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M 127. Sonntag, den 4. Juni 1882.

Fuldaer 8® Ieitung.

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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Wichtige politische Ereignisse hat die Woche nicht aufzuweisen, und das ist gut, denn erstens sind diese selten etwas werth, und zweitens kann das Land einmal arffathmen und zur Besinnung kommen. Die Wochen nach Ostern, Pfingsten und Weihnachten sind die drei politischen Gedankenstriche im Jahr, die eine wohlthuende Unterbrechung in das hastende Treiben bringen. Ich will das, was der Erwähnung werth ist, kurz aufzählen:

In München wurde der „altkatholische" Professor Friedrich aus der theologischen Facultät in die philosophische versetzt; na, der Altkatholicismus verträgt sich mit der ne- girenden modernen Philosophie auch besser, als mit der Theologie., In Meißen maßen bei der Reichstagsersatzwahl die Conserva- tiven, Fortschrittler und Socialdemokraten ihre Kräfte, und da die beiden ersteren als ziemlich gleich stark sich erwiesen, müssen sie noch einmal wühlen und wählen.

Grgf. Taaffe in Oesterreich schmunzelt, denn er hat die Wahlreform und den Zoll­tarif im Trocknen; aber Graf Beust schmun­zelt nicht, trotz des huldreichen Schreibens des Kaisers Franz Joseph. Wer so lange wie Beust in die Politik mitbestimmend ein­gegriffen hat und jetzt ein politisch todter Mann ist, kann schwerlich sich in rosiger Laune befinden. Wir sahen ihn ohne Thränen scheiden. Ohne Thränen der Wuth vielleicht nicht, aber doch ohne Tumulte vollzog sich die Einstellung der Rekruten in der gowina, die s. Z. bekanntlich den äußern

Eine Kirchenmusik.*)

In den Weihnachtsferien vereise ich ge­wöhnlich in meine Vaterstadt. Eine Stunde von derselben liegt das Dorf X., woselbst mein Freund, ein alter Herr, als Lehrer und Cantor fungirt. Derselbe, plötzlich er­krankt, hatte mich dringend bitten lassen, ihn in den Festtagen zu besuchen, da er bei Aufführung einer Kirchenmusik sicher auf mich rechne. So machte ich mich rechtzeitig am ersten Feiertage früh auf den Weg, um wenigstens noch die Generalprobe mitmachen zu können.

Ungefähr eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes kam ich in der Schule an, woselbst ich die ganze Dorfcapelle und die Sänger versammelt fand.

Ich verlange meine „Stimme".

„Ist federleicht!" antwortete mein Freund, „sie liegt schon in der Kirche".

„Dann rasch dahin zur Probe!" bat ich.

Dort hieß es: „Sie müssen die Pauken schlagen!"

„Ich die Pauken? Soll ich denn nicht die Orgel spielen?"

„Das nicht, denn im Choral brauchen wir die Pauke; wir haben eine große Trom­melpauke."

*) Eine Persiflage der modernen Kirchenmusik auf Landchören.

Anlaß zum Aufstand bot. — In Rußland hat die Revolution einen gewaltigen, wenn auch unblutigen Triumph gefeiert; der Be­herrscher aller Reußen hat aus Furcht vor den Nihilisten die Moskauer Krönungsfeier vertagt, - auch ein Zeichen der Zeit! In England ist der Compromiß Gladstone's mit den Führern der Liga in Folge des neuen Zwangsgesetzes schnell genug in die Brüche gegangen; Davitt hat in Manchester eine Rede gehalten, deren verhetzender Ton Nichts zu wünschen übrig ließ, und deren Folgen sich in neuen Agrarverbrechen kund­geben. Auch in Spanien rumort es wieder; mehrere Banden von Aufständischen durch­ziehen das Land, und bei Barcelona kam es zwischen den Truppen und Insurgenten zu einem Handgemenge. Wenn aber Spanien Blasen wirft und Irlands Boden zittert, dann darf Paris felbstredend nicht hintan­stehen, und so hatte das moderne Babel denn auch im lateinischen Viertel ernstliche Unruhen; die Studenten wollten die Zuhäl­ter in diesem Viertel nicht dulden, beliebten eine Kundgebung, und nun hieb die Polizei so gewaltig drein, daß an hundert Schwer­verletzte, darunter Frauen und Kinder, vom Platze fortgetragen wurden. Das geschah in der Nacht des hl. Pfingstfestes!

