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M 185.

Sonntag, den 13. August 1882.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis betragt ausschließlich Brmgerlohn m Fulda 1 Mark und 60 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ms Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Mit den ,Jllustrirten Sonntagsblättern' kostet dieFuld.Ztg. vierteljährlich in Fulda M. 1.90; auswärts am Postschalter M. 1.75; m s Haus gebracht M. 2.15.

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gh. Staatssocialismus und Kirche.

Der jetzt hoffähige Staatssocialismus hat mit dem Socialismus das gemein, daß er die Lösung der großen socialen Frage in ihrem vollen Umfange säst oder ganz aus­schließlich vom Staate erwartet. Wir glau­ben nicht, daß nach den Hauptvertretern der neuen Richtung das Christenthum eine große Rolle zu spielen bestimmt sei. Höch­stens wird verlangt, daß die christliche Fahne auf dein Staatsgebäude wehe und wohlan­gebrachte Inschriften dem Wanderer das praktische Christenthum verrathen. Im Ueb- rigen ist der Staat das Alpha und Omega. Von ihm erwartet man Heil und Segen, ihm wird die Pflicht und das Recht zuer­kannt, die ganze Gesellschaft auf volkswirth- schaftlichem und politischem Gebiete ebenso­wohl als auf dem höheren Gebiete des Un­terrichts und der Religion so umzugestalten und zu reorganisiren, ivie es ihm zum Wohle der Gesammtheit nützlich erscheint. Zur leichteren Erreichung ihrer Ziele erstreben die Anhänger dieser Richtung die möglichste Stürkung der Staatsgewalt und deshalb auch die Erweiterung der Beamten-Bureau- kratie und der Militärmacht und die Ver­staatlichung von Verkehrsmitteln und ganzen Industriezweigen. Auch das Unterstützungs­und Versicherungswesen soll in immer aus­gedehnterem Maße an die Organe der Staats­gewalt übergehen und aus staatlichen Mit­teln besorgt werden. Der Staat soll durch Umgestaltung der Productionsverhältnisse und durch progressive Vermögenssteuer der schreienden Ungleichheit in der heutigen Be­sitzlage abhelfen und das Loos des gemeinen 36~

Der Weg zum Verderben.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

XVIII.

Während der folgenden Tage vermied Celia es sorgfältig, dem Grafen d'Jvree zu begegnen. Sie befürchtete, der Schmerz bei der Abreise und die Ungewißheit der Rück­kehr möchten ihm ein directes Geständniß, ein feierliches Versprechen entlocken. Sie selbst zeigte eine Kraft, deren Frauen allein fähig sind. Sollte ihr Geheimniß sie auch erdrücken, sie wollte es verbergen und glaubte auch wirklich, es Allen zu verbergen, insbe­sondere demjenigen, der das meiste Jntereffe daran hatte, es kennen zu lernen. In ihrer Einfalt dachte sie nicht daran, daß eine Ge­berde, ein Blick oder eine Thräne oft niehr verrathen als viele Worte.

Es bedurfte nur kurzer Zeit für Ma­dame d'Jvree, um innige Freundschaft mit Celia zu schließen. Die große Freimüthig- keit ihres Charakters, die Anmuth ihrer Person, eine sprudelnde, von launigen un­geahnten Einfällen durchwobene Conversation, und auch wirkliche Talente, deren Celia sich jedoch niemals rühmte — alles dies wandten ihr die Sympathien Aller zu. Wäre die

Mannes so aufbessern, daß auch er am Sonn­tage sich seines Huhnes im Topfe erfreuen mag. So glaubt der Staatssocialismus dem Socialismus die Waffe der staatlichen Fürsorge für jede Roth zu entwinden und ihm dadurch den scheinbar berechtigten Vor­wand und den Halt zu entreißen.

Aber wir fürchten, daß an der Außeracht- laffung des religiösen Factors, besonders der katholischen Kirche, die vielen neuen staatssocialistischen Reformpläne armselig scheitern werden. Auch in der socialen Frage gilt das Wort: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute vergebens". Es gibt einmal sowohl für den Einzelnen als für die gesammte Gefellschaft auch in irdischer Beziehung kein wahres Heil, außer in Christus. Gerade das ist ja der Grund der ewigen Unsicherheit und der nie enden­den Umwälzungen in den modernen Staa­ten, daß sie die christliche Grundlage ver­lassen haben und nun die Gesellschaft eine Beute der niedrigsten, selbstsüchtigen Partei­leidenschaften geworden ist.

