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Der Weg zum Verderben.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)
Es gibt Stunden, wo der Mensch sich mit Gewalt losreißt von all' Dem, was ihm lieb und theuer ist, weil er sich einer gebieterischen Pflicht gegenüber sieht. In solchen Augenblicken tauchen dann wieder die vergangenen Tage auf, unwillkürlich treten dann wiederum frisch in's Gedächtniß die frohen, längst verflossenen Stunden; das Bild der Personen, die uns lieb und theuer waren, aber auf immer verschwunden sind, tritt uns dann mit um so größerer Lebendigkeit vor die Seele und wir glauben dann, die lieben Stimmen zu hören, die niemals mehr unsere Ohren treffen werden.
So war es auch mit Rolland. Neben dem Bilde seiner Mutter erschien Rolland bald ein anderes liebliches Bild: er kannte es, ja er liebte es und lebte in ihm wie in einer anderen Welt. Lebendig stand vor seinen Augen Celia, in Weiß gekleidet, das Antlitz in Thränen gebadet. Es schien ihm, als ob sie ihm Vorwürfe darüber mache, daß er sie erkannt oder vielmehr in ihrem neu begonnenen Leben nicht gestützt habe. Was mochte aus ihr geworden sein? Hatte
er für diese junge Seele Alles gethan, was ein Bruder, ein Christ thun sollte? Hatte er sie nicht durch seine Worte zur Verzweiflung gebracht?
Das waren die Gedanken, die in jenem fast feierlichen Augenblicke Rolland bestürmten. Man hatte ihm die unerklärliche Flucht des Fräulein Belleforge, ausgeschmückt mit allerlei romanhaften Zuthaten, erzählt. Man begnügte sich nicht damit, in dieser That Celia's einen Act des Ungehorsams zu finden, böse Zungen und falscher Argwohn hatten sogar ein unedles, ja schlechtes Motiv darin gefunden. Rolland, der sich der Bereitwilligkeit erinnerte, womit Celia seinen Rathschlägen folgte, sowie ihres Bemühens, liebenswürdig, demüthig und sanft zu werden, warf sich vor, daß er dieses Kind nicht genugsam unterstützt habe. Fiel, so sagte er sich, der Fehltritt Celia's nicht ein wenig auf ihn zurück? Hatte sie ihm nicht eines Tages die Sorge aufgeladen, ihr Leben zu leiten? Er fürchtete sich vor sich selbst. Er hatte sich schwach und feige gezeigt. Jetzt beklagte er Celia und sich selbst machte er heftigere Vorwürfe als ihr.
Erst spät kehrte er von seinem Spaziergange heim, er fühlte sich wie gebrochen und niedergeschlagen. Als er vor dem Zimmer seiner Mutter vorbeiging, sah er noch einen
-nk- Zu den Wahlen.
Aus kleinen Anfängen entstanden, ist das Centrum aus jeder Wahlcampagne verstärkt hervorgegangen. Vergebens suchte man gleich bei seinem Entstehen ein Verbiet Roms gegen dasselbe zu erwirken; vergebens suchte mau an seine Stirn das Brandmal der Reichsfeindlichkeit und an seine Rockschöße einen frechen Mordbuben zu heften. Unwandelbar wie die kath. Grundsätze blieben ihm seine Wähler treu, deren Zahl mit jedem Jahre wuchs. Gleichweit entfernt von schwächlicher Kriecherei wie von prin- cipieller Feindschaft gegen die Regierung prüfte es gewissenhaft jede Vorlage und wies Alles zurück, was nach seiner Ueber- zeugung dem wahren Volkswohle nicht entsprach. Es sehnte sich auch nicht nach Ministersesseln, jeder Schachergedanke lag ihm fern und unverrückt hielt es an seiner Ueberzeugung fest, daß wahre politische Freiheit mit religiöser Freiheit untrennbar verknüpft sei. Eine solche Partei mit einem umfaßenden religiösen, politischen und socialen Programme und mit unbeugsamen Grundsätzen kam nach rechts und links sehr ungelegen. Jeder neue Wahlsieg machte sie unbequemer und man mußte schließlich vor 2 Jahren die Unbezwingbarkeit der Partei offen zugestehen. Verschiedene Doctoren haben es versucht, das Centrum vom Leben zum Tode zu curiren. Der neueste, aber auch der thörigtste dieser politischen Doctoren hat sein Recept zur Vertilgung des Cent- . rums in einem Pasquill niedergelegt, das unter dem Titel „die Centrumsfraction und die politischen Parteien" gestern in Berlin zur
