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Sonntag, den 11. Juni 1882.
5 Walter,
der kleine Porzellanhändler. (Fortsetzung.)
Dazumal brauchte man noch kein Patent; trotz der Franzosen lebte noch manche Freiheit, besonders auf dem Lande. Wenn man den kleinen Handelsmann so rüstig daher marschiren sieht, möchte man hingehen, ihm die Hand geben und eine glückliche Reise wünschen, so wohl gefällt er uns, nicht wahr, lieber Leser? Und wenn wir auch gerade nichts Besonderes in der Haushaltung nöthig hätten, und wenn das Geschirr uns gradezu im Wege stände, wir kauften ihm doch dies oder jenes ab, blos um ihm Muth zu machen, um seine kindliche Liebe zu belohnen, meinst Du nicht auch? Und der liebe Herrgott sieht gewiß mit besonderm Wohlgefallen auch auf das gute Kind herab, für das jetzt im kleinen Stübchen eine besorgte und auch wieder beglückte Mutter betet. Er hat gewiß seinen Engeln ganz besondere Instructionen gegeben, damit sie den Knaben nur gar sorgfältig bewachen, wie einst den jungen Tobias, ihm gute Gedanken eingeben, ihn vor Unglück schützen und mit gutem Gewinn nach Hause zurückführen zur harrenden Mutter. Er verdient das doch geiviß? Nun ja, das scheint sich von selbst zu verstehen.
Wie oben bemerkt, ist der Weg vom Regen erweicht, und vorsichtig und fest muß man auftreten, um nicht auszugleiten auf dem schlüpfrigen Boden, auch wenn man keinen Porzellan trägt. Walter hat bereits eine gute halbe Stunde Weges glücklich zurück- gelegt und schon "erblickt er in einiger Entfernung Bauernhöfe liegen, noch etwas weiter ein kleines Dorf, wo er sein erstes Glück versuchen will. Schon hat er genau im Kopfe berechnet, wie theuer er jedes Stück seiner Waare verkaufen muß, um mit einigem Vortheil zu handeln, und für die leidende Mutter etwas zu erübrigen. Ob es ihm heute noch wohl gelingen wird, seine Waare sämmtlich abzusetzen? Was er den Leuten wohl sagen soll? Wie seine Waare anpreisen, wie auf die Einwürfe antworten? Jetzt hat er alle Züge herumziehender Händler, die ihm zu Gesicht gekommen, schon im Gedächtnisse gesammelt und ist eben am mustern, welche ihm am Besten gefallen, und die auch den andern Leuten wohl anstehen, lieber» fordern will er die Leute durchaus nicht, auch ihnen nichts vorlügen, denn die Mutter hat gesagt: Ehrlich währt am längsten; und ein recht ehrlicher Handelsmann will er sein und bleiben. Darüber hat er nun viele Arbeiten in seinem Kopf und lebhafte Sorge, auch schon ein Vorgefühl von der
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Xl Politische Streifzüge.
(Nachdruck verboten.)
Trarira, der Sommer der ist da.
Die sauren Gurken blühen, In's Bad die Großen ziehen. Trarira, der Sommmer der ist da!
So fingen die Kinder in den Schulen und denken in ihrem Jubel nicht, wie ver- hängnißvoll die stoffarme Sommerzeit für die Politiker werden könnte, wenn es nicht glücklicherweise immer eine „Frage" gäbe, die, wie z. B. die egyptische, zu allerhand schönen Naisonnements und Wahrscheinlichkeitsberechnungen Veranlassung böte. Ja, im Sommer, wenn die Seeschlangen ihren Rachen öffnen, die Hundstage ihren heißen Athem ausströmen und die sauren Gurken ihre grünen Wurstleiber dehnen, dann ziehen die Großen in die Bäder, und der gewöhnliche Mann zieht wenigstens — leichte Kleider an, wenn er welche hat. Diesmal brauchen die Zeitungsschreiber- und Leser den Sommer nicht zu fürchten, denn Stoff ist genug da, und ehe er ausgeht, ist wieder neuer da. Man denke an die Soldatenschinderei in Bayern, den Socialistenproceß in Würzburg, die Verhaftung Bebel's in Leipzig, die Auswanderung der Kinder Israels aus Rußland, die Taufe int Schlosse zu Schwerin, an die Communisten in Paris, die den Ca- pitalismus und die Gesellschaft vernichten wollen; an Herrn Reinkens, der trotz des Protestes des Münchener Erzbischofs seine Firmungsreisen in Bayern angetreten hat, und an — Garibaldi, der endlich wirklich gestorben ist, nachdem er politisch längst
