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Dienstag, den 27. Juni 1882.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint t»glich, Tonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der ®n>ebition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark unb SO Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfa. Die ,illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg, auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg. Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

% Warum nicht »Deutsch

Die deutsche Sprache erhält, Dank dem affenartigen Aneignungsvermögen unserer Schriftsteller, Redner und Zeitungsschreiber, täglich Zuwachs au neuen Worten; leider sind es aber keine deutschen; ein neues, gutes deutsches Wort ist seit Jahren nicht geprägt worden. Die Sprache der Börse ist ein französisches, die der Wettrennen ein englisches und die der Wissenschaft ein lateinisch-griechisches Kauder- wälsch; -- die politische Sprache hat sich noch nicht geklärt und man weiß noch nicht, ob im Reichstage und den Landtagen Eng­land oder Frankreich den Sieg davontragen wird, aber so viel steht bereits fest, daß Deutschland keine deutschen Ausdrücke für die Vorgänge im Reichstage erhalten wird. Das wimmelt schon von Motionen, Novellen, Int erpel lat io n en u.s.w., daß dein biederen Deutschen, der keine an­dere Motion kennt, als ebenfalls, wie „der Dichter Göthe, Abends spöte, einen steilen Berg hinanzulaufen," und deffen Rovellen- kennlniß sich im besten Falle auf eine oder die andere Unterhaltungsschrift beschränkt, angst und bange wird.

• Noch vor zehn Jahren gab es in der deutschen Sprache das schöne Wort Berg­bau, Grimm's Wörterbuch mag es noch heute als Merkwürdigkeit bewahren und irgend ein ungebildeter Bauer mag es ge­brauchen, der gebildete Deutsche würde da­mit nur seine Unwissenheit verrathen und läßt es deshalb nicht über die Zunge kom­men; im Reichstage, in der Presse, an der Börse heißt's: Montan-Jndustrie. Wie

-1. Ein den Landwirtherr ertheilter guter Rath.

(Fortsetzung.)

Bürgermeister: „Es wäre freilich gut, könnten wir eine landwirthschaftliche Schule besuchen, allein dies geht nicht; weder wir noch unsere Söhne können es, wir sind zu arm dazu, um die Gelder dazu aufzubringen, — wenn übrigens Einer in der angenehmen Lage ist, seinen Sohn auf eine landwirth­schaftliche Schule schicken zu können, so zögere er keinen Augenblick — wir müssen uns anders zu helfen suchen; ich meine durch Selbstunterricht und durch den landwirthschaftlichen Verein. Beides muß sich ergänzen. Vor allem leset gute landwirthschaftliche Bücher und Schriften. Da es nun eine ganze Masse solcher Bücher gibt, so muß man nur die nützlichsten an­schaffen, und deshalb rathe ich, daß wir uns Alle in den landwirthschaftlichen Verein aufnehmen lassen, da können wir am besten ersahren, welche Bücher für uns die nütz­lichsten sind. Auch noch aus einer andern Ursache rathe ich zum Eintritt in den land­wirthschaftlichen Verein. Das Lesen allein genügt nicht, denn man versteht manches nicht, man ist oft genöthigt, durch mündliche Erklärungen sich das richtige Verständniß zu ver­

breit und vornehm das klingt! So kennt man auch in Deutschland keine Spinnerei und Weberei mehr, sondern eine Textil- Jndustrie, oder gar (schauderhaft) eine T extil-Branche, keine Untersuchung, son­dern eine Enquete, kein Jahrzehnt, son- ein Decennium, keine Zeitungen, sondern Journale, keinen Speisezettel, sondern Menü, keine Ermittelung, sondern eine Eruirung u. s. w.

Die Zeitungen in Deutschland wimmeln seit dem ersten Tage der ,Frankfurter Ober­postamtszeitung' von Annoncen, Cor- respondenzen, Miscellen und Feuil­letons, und der gute Deutsche versäumt nicht, „Annongse" oder „Correspondangs" zu sprechen, denn es wäre zu schrecklich, durch mangelhafte Aussprache darzuthun, daß er „keine Bildung genossen" hat. Bis vor Kurzem gab es wenigstens noch Mit­theilungen, aber auch die sind verschwunden; es heißt jetzt allgemein „Communiquö," gerade wie der Durchschnittsmensch unter den „Journalisten" schon längst nichts mehr abdruckt, sondern nur „reproducirt." Kein gebildeter Deutscher nützt seine Zeit aus, sondern er „fructificirt" sie, wie er das Nachforschen längst verlernt hat, und nur noch „recherchirt."

