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Freitag, den 4. August 1882.
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qp. Das Bettler und Bagabun- denthum
ist in unserein deutschen Reiche in riesiger Zunahme begriffen. Man kann annehnien, daß 200,000 Vagabunden und Stromer bettelnd Deutschland durchziehen und ihre Zahl nimmt unter dem Drucke unserer jetzigen socialen Zustände immer noch zu. Kein Wunder, daß namentlich am flachen Lande und in kleineren Städten die Bettlerplage und das Vagabundenthum zu den schwer empfundensten Mißständen gehören und die fort und fort durch eine ganze Legion von Stroinern in Anspruch genommenen Bürger und Bauern anfangen unwillig zu werden. Man hat daher auch schon die verschiedensten Vorschläge in's Auge gefaßt, um dem Vagabundenthuni und dem gewerbsmäßigen Bettel zu Leibe zu gehen, der wirklichen Roth aber nach Kräften zu helfen. Es haben sich zu diesem Zwecke an vielen Orten Deutschlands Vereine gegen die Bettelei gebildet, sie schießen Geld zusammen und die Bettler erhalten von einer dazu bestimmten Person eine Unterstützung ausbezahlt, svllen aber dann im Orte nicht betteln gehen. An anderen Orten hat man auch Vereine gegründet, welche den Bettlern Arbeit anbieten, dainit dieselben sich ihren Lebensunterhalt in der Zeit der Roth verdienen können. Alle diese Bestrebungen sind sehr lobenswerth; aber das Hebet selbst wird dadurch doch nicht geheilt. Die Heilung muß an der Wurzel des Hebels in Angriff genommen werden ; die Wurzel aber liegt in unseren s o - c taten Verhältnissen.
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Der Weg zum Verderben.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.)
„Das ist alles Traum, nichts als Traum," sagte Faraude, ihre großen Augen öffnend.
„Nein, der böse Traum, der allzu lange gedauert hat, das war Euer Dasein voll von Thränen und Elend. Was ich Euch bringe, ist wirklich, wirklich wird Wohlstand von morgen ab Euer Antheil sein."
„Aber lieber Herr", schrie Faraude, die Hände faltend, „wer sind Sie denn, der uns so Vieles verheißt und bringen will?"
„Wer ich bin? Ich heiße Belleforge." „Belleforge? Der Banquier?"
„So ist es!"
„Ach!" rief die unglückliche Frau, „Sie sind zu spät gekommen!"
„Zu spät? Ein Vater komnit niemals zu spät, um einem verstoßenen Kinde zu sagen: von jetzt an nehme ich Dich an Kindesstatt an — oder einem Paria zu sagen: ich mache Dich reich."
„Sie verstehen mich nicht," erwiderte Faraude mit trauriger Stimme. „Ich bin eine elende Frau, ich verdiene weder Achtung noch Mitleid. Sie haben mir mein Kind wiedergegeben, ich kann nicht viel für Sie
Wenn auch die entlassenen Arbeiter der Gründerzeit den Hauptstock des Vagabunden- thums gebildet haben, so liefern ihm unsere Verhältnisse immer noch zahlreiche Recruten. llnfere Arbeiterjugend in den Fabriken, den Handwerkerstätten, wie in den Kaufläden, lebt, nachdem sie vielleicht schon vorher iin Elternhause verwahrlost ausgewachsen, ohne alle sittlichen Einwirkungen. Die socialen Korporationen, welche eine sittliche Zucht über Lehrlinge und Gesellen übten, hat man der allgemeinen Auflösung preisgegeben, der Kirche ist vielfach durch die staatliche Gesetzgebung unmöglich gemacht; an die Jugend heranzukommen und daß die Förderung der religiös-sittlichen Bildung und Erziehung ausschließenden sogenannten Fortbildungsschulen mit ihrem Rechnen-, Schreibund Zeichnen-Hnterricht keinen Ersatz für Kirche und Corporation bilden, liegt auf der Hand.
Während also die Jugend allen sittlichen und religiösen Einflüffen entzogen wird, ist sie fortwährend in der Arbeitsstätte, wie auf der Gaffe und in der Kneipe — wo sich das Leben der Arbeiterjugend abspielt — allen Verführungen zum Bösen, zur Gottlosigkeit, Leichtfertigkeit, zur frechen Verachtung jeder Autorität ausgesetzt. Es ist unfaßlich, mit welcher Sorglosigkeit man es ansehen kann, wie die Jugend allen sittlichen Einflüssen entzogen wird und doch ist es leicht zu begreifen, daß eine Jugend, welche in dieser Weise aufwächst, sittlich und damit auch wirthschaftlich und social verkommen muß. Wie viele halten schon ihre Lehrzeit nicht aus, sondern beginnen da bereits die thun, aber vielleicht einen kleinen Dienst Ihnen erweisen. Eilen Sie, wenn Sie auf meinen Rath hören wollen, so rasch, als die Pferde laufen können, in Ihre Wohnung — möchte es nur nicht zu spät fein."
