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Sonnabend, den 17. Juni 1882.

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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

War das ein Wetter in dieser Woche Im Kalender steht Juni, und draußen ist's Januar. Statt sommerlicher Wärme hatten wir Regen, Sturm und Kälte; geheizte Stuben und dicke Wintermäntel traten wie­der in Dienst und die Aerzte reiben sich vergnügt die Hände, denn überall gibt's zu flicken und zu repariren. Anormal wie das Wetter ist auch die Politik.

Sonst pflegt im Juni ber Stoff so dünn zu sein, wie das Portemonnaie eines Beam­ten am Ende des Monats, und diesmal ist er so reichhaltig, daß man mit dem geplag­ten Dorfschullehrer bei der Geburt des 15. Kindes ausrufen möchte: „Herr, halt ein!" Auch Herr Dr. Windthorst sagte am Sams­tag im Reichstag: „Die Herren von der Presse haben so viele Nachrichten, daß ich ihnen gern etwas Ruhe gönne," und fügte hinzu: „Wird nur gut berichtet, so ist es gleichgiltig, ob der Bericht schon Abends oder Morgens oder drei Tage später er­scheint. Es ist überhaupt ein Fehler unserer Presse, daß sie meint, es komme Alles darauf an, daß das, was um 3 Uhr geschehen, schon 5 Minuten nachher bekannt sein muß." Das ist sehr richtig, aber das liebe Publi­cum ist, mit Verlaub, etwas verwöhnt, und so müssen die Zeitungsschreiber gleich den Postpferden immer ini Trabe bleiben oder galoppiren. Ich selbst habe manchmal Höllenangst, es möchten sich wichtige Ereig- niffe zwischen meine Feder und das Auge des Lesers drängen; der Leser möchte denken: „Ei, davon sagt er ja gar nichts," — und die Welt geht doch voran, denke ich, und der ungeduldige Leser geht mit. Eigentlich müßte man schon heute berichten, was morgen geschieht, aber das bringen nicht einmal die professionirten Wetterpropheten und Klinkerfüße fertig; des­halb bemühte ich mich, wenigstens so „gut" zu schreiben, daß der Leser nicht gähnt und der Staatsanwalt nicht knurrt, und wenn ich hier und da einige Tropfen wohlriechen­den Oels auf den trockenen politischen Salat gieße oder etwas humoristisches und picantes Gewürz hinzuthue, so geschieht das aus dem Grunde, um die ernsteste Sache von der Welt, die böse Politik nämlich, einigermaßen schmackhaft und genießbar zu machen, und weil in unseren düsteren Zeitläuften, wo Alles in Zersetzung und (nach Bismarck) sogar der nationale Gedanke „in Verfinster­ung begriffen" ist, Humor und Satyre das einzige Gegengewicht gegen den Ernst des Lebens und den „Kampf um's Dasein" ist. Wer heutzutage von allen Dingen nur die schwarze Seite sieht, kommt aus dem Schat­ten, dem Kummer und den Sorgen gar nicht mehr heraus; der zittert mit dem Khediv von Egypten, der wettert mit dem abgesetzten Lügenvater Jgnatieff, der möchte aus der Haut fahren mit dem abgetackelten Gambetta.

Hat uns denn die naßkalte Juniwoche in der That so viel bescheert? Man höre und staune: Taufe des kaiserlichen Urenkels in Potsdam mit Fürsten und hohen Herren aus allen Ländern Europas, ein prächtig harmonirendes europäisches Concert. Wie hebt sich von dieser wohlthuenden Harmonie so grell die egyptische Disharmonie ab! In Alexandrien ist schon Blut geflossen; 50 Todte und ca. 100 Verwundete, darun­ter mehrere Consuln, sind das Opfer des Putsches geworden, den die ungeduldigen Westmächte gegen die Araber am Nil in Scene setzten. Daß der Sultan es wagte, die Conferenz abzulehnen, wurmte die West­mächte; daß er einen Commissar, den Der­wisch Pascha, nach Egypten schickte, um die Differenzen auf gütlichem Wege beizu­legen, paßte nicht in den Jntriguenkram der ländergierigen Staatsmänner, welche die Türkei als fetten Braten anzusehen gewohnt sind, und nachdem England und Frankreich lange genug die nationalen und religiösen Geftihle der Eingeborenen aufgestachelt hat­ten, brachten sie es wirklich fertig, daß am Sonntag Unruhen ausbrachen und der Pöbel sich zu Gewaltthätigkeiten hinreißen ließ. Jetzt konnten sie die Kriegsschiffe Heizen und Pulver auf die Kanonenpfannen schütten lassen, — aber die Ruhe wurde in Alexand­rien schnell und von den egyptischen Sol­daten selbst wiederhergestellt, und der bedächtige und fchlaue Türke Derwisch hält zäh an der Idee fest, daß seine Mission gelinge und daß er bester allein als mit Hilfe der engl. und franz. Kanonen fertig würde. Tas ist auch meine Meinung.

