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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Lassen wir diesinal die kleinen neben den großen Ereignissen der Zeit als Curiositäts- pastetchen herlaufenden Dinge, die vielfach mit Entenfleisch gefüllt sind, und fassen wir die ernsteren Erscheinungen bei der Stirn­locke. An interessanten Üeberraschungen fehlt es in diesem wässerigen Sommer wirklich nicht; eine Neuigkeit drängt die andere, und bei Beginn jeder Woche darf man bangend fragen: was hat diese denn in petto ? Denn ohne irgend etwas Apartes thut's die Politik gar nicht mehr. Diesmal hat Frankreich, dessen Ministerium einen so gewaltigen Pur­zelbaum schlug, wie kein französisches Cabinet seit dem Jahre 1871, das traurige Vor­recht, im Vordergründe der öffentlichen Be­sprechung zu stehen und die Blicke von ganz Europa auf sich zu lenken. Dieselbe Kam- iner, die dem Ministerium Freycinet kurz vorher ein Vertrauensvotum ertheilt und 73/4 Millionen Frcs. für die Ausrüstung der Expedition nach Egypten bewilligt hatte, lehnte die neue Creditforderung von 9'/2 Mill, für die Beschützung des Suezcanals mit einer so großen Mehrheit ab, daß die Nie­derlage des aus den Resten früherer Mini­sterien zusainmengestoppelten Nothcabinets einzig dasteht. Das Wechselsieber ist ein­mal eine epidemische Krankheit der Minister in der französischen Republik, — auch Prä­sident Grovy wird schwerlich noch 3*/2 Jahr auf dem dornenvollen Vexirstuhle sitzen blei­ben, — aber die jüngste Krisis, die nicht minder eine Niederlage für die kriegslustigen Gambettisten ist, kam doch nach den jüngsten

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Der Weg zum Verderben.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers. (Fortsetzung.)

Dieser letztere mochte sechzig Jahre alt sein. Er war das gerade Gegentheil von seinem Genossen, wenigstens an Körpergestalt: ein dicker, runder, stierähnlicher Kopf saß aus einem kurzen Halse, der ganz in der Fleischmasse des Rumpfes verschwand — wohlgefällig schien er die breiten wuchtigen Hände auf dem Tische auszubreiten. Er rauchte behaglich eine feine Cigarre und schien einen Gedanken zu verfolgen, auf dessen Mittheilung sein Genosse schon einige Zeit wartete.

„Nun, La Tronche", fragte dieser endlich, „hast Du ein Mittel gefunden, um unseren Finanzen durch einen entscheidenden Schlag aufzuhelfen?"

„Populus, mein Freund", antwortete La Tronche, „Du hast es allzu eilig. Abwarten können ist nützliches Ding! Die Aepfel erntet man nicht eher ein, bis sie reif geworben sind. Glaube mir, Du brauchst mich, einen alten, erfahrenen Roteriner keine Klugheit zu lehren. Gewiß weigere ich nicht meinen Rath und auch nicht meine Hilfe, aber ich will mich nicht blosstellen".

In diesem Augenblick ließ sich ein wüstes

Vorgängen mehr als überraschend. Die Schuld tragen der gambettistisch angehauchte Ferry und der vom Hause Rothschild com- mandirte Say, welche Herrn Freycinet be­stimmten, auf einer Forderung zu beharren, die durch die Bereitwilligkeit der Türkei, Truppen nach Egypten zu senden, gegen­standslos geworden war. Dem Abenteurer Gambetta waren die neun Millionen Francs zu wenig, und den Uebrigen, welche eine mit unberechenbaren Folgen verknüpfte Ex­pedition an den Suezcanal bedenklich fanden, waren sie zu viel, — und so stimmten Alle dagegen; der Eine aus Angst, der Zweite aus Bosheit. In Frankreich gleicht die Politik einem Zimmer ohne Thür und Fensters; kein Mensch sieht was und findet den Aus­weg; in der Kammer gibt es gar keine Mehrheit mehr, und ein neues Ministerium ist kaum zu finden, da bereits alle Männer, die irgend einen Namen haben, die Minister­stühle abgerutscht haben. Selbst die wieder zugelassenen Trommler werden schwerlich ein Cabinet zusammentrommeln, das nicht als Todtgeburt das Licht der Welt erblickt, und Grevy soll verzweifelnd ausrufen: „Eine Republik für ein Cabinet!" oder mit dem römischen Kaiser jammern: „Kammer, gib mir mein Ministerium zurück!"

