und es fragt sich: würde sie ein von einer „clerical-liberalen" Mehrheit beschlossenes Gesetz zur Durchführung bringen? Das Schicksal, welches der vom Reichstage ange- nommene Antrag Windthorst, betreffend das Ausweisungsgesetz, gefunden hat, beweist, daß sie ein solches Gesetz, sobald es ihre politischen Cirkel zu stören droht, die Krone nicht einmal sanctioniren lassen würde. tzDer Antrag Windthorst wurde bekanntlich nur von einem Theile der Deutschconserva- tiven, dagegen außer einem Theile der Se- cessionisten von dec gesammten Fortschrittspartei, der Volkspartei und den Socialdemokraten angenommen, während der Rest der Dentschconservativen, die Freiconservativen und Rationalliberalcn dagegen stimmten.) — Eine „clerical-liberale" Mehrheit hat überhaupt bei der Natur des Fürsten Bismarck für uns die geringeren Chancen und wenn man etwa glauben könnte, den Kanzler durch wiederholte Mehrheitsbeschlüsse zu etwas zu zwingen, so beweist sein Verhalten in der Conflictsperiode von 1862—66 und beweisen seine gelegentlichen Aeußerungen über den „Parlamentarismus" rc., daß er seine letzte Kraft daran setzen würde, um einem solchen Vorgehen Widerstand zu bieten. Wir können solche Zustände beklagen, aber wir können sie nicht ändern. Wir haben nur die Genugthuung, daß wir sie nicht geschaffen haben. — Und wie stehen wir denn innerlich zum „Liberalismus" und „Conser- vativismus," so wie sie sich in unfern Parlamenten ausgestaltet haben? Mit den Conservativen sind wir in den wesentlichsten Punkten einig in Kirchen- und Schulfragen, in der Gewerbeordnungs- und Wuchersrage, in Sachen des Schutzzolls, der Entlastung des ländlichen Grundbesitzes rc. Der Geist aber, der von der Linken her weht, wird immer ein kirchenfeindlicher bleiben, er wird ein Anhänger des Freihandels, ein Feind des Handwerkers und des Landmannes sein. Wir freuen uns über Ausnahmen auf der fortgeschrittenen Linken, insbesondere wenn sie zu den anticulturkämpferischen Liberalen zählen; aber diese reichen der Zahl nach nicht aus, um unsere Wünsche zu befriedigen. Der herrschende links-liberale Strom geht in kirchlichen Fragen viel eher mit den Nationalliberalen, als mit dem Centruin. Was wir von Herrn v. Bennigsen, dem Manne, der den „Culturkampf" seit der
beherbergte eine Familie von sechs Personen: Vater, Mutter und vier Kinder.
Zwei schlechte Holzbetten, deren einziger Inhalt schlechte Strohsäcke und eine graue Decke bildeten, stellten nebst einer Pritsche, einem hinkenden Tische und drei Stühlen das ganze Mobilar dieses Vorschlages dar. Nägel, die hier und da in der Wand ein- geschlagen waren, trugen die Kleider der Insassen.
Vor einem halb zerbrochenen Ofen gekauert, blies eine Frau in die Kohlen, um das Kochen der Kartoffeln zu beschleunigen, die in einem alten Kessel über dem Feuer standen. Auf der Erde sitzend, vor Hunger und Durst ermattet folgten die vier Kinder furchtsamen Blickes den Bewegungen der Mutter, als wenn sie beiden Vorbereitungen zum Abendessen mithelfen oder die Zubereitung beaufsichtigen wollten.
