Dienstag, den 19. September 1882.
Fuldm
Zeitung.
■*■ Folgende 5 Resolutionen der XXIX. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands
haben wir nach ihrem Wortlaut noch bekannt zu geben:
„Die XXIX. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands beklagt aufs Tiefste, daß in den letzten Jahrzehnten der Eintritt in den geistlichen Stand stetig und rapid abgenommen hat. Die Ursachen dieser Thatsachen erkennt sie, abgesehen von den allgemeinen socialen Mißverhältnissen, ganz besonders in der Unterdrückung der kirchlichen Erziehungsanstalten und in der Heranziehung der Candldaten des geistlichen Standes zum Militärdienst. Indem sie die Beseitigung dieser Mißstände dringend verlangt, fordert sie zugleich alle Katholiken auf, die Kinder, welche Gott zum geistlichen Stande beruft, in der Vorbereitung zu demselben M unterstützen und insbesondere den Bischöfen die Geldmittel zu gewähren, welche zur Erziehung und Bildung der Geistlichen nothwendig sind.
Die XXIX. Generalversammlung der Katholiken betrachtet die fortdauernde Unterdrückung der Orden als eine das innere Leben der Kirche wie auch ihr äußeres Wirken schädigende Gewaltthat Die Kirche kann in den Orden nur die höchste und schönste Blüthe ihres innern geistlichen Lebens erblicken, deren sie bedarf, um ihre göttliche Mission sowohl in den Einzelnen wie an der ganzen Menschheit zu erfüllen. Die Kirche beansprucht die Orden gemäß des göttlichen Rechts und im Ramendes natürlichen Rechts jedes Katholiken auf Selbstheiligung durch die Nachfolge Christi. Sie verlangt deshalb dieselben zurück im Interesse der verwahrlosten Jugend, im Interesse der wachsenden Roth der Armen, welcher wirksam zu begegnen nur die der christlichen Charitas lebenden Ordensqe- nossenschaften im Stande sind. Sie erhebt diese Forderung mit um so größerem Nachdruck, je qott- entfremdender der Zeitgeist sich gestaltet, und je größere Dimensionen die sociale Roth täglich annimmt.
Die XXIX. Generalversammlung der Katholiken
Deutschlands schließt sich in freudigster Theilnahme den großartigen Huldigungen an, welche das gesammte Spanien seiner edelsten Tochter, der hl. Theresia, zum dritten Centenarium ihres seligen Heimganges bereitet; in begeisterter Verehrung begrüßt sie mit der Kirche die seraphische Jungfrau als die zur Zeit der traurigen Glaubensspaltung von Gott gesandte Vorkämpferin des katholischen Glaubens und hocherleuchtete Lehrerin des christlichen Lebens und spricht die zuversichtliche Bitte und Erwartung aus, daß die Katholiken Deutschlands, in dankbarem Andenken an die von der hl. Theresia unserem Vaterlande bezeugte Liebe, den Tag ihres dritten Cente- nariums in frommer Verehrung und durch Verherrlichung der Heiligen in Wort und Schrift würdig begehen. 3
Die XXIX. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands hält es für dringende Aufgabe der Gesetzgebung und Verwalung des Reiches wie der Einzelstaaten, eine strengere Heiligung des Sonntags herbeizuführen und die Beobachtung der bezüglichen Bestimmungen auch bei sämintlichen öffentlichen Einrichtungen und Arbeiten pflichtmäßiq zu überwachen.
Die XXIX. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands richtet die Aufmerksamkeit der Katholiken auf die in beklagenswerther Weise sich fühlbar machenden Schäden in der Erziehung, namentlich der weiblichen Jugend. Sie beklagt, daß in den Lehrplänen der Schule durch die Zahl der Unterrichtsstunden wie durch die Art des Unterrichts eine Vielwisserei auf Kosten der Bildung des Geistes und Herzens Vorschub geleistet wird Sie empfiehlt vor Allem, dahin zu wirken, daß in den Töchterschulen das vorgeschriebene Pensum niedriger gegriffen und die wissenschaftlichen Anforderungen auf das richtige Maß gebracht, dem Religionsunterrichte die nöthige Anzahl Lehrstunden zugewiesen fund auch der Unterricht in den profanen Fächern von denAnschauungen des Glaubens durchdrungen werde. Den Eltern sei es eine heilige Pflicht, der Tendenz einer Erziehung sich zu ver- chließen, welche über die Lebensverhältnisse und den Beruf ihrer Töchter hinausgeht. Eine angelegentliche Sorge muß es ihnen sein, die religiösen Grundsätze in den Lebensanschauungen und dem ge
sellschaftlichen Verkehre zur Anwendung zu bringen und dadurch die Einfachheit und Bescheidenheit der Sitten und die Tauglichkeit zum künftigen Berufe ihrer Töchter zu erzielen."
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Sept. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' tadelt die conservativen Blätter, weil sie gegen den bekannten Steuer-Artikel der ,Prov.-Corresp/ Front gemacht hatten. — Heute begann in Dürkheim der Kongreß des deutschen Weinbau-Vereins Gegen 500 Mitglieder aus allen Weinbau treibenden Gegenden Deutschlands sind anwesend. — In München wurde gestern die elektrische Ausstellung eröffnet. — Gestern ereignete sich auf Schacht Kaiserstuhl der Zeche Westfalia bei Dortmund ein Grubenunglück durch schlagende Wetter, wobei eine große Anzahl Arbeiter, theils schwer, theils leicht verletzt wurden; 20 Verletzte sind schon zu Tage gefördert worden.