tobt war. Daß die Liberalen und Radicalen diesen Erzrevolutionär und Kirchenhaffer in alle Himmel erheben und sogar zu einem „Heiligen" machen, legt so recht die Herzensgesinnung der Leute vor aller Welt klar, die sich sonst als die Stützen der Monarchie aufzuspielen lieben. Garibaldi haßte das Königthum, und das rechnen ihm nicht blos die Liberalen in Rom und Paris, sondern auch in Berlin und Wien hoch an; aber noch mehr haßte er das Papstthum, und das rechnen ihm die Radicalen noch höher an. Ein Mann, der die Kirche verfolgt, ist in ihren Augen ein „Held", ein „Ideal", ein „Heiliger", mag er auch ein Ehebrecher sein und mit den Mordbrennern in Paris und den Nihilisten in Rußland sympathisiren. Der Himmel stehe uns aber bei, wenn solche „Helden" ä la Garibaldi, solche Verächter der Moral und Religion, als „Tugendmuster" gelten sollen, wie der Liberalismus dies verlangt. Da der Ziegeninselheld den Vatican nicht einäschern konnte und den Thron des Königs dazu, hat er verordnet, daß er selbst wenigstens zu Asche verbrannt werde,*) — sein Denkmal soll aber, so beschloß die Kammer in Rom — errichtet, eine Gedenktafel im Sitzungssaal angebracht und der Wittwe nebst Kindern sollen jährlich 60,000 Frcs. Pension gezahlt werden. Daß die Katholiken die Urne ihres größten Feindes mit Koth beworfen haben, wie der röin- ifche Pöbel am 13. Juli v.J. den Sarg Pius IX. verumglimpfte, habe ich nirgend gelesen, wohl aber, daß die Studenten in Rom die
*) Diese „Verordnung" ist bekanntlich nicht befolgt worden.
Druckerei einer Zeitung demolirten, weil sie einen Artikel über Garibaldi gebracht, der diesen Muster- und Musensöhnen nicht paßte. So sind die Liberalen!
Doch fort von dem Aschenkruge eines Mannes, der so recht ein Kind des zersetzenden Zeitgeistes unseres Jahrhunderts war; eilen wir von Caprera nach Kairo. Es geht ja so lustig am Nil zu, daß man lachen könnte, wenn die Sache nicht gar zu ernst wäre. England und Frankreich verkrochen sich hinter das europäische Concert; aber obschon die Franzosen die Trommeln wirbeln ließen, die Engländer die dicke Pauke schlugen, Deutschland den Tactstock in die Hand nahm, Rußland ans dem Baß klimperte, Oesterreich die zweite Violine streichen wollte und Italien die Heul-Flöte schon am Munde hatte, kommt nicht einmal das Vorspiel des Concertes, das Stimmen der Instrumente, zu Stande, weil die Türkei, die auf dem letzten Loche pfeifen sollte, mit einem Donnerwetter dazwischen fuhr. Der Sultan hält die Conferenz einfach für unnöthig, schickte einen Comrnissar nach Kairo und die Londoner und Pariser Bettler, die sich hilfeflehend an die Concertmeister und ersten Geiger gewandt hatten, mit dickem Kopfe heim. Der Humor an der Sache ist der, daß der schwache Vicekönig von Egypten mit den Weltmächten und der rebellffche Minister Arabi mit dem Sultan hielt, und daß England und Frankreich ihren Strohmann gegen den Strohmann der Pforte aufspielten. Nun wittern die verblüfften und blamirten Diplomaten an der Seine und Themse eine „große Jntrigue", die tief
Wonne, wenn er nun nach Hause zurückkehrt und der Mutter einen hübschen Tagelohn in die Hände legen kann. Weit gingen zwar seine Pläne noch nicht, aber sie waren für ihn ungewöhnlich und regten seinen Geist auf, so daß er des Weges hin und wieder nicht ganz Acht hatte, ein wenig ausglitt, aber schnell stand er wieder aufrecht und ging finniger vorwärts. Aber dann stürmten auch wieder die neuen Gedanken ihm durch den Kopf, und seine ganze Seele lebte in der nächsten Zukunft. Was wird die Mutter sich freuen, wenn du sie ernähren kannst, dachte er frohlockend, als er eben einen etwas abschüssigen Pfad betrat, aber damit glitt er auch vollständig aus und purzelte mit feiner Kiepe den Weg hinunter, daß ihm das Geschirr über dem Kopf wegrollte in die Fahrstraße hinein^ und das Klittern der Scherben und das dumpfe Aufschlagen der Kiepe, die er noch an einem Riemen festhielt, sein ganzes, unermeßliches Unglück verkündete. Dazu erscholl noch von dem nahen Kleefeld schallendes Gelächter wie zum Hohn, denn ein solches Unglück geht selten ohne Spott ab. Es kommt von den leichsinnigen Mädchen, die sich schon über den zwergartigen Handelsmann, seit sie ihn von weitem gesehen, lustig gemacht. Der arme, arme Walter, der doch so sorgfältig