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Dienstag, den 4. Juli 1882.
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Zu den Landtagswahlen.
Sie kommen! Wer denn? Die Russen oder Türken? — Nein, die Wahlen Bis sie in Scene gehen, dauert es freilich zwar noch 4 Monate, aber die Liberalen, die Alles verloren und Nichts mehr zu verlieren haben, entwickeln jetzt schon eine fieberhafte Thätigkeit. Herr v. Bennigsen geht im Lande um; gestern sprach er auf dem nationalliberalen Parteitag in Köln, denn was Eugen Richter konnte, kann Rudolph auch, und Beispiele reißen bekannt- lich,hin. Vor 6 Jahren schrieb Bennigsen dem Centrum den Todtenzettel, und heute schreiben die Officiösen die Parole aus: „Gegen v. Bennigsen!" Wer gegen ihn ist, ist regierungsfreundlich, wer ihn bekämpft, ein Mann nach dem Herzen Bismarcks. So ändern sich die Zeiten! Das Prograinm des in Acht und Bann erklärten nationalliberalen Parteiführers ist, nach der Erklärung der ,Norddeutschen Allgemeinen,' die Verneinung der Bismarck'schen Politik, — und da die Liebe der Liberalen nicht verfing, lvollen sie es mit dem Haffe versuchen. Es geht ihnen wie den Buben auf den Volks- und Schützenfesten, die über .eine glatte Stange laufen und entweder rechts oder links in den Sack fallen; gerade halten können sie sich nicht. Gelingt der Sprung in den regierungsfreundlichen Sack nach rechts nicht, nun so springt man links in den rothen Sack und kollert über das secessionistische Rosaroth in das fortschrittliche Krebsroth, um — und das ist die Hauptsache — ein e große liberale Partei zu bilden! Kühner, stolzer Gedanke, aber
von der That ist er noch so weit entfernt wie Rußland vom inneren Frieden und wahrem Glücke. Am 15. Juni gab der Abg. Rickert im Reichstag die Parole: „Auf, zur Bildung der großen liberalen Partei!" und nun sollen die nationalliberalen, seces- sionistischen, fortschrittlichen, vielleicht auch die socialdemokratischen Schäflein in eine Hürde laufen und eine Heerde bilden! Gäb' das einen Brei! In Sachsen ist die Mischung gelungen, aber in Preußen ist's so wenig möglich, als daß Richter und Bennigsen Schmollis trinken und der Eine dem Andern Heerfolge leistet. Was soll denn die Liberalen von der Gruppe Bennigsen bis zum Fortschritt einigen? Außer dem Vorurtheil und Haß gegen die Kirche, Dinge, die bei uns aber keine gangbaren Artikel mehr sind, gibt's absolut keinen gemeinsamen Kitt, und die grundsätzliche Opposition gegen die Regierung ist kein Programm. Schön wär's für die ohnmächtigen Liberalen, wenn der Verfchmelzungs- proceß gelingen könnte; dann könnten sie das Centrum und die Conservativen aus dem Sattel werfen; aber „wenn" hat einen unwahren Bedingungssatz hinter sich, und
— „Wer das Wenn und das Aber erdacht, Der hat aus Häckerling Gold schon gemacht."
Schwach sind die Liberalen an Zahl, schwach an Leistungskraft, nur groß und stark sind sie im Prahlen und in der Reclame. Sehr treffend spottet die ,®erni.' über diese Nationaltugend des Liberalismus, indem sie ägt: er hat auf seiner Seite nicht nur die besten Absichten, die schönsten Ziele, die richtigsten Wege, die wirksamsten Mittel,
die festesten und klarsten Grundsätze — das ist ja Alles selbstverständlich — nein, er hat auch die „Nation" hinter sich, spricht und handelt „im Namen des Volkes," und wo diese Behauptung allzu sehr gegen den klaren Augenschein der Wahrheit verstoßen würde, vertreten die Liberalen ivenigstens den „Kern der Nation oder den des Bürgerthums." Vor Allem aber hat der Liberalismus immer nicht nur die edelsten Männer, sondern auch die tüchtigsten Kräfte, die glänzendsten Redner und dergl. in seiner Mitte. Das ist uns hundert Mal im Laufe der Jahre „bewiesen" worden und augenblicklich ist man ein Mal wieder daran. Leider gibt für diesen liberalen Größenwahn kein Mensch mehr einen Dreier. In Düsseldorf aber hätten die beiden liberalen Candidaten den katholischen Gegner bei der Reichstags-Ersatzwahl ganz sicher besiegt, wenn sie nicht zu kurz gekoinmen wären und 7000 Stimmen mehr gehabt hätten.
Du schwarzer Rhein mit deinen dunklen Wellen, Wie schnüffeln sie, die Liberalen all';
Sie möchten gerne dein Gesicht „erhellen" Und schmusen süß mit phrasensattem Kall.