Allen Ereignissen voran steht aber die egyptische Frage, die Tag für Tag ihr An­tlitz wechselt und so viele Ueberraschungen bietet, daß man sich schließlich über Nichts mehr wundert. Soll man die Verwicklungen am Nil, die immer ernster werden, eine frevelhafte Komödie nennen, oder mit Rück­sicht auf den düstern Hintergrund eineTra-

„Wo ist der Schlägel zu der Trommel, zu der Pauke?"

„Der ist verloren."

Der erfinderische Schmied, die erste Geige, besann sich nicht lange; er brachte rasch einen Hammer und ein Paar Strümpfe von „seiner Alten", wie er sagte.

„Tas gibt ein herrliches Polster und der Ton wird nicht zu hart", bemerkte er, seinen Schnauzbart drehend.

Mit der Geduld eines zur Schlachtbank geführten Lammes fügte ich mich, nur be­gierig, was noch kommen werde, um so williger in alle Anordnungen, als schon die Glocken zum Beginn des Gottesdienstes läuteten.

Dem mir überbrachten Hammer zog ich die blauen Strümpfe an, und der gesprächige Schmied raunte mir noch während des Zu­sammenläutens ins Ohr: „Strengen Sie sich nur tüchtig bei der Fermate an, damit der Wirbel ordentlich zur Geltung kommt, denn der hebt die ganze Kirchenmusik".

Die Orgel und das Eingangslied hatte bereits begonnen.

„Nun aber meine Stimme!" bat ich. Als ich das erste Blatt umwendete, sah ich, daß die Hälfte des zweiten Blattes abgeriffen und fehlte. Ich sagte: „Hier fehlt ja ein Stück."

gödie? Jetzt ist die traurige Posse so wei gediehen, daß der Khediv sich von der Mili­tärpartei hat einschüchtern lassen und vor dem rebellischen Kriegsminister Arabi sein Haupt gebeugt hat. Das Ministerium nahm drohend seinen Abschied, weil die Panzer­schiffe der Engländer und Franzosen nicht abzogen, und Tags darauf ward Arabi Bey wieder in Amt und Würden eingesetzt. Die Noten fliegen hin und her; auf die Protestnote des Sultans antworteten die Westmächte und erkannten gnädiglich das Miteinmischungsrecht der Pforte an, — und nun liegen die Kriegsschiffe der Westmächte, denen Europa die Kanonen vernagelt hat, am Nil und sehen zu, wie die trotzige Sol­dateska immer kühner und selbstbewußter auftritt und auf die Absetzung des Stroh­manns der Westmächte, des Vicekönigs hin­arbeitet. So werden Verwicklungen gemacht. Schließlich wird die Türkei mit dem Degen in der Faust eingreifen müssen, und ist ein­mal der Degen aus der Scheide, dann ist er sobald nicht wieder drin; dann werden auch die vernagelten Kanonen ihren Rachen öffnen, und dann — haben die Jntriguen der Diplomaten es richtig wieder fertig ge­bracht, einen häuslichen Streit zu einem internationalen aufzubauschen. Das ist Politik!

O Die egyptische Frage

hat zunächst eine neue Conferenz der Groß­mächte und der Türkei zur Folge, die in Constantinopel abgehalten werden soll. Was weiter folgen wird, weiß der liebe Gott. Frankreich und England haben vorläufig eine

„Ja," antwortete er mir, „wir können es nicht finden, Sie müssen den Rest — phantasiren."

„Aber ich kann doch nicht —".

In demselben Augenblicke sagte nach einem kurzen Gebete der Geistliche Amen.

Die ganze Gemeinde athmete auf, räu­sperte sich und hustete die üblichen paar Tacte.

Der Senior des Musikcorps übernahm die Direction, zählte halblaut „Eins, zwei, drei" und mit „vier!" begann die Kirchenmusik.

Der Gesang war vor lauter Blechmusik kaum zu vernehmen: 6—7 Kinder sangten den Sopran und ebensoviele die Altstimmen; ein baumlanger Riese sang den Tenor und den Baß brummte ein Bierschröter. An den Hymnus reihte sich ein kurzes Orgelprälu­dium und nun sollte der Choral: „Kommst du nun Jesu" folgen.

Der Dirigentenvicar wandte sich zur Orgelbank und flüsterte dem Orgelspieler zu: „Schmied, Du mußt transponiren und in „Fis“ spielen, weil die Orgel" — es war ein altes gebrechliches im Chorton stehendes Merkchen — „einen halben Ton höher steht."

„Ach was", sagte der Orgelspieler, „trans­poniren kann ich nicht, ich spiele übrigens, wie es der Componist vorgeschrieben hat."

Meinem Freunde mochte doch nicht ganz wohl zu Muthe sein, denn ich sah von feiner