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Sonnabend, den 1. Juli 1882.
Ieitung
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Deutsches Reich.
* Berlin, 29. Juni. Der Kaiser erfreut sich in Ems des besten Wohlseins. Diejenigen, welche den Kaiser auf seinen Spaziergängen beobachtet haben, können sich nicht genug über die Behendigkeit und Sicherheit wundern, womit der 86jährige Greis einherschreitet.
— Der Minister des Innern, v. Putt- ka mer, hat bei seiner Reise in Schleswig- Holstein eine politische Rede gehalten, in welcher er u. A. sagt: Die Staatsregierung ist in Preußen keine Parteiregierung. Besondere Interessen der Staatsregierung, welche von denen des Landes verschieden seien, könne es gar nicht geben. Er freue sich über die ihm zu Theil gewordene freundliche Aufnahme um so mehr, als in jetziger Zeit so vielfach Bestrebungen zu Tage treten, die darauf hinzielten, Regierung und Bevölkerung in Gegensatz zu einander zu bringen. Uüter Berücksichtigung der herrschenden socialen Gefahren sei aber Einigkeit in Unter» - ssützung der Regierung in ihrer nur das Wohl der Nation erstrebenden Politik geboten.
— Es wird bestimmt versichert, daß die Demission des Finanzministers Bitter vom Kaiser angenommen und die Ernennung des Reichsschatzsecretärs Scholz zum Finanz- minister, sowie des bisherigen Directors des Reichsschatzamts Burghard zum Reichs- schatzsecretär unmittelbar bevorstehend sei.
Das von der ,Rationalztg/ verbreitete Gerücht, Fürst Bismarck wolle vorerst selbst das Finanzministerium übernehmen und iich durch Scholz vertreten lassen, ist nicht glaubwürdig.
— Die ,Kreuzzeitung' schreibt ferner r noch: „Wir hören, daß von anderer Stelle im Staatsministerium der Auffassung n des Finanzministers Bitter, daß er durch h bcn vom Ministerpräsidenten allein gegenge- :- zeichneten allerhöchsten Erlaß über die ©teuer» s Verhältnisse verletzt sei, nicht zugestimmt wird und zwar, weil bei jenem Erlaß nicht ledig- :» sich der Finanzminister, sondern namentlich » auch der Kultusminister betheiligt war, und 1 daher der Vorsitzende des Staatsministeriums ; sich um so mehr veranlaßt und berechtigt - finden konnte, jenen allgemeinen Erlaß feiner» e feite allein zu gegenzeichnen. Freilich deutet e es auf kein normales Verhältniß im Staats- ' Ministerium hin, wenn ein so wichtiger Act - ohne vorherige Kenntniß des Finanzministers > erfolgen konnte und wir werden wohl auch ' darin Recht behalten, daß der jetzige Vor- - gang lediglich im Zusammenhänge mit der ■ Stellung des Finanzministers, wie sie sich seit Jahren entwickelt hat und worüber uns schon früher Andeutungen zugingen, aufzufassen ist. Wir glauben deßhalb, welches auch der Ursprung des jetzigen Demissionsgesuches sein möge, nicht an eine Wiederzusammenziehung des zu Tage getretenen Conflicts, halten aber die gründliche Auseinandersetzung um so mehr für wahrscheinlich als der Ministerpräsident neuerdings angekündigt hat, daß er die in Rede stehenden Fragen gerade zum Hauptpunkt der demnächstigen Erörterungen machen wolle."
— In der unter dem Vorsitze des Staats- Ministers von Bötticher am 27. Juni abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesraths gelangte zunächst gemäß den Anträgen der
Ausschüsse der Entwurs eines Regulativs über Zollerleichterung bei der Ausfuhr von Mühlenfabrikaten mit einigen, nicht wesentlichen Abänderungen zur Annahme. Mit der von Preußen beantragten Erweiterung der Zollabfertigungsbefugnisse eines Reben- zollamts und eines Untersteueramts erklärte sich die Versammlung einverstanden. Mehrere Eingaben, welche die Rückerstattung von Zoll für Getreide bei der Ausfuhr des daraus hergestellten Mehls, die Erhöhung des Eingangszolls für Stearin und Stearinlichte sowie für Dachschiefer zum Gegenstände hatten, wurden durch das unterm 23. Juni d- I. erlassene Gesetz, betreffend die Abänderung des Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1879, für erledigt erklärt. Einige weitere Eingaben, betreffend die Einführung eines Zolls für Kohlen, die Erhöhung des Eingangszolls für Nudeln und die Zolltarifi- rnng von Talg, wurden zurückgewiefen. Schließlich wurden einige neu eingegangene Eingaben den zuständigen Ausschüssen zur Vorberathuug überwiesen.