Doch weiter. An der landesüblichen Ministerkrisis in Serbien vorbeieilen wir nach Petersburg, wo endlich der Mephistopheles des Czaren, der Ränkeschmied Jgnatieff, auf Befehl des Kaisers ent­lassen wurde und Graf Tolstoi, der Prä­sident der Akademie, zum Minister des Innern ernannt wurde, — ohne Zweifel das wichtigste Ereigniß der Woche. Jgnatieff, der unverbesserliche und unversöhnliche Pansla- vist, der so oft als „abgethan" gemeldet wurde, und der sich immer noch im Sattel hielt, war eine fortwährende Gefahr für den Frieden Europa's, trotzdem er nur das In­nere des Czarenreiches zu leiten hatte. Der Mann, welcher Arbeitskraft mit Charakter­losigkeit, Arbeitsdrang mit Ränkelust, diplo­matisches Lächeln mit Deutschenhaß verband, der seinen Brandstifter Skobeleff nach Frankreich schickte, um das europäische Pulverfaß zum Explodiren zu bringen, war eine Dynamitmine unter den Füßen der wackeligen Jungfrau Europa, und die Be­seitigung dieser Mine ist grade im gegen­wärtigen Augenblicke, wo die Wellen des Nils höher gehen und grollend an die Planken des westniächtlichen Kriegsschiffes ichlagen, von kauin zu unterschätzender Be­deutung und Tragweite.

Weniger rosenfarbig wie in Petersburg

sehen die Dinge in Pest sich an, der Name klingt schon so düster. Die Frage, ob den aus Rußland einwandernden Juden, die vielfach mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind, Halt zu gebieten sei, führte nicht nur zu erhitzten Debatten im Unterhause, son­dern auch zu einer versuchten Prügelei zwi­schen den Abgg. Jstoczy und Wahrmann und schließlich am Montag zu einem Duell, bei dem die Kugeln aber glücklicherweise nur Löcher in die Luft schossen; es scheint, daß die Unsitte, parlamentarische Differenzen mit Waffen auszufechten, immer mehr um sich greift, und die Nationen wissen solchen Ab­geordneten, die für „das Wohl des Volkes" nicht blos Zeit und Mühen, Kopf und Zunge, sondern sogar ihre Haut zu Markt tragen, nicht einmal Dank, — man lacht sie aus! Wien hat einen Stein von: Herzen und einen Alp von der Brust, denn in der Per­son des bisherigen Abtheilungs-Directors im auswärtigen Amte, Baron v. K a l l a y, ist ihm endlich ein neuer Finanzminister ge­worden, der auch die bosnischen Geschäfte zu besorgen hat und auf den man große Stücke hält, weil er das Morgen- und Abend­land kennt und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen sein soll. Möge er in seinem schwierigen Amte so fest stehen, wie sein Kaiser in der Liebe des österreichischen Volkes!

Nicht mehr fest stehen in Frankreich die Richter, denn die Deputirtenkammer hatte den ungeheuerlichen Muth, die Absetz­barkeit der Richter gutzuheißen; das nennt man „reformiren". Was die Rasirwuth der Jakobiner und die Rücksichtslosigkeit des dritten Napoleon nicht gewagt, das brachte die dritte Republik fertig, nämlich den Rich­terstand abhängig zu machen von den wechseln­den Regierungsströmungen, die Richter zu feilen Helfershelfern der Minister erniedrigen zu wollen. Das sind die „Freiheiten", welche Republiken den Völkern bescheeren! — Und was hat die Wahlschlacht in Bel­gien dem Lande bescheert? Ist die Macht der Loge gebrochen, hat das christliche Volks­bewußtsein die Ketten des Alles vergewal­tigenden Liberalismus gebrochen? Den Wahl­kreis-Geometern kamen die Minister mit langen Reden zu Hilfe, um den Katholiken, die hauptsächlich die confessionelle Schule auf ihr Programm geschrieben, den Sieg streitig zu machen. Die Liberalen waren sich wegen des allgemeinen Stiinmrechtes in die Haare gerathen, und Herr Fröre war in Lüttich so offen, zu erklären, dieses sei das größte Uebel, denn das allgemeine Stimmrecht werde die Katholiken für immer an's Ruder bringen. Auch das ist die „Freiheit" und die „Achtung des Volks­willens", welche der Liberalismus immer im Munde führt; aber Worte und Thaten sind halt zwei verschiedene Dinge.

Deutsches Reich.

-o- Berlin, 15. Juni. Der § .1 der Tabakmonopolvorlage ist gestern vom Reichs-