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M 191.

Dienstag, den 22. August 1882.

Fillduer NW Zeitung.

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Auswanderung und Colonisation.

(Soll Deutschland Colonien gründen?)

Am 30. Juni hat in Freiburg eine Ver­sammlung des südwestdeutschen Vereins für Handelsgeographie stattgefunden, auf welcher der Postbeamte Hölzlin einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über die brennende Tagesfrage „Auswanderung und Colonisation" gehalten hat. Bei der großen Bedeutung dieser Frage und bei dem leb­haften Interesse, welches derselben allerseits geschenkt wird, geben wir hier aus dem lichtvollen Vortrage nach dem ausführlichen Referate größerer Zeitungen einen kurzen Auszug.

Bekanntlich wurde die Samoa-Vorlage, in welcher man doch die Anfänge zur Er­richtung staatlicher Colonien erblicken mußte, voni Reichstage abgelehnt, und zwar haupt­sächlich aus deni Grunde, weil die Verhält- nisse der Südseeinseln für eine deutsche Colonie „nicht günstig" seien. Dabei wurde aber übersehen, daß es sich nicht nur um eine Ackerbau-Colonie handelte, sondern um Errichtung einer Haudels-Colonie zu Gun­sten des Absatzes deutscher Erzeugnisse.

Es ist schon öfters als ein Fehler bezeich­net worden, daß der Regierung bei dieser wichtigen Entscheidung die Unterstützung ver­sagt wurde. Handelte cs sich doch darum, mit einem Systeme der Thatlosigkeit in der staatlichen Colonisationsfrage zu brechen. Die Geschichte bezeichnet es schon als einen großen Fehler, daß Deutschland zur Zeit seiner früheren Macht so wenig für staat­liche Colonisation gethan hat, und sie wird es auch uns als einen Fehler anrechnen,

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Der Weg zum Verderben.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Fortsetzung.)

Der französische Klerus hat noch nie ein so herrliches Beispiel der Hingebung und Aufopferung gegeben.

Unsere jungen Priester, von denen manche die Hoffnung der Kanzel bilden und die eines Tages ehrwürdige Prälaten sein wer­den, haben es sich wie eine Gunst ausge­beten, Theil nehmen zu dürfen an den Stra­pazen und Gefahren unserer Armee. Jetzt sind sie zu gleicher Zeit Helden, Aerzte, Tröster. Nichts hält oder schreckt sie zurück. Der leichtsinnige Soldat, der in der Caserne bei Friedenszeiten gegen den Priester Schimpf­worte ausstößt, grüßt jetzt ehrerbietig den Almosenier. In Paris sind unsere Priester und Religiösen bewunderungswürdig. Die Jesuiten und Dominicaner haben ihre Häuser in Hospitäler umgewandelt, die Schulbrüder jene einfachen schlichten Leute, ziehen aus auf die Schlachtfelder, die Verwundeten auf­zusuchen und die Todten zu begraben. Ohne Waffe, ruhig und gesammelt, gehen sie da­hin, wohl wissend, daß eine abirrende Kugel sie treffen kann — vielleicht innerlich wün­schend, dieses Martyrium zu erdulden. Ich

wenn wir uns nicht bestreben, dieses Ver- säumniß wieder gut zu nmchen.

In der Colonisation unterscheiden wir zwei Hauptcategorien (Arten): die staatliche und die private. Die staatliche Colonisation hat, um so mehr als der Regierung bei deren Vorgehen in der Samoa-Vorlage die Unterstützung des Reichstages verweigert wurde, mit unendlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, da alle für deutsche Verhältnisse geeignete Plätze bereits anderen Staaten an­gehören. Es bliebe also nur die Alternative, entweder zu einem unter Umständen sehr kostspieligen Ankauf zu schreiten, oder - den Weg der Gewalt anzuwenden. Wir sind daher augenblicklich nur auf Privat- Colonisation angewiesen und diese hat bei den ungünstigen Zeitverhältnissen eine sehr schwierige Stellung.

Daß cs hohe Zeit ist, die Auswanderung, welche dem deutschen Reiche jährlich Tausende an Capital und Arbeitskraft entzieht, in gewisse Bahnen zu lenken, darüber sind Alle, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, einig. Welche riesige Dimen­sionen die Auswanderung angenommen hat, beweist die darüber aufgestellte Statistik, wonach iin vergangenen Jahre 210,547 Personen allein über deutsche Häsen ausge­wandert sind. Von 1871 bis 1881 betrug die Zahl der Auswanderer nur über deutsche Häfen 836,192. Hiervon ivanderten nach den Vereinigten Staaten 762,331. Hier stehen wir Auswanderungs - Dimensionen gegenüber, die uns nicht in Staunen, son­dern fast in Schrecken setzen muffen und denen gegenüber wir uns nicht mehr länger weiß nicht, was das Pariser Volk von dem erhabenen Leben dieser Brüder denkt, die es sonst beschimpft.

