M 147. Donnerstag, den 29. Juni 1882.
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n. Ein Bild aus der Diaspora.
Das Hochw. Bischöfl. Generalvicariat Fulda hat jüngstzhin ein Ausschreiben erlassen, in welchem mit dem Ausdrucke des Bedauerns darauf hingewiesen wurde, wie in Folge der geringeren Einnahinen des Bonifatiusvereins in den letztverflossenen Jahren kaum die Bedürfnisse der Missionsstationen der Diöcese befriedigt, geschweige auswärtige Diaspora- Gemeinden unterstützt werden konnten. Wie nothwendig jedoch auch die Unterstützung letzterer sei, soll uns ein Blick auf die der- maligen Verhältnisse der katholischen Kirchengemeinde in der herzoglichen Residenzstadt Braunschweig lehren.
Die Stadt Braunschweig hat in letzterer Zeit bedeutend zugenommen. Jin Anfänge dieses Jahrhunderts betrug ihre Einwohnerzahl etwa 27,000; im Jahre 1858 zählte man schon über 40,000 Einwohner. Von da ab begann ein Aufschwung im gewerblichen und kaufmännischen Leben, wozu dann noch die allgemeine Freizügigkeit trat. Bei der letzten Volkszählung hatte Braunschweig 75,073 Einwohner, unter welchen sich 3444 Katholiken befanden. Diese machen demnach nicht einmal ein Zwanzigstel der Bevölker- • ung aus. Die katholische Pfarrkirche, ein ärmlicher Bau aus Fachwerk, ist durch den jetzigen Pfarrer wesentlich erweitert und verschönert worden. Sie liegt in einer der entlegensten, um nicht mehr zu sagen, Straßen der Stadt und zwar nur auf dem Hofe, fo daß sie von der Straße aus gar nicht gesehen wird. Hinter der Kirche hat die frühere Regierung die Pferdeställe für die Cavallerie aufgeführt, so daß die katholische Kirche voll-
-1. Ein den Landwirthen ertheilter guter Rath.
(Schluß.)
Bürgermeister: „Ich hätte jetzt noch einige Worte über die landwirthschaftlichen Untervereine, die sog. Localvereine zu sagen, welche man auch wohl Bauernvereine nennt. Diese sind, wenn sie mit den landwirthschaftlichen Kreisvereinen in Verbindung stehen, nicht zu verachten. Da ich aber die landwirthschaftlichen Versammlungen als eine Art Fortbildungsschule für den Bauer betrachte, so halte ich die Landwirthschaftlichen Kreisvereine für viel nützlicher und interessanter. Wer sollte z. B. in so einem Ortsverein wiffenschaftliche Vorträge halten."
Ein alter Bauer: „Es heißt: bete und arbeite! Und wenn der liebe Gott zu unserer Arbeit seinen Segen nicht gibt, so haben wir doch nichts, da hilft alle Gelehrtheit nichts. Auch meine ich, es sei nicht einmal gut, wenn der Bauer so gelehrt ist, er wird stolz, ja könnte sogar noch ein religionsloser Freidenker werden, mein Vater sagte oft: Je gelehrter, desto verkehrter."
Bürgermeister: „Das ist wahr, bete und arbeite! Ich möchte aber fragen: Ist denn Studiren, fleißiges Nachdenken, Rechnen u. dergl. nicht auch Arbeit? Auch meint ihr,
kommen versteckt und geradezu unwürdig liegt. So war die katholische Religion als Winkelreligion hingestellt. Daher scheuten sich früher auch alle den besseren Ständen angehörigen Leute, sich als Katholiken zu bekennen, und dieser Umstand in Verbindung mit so drückenden Gesetzen hat bewirkt, daß viele Katholiken abgefallen und die Kinder gemischter Ehen durchgehends protestantisch erzogen sind. Jetzt ist dieses freilich anders geworden. Die herzogliche Regierung hat anfangs dieses Jahrhunderts jährlich 140 Thlr. für den Lehrer, 158 Thlr. für die Kirchencasse, später noch 50 Thlr. für einen zweiten Lehrer und 250 Thlr. für den zweiten Geistlichen bewilligt, die Leistungen für die Schule sind jetzt auf 2000 Mk. erhöht und ebenso leistet auch die Stadtcasse 2000 M. für den gleichen Zweck.