Es waren Kinder mit feinen zarten Gesichtszügen — aber langsam und bleich schlich das Blut durch ihre Adern; die Glieder waren mager, die Brust eng — die Haare dünn und die Lippen ohne Frische. Auf ihren Gesichtern konnte man die Spuren des ganzen Pariser Elendes ablesen, nicht blos den Mangel an allem Nothwendigen, sondern auch den Eindruck der ungesunden Umgebung, in der sie aufwuchsen. Eines an
Gründung des Nationalvereins vorbereitet hat, zu erwarten haben, hat er uns in Köln wieder gesagt und trotz aller Freiheits- betheuerungen wird auch der Fortschritt uns niemals volle kirchliche Freiheit geben; zumal in Schulfragen wird er stets unser entschiedenster Gegner sein. — Wie wir demnach die Sache auch betrachten mögen; eine naturgemäßere Bundesgenossenschaft scheint uns immer die conservative als die „liberale" zu sein. Wir begreifen die Miß- stiminung, welche sich jetzt in katholischen Kreisen gegen die der Regierung so nahestehende conservative Partei geltend macht; aber trotzdem möchten wir wiederholt davor warnen, sich von Gefühls- und Augenblickspolitik leiten zu lassen. — Was nun unser concretes Verhalten in denjenigen Wahlkreisen betrifft, in welchen wir zwischen rechts und links den Ausschlag zu geben haben, so versteht es sich von selbst, daß man sich von den conservativen Candidaten hinreichende Garantien geben lassen muß.
— Der Kaiser wird nach seiner Gasteiner Cur, welche am 8. August beendet sein dürste, am 9. August zum Besuche des Kaisers Franz Joseph in Ischl eintreffen.
— Moskauer Privatbriefe behaupten, daß daselbst neuerdings fünf Minen in verschiedenen zum Kreml führenden Straßen gefunden worden seien.
— Der ,Kurper Pocnanski' meldet, daß aus den Erzdiöcesen Gnesen und Posen keine Immediateingabe an den Kaiser, um die Wiedereinsetzung des Cardinals Ledochowski zu erbitten, eingereicht wird.
— Im Reichstagsgebäude hat gestern, wie die ,Voss. Zig/ berichtet, auf Einladung des Abg. v. Wedell-Malchow eine Besprechung von etwa 30 Conservativen aus der Provinz Brandenburg stattgefunden, welche anscheinend die bevorstehenden Landtagswahlen betraf.
— Die günstigen Ernteaussichten in Verbindung mit dem erfreulichen allgemeinen Aufschwung des Verkehrs lassen eine das gewöhnliche Maß weit übersteigende Steigerung des Eisenbahngüterverkehrs für - das letzte Drittel des Jahres erwarten. In Folge dessen werden, nach den ,B. P. N.', von der Staatseisenbahnverwaltung schon jetzt die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um die zu gewärtigenden erheblichen Gütermassen ohne Stockung befördern zu können.
das andere geschmiegt, um die Kälte weniger zu empfinden, hielten sie ihre zitternden Händchen an den halb erloschenen Ofen hin. Das älteste, Concrelat, schien zehn Jahre alt zu sein. Aus seinen großen schwarzen Augen leuchtete Klugheit hervor, aber es schien furchtsamer als sein Bruder zu sein, denn ängstlich schien es seinen Stößen und Neckereien auszuweichen.
Nachdem die Frau aufgehört hatte, in das Kohlenfeuer zu blasen, zündete sie eine armselige Lampe an, setzte sie auf den Tisch, und aus einen Stuhl gesunken, hörte sie, tief vor sich hin brütend, wie es auf der Kirche St. Etienne neun Uhr schlug.
„Es ist heute Zahltag", murmelte sie, „er wird wieder spät Heimkommen . . . ."
Diese Frau, die ungefähr sieben und zwanzig Jahre alt zu sein schien, hieß Faraude. Ihre Schönheit und ihre Putzsucht hatten ihr diesen Beinamen eingebracht, auf den sie früher nicht wenig stolz war. Freilich jetzt hätte man in diesem bleichen, magern Geschöpf mit den dünnen ergrauenden Haaren an den Schläfen nicht mehr die hübsche Brünette wiedererkennen können, die früher alle öffentlichen Bälle mitmachte. Ein gelbes Spitzenstück erinnerte noch allein an die einstige Herrlichkeit. Die Liebe zur Reinlichkeit war offenbar ganz verschwunden, denn
• Freiburg, 11. Juli. Dein Erzbischof Orb in wurde heute Vormittag durch den vom Großherzog beauftragten Ministe- rialpräsidenten Nokk im großherzoglichen Palais in Freiburg der Huldigungseid in der durch die Verträge über die Errichtung der oberrheinischen Kirchenprovinz bestimmten feierlichen Form abgenommen.