Und da wundert man sich noch in Ber­lin, daß die deutsche Sprache ini Auslande überall an Boden verliert. Ist denn, so fragen wir allen Ernstes, die heutige deutsche „Umgangssprache" werth, daß für ihre Er­haltung gekämpft werde? Man verstehe uns recht: die „Umgangssprache." Daß es die deutsche Sprache wohl ist, steht schaffen; das kann man aber leicht im land­wirthschaftlichen Verein. Da werden auch häufig Vorträge gehalten, und wenn der Verein durch unseren Beitritt recht stark wäre, würden noch mehr Vorträge gehalten werden."

Der vorige Bauer: „Ich möchte doch einmal wissen, was man da für Vorträge zu hören bekommt."

Bürgermeister: „Ich weiß viele Gegen­stände , die dort besprochen werden und führe beispielsweise folgende an: lieber die Eigenschaften der verschiedenen Boden­arten, über Verbesserung der Böden durch Kalk, Mergel, Drainiren, über Tiefcultur und wie sie ausgeführt werden muß, über Pflügen, Eggen und Walzen, über die Acker­bestellung zu den verschiedenen Gewächsen, über die Behandlung des Stalldüngers auf Hof und Feld, über die käuflichen Dünge­mittel als Knochenmehl, Superphosphat, Chilisalpeter, Kali:c., über die Ernährung und das Wurzelleben der Culturpflanzen, über Fruchtfolge, über den Kleebau, sowie über jede einzelne Getreideart, über Futter­bau auf dem Felde oder der Wiese, über Wiesenbau und Wiesenpflege, über Aufzucht des Viehes, der Fütterung u. dgl. m. Es könnten dann in den 5 Wintermonaten und etwa im Monat Mai jedesmal zwei solcher

gar nicht in Frage, aber diese hat that- sächlich aufgehört, die Sprache der sich für gebildet haltenden Deutschen zu sein, und täglich wird sie nur noch verschlechtert. Was nützt ein Stephan, dieser krankhaften Sucht aller gebildeten Classen gegenüber, jedes deutsche Wort mit Gewalt aus dem Verkehr zu treiben und durch ein fremdes zu ersetzen?

Der Engländer eignet sich auch fremde Worte an, aber er bürgert sie ein, indem er ihnen eine dem Wesen seiner eigenen Sprache entsprechende Gestalt gibt; ebenso macht es der FranKffe, der Spanier; — nur der Deutsche sieht einen Stolz darin, ein fremdes Wort als solches vorführen zu können, und viele deutsche Dinge kann er erst genießen, wenn sie ihm unter fremden Namen gereicht werden.

Deutsches Reich.

* Berlin, 25. Juni. Der Architeet Paul W a l l o t in Frankfurt a. M. erhielt für feine allgemeine Bewunderung erregen­den Entwurf zum Reichstagsbau (Motto: „Für Staat und Stadt") den ersten Preis mit fast an Einstimmigkeit grenzenden Ma­jorität. Morgen werden von der Jury die­jenigen Entwürfe, welche angekauft werden sollen, ausgewählt. Die unentgeltliche Be­sichtigung der Entwürfe in dem provisorischen Kunstausstellungsgebäude findet vom 28. Juni bis 31. Juli statt. — Der königliche Erlaß an das Staatsministerium, wonach dem Könige monatlich eine Uebersicht über die Steuerexecutionen rc. vorgelegt werden soll, ist vom Reichskanzler ohne jegliches Vorträge mit sich daran schließender Dis- cussion gehalten werden. In den arbeits­vollen Zeiten fielen dieselben aus; es würde, wenn solche Vorträge in den Winter-Ver- sammlungen gehalten werden, zu deren Besuch keine Arbeit hinderlich sein. Auch glaube ich, die Herren Oekonomen würden gern geneigt sein, dergleichen Vorträge zu halten.

Der alte Bauer: „Also landwirthschaft­liche Bücher sollen wir ftubiren, und uns sogar in den landwirthschaftlichen Verein aufnehmen lassen. Nun, ein paar Bücher anzuschaffen wäre ja nicht schlimm, obwohl ich nicht gern lese. Für meine Jungen wäre das übrigens gut, sie hätten in den Winterabenden die schönste Zeit dazu. Aber in den landwirthschaftlichen Verein bei die großen Herren gehe ich nicht gern, denn die achten uns doch nicht."

Bürgermeister: „Ihr sagt, die achten uns doch nicht; das ist Vorurtheil. Da ist z. B. der Vorsitzende des Vereins in Fulda, Herr Wickel, ein gar freundlicher Mann gerade gegen die Bauern. Auch habe ich in Erfahrung gebracht, daß die Herren schon Jahre lang sich bemüht haben, die Bauern heranzuziehen, allein wir sind nicht hingegangen. Gehen wir hin, dann sehen wir. wie sie's mit uns machen; wenn's uns nicht gefällt, so darf man ja wieder aus-