»W 135. Donnerstag, den 15. Juni 1882.
Fuldaer Ieitung.
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-u. Die Berliner .Nationalzeitung, über das französische Schulgesetz!
Es ist allerdings nicht zu bezweifeln, daß das französische Gesetz vom 28. März über den obligatorischen Primärunterricht der Kirche manchen Schaden zufügen muß. Welche Erfolge auch die Gegenwehr der Katholiken haben mag, immerhin werden Hunderttausende, von katholisch getauften Kindern in den Staatsschulen zu Ungläubigen herangezogen werden. Das gefällt der .Nationalzeitung' und ihresgleichen so gut daß sie sagt: „Wenn den Franzosen die Durchführung dieses Gesetzes gelingt, der religionslose Volksunterncht sich festsetzt und bewährt, werden sie einmal wieder mit Recht von sich sagen können: Daß sie noch immer an der Spitze der Civilisation marschiren."
Mit den banalen Redensarten, welche dieses Hauptorgan der Nationalliberalen über die Unverträglichkeit von Religion und Wissenschaft wieder zu Markte bringt, wollen wir das Papier nicht verderben und nur den Schluß anführen. Derselbe lautet: „Die Franzosen, als ein logisches Volk, nicht aufgehalten durch sentimentale Einwürfe und Bedenken des Gemüthes, sind zur äußersten Consequenz vorgeschritten. Indem sie in der Kirche die Feindin der Republik, der bürgerlichen Freiheit und der Fortschritte der vernünftigen Erkenntniß sehen, wollen sie ihr keinen Theil an der Erziehung des Heranwachsenden Geschlechtes lassen. Der religionslose Staat vermag nur einen religionslosen Unterricht zu ertheilen, ihm liegt nur daran, daß jeder seiner Bürger ein gewisses Maß nützlicher Kenntnisse erhält, nicht, ob er an dieses oder jenes Dogma glaubt. Für die religiöse Unterweisung ihrer Kinder mögen die Eltern sorgen. In die Augen springt, daß zunächst mit diesem Gesetze die Stellung der Lehrer der Geistlichkeit gegenüber eine durchaus würdigere und angemessenere wird. Zum ersten Male seit Ordnung des öffentlichen Unterrichts durch Napoleon l. wird sich der Lehrer in Frankreich als Herr in der Schule fühlen, er wird nicht mehr ein Anhängsel des Pfarrers sein. Der weltliche Unterricht, von der Rücksicht auf die Kirche befreit, kann den kräftigsten Aufschwung nehmen.. Daß ein solches tief einschneidendes Gesetz nicht ohne die schwersten und härtesten Kämpfe in das Leben der Nation übergehen wird, braucht ebensowenig betont zu werden, wie die gewaltige Umwandlung aller Anschauungen, die sein langsam sich vollziehendes, aber unabänderliches Resultat sein wird. Wenn dies Experiment einem so großen Staate, von so alter Cul- tur wie Frankreich gelingt, wird der Sieg der bürgerlichen Gesellschaft und der Wissenschaft über die Hierarchie nicht länger zweifelhaft sein."
Man sieht, daß der Kirche gegenüber selbst unsere zahmeren Liberalen um kein Haar beffer sind, als die röthesten der französischen Rothen. Die Parole, nach der man jetzt
in Frankreich reformirt, lautet: „Ni dieu, ni maitre.“ „Weder Gottj noch Herr." Man ist wieder auf dem alten Wege, den man 1789 eingeschlagen hat. Wenn aber erst Gott depossedirt ist, so werden die Massen auch bald und ohne Umstände selbst ihre republicanischen „Herren" depossediren. Ist erst die Masse atheistisch geworden, wie will die Bourgeoisie dann noch ihre sociale und politische Herrschaft vertheidigen? Kennt die ,Nationalzeitung' die Logik und Entwickelung der Revolution? Wenn nicht, so ist sie sehr unwissend; wenn ja, so ist es ein Verbrechen, daß sie ein Unternehmen als segensreich bezeichnet, dessen Tendenz es ist, die Blasse ungläubig zu machen.
Brennt der Bourgeoisie wieder einmal das Dach über dem Kopfe, dann sieht sie alsbald ein, daß das Christenthum keine bloße „Gefühlssache", sondern die größte geistige Macht auf Erden, die größte Realität der Weltgeschichte ist, daß es allein im Stande ist, die schwankende politische und sociale Ordnung zu schützen. Sobald aber die liberale Bourgeoisie sich wieder wohl fühlt und nichts befürchten zu müssen glaubt, brennt sie vor Uebermuth, die Kirche zu schädigen und zu verfolgen. Es ist stets ihr alter Tanz im Kreise.
