Einzelbild herunterladen
 

M 159

Freitag, den 14. Juli 1882.

w

• v « ?*? /Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda m der Expedrtron, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Brinqerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., nnt Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg., ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfo Mit den ,Jllustntten Sonntagsblättern' kostet dieFuld.Ztg- vierteljährlich in Fulda M. 1.90; auswärts am Postschalter M. 1.75; in s Haus gebracht M. 215. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., fog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

Fürst v. Bismarck und Herr v. Bennigsen.

Von einigen Seiten, schreibt die ,Ess. Volksztg.', wird die Vermuthung ausge­sprochen, daß die neueste „Schwenkung" der Regierung in der Kirchenpolitik mit dem Auftreten des Herrn v. Bennigsen in Köln im näheren Zusammenhang stehe. Das klingt an und für sich nicht unglaubhaft und zwar um fo weniger, als Herr v. Bennigsen im vorigen Jahre mit seinem be­kannten damaligen Opfergange nach Hannover einen gleichen Erfolg erzielt hatte. In dem Wahlaufrufe (zu den Reichstags­wahlen), den er Anfangs August vorigen Jahres auf dem allgenieinen Parteitage in Berlin erlasien, protestirte er gegen „neue Steuern" und erklärte den Zolltarif insbe- sondere in Bezug auf die „Lebensmittelzölle" für revisionsbedürftig. Bald darauf aber näherte sich Fürst Bismarck in ganz auf­fallender Weise dem hl. Stuhle. Die Wiederherstellung der Gesandtschaft bei dem­selben wurde angekündigt, Bischof Dr. Korum eingesetzt, und die officiöse Presse wußte nur Günstiges zu melden über die Schlözer'schen Verhandlungen, welche nach der ,Post' sogar schon zur Verständigung über die „Anzeigepflicht" geführt haben sollten. Sogar die .Grenzboten' brachten einen Artikel nach dem andern, in welchem dargelegt wurde, daß das Canossageschrei der „Liberalen" auf Unkenntniß der kath. Kirche beruhe; daß die Regierung, wenn sie diese Kirche in Preußen nicht gänzlich „aus­rotten" wolle, dieselbe nehmen müsse, „wie sie ist", denn mit den paar „liberalen"

12

Der Weg zum Verderben.

Nach dem Französischen von I. Rüttgers.

(Fortsetzung.)

Faraude hatte nichts für sich selbst zurück behalten. Das begriffen die Kinder und klagten deshalb nicht. Concrelat entkleidete den jungen Bruder und theilte mit ihm die große Pritsche.

Unterdeffen saß Faraude mit verschränkten Armen auf einem Stuhle und hörte gedan­kenlos, wie es auf der benachbarten Kirche eine Viertelstunde nach der andern schlug.

Zuweilen erhob sie sich und schritt lebhaft durch das Zimmer. Sie öffnete sogar das Fenster, trotz der eisigen Nachtkälte in die Finsterniß hinausblickend, ob sich nicht bald die Umrisse desjenigen zeigten, den sie er­wartete. Es war ein schreckliches Wetter. Der Regen floß in Strömen. Eisig wehte der Wind in's Ziinmer hinein.

„Der Feigling!" murmelte die Frau, „der Feigling!"

So verfloß die halbe Nacht. Es schlug elf Uhr. Endlich ließ sich ein schwankender Tritt auf der Straße vernehmen, bald hörte man eine rauhe Stimme und ein Mann stieg schweren Trittes die Treppe empor. Faraude erbleichte; es war ihr Lebensgefährte.

Katholiken und der Handvoll „Staats-" und „Altkatholiken" sei doch einmal Nichts anzufangen. Das Centrum gehe eben nur aus „ultramontanen" Katholiken hervor und leider könne die Regierung in den Parlamenten ohne Centrum Nichts mehr unternehmen. — Da ging Herr von Bennigsen in sich. Auf dem im September zu Hannover stattgehabten Provincial-Par- teitag that er öffentliche Buße. Er erklärte jetzt, daß bezüglich der Zollfragen vorläufig „Ruhe" eintreten müsse, daß an dem neuen Tarife „nicht gerüttelt" werden solle, bevor er nicht seine „Probe" abgelegt habe und hinsichtlich der in Berlin von ihm abge- lehnten „neuen Steuern" hob er ausdrücklich hervor, daß ihm eine erhöhte Tabaksteuer am Platze zu sein scheine, (was in directeni Widerspruch zu der neuerdings vom Reichs­tage angenommenen „Resolution Bennigsen" steht!) wie er denn auch geneigt war, auch noch andere „Massenartikel" einer höheren Besteuerung zu unterwersen. Zum Schluffe apellirte er an den „historischen Namen" des Reichskanzlers, der nicht zulassen werde, daß die „Rechte des Staates der Kirche ausgeliefert" würden. — Die Wirkung dieser Rede war damals eine augenblickliche. Die Officiösen wurden angewiesen, zu er­klären, daß, wenn Herr v. Bennigsen in dieser Weise auftrete, eine Verständigung mit ihm zu erzielen sei, und sofort trat auch eine Schwenkung in den officiösen kirchenpolitischen Artikeln ein. Darnach hatten die Verhandlungen Schközer's nur den Charakter „vertraulicher Besprechungen" gehabt; es wurde versichert, daß in Rom

„Nun", schrie der Mensch, der die Treppe hinaufstieg, mit rauher Stimme, „man er­leuchtet nicht einmal diese Hühnerstiege, man bricht ja den Hals!"

