Jt& 129.
Mittwoch, den 7. Juni 1882.
Fuldaer M Jritung.
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c- Die Stellung des Königthums in Rom neben dem Papste.
In der Londoner .Times' (15. October 1881) erklärte ein italienischer Staatsmann: „Rom ist für uns eine Last, eine Verlegenheit, eine geographische, diplomatische und politische Absurdität. Haben wir einmal eine andere Hauptstadt gefunden, die naturgemäßer und den Dingen entsprechender ist, dann werden alle Verlegenheiten und Gefahren der gegenwärtigen Situation gehoben fein." Dies ist das Urtheil der ganzen gebildeten Welt.
Es würde zu weit führen, wenn wir jeden einzelnen Satz des obigen Ausspruchs des Weiteren erhärten wollten; theilweise ist es in früheren Artikeln geschehen. Betrachten wir diesmal die Stellung des Königthums in Rom neben dem Papste; wir stehen nicht an, dieselbe als eine armselige zu bezeichnen. Angesichts der päpstlichen Würde verschwindet die königliche, weshalb Constantin der Große, sobald er das Priesterthum befreit hatte, nicht neben dem Nachfolger Petri am Tiber wohnen wollte, sondern die Hauptstadt an den Bosporus nach Byzanz verlegte. Ein römisches Sprichwort lautet: „Zu Rom werden Wachsfackeln zu Kerzen und Kerzen zu Zündhölzchen," d. h. die Erhabenheit des Papstes überstrahlt jede menschliche Würde. In Turin oder Mailand könnte das Königthum wie eine Wachsfackel leuchten, in Rom wird es zur unscheinbaren Kerze. Während sich im Vatican der in« und ausländische Adel zusammendrängt, während dichte Pilgerzüge und zahlreiche Deputationen zum Vater der .Christenheit
2~ Walter,
der kleine Porzellanhändler. (Fortsetzung.)
Ach, lieber Leser, was muffen sonst gute, redliche Menschen nicht oft leiden! Scheint es doch bisweilen, als habe Gott der Herr gerade ans sie alles Leid zufammengehänft, um sie unter feinem Gewichte zu erdrücken. Warum das wohl oft fein mag? Vielleicht kann ich dir's heute im Verlause unserer Erzählung an einem Beispiele zeigen. Und das Beispiel ist nicht erfunden, sondern eine wirkliche Geschichte, worin ich mich mit Namen und Umständen nur etwas in Acht nehmen muß, um nicht vielen Leuten Gelegenheit zu geben, mit Fingern ans die betreffenden Personen zu weisen, was mir ihretwegen nicht gerade lieb wäre. Die hätten nämlich lieber, daß die Geschichte ganz verborgen blieb; aber ich denke, Du, lieber Leser, könntest sie vielleicht brauchen, und Nutzen daraus ziehen, und da muß sie denn an's Tageslicht.
An jenem Abende also saß die Gertrud, in Kummer versenkt, bei ihrem Lämpchen Über der hingesunkenen Arbeit, die schlechterdings nicht mehr rücken wollte, und weinte, als ob die bereits kranken Augen vollends rblinden sollten. Das Vorgefühl ihrer Un
eilen, wohnt der arme König einsam oben im Qnirinal, der nicht einmal fein, sondern Eigenthnm der Kirche und des Papstes ist. Von dort sieht er hinüber zum St. Peter und dem imposanten Vatican, wo der rechtmäßige Landesherr und das Haupt von 216 Millionen Katholiken wohnt, wo ein Thron aufgerichtet steht, gegen welchen die Mächte der Hölle nichts vermögen. Welch' ein Wohnsitz, welch' ein Ausblick für den König! Kein Wunder, daß Victor Emanuel, der bei seinem emancipirten Leben immer noch Glauben hatte, in gesunden Tagen keine einzige Nacht im Qnirinal schlafen wollte, daß er sich gegen die Uebersiedelung nach Rom lange sträubte, und daß auch jetzt nur jene Mitglieder des Königshauses daselbst refibiren, die eben nicht anders können.
Rom als italienische Hauptstadt ist daher in jeder Hinsicht die größte Verlegenheit für dieses Königreich. Es ist eine Löwengrube geworden, in welche die Revolution sich hineingewagt, aus welcher sie nicht mehr mit Ehren heraus kann. Nur e i n ehrenvoller Rückzug wäre möglich: wenn die Mehrheit die Nation um Rückgabe des römischen Gebietes an den Papst bitten wollte, so daß eine Art von allgemeiner Abstimmung, die auch vor einer Revolutionsregierung gilt, den Rückzug beschönigen würde. Und wirklich hat Leo XIII. in väterlicher Güte und Weisheit dem Feinde diese goldene Brücke gebaut durch seine En- cyklica an die Bischöfe Italiens von' Mitte Februar 1882. In derselben legt der Papst die Uebel dar, von welchen die Kirche heimmacht, durch Arbeit sich ferner redlich ernähren zu können, dann wirklich mit dem Knaben den Bettelstab in die Hand nehmen zu müssen, drückte selbst ihr Gottvertrauen tief unten in's Herz hinab, daß sie es kaum darin wiederfinden konnte. Endlich brach sie in laute Klagen aus, rief ihren Mann an, daß er sich doch ihrer erbarmen, sie doch auch hinüber holen möge, die doch nun gar keine Hilfe wisse auf dieser Welt und der es besser wäre, sie stürbe. Ja, ihre Klage wurde recht eigentlich zum Gebete um den Tod. Mußt nicht allzu streng richten, lieber Leser, vielleicht weißt Du nicht, was der Schinerz in der Roth redet.