Die .Nationalzeitung' meint, wenn in Frankreich das neue Schulexperiment gelinge, werde der Sieg der bürgerlichen Gesellschaft und der Wissenschaft (d. h des Liberalismus) über die Hierarchie (d. h. das Christenthum) nicht länger zweifelhaft sein. Wenn das als Beweismittel gelten soll, so könnte, nach einem Gelingen des Experimentes, das liberale Organ mit demselben Rechte folgern, nachdem der Republik ein Experiment gelungen fei, welches von Monarchien bisher vergeblich versucht worden sei, so sei auch der Sieg der republicanischen Regierungsform über die althergebrachte monarchische Ordnung nicht länger mehr zweifelhaft. Und darauf wird es auch schließlich hinausgehen. Wenn Frankreich wieder an der Spitze der Civilisation marschirt, so werden ihm unsere Liberalen auch die Republik nachmachen wollen. Die Revolution und den Parlamentarismus haben wir den Franzosen ja schon nachgeahmt. Zudem darf man annehmen, daß es bei uns Liberalen genug gibt, die nach den Rollen sehen, welche Grevy, Gambetta und Freycinet in Frankreich spi len; daß sie denken: „Was die sind, können wir auch noch werden." Kann denn in den Herzen überhaupt noch jener christliche Respect vor der gottgesetzen Autorität, jener pietätsvolle Monarchismus wohnen, wenn die Religion ganz und gar daraus entschwunden ist? Wir können uns das nicht denken.
Deutsches Reich.
• Berlin, 13. Juni. In der heutigen Reichstagssitzung wurde die Debatte über die Monopolvorlage fortgesetzt. Richter
(Hagen) hielt wieder eine Philippika gegen den Reichskanzler, dem er Uebertreibungen, Entstellungen, leichtsinnige Versprechungen, Mangel an Logik, Mißachtung der Volksvertretung rc. vorwirft. Das Einzige, was Richter in feiner langen Rede mit vollem Rechte betont, ist die Thatsache, daß die Militärlasten zu einer Höhe emporgewachsen sind, die auch durch Monopole auf die Dauer nicht gehalten werden kann. Staats- fecretär Scholz widerlegt einige Ausführungen Richters, um den Conservativen und dein Centrum das Wort zu lassen. Minnige - rode sowohl wie Windthorst tadeln die Fiebereile, womit die Commission gearbeitet habe, zu dem Monopol selbst stehen sie aber auf entgegengesetztem Standpunkte. Während Min- nigerode f ü r Annahme des Monopols plaidirt, spricht Windthorst gegen die Vorlage. Mit dem ihm eigenen Nachdruck richtet Windthorst an den Reichskanzler und die Regierungen die dringende Bitte, nach Ablehnung des Monopols eine bestimmte Erklärung darüber abzugeben, daß das Project aufgegeben sei, damit Ruhe in's Land komme. Durch das Monopol würden allerdings Bremen und Hamburg und mittelbar Hannover schwer geschädigt werden. Der Steuerdruck im ganzen Lande treibe die Leute aus dem Lande, ebenso die Militärlasten und die Beeinträchtigung der Religion im Reiche. Tas Centrum hat mit der größten Energie die Wirthschaftspolitik des Reichskanzlers unterstützt, welche segensreich gewirkt habe. Wie sollen wir also dem Reichskanzler Opposition machen? Neue Steuern anzugeben sei nicht die Aufgabe der repräsentativen Körper, sondern der Regierung. Preußen hat unnöthig die Schullasten vermehrt um die Schulpolitik Falk's durchzu- führen. Er bitte das Haus, mit möglichst großer Majorität die Vorlage abzulehnen.
Auch K a r d o r ff erklärt sich Namens eines Theiles der Conservativen gegen das Monopol, worüber Unterstaatssecretair Mapr fein Bedauern ausspricht. Nachdem noch Abg. Ludwig den Antrag gestellt hat, die Vorlage an die Commission zurückzuverweisen, und der Abg. Magdzinski die Erklärung Namens der Polen abgegeben hat, sie seien zwar im Princip für das Monopol, enthielten sich aber aus politischen Gründen der Abstimmung, wird die Debatte auf morgen vertagt.
- - Die Taufe des jungen Prinzen wurde mit Jordanwasser vollzogen, welches der Kronprinz von seiner Reise nach Palästina mitgebracht hatte, und das seitdem in der Schloßapotheke unter sorgsamem Verschlüsse aufbewahrt wurde.
— Der österreichische Kronprinz stattete dem Reichskanzler einen längeren Besuch ab. — Vom Abg. Wölfel ist folgendes Gesetz betreffend die Stimmzettel für öffentliche Wahlen eingebracht: „Einziger Artikel. Stimmzettel, welche im Wege der Vervielfältigung hergestellt sind und nur die Be-