Faraude nahm die Lampe, öffnete die Thür und blieb auf der Schwelle stehen.

„Noch nicht schlafen", stammelte der Ar­beiter, „um auf mich zu warten, das ist nobel — wahrhaftig!"

Der Betrunkene wollte Faraude umarmen — aber sie wich scheu zurück, schloß die Thür, setzte die Lampe auf den Tisch und sagte, die Hand hinhaltend:

„Gib Geld her!"

„Was, Geld? Ich habe keines!" „Und Dein Wochenlohn?"

„Aufgezehrt! Ich habe meine Schulden an meine Freunde bezahlt. Uebrigens gehört das Geld mir und ich mache damit, was ich will."

„Und Deine Kinder willst Du hungern lassen?"

„Das ist Sache der Mutter. Uebrigens laß mich in Ruhe, Faraude. Ich kam von Freunden, die singen und trinken und fröh­lich sind. Ich will jetzt keine weinerliche Scenen."

„Gib das Geld her," antwortete kalt die Frau, „Du bist betrunken und ich habe heute noch nichts gegeffen."

noch gar Nichts abgemacht sei ic. rc. Es schien eben, daß Herr von Schlözer den Auftrag gehabt hatte, sich Ausgänge nach beiden Seiten offen zu halten: wenn v. Bennigsen nicht zn Kreuze kroch, so wurde der Frieden mit dem Centrum gemacht, andernfalls mit den Nationalliberalen. Das letztere war denn auch der Fall und die nächste praktische Folge war die, daß die Regierung bei den Reichstagswahlen die Nationalliberalen nicht „an die Wand zu drücken" sich bemühte. Man kann es Niemanden verdenken, wenn er Angesichts dieser Vorgänge voin vorigen Jahre auch die neueste „Schwenkung" der Regierung als die Absolution betrachtet, welche Herrn v. Bennigsen auf das in Köln abermals gesprochene Pater pecavi zu Theil geworden ist. Jndeß dürfen wir nicht verkennen, daß diesmal die Mißstimmung beim Reichskanzler gegen den- hl. Stuhl und gegen die Cent- rumsfraction schon in zu hohem Grade vor­handen war, als daß der Bennigien'sche Büßergang ihn allein zu einer „Schwenkung" veranlaßt hätte. Wir möchten deshalb für jetzt überhaupt von keiner „Schwenkung" reden. Der Reichskanzler ist schon immer in dem Glauben befangen gewesen, daß Rom die inaigesetzliche „Anzeige" zu­geben könne, wenn es nur wolle; in der fortgesetzten Weigerung des hl. Stuhles sieht er nun einmal eine unbegründete Hart­näckigkeit, die seinem Streben, über den Klerus zu verfügen, das Spiel verdirbt. Dazu kommt, daß das Centrum des neuen Reichstages nach seiner Ansicht so gut wie nichts „geboten" hat, daß es durch zahl-

Der Arbeiter machte nicht die geringste Miene.

Da stürzte sich Faraude auf ihn, und trotz der Schläge, die sie von ihm empfing, drehte sie ihm die Taschen um und es fiel eine Handvoll Geld heraus, das sie schleunigst aufhob.

„Siehst Du nun! Du Elender," schrie sie, „daß Du noch Geld hast!"

„Feigling! Ach, wäre nie der Tag er­schienen, wo ich Dich auf meinem Lebenswege gefunden habe. Du bereitest mir hier auf der Welt schon die Hölle."

„Schweige!" antwortete trocken der Ar­beiter.

„Nein! ich werde nicht schweigen!" schrie Faraude, indem sie bis auf zwei Schritt vor ihren Mann hintrat, der vor Zorn und Trunkenheit blau war.

„Du bist ein Faullenzer, ein Verschwender! Du declamirst gegen Herren und Capital, Du wiegelst den Lehrling gegen den Gesellen, den Gesellen gegen den Meister auf. Du hast den Mund voll von Freiheit, Unter­drückung, Tyrannei, Menschenrechte, Volks- souveränetät! Der Reiche, sagst Du immer, unterdrückt den Armen, er saugt ihm das Blut und Mark aus! Alles das, um in Faullenzen dahin leben zu können und das Beifallgeklatsch Deines Gelichters zu ernten,