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Sonntag, den 18. Juni 1882.

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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Garibaldi, der die Königsmörder und Attentäter als „die Vorboten der Regierung der Zukunft" gepriesen, der von unseren Liberalen so hochgepriesene Umsturzapostel, ist nun doch nicht verbrannt, sondern ein» balsamirt und begraben worden. Aber so patriotisch war die italienische Regierung doch noch gesinnt, daß sie die Beisetzung der Leiche in Rom nicht gestattete; und sie that klug daran, denn die Sanctionirung des revolutionären Princips durch die Monarchie wäre geradezu ein Ungeheuer gewesen. Man braucht den Radicalen nicht die Säge in die Hand zu geben, um die Thronpfeiler durchzusägen, sie sind schon längst bei der Arbeit, und daß die Revolutionspartei keinen Augenblick ruht, zeigen die Zustände in Irland, wo ein neuer Doppelmord in Ardrahan und vielfache Mordversuche die scheinbare Ruhe, die seit dem 6. Mai herrschte, jäh verscheuchte.

Der Leser wird mir beipflichten, daß es • an Stoff nicht fehlt; aber nicht blos das Ausland, auch das liebe Inland ist schwer beladen mit Neuigkeiten. Und was für welchen! Das neue Kirchengesetz hat unter feierlichem Friedensgeläute das Licht der Welt erblickt, und die Gesetzsammlung hat dasselbe vom Stapel gelassen. Möge das neue Schifflein, das bei der Taufe den Namen „Goßler'sches Maigesetz" erhielt, und das, beleuchtet von dem Abendroth der untergehenden Culturkampfssonne, seinen Lauf antrat, uns durch die Wogen der noch hochgehenden See endlich in den Hafen

Peter, der Schmied.

Eine Bürgerwehrgeschichte.

(Fortsetzung.)

Ich habe dem Leser zwar nichts Sonder­liches erzählt von meinen Nachbarsleuten, an denen ich indeß immer viel Antheil ge­nommen, wie mich denn überhaupt die Hand­werksleute so lebhaft interessiren; aber hab's erzählen müssen, damit man das Folgende leichter verstehe.

Peter und Gertrud hatten bereits sechs und mehr Jahre miteinander gewirthschaftet, Freud' und Leid miteinander getheilt und wenn auch nicht gerade immer fröhliche Ge­sichter, waren doch Friede und Eintracht bei ihnen wohnen geblieben.

Da brach im Jahre des alten Heils 1848 die weltbekannte Märzrevolution los, welche in bekannter Weise die Welt umdrehte. Das heißt aber, unsere Welt, die wir Men­schen, sei es mit Verstand oder Unverstand gemacht; die Welt, die Gott geschaffen und gemacht, steht noch genau auf dem alten Flecke und der große gewaltige Monarch im Himmel und auf Erden waltet noch un­gestört mit ewigem, weisem und gerechtem Scepter. Berge und Thäler, Flüsse, Meer und Land hat nun auf Erden Gott gemacht, daran läßt sich im Ganzen nichts mehr ändern,

des Friedens geleiten. Die enttäuschten Liberalen bauten vergebens aus der Ver­zögerung des Gesetzes Luftschlöffer auf; es ist da, und nun wollen wir in Geduld ab­warten, welche der „abgesetzten" Bischöfe in ihre Diöcesen zurückkehren und in welchen Diöcefen das Brodkorbgesetz weiter beseitigt wird. Alles lechzt nach dem Frieden zwischen Staat und Kirche, wie Heuer der Juni nach einem wärmenden Sonnenstrahl, nur die verblendeten Trabanten des Liberalismus, der „Wissenschaftliche Predigerverein" für die Rheinprovinz und der „Nordwestliche Protestantentag" in Goslar, haben von Neuem die zerfetzte Fahne des Culturkampfes aufgepflanzt. Wenn die atbeistische Revo­lutionärin Pauline Mink in Paris ihr Kind „Lucifer" nennen will, so kann sich solche nichtswürdige Gemeinheit allenfalls erklären; wie aber protestantische Prediger heute noch so verblendet sein können, die confessionellen Gegensätze zu schüren und die Fahne Falk's aus der Rumpelkammer hervorzuholen, das erkläre sich, wer kann. Freilich stehen die „Nordwestlichen" so wenig auf dem Boden des positiven Christenthums, wie ein Maul­wurf auf einem Kirchthurmknopfe.