Im Sommer halten sich in dem größeren der drei Theile des Herzogthunis eine Menge katholischer Arbeiter meist vom Obereichs- felde auf, welche als Maurer und Feldarbeiter dort ihr Brod suchen und mit dem Winter gehen, um mit dem Frühjahr wieder zu erscheinen. Auch die Stadt Braunschweig und die nächste Umgebung wird im Sommer von solchen katholischen Eichsfeldern viel besucht; außerdem haben sich auf fast allen braunschweig'schen Dörfern katholische Arbeiter dauernd angesiedelt, so daß die Zahl aller Katholiken, welche in Braunschweig Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisie suchen, mindestens 5000 sein dürfte, eine Zahl, welche sich im Sommer viel höher stellt. Die beiden Geistlichen haben demnach in- es käme Alles auf Gottes Segen an; das gebe ich zu; allein der liebe Gott will und befiehlt uns, daß wir auch mitwirken. Wenn Ihr des Sonntags zur Kirche gehet, werdet Ihr die Aecker zweier Nachbarn nebeneinander liegen sehen, welche voriges Jahr beide brach gelegen haben. Diese haben einerlei Wind, Regen und Sonnenschein erhalten, und doch ist auf dem einen das Korn mehr als zweimal soviel werth, als auf dem andern. Hier sieht man deutlich, daß die Verständigkeit des Bauern mitgeholfen hat. Ich sage ja auch nicht, daß wir mit unserer Klugheit alles zwingen können. Allein Gott hat die Natur erschaffen und nach bestimmten Gesetzen geordnet. Diese sollen wir studiren und unsere Sache darnach einrichten. Unserer Faulheit und Dummheit wegen ändert Gott die Gesetze der Natur nicht. Ihr habt ferner Sorge, daß der Bauer zu gelehrt wird. Nun. so weit wird's lange noch nicht kommen, und stolz werden thut nur der Dumme. Denn der wahrhaft Gescheite will immer noch mehr lernen, er sieht immer mehr ein, daß unser Wiffen hier nur Stückwerk ist. Sollte es dem Bauern an seinem Christenglauben schaden, wenn er die Gesetze der Natur studirt, wenn er Gottes weise Einrichtung in den
und außerhalb der Stadt Arbeit in Hülle und Fülle. Die Schule, welche bis Anfang der siebziger Jahre nur zwei Lehrer hatte, ist jetzt fünfclassig mit fünf ordentlichen Lehrern, einem Zeichenlehrer und einer Jn- dustrielehrerin. Das Schulhaus, welches 1864 erbaut und 1876 um niehr als die Hälfte vergrößert ist, hat 40,000 M. gekostet, die Unterhaltung der Schule kostet jährlich 9500 M., wozu also 5500 Mk. durch Schulsteuer und auf andere Weise beschafft werden müssen. Die Anzahl der Schulkinder beträgt 300. Für die Kinder katholischer Eltern, welche die Privatinstitute und höheren protestantischen Lehranstalten der Stadt besuchen, ertheilt der Seelsorger privatim und gratis den Religions-Unterricht. An demselben betheiligen sich zur Zeit 32 Schüler,und Schülerinnen. Die ersten Aufzeichnungen von Pfarracten beginnen 1712 und von da ab bis zum Jahre 1793 fanden 1675 Taufen, 660 Copula- tionen und 1689 Beerdigungen statt. Im Jahre 1800 gab es 40 Taufen, 1875 schon 128, 1880 gab es deren 131. Bei den Geburtszahlen, wie sie die Jahre 1875. und 1880 aufweisen, müssen in kurzer Zeit über 500 katholische schulpflichtige Kinder in Braunschweig sein, und damit ist eine abermalige Erweiterung der Schule unabweisbar.
Die katholische Kirche ist ursprünglich nur von sehr bescheidener Größe gewesen, 1870 wurde sie für 36,000 M. um die Hälfte ihres Umfangs erweitert, so daß sie jetzt zur Roth ca. 1100 Menschen fassen kann. Trotzdem ist sie doch ungenügend. Jeden (Bonn« und Feiertag sind drei hl. Messen, die Geist- Pflanzen, dem Boden, der Luft, ja der ganzen Natur genauer kennen lernt als bisher. Nein, gewiß nicht! Sein Gemüth wird dadurch nur noch mehr zur Anbetung Gottes hingezogen, wenn er Gottes weises Walten in der Natur betrachtet. Strebe nach Kenntnissen, als lebtest du ewig, und nach Tugend als niüßtest du morgen sterben! Das ist die Regel der wahren Weisheit. Sollten uns einmal Bücher in die Hände kommen, welche nicht viel von Gott wissen wollen, sondern Alles dem „Schicksal" zuschreiben, so wollen wir uns des Apostels erinnern, welcher sagt: „Prüfet Alles, das Beste behaltet".
Also zum Schluffe noch einmal: Wir müssen unsere Bauerei nach wissenschaftlichen Grundsätzen betreiben, um wo möglich unsere Reinerträge auf das Doppelte zu steigern. Wir müssen uns bestreben, die nöthigen Kenntnisse durch Selbststudium und im landwirthschaftlichen Vereine zu erwerben. Wir müssen die landwirthschaftlichen Versammlungen als Fortbildungsschulen für den Bauer betrachten und solche fleißig besuchen. Auch können wir da unseren sonstigen ländlichen Angelegenheiten Ausdruck geben und unsere Interessen vertreten.
Darum fleißig Hand ans Werk und in