem Französischen von Heinrich Lasserre, übersetzt von Konrad Helfrich.
(Fortsetzung.)
XV.
Trotz der frühen Morgenstunde war wegen des hohen Festes, welches gefeiert wurde, das obere Schiff der Kirche schon mit Gläubigen angefüllt. Die beiden Priester begaben sich zur Krypta. Dort fanden sie nur einige wenige Personen, und unter ihnen den armen kleinen Peter und seinen Vater, immer an ihrem alten Platze.
Der Hauptaltar, welcher der allerseligsten Jungfrau geweiht ist, war frei. Nachdem Abbö Antoine den kranken Priester in seinem Rollstuhl zur Seite des kleinen Peter gebracht hatte, feierte er wie alle Tage,' aber mit einer festeren Hoffnung, das h. Opfer nach der Meinung seines Wohlthäters und Freundes. Im Augenblicke der Coinmunion brachte er ihm den Leib des Herrn, und auch der kleine Peter, wiederum auf den Armen seines Vaters ruhend, wurde zum Tische des Herrn gebracht und empfing gleichfalls das Brod des Lebens.
Die Meffe war zu Ende. Trotz so heißer Gebete, so fester Hoffnungen, so glücklicher
theder herabpredigen, und den liberalen Zeitungen, ungläubige Unterhaltungsschriften, populäre Broschüren und Vorträge in die breiten Massen des Volkes tragen, den gesunden Volksgeist vergiftend und seine Religion mit Füßen tretend, ist nicht blos der geistige Nährvater des Socialismus, des Nihilismus und Communismus, er hat nicht blos das drohende Gespenst der socialen Frage auf dem Gewissen, indem die von allen höheren Grundsätzen und Zielen losgelösten, unzufriedenen Volksmassen hienieden genießen und sich den Himmel auf Erden verschaffen wollen, sondern er hat auch wie ein schleichendes Gift unser ganzes politisches Leben durchtränkt. Deshalb ist keine Rede irgend eines politischen Parteiführers, heiße er Bebel, Richter, Hänel oder Bennigsen, die über die Ziele des Kanzlers, über die Steuerreform oder sonstige Fragen sich verbreitet, so bedeutungsvoll, weittragend und nachwirkend, wie eine Rede Häckel's, in der er nachzuweisen sucht, daß es keinen Gott, keine Unsterblichkeit gibt, daß der Mensch ein vervollkommneter Affe sei — auch wenn in einer solchen Rede von Politik gar nicht gesprochen wird. Denn heutzutage ist leider die Politik mit der Religion vermischt und in einen Topf geworfen worden. Zum Lachen ist es freilich, wenn man erwägt, wie viel diese hochgelahrten.Herren, die mit stolzem Dünkel auf die „Dunimheit" Aller herab- blickcn, die sich den Affen-Stammbaum verbitten, die selbst an Nichts glauben wollen, fordern, daß wir glauben sollen. Wir sollen glauben, daß aus anorganischen, leblosen Stoffen sich lebende Wesen gebildet haben;
Vorgefühle war nichts von dem geschehen, was man begehrt und erwartet hatte. Keiner der beiden Kranken hatte die mindeste Linderung gefühlt. Die Königin des Himmels schien taub zu sein für die flehentlichen Bitten der Erde.
Abbe Antoine, welcher sich in das Unabänderliche zu ergeben suchte, stellte bei sich zu wiederholten Malen die Erwägung an, daß das Wunder seiner Natur nach ein außerordentliches Ereigniß sei, selbst zu Lourdes, und das Gott und seine h. Mutter wenn sie ein solches verweigern, nicht weniger barmherzig sind, als wenn sie es ein oder das andere Mal auf die Bitte der Gläubigen gewähren. Und aus dieser tiefen Philosophie schöpfte er die Trostgründe, deren sein betrübtes Herz bedurfte.
Was die beiden Leidensgenossen angeht, welche der Glaube an diese Gnadenstätte geführt, so hatten sie die Coinmunion empfangen und ließen jeden Gedanken an das eigene Selbst weit hinter sich zurück. Ganz eingenommen und hingeriffen von dem Empfange des himmlischen Gastes vergaßen sie so zu sagen ihre früheren Hoffnungen, das bittere Gefühl der Enttäuschung näherte sich nicht einmal ihrer Seele.
Sie hörten eine Danksagungsniesse, und als diese beendet war, nahm der Vater des
daß aus dem Urschleim sich in steigender Potenz Schleimthiere, Fische, Amphibien, Vögel, Säugethiere und zuletzt der Mensch entwickelten; daß die „natürliche Zuchtwahl" die verschiedenen Formen geschaffen; wo die „Wissenschaft" im Finstern tappt und vor Lücken steht, die mit kühnen Gedankensprüngen überbrückt werden, wo nur eine Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, da spricht man von „Beweisen" — das Alles fordern die Affenapostel, und wer nicht unbedingt auf die schleimgeborene Professorenweisheit schwört und Gott und Ewigkeit ausstreicht, der ist ein „Dummkopf" und steht nicht auf der Höhe der Zeit. Ist es da nicht viel einfacher und natürlicher, an Gott, den Schöpflr und Erhalter aller Dinge, als an Urschleim und das blinde Walten sinnloser Kräste zu glauben? Wer fordert einen stärkern, blindern Glauben: die Kirche oder die Naturforscher? . . Aber so ganz unpolitisch treten die letzteren doch nicht auf. Das Gewand der „Wissenschaft" hinderte Herrn Häckel nicht, die Culturkampfs- peitsche- ä la „alter Fuhrmann" in die Hand zu nehmen, denn er sprach von „mittelalterlichen Rückfällen," von „Schriftgelehrten und Pharisäern," vom „blinden Wunderglauben und der Herrschaft der Orthodoxie;" vom „intoleranten fanatischen Gebühren der streitenden Kirche;" von „jenen rechtgläubigen Christen, die ihre christliche Liebe in der Verfolgung Andersgläubiger und in blindem Rassenhasse zum Ausdruck bringen;" von „der schwarzen Schaar sogenannter Lutheraner;" von „der Anmaßung eines herrsch- süchtigen und eigennützigen Priesterthums" kleinen Peter sein Kind in seine Arme und ging, um ihn in der Quelle zu baden.
„Peter!" sagte Abbo de Musy zu ihm, „warte heute Morgen nicht auf mich bei der Quelle. Ich will noch dieser dritten Meffe beiwohnen, die eben anfängt."
Und er überließ sich von Neuem seinen frommen Betrachtungen.
„Wie? Gott selbst hat Wohnung bei mir genommen, und ich könnte noch etwas Anderes begehren?" dachte er.
Und seine Seele ging gänzlich auf in der Inbrunst der Anbetung.
XVI.
Nach Lourdes strömen, wie nach Rom, Menschen aus allen Himmelsgegenden. Man macht dort^neue Bekanntschaften, man trifft dort alte Freunde. In der übernatürlichen Ordnung zeigt sich dort das Wunder; in der natürlichen begegnet man stets etwas Unerwartetem.
Durch ein eigenthümliches Zusammentres- fen war der Geistliche, welcher zum Altäre ging, um diese dritte Messe zu celebriren, ein ehemaliger Profeffor des Herrn de Musy im Seminare von St. Sulpica, Herr Abbe Dominicus Sire, welcher am nämlichen Morgen oder Abends vorher in Lourdes angekommen war.