Wir wollen freilich nicht alle Staatsso- cialisten aks gleich schuldig veruttheiken. "Es gibt unter den sogenannten conservativen Protestanten die verschiedensten Schattirungen und Rüancen. Im Großen und Ganzen aber vermögen uns all die schönen Redens­arten von dem „praktischen Christenthum" und dem „christlichen Staat" nicht zu täuschen über die Thatsache, daß unsere officiösen „Christlich-Socialen" der Kirche nur die untergeordnete Stellung einer Polizeianstalt zur Aufrechthaltung des Gehorsams und der Steuerwilligkeit der Unterthanen zuweisen. Vorleserin der Baronin Roybert coquett ge­wesen, so würde sie erfreut gewesen sein über die Aufmerksamkeit, womit man sie überhäufte, und mit Entzücken würde sie das schmeichelhafte Gemurmel gehört haben, das sie auf ihren Spaziergängen begleitete. Rur ihre Beschützerin sah es, begriff es, sie ern­tete selbst die Bewunderung ein, die ihrem Schützlinge galt. Schon hatten mehrere zarte Anfragen bewiesen, daß es nur von ihrer schönen Freundin abhinge, den Braut­kranz um ihre Stirn zu winden, wenn sie es wollte. Sie hielt sich aus mancherlei Gründen sogar verpflichtet, Celia von einer glänzenden Partie, die ihr in Aussicht stand, Mittheilung zu machen.

Ohne sich auch nur den Anschein zu geben, als ob sie sich in ihrem Stolze geschmeichelt fühle, wies diese das Anerbieten ruhig zu­rück. Und als die Baronin darüber erstaunt war, Celia ohne Ehrgeiz, ohne Coquetterie zu sehen, und wie sie noch gar keine Pläne für ihre Zukunft in's Auge gefaßt habe, sagte das arme Kind unter Thränen zu ihr:

„Bis zu dieser Stunde", sagte sie, „habe ich Sie getauscht, wenn man die Bewahrung eines Geheimniffes eine Täuschung nennen kann. Ich bin keine Waise - - nicht Armuth oder Mangel hat mich zu dieser Stellung gebracht, die in einem anderen Hause, wie

Sie verkennen gänzlich den ersten und wich­tigsten Factor zu einer gedeihlichen Neube­lebung und Reorganisation der Gesellschaft. Das Christenthum hat uns die ganze Civi- lisation geschenkt, deren die abendländischen Völker sich über ein Jahrtausend erfreuten. Es hat heute noch dieselbe Kraft, wie ehedem. Noch steht die katholische Kirche da, fest auf dem Felsen gegründet, groß und mächtig, reich an Mitteln und Triebfedern zu großen socialen Neuschöpfungen. Noch immer — und darüber darf kein praktischer Staats­mann sich die Augen verschließen — ist sie die erste moralische Macht der Welt. Wem es darum wahrhaft Ernst ist m it der Lösung der socialen Frage, von dem müssen wir verlangen, daß er die Kirche in ihren gött­lichen, auch durch völkerrechtliche Verträge garantirten Rechten schütze und ihr in Er­füllung ihrer socialen Mission die freieste Hand lasse.

Wer aber bei fortdauernder Knechtung der Kirche durch Gesetz und Polizei die sociale Frage zu lösen und bessere Zeiten herbeizuführen sucht, der täuscht sich. Wird nicht von allen Seiten zugegeben und von vielen Staatssocialisten selbst nachdrücklich hervorgehoben, daß der tiefste Krebsschaden, welcher am Marke der heutigen Gesellschaft nagt, die immer mehr überhandnehmende Gier nach maßlosem Gewinn und Genuß und die stetig wachsende Gewissenlosigkeit und Unredlichkeit ist? Wo ist die Quelle des modernen Agiotagen-Unwesens und Gründerthums, der betrügerischen Bankerotte, des schmachvollen Wuchers, und wie die landläufigen Diebstähle im Großen alle heißen dem Ihrigen, beinahe eine Dienststellung wäre. Ich habe einen Vater und einen Bruder, und mein Vater besitzt Millionen."

„Dann haben Sie einen dummen Streich gemacht!" meinte die Baronin.

„Vielleicht habe ich einen Fehltritt gethan in der That. Sie haben mich hierauf auf­merksam gemacht, und dennoch kann ich das, was ich gethan, nicht bedauern. Von mei­nem Vater im krassesten Atheismus erzogen, gewohnt, nur von Natur und von Gesetz sprechen zu hören, kannte ich das göttliche Gebot nicht: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß Du lange lebest auf Erden." Es hat eine Stunde in meinem Leben ge­geben, wo ich darauf Anspruch machte, über mein Herz frei verfügen zu können. Man- Hat mich unter das Joch des Gehorsams, beugen wollen, und ich bin geflohen. Aber? nicht eine Minute, nicht eine Secunde habe, ich nicht allein die Freiheit bewahren rooöeik, die ich so eben erworben hatte. Ich konnte es nicht. Die böse Nachrede durfte mich nicht verfolgen. Ich wollte meinen guten Namen bewahren, für den Mann, dessen Namen ich eines Tages tragen würde, Morgens ging ich von meinem Vater weg und noch im Laufe desselben Tages haben Sre mich ausgenommen."

„Und Ihr Bruder?"