Und nun hinein in den Reichstag, wo Fürst Bismarck gesprochen! Bevor er jedoch sprach, sprachen die freihändlerischen Liberalen bei der zweiten und dritten Berathung der Zolltarifnovelle, und da sie merkwür­digerweise wieder einmal die Mehrheit hatten, da auf der Rechten und im Centrum viele Abgeordneten fehlten, nahmen sie die Ge­legenheit beim Schopfe und lehnten die vor­geschlagenen Zollerhöhungen bis auf den aber die Häuser, die Städte und Dörfer haben die Menschen gebaut, wenn es ihnen durchaus gefällt, können sie dieselben auch zerstören; wie es ja Jedem frei steht, der es in seinem festem und dauerhaften Hause nicht mehr aushalten kann, dasselbe nieder­zureißen und in einer elenden Bretterhütte, wenn nicht gar unter einem Zelte von Lein­wand zu wohnen.

Wie gut oder wie schlecht die menschliche Ordnung der Dinge auf Erden ist, das geht die Menschen an, die sie zu machen haben, und wenn sie wollen, können sie die bestehende ändern, ob mit Fug und Recht, verstehe in rechter Weise und mit den rechten Mitteln, das ist wieder ihre eigene Sache, doch darf man sich nicht sonderlich beklagen, wenn man endet wie man angefangen. Die göttliche Ordnung ist auch da auf Erden, und sie umzukehren, ist und bleibt ein tolles Unterfangen. Wer immer wider sie an­rennt, stößt sich den Kopf ein, von Adam an bis auf diesen Tag und bis an's End' der Welt. Wer es nicht glauben will, mag es nur einmal versuchen.

Genug, die Menschen wollten einmal seit dem Jahre 1848 nicht mehr wohnen, wie sie gewohnt hatten und nicht nach der alten Ordnung leben, wie bisher.

In meinem Wohnorte ging die Revolution

Schmalzzoll ab. Sollte man so etwas für möglich gehalten haben, und ist dies nicht ein trauriges Zeichen der parlamentarischen Zerfahrenheit und Unzufriedenheit? Herr v. Ludwig schwang in bekannter Manier die Geißel über die fortschrittliche Fürsorge für den „armen Mann", aber es half Nichts; diesmal waren die Freihändler den Schutz­zöllnern an Zahl über und sie schwelgten noch einmal in dem schon ungewohnten Siegesgefühl. Aber Garne, Honig, Seiler- waaren, Lichte, Dachschiefer, Schmalz und Asbestfabricate, sogar der Entwurf betreffend die Fürsorge für die Wittwen und Waisen unserer braven Krieger zu Wasser und zu Lande, der an eine Commission ver­wiesen wurde, traten plötzlich in den Hinter­grund, als Fürst Bismarck am Montag bei der zweiten Lesung des Tabakmo­nopols das Wort nahm. Die zweistündige Rede des Kanzlers, der sich einen „matten Greis", einen „abgemüdeten Mann" nannte, war interessant; er nannte das Monopol sogar ein „Nebel", aber ein nothwendiges, das den reformbedürftigen mißlichen Steuer- verhältnissen abhelfen solle, und das noch „nicht von der Tagesordnung verschwinden werde." Düster malte der große Kanzler das Bild der drückenden directen Steuern und der zahlreichen Zwangsverkäufe; den „Marasmus der Fractionskrankheit" zeichnete er mit lebhaften Farben an die Wand und in elegischer Weise appellirte er an den „nationalen Gedanken." Er trägt kein Be­denken, „dem Medicamente für den Staat ein Paar Tropfen socialen Oels beizusetzen"; er hat die „Gespensterfurcht" vor dem Worte auch los; wenn aber die Wasser anschwellen, rühren sie den Schlamm auf. In jeder Revo­lution treibt Recht und Unrecht in einem Strome. So war es auch daheim. Da sind neben vielen reichen Leuten doch noch mehr Arme, so viel mehr, daß es wahr­haftig zum Erschrecken ist. Haben die Einen viel, oft Alles, dann haben die Andern nichts, und ich könnte nicht sagen, daß der Engel der göttlichen, christlichen Liebe immer aus­gleichend zwischen den Hütten und den Palästen gegangen. Man hat zwar viel von ihm gesprochen, aber gesehen ward er selten und doch ist das einer von den Engeln, die man sehen, leibhaft fassen will, wenn man rechtschaffen an ihn glauben soll.

Die Revolution war nun allen denen, die sich bis dahin satt Hunger gelitten, lebens­lang aus der Hand in den Mund gelebt, aus Unglück, aus Unmuth oder auch aus Schlechtigkeit in Armnth ' und Elend ge­sunken, oder denen, die mit Reicheren noch rückständige Rechnungen, welche man in keine Schuldbücher eingetragen, auszugleicken hatten, wie denen, die sich gern als Freunde und Rächer des Volkes aufwerfen, eine will­kommene Gelegenheit, ihrem Unmuthe' Luft zu machen.

Man that sich in Vereinen zusammen, erhitzte sich durch aufstachelnde Reden und