Walter, der eben noch bei der Mutter gesessen, hatte sich in eine Ecke des Stübchens zurückgezogen. Anfänglich hatte er mit der Mutter geweint, wie es sonst immer geschah, dann aber waren die Thränen bei ihm verstecht. Mit eigentümlichen Blicken beobachtete er an dem Abende den Jammer der Mutter. An feine eigene harte, herbe Jugend hat er nicht gedacht, daß ist gewiß. Bald färbten sich feine bleichen Wangen mit leichtem Roth, dann blitzten seine Augen, als ob ein nie gekanntes Feuer durch sein Herz gefahren; bald saß er da, wie ein altkluges Männchen, die Arme auf die Kuiee gestützt, den Kopf in die Hände gelegt nnd schaute unverwandt
gesucht ist, und sagt, es sei für die christliche Sache vom höchsten Interesse, daß der oberste Hirte bei Leitung der Kirche frei oon allen Gefahren, Bedrückungen und Fesseln sei. Zur Erzielung dieses Resultates sei eine Petitionsbewegung einzuleiten und innerhalb der gesetzlichen Schranken Alles aufzubieten, um dem Papste thatfächlich die Freiheit wiederzugeben, an welche das Heil der Kirche, die Wohlfahrt Italiens und der Friede der Christenheit geknüpft fei.
Es ist höchste Zeit, daß tbie Apeunin- Halbinsel sehr bald erkenne, was ihr znm Frieben biene. Jeder Stein der ewigen Stadt verkündet es, daß Rom dem Papste und sonst Niemanden gehöre.
Hören wir schließlich die schönen Worte des Cardinals Bonnechose, Erzbischofs von Rouen in seinem Hirtenbriefe vom Januar 1882, in welchem er mit kräftigen Worten für die Wiederherstellung des Königreiches eintritt und an Italien die glühende Apostrophe richtet:
„Italien, Italien! Du gewichtes, von Gott und den Menschen geliebtes Land; Dir, welches wir schon in unserer Kindheit zu bewundern gelernt haben; Du, nach welchem jedes edle Herz sich sehnt, um Dich nur desto mehr zu lieben, je genauer es Dich kennt, Land des Entzückens und der bezaubernden Schönheit, welches uns durch Ehrfurcht und Liebe immer auf's Neue anzieht und fesselt. Du, so groß und so ruhmreich in Deiner Vergangenheit, warum lehnst Du die herrliche Bestimmung ab, welche Deiner noch harrt? Willst Du, daß der Allmächtige Dir Glück und Segen gewähre? Dann gehorche, vor sich hin auf den ausgetretenen Lehmboden der Stube, als ob er mit seinen Blicken Löcher hineinbohren und tief unten im Boden Schätze suchen wolle. Offenbar gingen allerlei Gedanken dem Knaben durch den Kopf, oder vielmehr eine Reihe von überaus lebhaften Bildern zogen an seinem Geiste vorüber und regten seine ganze Einbildungskraft auf. Wohl hörte er das Schluchzen der Mutter, wohl tönten ihre Klagen ihm in die Ohren, fielen doch ihre Thränen ihm wie Feuerflocken auf das junge, weiche Herz, und empfand er selbst einen Jammer, den er nicht auszusprechen vermochte; aber gerade dieses Uebermaaß von Leid schien seinen Geist aufgeregt zu haben und diese Gebilde seiner Einbildungskraft zu erzeugen, die er mit einer fast wunderbaren Festigkeit betrachtete. Höher rötheten sich dabei seine Wangen, Heller glänzten oft feine Augen, es war, als regten sich die Locken um feinen Scheitel, während fein Herz in rascheren Schlägen höheres Leben verkündete. Endlich legte er die Arme über einander, blickte gradeaus auf die weinende Mutter; er meinte wahrhaftig, er fühle etwas von einem Manne in dem jungen Herzen, und seine leuchtenden Blicke hafteten eine Weile unverwandt auf dein Gegenstände seiner Gedanken. Eben hatte die arme Gertrud, im tiefsten Gefühl ihres Jammers wie