— Wie vor einiger Zeit berichtet wurde, war die Auflösung der beiden Hilfssenate, welche gegenwärtig beim Reichsgericht thätig find, zürn 1. Januar 1883 in Aussicht genommen. Indessen ist ihre Aufgabe, welche in Bearbeitung derjenigen Proceßsachen besteht, die nach den vor dem 1. October 1879 in Geltung gewesenen Proceßrechten noch in letzter Instanz zu entscheiden waren, laut der Magdeb. Ztg.' so weit erledigt, daß einer der beiden Hilfssenate bereits am 1. October d. I. aufgelöst werden kann. In Folge dessen ist vom Reichsjustiz-Amt
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Der Weg zum Verderben.*)
Nach dem Französischen von I. Rüttgers.
Das kleine Haus, welches tue Gräfin d'Jvree bewohnte, entzog sich den Blicken der Neugierigen durch einen ziemlich großen Garten, der dicht mit Bäumen bepflanzt war.
Zwar waren die Plafonds in den alter» thiimlichen Zimmern des Hauses ein wenig niedrig, und die Treppen, auf denen man zu denselben hinaufstieg, etwas enge; aber der feine Geschmack der Madame d'Jvree verdeckte diese Unbequemlichkeiten so vollständig, daß man sie gar nicht bemerkte, wenn man diese Räume betrat, die mit Möbel im reinsten Stile Ludwig XVI. angefüllt waren, und wo jeder Gegenstand, von dem großen schwerfälligen Sessel, bis zu den kleinsten Nippsachen, die Erinnerung an ein längst verblaßtes Jahrhundert wach rief.
Der Graf d'Jvree befand sich im Besitze eines ziemlich beträchtlichen Vermögens, als die Unklugheit seines Bruders ihn an den Rand des Abgrundes brachte. Dadurch, daß er mit seiner Unterschrift Bürgschaft leistete, hatte er zwar eine öffentliche Schande abgewendet; aber nachdem der Graf alle
*) Nachdruck verboten.
Gläubiger seines Bruders Jacques d'Jvree befriedigt hatte, war er in eine ziemlich gedrängte Sage geraden. Der Kummer, der ihn verzehrte, weil so fast fein ganzes Vermögen verloren war, verkürzte ihm fein Leben, und sechs Monate nach diesen Vorfällen mußte die Gräfin Catharina d'Jvree den Wittwen- schleier nehmen. Außer einigen mit Hypotheken belasteten Landgütern war ihr nur ein Einkommen von ungefähr sechs Tausend Francs übrig geblieben. Um die Erziehungskosten für ihren Sohn bestreiten zu können, verkaufte sie von Zeit zu Zeit eine Parzelle Wald oder ein Stück Weinberg. Während die Lage der Gräfin immer mißlicher wurde, mußte in dem Augenblicke, wo diese Geschichte beginnt, eine wirksame und schnelle Lösung gesucht werden.
An einem schneereichen trüben Wintertage befand sich Madame d'Jvree in einem Salon, der mit blauer, von Rosenbouquets durchwebter Seide ausgeschlagen war. Es war ungefähr 5 Uhr. Eine große Lampe verbreitete ihr mildes Licht in dem Zimmer und beleuchtete das Antlitz von vier Personen. In ihrem Traueranzuge, den sie niemals abgelegt hatte, die Haare ganz einfach verschlungen, hatte Madame d'Jvree eine solche Reinheit der Gesichtszüge bewahrt, daß man sich bei ihrem Anblick von
Bewunderung und Hochachtung ergriffen fühlen mußte. Sie arbeitete an einer Stickarbeit und ließ häufig ihren Blick auf einen jungen schönen Mann, von fünf und zwanzig Jahren mit regelmäßigen Gesichtszügen, freiem Blick und ernstem Zuge um den Mund, ruhen. Rolland d'Jvree durchblätterte ein Buch und machte sich Notizen. Die dritte Person, Fräulein Hermingardis de Scyondree, welche steif und kerzen- grabe auf ihrem Stuhl saß, nähte mit niedergesenktem Blick. Obwohl sie kaum vierzig Jahre alt war, so schien sie doch viel älter als Madame d'Jvree zu sein.
Hermingardis de Scyondree, einer verarmten Adelsfamilie entsprossen, war in das Haus der Gräfin aufgenommen worden, als der Tod ihres Vaters sie zur Waife machte. Wenn eine edelmüthige Hand sich nicht nach ihr ausgestreckt hätte, so wäre das arme Kind genöthigt gewesen, in ein fremdes Haus als Vorleserin oder Gouvernante einzutreten. Die Gastlichkeit der Madame d'Jvree bewahrte sie vor dieser Demüthigung. Sie zeigte sich ihr dafür durch grenzenlose Hingebung dankbar; aber die Schüchternheit ihres Charakters hinderte sie, dem Drange ihres Herzens freien Lauf zu lassen. Dank der Umsicht Hermingardis wurden aber im Hause der Gräfin fortwährend reizende