„Was willst Du damit sagen, Weib?" sagte der Banquier erschrocken, der glaubte, die Frau sei nicht recht bei Sinnen.
„Sie haben einen Plan, einen abscheulichen Plan gemacht. Verlieren Sie keine Stunde, ja keine Minute, es handelt sich um ihr Vermögen, vielleicht gar um Ihre Ehre."
„Weib, ich begreife Dich wirklich nicht", antwortete der Banquier mit immer steigender Aufregung. „Willst Du mich zum Narren halten oder sprichst Du die Wahrheit — heraus damit! Wer hat einen Plan gemacht und wozu?"
„Herr, verzeihen Sie, ich darf nicht mehr verrathen — wollen Sie Ihr Vermögen retten, so eilen, eilen Sie ums Himmelswillen!"
„Nun ja — aber wer hat den Plan gemacht?" —
Plötzlich hielt der Banquier inne. Die außerordentliche Scheu Faraude's einen Namen zu nennen fiel ihm auf. Es fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf.
„Ist es der „Striker"?" rief er. — „Ja!" erwiderte sie tonlos. — „Ist das die Wahrheit?" —
Landstreicherei; ein Arbeitsbuch brauchen sie ja nicht, durch welches ihr Verhalten noch einer gewissen Controle unterworfen würde und von einem sittlichen oder gar religiösen Gewissen werden sie nicht mehr gestört. Haben sie erst einmal diese Bahn betreten, so kommen sie nur schwer wieder heraus; denn erstens sinken sie sittlich bald bis zum Nullpunkt und bann verlottern sie auch gewerblich und social, so daß sie nur schwer noch in einer ordentlichen Werkstatt Arbeit finden. Dadurch gerathen sie denn auch immer tiefer in den Haß und die Opposition gegen alle bestehende Ordnung und gegen alles, was diese Ordnung trägt, hinein; sie fühlen sich als die Enterbten und Ausgestoßenen der Gesellschaft und je größer ihre Zahl ist, desto lebhafter und bewußter wird diefes Gefühl und alle Hmsturzbestrebungen finden in dem Vagabundenthum einen fruchtbaren Boden und schließlich die stets bereitwilligen Fäuste.
Wir müssen unsere Jugend wieder unter sittlichen Einfluß stellen und müffen die • religiös-sittliche Bildung der Menschen wieder höher schätzen. Dazu ist eine Reform unserer gewerblichen und socialen Verhältnisse uöthig; unsere jetzige Gewerbeordnung ist aus der naturalistischen Geringschätzung der sittlichen Institution geboren; sie stellt überall alles auf sog. Naturgesetze und Naturtriebe. Aber darunter verwildern die Menschen. Steht unsere Jugend wieder unter sittlichem erziehlichem Einflüsse, dann wird auch das Vagabundenthum abnehmen. Arme Leute, Die einmal in Noch kommen, wo sie dann die Hilfe anderer in
„Nichts als das — Sie werden es sehen wenn Sie nur noch zur Zeit kommen."
Der Banquier stürzte die Treppe hinab„ warf sich in den Wagen und bald war das Gefähr in der dunklen Nacht verschwunden.
XV.
Einige Tage vor diesen Vorfällen plauderten zwei finster aussehende Männer in einer schmutzigen Schenke, die weit hinten in einem Hofe lag, vertraulich mit einander.
Sie hatten kaltes Blut bewahrt, denn sie sprachen ruhig mit leiser Stimme mit einander, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und ganz nahe beieinander gerückt. Ein Hn- eingeweihter hätte ihr Gespräch schwerlich enträthseln können, selbst wenn er es verstanden hätte — denn sie bewegten sich fortwährend in eigenthümlichen, nur der Sprache der Pariser Gauner und Diebe angehörigen Ausdrücken.
Der Eine der beiden Männer flößte nach dem ersten Blick den größten Abscheu ein. Es war eine lange hagere Figur, deren Hände gleich Krallen fortwährend nach einer Beute zu suchen schienen; in seinen Augen blitzte ein wildes, auch unheimliches Feuer, das die Leidenschaften seiner Seele getreu wiederspiegelte: die scharfen, eckigen Züge des erdfahlen, schon stark mit Runzeln durchfurchten Gesichtes stachen merkwürdig ab von