Ich habe nun, theuere Mutter von Allen so zu sagen gesprochen; es mag mir nun­mehr vergönnt sein, das auszusprechen, was ich von dem Abbe Conrad denke. Für ihn gehörte mehr Willensstärke zu seinem Schritte als für alle Anderen, die ihn umgeben, denn in dieser Welt hinieden hat er keinen anderen Lohn, als das Zeugniß seines guten Ge­wissens.

Von dem Tage an, wo er in's Seminar eingetreten war, hat sein Vater sich nicht blos geweigert, ihn zu sprechen, sondern so­gar es abgelehnt, seine Briefe zu lesen, er ließ sie zurückgehen, ohne das Siegel er­brochen zu haben. Bevor er sich in die Liste der Krankenwärter eintragen ließ, hat sich dieser heldenmüthige junge Mann auf's Reue an seinen Vater brieflich gewandt und ihm mitgetheilt, daß er in dem Augenblicke, wo er zum Heile Anderer sein Leben zu weihen gedächte, ihn um 'Verzeihung bäte für den Ungehorsam, den er für eine gött­liche Verpflichtung gehalten. Sodann bat er ihn um seinen väterlichen Segen, denn vielleicht könne er ja bald sterben.

Herr Belleforge hat daraus nicht geant-

unthätig verhalten dürfen. Rur durch rich­tige Würdigung der die Auswanderung ver­anlassenden Umstände können wir die rich­tigen Mittel zur Abhilfe finden. Beweisen wir den Auswanderern, daß uns ihr Wohl­ergehen nicht gleichgiltig ist, helfen wir ihnen, sich sammeln zu vereinter, verbesser­ter Thätigkeit, dann wird der Auswanderer auch einsehen, daß wir sein Bestes wollen, und dann haben wir mehr Macht, die Aus­wanderung zum Heile des Vaterlandes zu lenken.

Zahlreiche Unternehmungen sind schon ge­gründet worden, und haben längere Zeit rein deutschen Charakter gewahrt; die Er­haltung dieses deutschen Charakters zers chellte aber an der Theilnahmlosigkeit der heimath- lichen Volksclassen. Eine erfolgreiche deutsche Colonisation, und der Bestand und die Er­haltung des deutschen Typus in deutschen Colonien kann ohne beständige Mitwirkung der Heimath, ohne Mitwirkung des ganzen Volkes nicht imhr unternommen werden, ohne daß ein solches Unternehmen das Schick­sal der übrigen theilt.

Sämmtliche Volkskreise müssen, wie in den Colonie-Ländern Holland und England, bei der Colonisation interessirt sein, dann wird auch der Pessimismus (die Schwarz­seherei) tu dieser wichtigen Angelegenheit ganz und gar verschwinden. So lange nicht Jeder die Einsicht gewinnt: hier blühe auch dem Zurückgebliebenen ein Vortheil, so lange bleibt das Interesse lax und der Wille Einzelner zerschellt an der hartnäckigen Gleichgültigkeit der schädigenden Gegenwirk­ung Anderer. Die wirthschaftlichen Jnteres- wortet, aber diesmal kam der Brief sonder­barer Weise nicht zurück.

Findest Du es nicht sonderbar, ich möchte fast sagen von der Vorsehung gefügt, daß ich abreise und Dir Celia zurücklasse uud jetzt von ihrem Bruder gerettet und getröstet werde? O theure Mutter!

Wie freue ich mich, ihm meinen Dank aussprechen zu können! Ohne Zweifel hat er vermuthet, auf welche Weise ich mich ihm gegenüber zu revanchiren gedenke, denn ost nennt er mich Bruder, und in der That, nie schien ein Mensch mir gegenüber diesen Titel zu verdienen.

Mein Brief ist schon sehr lang geworden. Eine meiner Krankenwärterinnen bittet mich, mit Schreiben auszuhören, sie fürchtet, ich möchte allzu sehr ermüden. Ich muß ihr nachgeben, denn ich habe nicht mehr selbst über mich zu verfügen. Lies der Baronin de Roybert alles vor aus dem Briefe, was Du kannst, und lies es, wenn Celia es hören kann. Run, liebe Mutter, erschrick nicht! Da ich fast miederhergestellt bin, muß ich noch einmal das Gewehr ergreifen. Ich thue es gern.

Der Abb« Conrad hat mich besucht. Ich habe mit ihm mein Gewissen in Ordnung gebracht; mein Testament ist fertig und dem Dirigenten der italiemfchen Ambulanz über-