Oesterreich-Ungarn.
t Königin Natalie von Serbien trifft Ende des Monats am Wiener Hofe zum Besuche ein.
t In militärischen Kreisen erwartet man einen kaiserlichen Erlaß, wonach allen Soldaten und Officieren, die an den diesjährigen Kämpfen in der Herzogewina und der Cri- voscie theilgenommen haben, das Jahr als Kriegsjahr, das ist doppelt, angerechnet werde.
t Der frühere Justizminister im confer« vativen Cabinete Hohenwart, Dr. Habie- tineck, wurde zum Senats-Präsidenten des obersten Gerichtshofes ernannt.
t Die Assentirung in Bosnien wird diesen Monat zu Ende gehen. Bisher hat sich auch nicht der kleinste Zwischenfall bei dem Aushebungsgesckäfte ergeben und wurden die erforderlichen Recrutencontingente vollständig gedeckt. Die ausgehobenen bosnischen Soldaten werden Anfang October einberufen und dann eineyercirt.
— Aus Galizien schreibt man uns: Die ruthenische Frage ist in ein neues Stadium getreten. Die sog. St. Georgs- partei, welche panslavistischen Ideen huldigt und auch etwas mit dem Schisma liebäugelt, erfährt in ruthenischen Kreisen heftigen Widerstand. Soeben wird in fast sämmtlichen Blättern des Kronlandes ein Aufruf an die Ruthenen verbreitet, worin gegen das Treiben der sog. Gewgspartei entschieden protestirt und die ruthenische Bevölkerung ermahnt wird, treu am alten Glauben und treu zu Papst und Kaiser zu halten. Der Aufruf ist sehr wann patriotisch gehalten und tritt in kräftiger Sprache gegen die Russificirungs-Tendenzen auf, die von gewisser Seite unter den Ruthenen und zwar gerade innerhalb der Geistlichkeit propagirt werden. Unterschrieben ist das Schriftstück von einem Landtagsabgeordneten, 72 ruthenisch-katholischen Geistlichen und etwa 150 anderen Notablitäten. Hoffentlich hat dieser Aufruf guten Erfolg und die schmutzigen Kleider hingen ihr in Fetzen um den Leib hemm. Ihre Stirn war von den Sorgen in tiefe Runzeln gezogen und die blauen Ringe um ihre hohlen Augen erzählen von ihren Nachtwachen und ihren Thränen. Stumpf betrachtete sie die vier Kinder, die auf dem Fußboden kauerten, und die das Kohlenseuer phantastisch beleuchtete. Die kleine Serinette preßte ihre Händchen auf die Brust, als wenn sie dadurch das liebet etwas lindern wollte. Concrelat betrachtete mitleidsvollen Blickes feine Schwester. Er, den Niemand im ganzen Hause liebte, fühlte sich unwillkürlich zu dem traurigsten und leidendsten Theile der Familie hingezogen.
Der Kessel hörte zu brodeln auf — die Kohlen gingen aus. Faraude öffnete die Schublade des Tisches um zu sehen, ob sich nicht noch einige vergessene Sous darin befänden — es war vollständig leer! Die armen Kinder wußten auch nur zu wohl, daß gerade an solchen Tagen der Vater so spät heim kommen würde, daß sie nichts mehr kaufen könnten.
Faraude nahm den Kessel mit den halbgekochten Kartoffeln vom Feuer.
Jedes der Kinder erhielt zwei Kartoffeln, die sie gierig verschlangen.
(Fortsetzung folgt.)