Doch sei ruhig, alter katholischer Strom; die Wacht am Rhein steht fest und den lockenden Sirenen, mögen sie kommen in rother Blouse oder mit nationalliberalen Schalmeien, ruft sie zu:
„Sie sollen ihn nicht haben. Den schwarzen, stolzen Rhein, Ob sie gleich gier'gen Raben Sich heiser darnach schrei'n!"
Und das gilt nicht blos vom Rhein, sondern auch vom Main, der Mosel, der Lippe und Pader und den Strömen in Schlesien; die lassen sich nicht in ein fremdes Bette leiten!
3
Der Weg zum Verderben.
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
(Fortsetzung.)
„Mein Herr," erwiderte Rolland, „ich hätte ohne Zweifel hierzu wenig Geschicklichkeit gehabt, denn die Ziffern flößen mir Angst ein. Ich sage dies nicht, weil ich etwa Scheu vor der Arbeit habe, oder weil ich glaube das Recht zu haben, ohne Arbeit leben zu können: ich vollende meine juristischen Studien, und werde ich auch nicht ein ausgezeichneter Advocat, dann werde ich wenigstens ein guter Rathgeber. DerAdvo- catenstand, der freilich fast trivial geworden ist, weil so Viele sich demselben widmen, hat für mich vollständig seinen Reiz bewahrt, und ich werde es mir zur hl. Pflicht rechnen, die Interessen der Armen zu vertheidigen und mich der Verlassenen anzunehmen."
„Ich hoffe", sagte Belleforge lächelnd, „daß Sie sich nicht darauf beschränken werden, diesen Beruf auszuüben, so ehrenvoll und edel er auch sein mag; bei Ihrer Intelligenz und bei Ihrer Gewandtheit wird es nicht fehlen können, daß Sie große Pro- cesse in Händen bekommen werden, die Ihnen sogleich eine sichere Stellung am Bureau verschaffen; so zum Beispiel ein großer Preß-
Proceß oder eine andere sehr verwickelte Streitsache — wenn Sie einen solchen Pro- ceß gewinnen, so ist ja ihr Ruf fest begründet." „Uebrigens", fügte er schmeichelhaft hinzu, „den Advocaten stehen alle Carrieren offen, von der Politik bis zur Diplomatie."
„Ich bin so ehrgeizig nicht," antwortete Rolland.
„Dabei thun sie aber Unrecht. Der Ehrgeiz ist der einzige Hebel, der uns einen höheren Schwung gibt und uns zu großen Thaten führt. Zunächst dient uns der Ehrgeiz dazu, uns einer Menge Eigenschaften zu entledigen, die uns sonst soviel wie Fehler schaden könnten."
„Und was sind dies denn für gefährliche Eigenschaften," fragte die Gräfin, die bis dahin dem Zwiegespräche, ohne ein Wort zu sagen, aufmerksam zugehört hatte.
„Das Vertrauen auf Andere, das Mißtrauen gegen sich selbst, dann . . . ."
„Und was noch mehr?"
„Dann zwingt uns der Ehrgeiz, noch andere überflüssige Dinge über Bord zu werfen, die eben so gefährlich sind, wie der Ballast für ein Schiff, das zu sinken beginnt."
„Und dieser Ballast heißt?" fragte der Abbe de Hautmonstier.
„Die Vorurtheile," versetzte Belleforge.
„Das ist ein sehr erklärungsbedürftiges Wort," meinte Rolland. „Man braucht es heutzutage sehr oft, und doch scheint es mir, als ob man es schlecht versteht."
„Gewiß! Vorurtheile und Vorurtheile sind sehr von einander verschieden."
„Einverstanden!" erwiderte der junge Mann; „nicht wahr, politische Vorurtheile meinen Sie? Und Sie verstehen hierunter eine unerschütterliche Treue unseren früheren, wenn Sie wollen veralteten Principien gegenüber, die jedoch so achtungswerth sind, daß Sie noch nichts Besseres gefunden haben, wodurch Sie jene vortheilhaft ersetzen könnten?"
„Glauben Sie ja nicht, daß ich Republikaner bin!" rief Belleforge aus, „meine Stellung . . . ."
„Nöthigt Sie offenbar, conservativ zu bleiben?" fügte der Notar hinzu.
„Ganz gewiß — conservativ in Bezug auf mein Vermögen, meine Titel, ja selbst in Bezug auf meine Privilegien; die Vorurtheile aber, die ich hier meine, sind diejenigen, welche Sie nöthigen würden, als Sprößling eines alten Geschlechtes an den Geschicken des Landes, unter dem Vorwande, daß es der Demokratie anheimfalle, theil- zunehmen, oder die Sie nöthigen würden, in größeren; Maße, als es vielleichtpassend