Der jähe Krach der französischen Ver- trauens-Comödie hat übrigens ein allgemeines Interesse, insofern er der englischen Jnter- ventions- und Eroberungspolitik einen kräf­tigen Nasenstüber versetzt und von wesent­lichem Einfluß auf die ägyptische Frage ist. Die Türkei ist bereit, Soldaten an den Nil zu schicken, und unter günstigeren Vor- Singen wie aus heiserer Kehle draußen vernehmen, und schleppende Tritte kamen näher.

„Das ist der Striker!"

„Macaque!" rief La Tronche, eine Flasche Branntwein und Feuer!"

Nachdem die alte Macaque sich zuerst den Preis des Geforderten hatte zahlen lassen und den schmutzigen Tisch ein wenig ge­säubert hatte, brachte sie schleppenden Schrit­tes die verlangte Flasche und drei Gläser Wasser. Gerade in diesem Augenblicke er­schien der „Striker" auf der Thürschwelle. — „Nun, herein", rief Macaque, „Du wirst erwartet."

Der „Striker" trat ein und reichte seinen Kameraden die Hand.

„Habt ihr schon gefrühstückt?" fragte er.

La Tronche rief das alte Weib zum zweiten Mal herbei und gab ihr seine An­weisungen; dann gossen die drei Männer sich ein halbes Glas voll Absinth, schütteten Wasser dazu und schlürften dieses Gemisch mit sichtlichem Behagen.

Sie sprachen wenig. Der „Striker" hatte Hunger, und La Tronche und Popu­lus wußten, daß die Stunde für erfreuliche Gespräche noch nicht da sei.

Während des Mahles sprach der „Striker" anfangs npr über die Sage der „Strike-

aussetzungen konnte dies kaum geschehen, als jetzt, wo den englischen Panzerschiffen die französische Rückendeckung fehlt; auch Italien zieht sich zurück, und wenn Spanien auch im Rathe der Großmächte nicht übergangen sein will, so ist es doch noch weit davon entfernt, mitzugehen. England, das ohne Kriegserklärung in Aegypten einbricht, tritt auf, als habe außer ihm Niemand in der Sache mitzufprechen und als fei die Confe- renz und die Türkei gar nicht vorhanden. Gladstone setzt mit erstaunlicher Verwegen­heit das gefahrvolle Spiel fort, die öffent­liche Meinung über das Verhältniß Euro­pas zur verbrecherischen Politik Englands iff" Aegypten zu täuschen ; Admiral Seymour, der an der herostatischen Heldenthat in Alexandrien nicht genug hat, dürstet nach neuen Kanonenthaten und will das Fort Abukir zerstören, und somit liefert das Vor­gehen Englands den sprechendsten Commen- tar zu den Behauptungen der Londoner Presse, England werde allein und auf eigene Verantwortung handeln, d. h. Aegypten als Vasallenstaat in die Tasche stecken. Der Krieg hat thatsächlich begonnen; Arabi Pa­scha verstärkt sein Heer, und ein blutiger Zusammenstoß hätte längst stattgefunden, wenn die englische Armee der preußischen Schlagfertigkeit sich rühmen könnte. Daß die englischen Truppen Aegypten verlassen, sobald die türkischen Soldaten anrücken, ist nicht anzunehmen, und daß beide Mächte, die doch auf offenem Kriegsfüße zu einander stehen, gemeinsam gegen das Heer Arabi's operiren sollten, ist noch weniger denkbar. Das aber darf Gladstone, der sein altes

Bank", La Tronche und Populus zeigten ihm in einem Hefte die Unterschriften mehre­rer neuer Unterzeichneter.

Als sie aber mit einigen Glas Wein ihre Köpfe erhitzt halten, raunte la Tronche dem Striker im Tone des Vorwurfs in's Ohr: „Du bist doch ein rechter Esel, „Striker!" — „Was, ich Esel?" - „Jawohl, Du! Wenn Populus an Deiner Stelle wäre — ich schwöre es Dir — er würde schon lange von seinen Renten leben. Du wohnst in einem Stall, Deine Frau siecht dahin, Deine Kinder sterben vor Hunger und Tu hast einen Bauquier zum Vater."

.Ihr habt Recht", sagte der Striker, „es ist doch verflucht bitter, sich sagen zu müssen: In einem der schönsten Stadttheile von Paris lebt ein Mann, der ein prachtvolles Hotel bewohnt! Zehn Pserde stehen in seinem Stall, wohlgenährt und blankgeputzt; sechs Wagen stehen ihm zur Verfügung, Lakaien in Gold-Livree warten in den Vorzimmern auf seine Befehle. Seine Kinder sind sein Stolz und seine Freude. Er vermehrt alle Tage fein Vermögen, um sie eines Tages noch glücklicher zu sehen. Und ich. ich gehe arm und elend in Lumpen gekleidet herum und weiß kaum das Nothwendigste zu er­schwingen für Frau und Kinder und ich bin der Sohn dieses Mannes und der Bruder