— Mehrere Berliner Gemeinde-Schullehrer, welche ihrer sechswöchentlichenMi- litärpflicht genügt hatten, waren bei der städtischen Schul-Deputation darum eingekommen, ihnen zu gestatten, „von einem in Nr. 6 des .Deutsch. Schul-Anz/ erwähnten Erlaß des Königl. Kriegs-Ministeriums Gebrauch zu machen," nach welchem sie sich zu Feldlazareth-Jnspectoren oder Feld- lazareth-Rendant en ausbilden lassen önnten. Der Schul-Deputation war von einem solchen Erlaß nichts bekannt, sie wandte sich, nach der ,Heeres-Ztg.', um Aufklärung an das Kriegsministerium. Sie erhielt den Bescheid, daß eine Verordnung, wonach spe- ciell Lehrer, welche ihrer sechswöchentlichen
Das Wunder anr Feste Mariä Himmelfahrt.
Aus dem Französischen von Heinrich Lasserre, übersetzt von Konrad Helfrich.
(Fortsetzung.)
Frau de Musy hatte nicht nur eine Apotheke angelegt, um Arzneien zu vertheilen, sondern entschlossen, sich persönlich im Dienste der Leidenden zu opfern, hatte sie auch in ihrer Jugend mit großeni Fleiße und seltenen! Erfolge die ersten Geheimnisse der Heilkunde erlernt. Nieinand wußte besser, als sie ein Mittel gegen das Fieber, oder eine niederschlagende Arznei oder eine Kühlung gegen die Hitze der Krankheit anzugeben. Roch mehr, sie machte ihre zarten Hände zu Dienerinnen der Schmerzen: sie gab sich daran, die Wunden zu verbinden, die Geschwüre zu pflegen, über alle Gebrechen den wohlthuenden Balsam aus- zUgießen, welcher sie heilen mußte.
Die Schürze der Krankenwärterin oder der barmherzigen Schwester anlegend, langte Ile aus der Tasche bald die Scheere hervor, um das verdorbene Fleisch auszufchnei- oen, oder das Silbernitrat, um es auszu- drennen; bald die Nadel, um das gesunde Fleisch zusammenzuheften. Sie vollbrachte -öllles dies mit einer heiligen Sammlung
und mit einem Gefühle tiefer Fröinmigkeit. Mit erstaunlicher Festigkeit und Milde zugleich nahm sie ihre Operationen vor oder legte die Verbände an. Sie hatte, wenn man so sagen darf, die Geschicklichkeit der Liebe: die Zärtlichkeit ihrer Seele hatte sie ihren Fingern mitgetheilt.
In geivissen Fällen sagte sie: „Ihr Nebel geht über meine Kunst. Man muß den Arzt rufen. Setzen und wärmen Sie sich. Ich will ihn holen lassen."
Der Arzt kain, und die Krankenwärterin erweiterte alsdann noch ihre Kenntnisse in seiner Schule.
So kam es denn, daß aus der ganzen Umgegend, mehrere Meilen in der Runde die Arbeiter und Winzer, welche irgend ein Unfall, ein Schnitt oder eine Quetschung, betroffen hatte, nach Digoine eilten.
„Wohin gehen Sie denn, guter Freund!" fragte man.
„Ich will mich heilen lassen bei der guten Dame."
„Die gute Dame," das war der Raine, der einzige Name, mit welchem man sie in jener Gegend bezeichnete.
In ihren Liebeswerken hatte Frau de Must) eine Gehilfin, welche ihr glich', nämlich die alte Claudine. War das Geschäft )es Anlegens der Verbände vorüber, so
ging Claudine auf ein Zeichen ihrer Herrin hin, um aus ihren reichen Vorrathskammern und unerschöpflichen Wandschränken Kleidungsstücke, Linnen, Nahrungsmittel herbeizuholen — eine andere Art von Heilmitteln, Heilmittel gegen das große Uebel der Ar- muth und Noth - und diese verteilte sie dann mit Sachkenntniß und Klugheit.
Viele von diesen Armen brachten Körbe mit, welche schon angefüllt waren, und deren Inhalt sie unter den Augen der allbekannten Claudine auf den Tisch ausleerten. Während sie sonst überall einfach um ein Almosen baten, klopften sie an dieser so mildthätigen Pforte an, um einen Tauschhandel abzuschließen. Die „gute Dame" hatte nämlich ein Mittel ausfindig gemacht, um selbst dem Schwächsten unter diesen Enterbten des Menschengeschlechtes eine nützliche Beschäftigung zu verschaffen, ohne daß sie sich übermäßig anzustrengen brauchten. Sie hatte dieselben verschiedene Heilpflanzen kennen gelehrt und ihnen gesagt: „Sammelt dieselben, wenn ihr solche aus eurem Wege antrefft und bringt sie mir. So könnt ihr trotz eurer Arrnuth den Kranken Liebesdienste erweisen." Sie brachten also die gesammelten Pflanzen; und wenn sie dann den Äorb, statt der Kräuter des Feldes mit guten Eßwaaren angefüllt und überdies