Ausgabe gelangte. Der ungenannte Erfinder des politischen Rattengiftes zur Ausrottung des Centrums, ist, wie ich erfahre, der Gerichtsasseffor Gräser in Elbing, also ein junges Herrchen, das es noch weit bringen kann oder doch will. Seiner phrasenhaften Ausführungen kurzer Sinn ist die oft durch Worte und Thaten wiederholt dementirte Behauptung: Das Centrum ist keine politische Partei, nur die beiden politischen Parteien der Conservativen und Liberalen sind existenzberechtigt, ergo muß das Centrum beseitigt werden. Der Autor kann allerdings nicht läugnen, daß das Centrumsprogramm alle Sphären und Interessen des Staates umfaßt; aber diese seine ganze Ausführung umstürzende Thatsache macht ihm kein Kopfzerbrechen. Er hält die Wahlprogramme des Centrums für Heuchelei, für Zierrath, die „den Schein erweisen sollen, als ob es sich um Politik handle," und damit glaubt er theoretisch bewiesen zu haben, datz das Centrum nur der Heerbann Roms sei. Zum Beweise gräbt der Broschürenschreiber Reden des Fürsten Bismarck aus der schlimmsten Cul- turkampfszeit aus, wiederholt, jedes selbstständigen Gedankens baar, die Lamentos über die schrecklichen Tendenzen des unfehlbaren Papstes sowie über das Bündniß des Centrums mit den reichsfeindlichen Polen und Welfen und kommt dann zum Schluß: Das Centrum, das nicht das gesammte Volk, sondern nur die Specialinteressen des Papstes vertritt, verstößt gegen die Verfassung. Dieser Candidat des Richteramtes kann's in der Auslegung der Gesetze noch
Jt£ 182. Donnerstag, den 10. August 1882.
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weit bringen! Er ist jedoch in der Praxis noch gnädig; er will die „eigentlich nicht legitiinen" Centrumsabgeordneten nicht durch Gendarmen aus dem Sitzungssaals schleppen lassen; er will ihnen das aus purem Mitleid ersparen, indem er ihre Wiederwahl verhindert. Aber wie? Herr Gräser hat sich auf seine Erfindung hoffentlich schon ein Patent geben lassen, sodaß ich wohl nicht mehr zum Verräther an seinen Geheimnissen werde. Das Wunder soll laut dem Elbinger ein einziger winziger Strafgesetzbuchparagraph, etwa ein § 130b, vollbringen. Da an allen sonstigen Mitteln (Abänderung des Wahlinodus ic.) ganz zu verzweifeln ist, so bleibt laut dem Wunder- doctor „nichts übrig, wie jede Betheiligung der Geistlichen von den politischen Wahlen auszuschließen. Denselben muß nicht nur das active, wie das passive Wahlrecht ge- noinmen, sondern auch jede Wahlbeeinfluß- ung durch Rede oder Schrift bei Strafe untersagt werden." Probatum est! Bei Leibe nicht. Nach Gräser müßte das Centrum eigentlich schon längst zusammengeschmolzen sein, da von seinen „einzigen Stützen", den Geistlichen, zum Mindesten 2000 im Culturkampf schon gestorben sind. Sein Rattengift scheint aber auch gegen die „Hetzcapläne" der Presse gerichtet zu sein. Auch „durch Schrift" soll kein Geistlicher agitiren. Dieser kirchliche Reactionär scheint auch an der Möglichkeit, den Klerus mund- todt zu machen, nicht zu verzweifeln, denn er erörtert bereits die Frage, welche Partei die Erbschaft des abgesetzten Centrums antreten soll. Hier entpuppt sich der Jünger
schwachen Lichtstrahl; sie war noch nicht zu Bette gegangen. Sie mochte auch wohl sorgenvoll an die Zukunft denken, mit Schrecken fragte sie sich, welches Opfer wohl der Allmächtige in der nächsten Zeit von ihr fordern würde.
Am folgenden Morgen jedoch war Rolland ruhig und auch die Gräfin ihrerseits erschien voller Muth und Zuversicht.
Madame d'Jvree nahm den Arm ihres Sohnes und Beide begaben sich in den Garten. Es war ein lieblicher Morgen. Die Blumenbeete standen in ihrem herrlichsten Flor, und die prächtig grünenden Bäume, auf denen noch einzelne Thautropfen in der Morgensonne glitzerten, verbreiteten einen angenehmen Wohlgeruch. Von ferne schillerte der See einem goldigen Gefäß gleich herüber und lustig begannen die gefieberten Bewohner der Luft ihr fröhliches Morgenlied. In die Betrachtung der herrlichen Natur versunken, wandelte Madame d'Jvree mit ihrem Sohne gedankenvoll dahin, als sie plötzlich einen Freudenschrei ausstieß. Zwei Schritte von ihr entfernt, auf einer Bank sitzend, sah sie eine ihrer alten Freundinnen, welche sie in dieser Zeit auf ihrem Landgute wähnte.
„Sie hier!" rief die Gräfin aus, indem sie der Baronin de Roybeit herzlich die Hand