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Sonnabend, den 3. Juni 1882.
Fuldaer SU Zeitung.
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& Politische Streiszüge.
(Nachdruck verboten.)
Es geht Nichts über „Geschäftspraktiken", dachten Abraham Bukofzer und Genossen in Berlin, und da gingen sie hin, beschwindelten das Publicum, machten betrügerischen Bankerott und — wurden freigesprochen, weil der Buchstabe des Gesetzes und das sittliche Bewußtsein zwei verschiedene Dinge sind. „Unsauber" sind zwar solche Geschäftspraktiken, wie das Urtheil ausführte, aber was fragt eine solche saubere Clique nach Unsauberkeit, wenn diese nur was einbringt? Eine „unsaubere Geschäftspraktik" ist es auch, die jetzt der Liberalismus culti- virt. Gleich jenen Berliner Gaunern gibt er sich den Anschein, als habe er eine solide Basis unter den Füßen, während seine Grundlage aus hohlen Phrasen besteht, für die kein Mensch mehr einen Pfifferling gibt. Eine verkrachte Ruine, beladen mit dem Fluche des in religiöser, politischer und wirthschaftlicher Hinsicht verrathenen Volkes, in sich selbst zerbröckelnd, weil kein Kitt die Steine mehr verbindet, so steht der National- liberalismus da, zum Gespötts Wer, verachtet von Allen, geschwätzig wie ein Alter, der sich selbst überlebt hat. Und dieser Ritter von der traurigen Gestalt wagt es, noch Geschäftspraktiken zu betreiben und sich dem Fürsten Bismarck als treuen Bundesgenossen anzubieten! Er rutscht sich förmlich die Knie wund vor dem Kanzler, präsentirt ihm seine mittelparteilichen Herzenswünsche und fragt an, ob „Nichts zu machen" sei? Diese „Edelsten der Nation", die das „gebildete Bürgerthum" hinter sich haben, und " ' 14
Zum Glück geboren.
Original-Erzählung von A. Linden.
(Schluß.)
„In der Stärke des Gefühls scheinst Du dem Mädchen nicht nachzustehen," meinte meine Schwester lachend, — „aber Dein Erinnerungsvermögen bleibt lveit hinter dem ihrigen zurück. Hast Du denn keine Ahnung, keinen Gedanken an sie, die es sein könnte? Fast muß ich es glauben, weil Du auch noch keine Frage nach ihr gethan hast. Sie hatte Dich bald weg."
„Wie! — Ist es möglich? Es wäre —" rief ich von dem Lichtstrahl, der mir plötzlich entgegen kam, fast geblendet.
„Nun ja, die Tochter des Schullehrers, die Du vor 10 Jahren zu uns brachtest, und die ein Muster von Herzensgüte und edlem Charakter geworden ist, weshalb ihre Pflegeltern bedeutende Lobsprüche von Dir erwarten."
„Aber der Name Walther?" rief ich, „der alte Schullehrer hieß Ehrlich!"
„Der junge aber Walther!" lachte meine Schwester, und da Florentine die Tochter des jungen und nicht des alten Lehrers ist, so ließ sich vernünftigerweise nichts dagegen einwenden, daß sie sich nach ihrem Vater und nicht nach ihrem Großvater nannte.
denen nur die Hausirer und Musterreisenden das Wasser reichen können, sind derart heruntergekommen, daß ihnen sogar die sittliche Kraft fehlt, um einzusehen, wie tief sie gesunken sind. Welches würden die Folgen sein, wenn die liberale Mittelpartei wirklich zu Stande und an's Ruder käme? Der Culturkanips würde verewigt werden, die Socialresorm würde versumpfen und im politischen Leben würde die vollständigste Cen- tralisation Alles unter einen Hut zwingen. Allein eine Partei, deren Albernheit und Oberflächlichkeit das Volk in die Dinte geritten, wird niemals soviel Einfluß niehr gewinnen können, um weiteren Schaden anzurichten, und wir haben eine viel zu hohe Meinung von Bismarck, daß er nochmals in dem nationalliberalen Sumpf sich verirren sollte. Daß diese Leute, um wieder regierungsfähig zu werden, sogar das Tabakmonopol bewilligen würden, ist mehr als wahrscheinlich; glücklicherweise wird von ihnen aber das Opfer des Verstandes nicht verlangt werden, weil ihre Zahl gar zu winzig ist. Charakteristisch für die ab und zu geheuchelten Friedensanwandlungen d,es Liberalismus ist die Be- friedigung, mit der er die Verzögerung des Kirchengesetzes begrüßt. Der Liberalismus ist und bleibt der geschworene Feind des Friedens zwischen Staat und Kirche, denn gerade die Beendigung des Culturkampfes würde ihm die letzte Existenzmöglichkeit entziehen. Leider darf man die Hoffnung, es werde mit diesem Kampfe bald ganz aufgeräumt werden, kaum hegen. Daß die neuen Kirchenfürsten von Breslau und Osnabrück vom Kaiser zur Tafel geladen wurden, ist
Ich schlug mich vor die Stirn und belegte niich im Stillen mit dem Namen eines bekannten langohrigen Thieres, dem man weniger eine Professur gegeben haben würde.
Darnach hatte ich damals weder gefragt, noch nur daran gedacht, wie dies wohl dann und wann vorzukommen pflegt, daß man Nebendinge als selbstverständlich unbeachtet läßt, wenn man von der Hauptsache zu sehr absorbirt wird. Kurz es war wirklich so, und Florentine Walther die Enkelin des alten Schullehrers.
„Das Uebrige kannst Du errathen," schloß Reinhold seine Geschichte; „wie sie in heiliger Dankbarkeit und Ergebenheit mich umschwebte und mir alle meine Wünsche an den Augen abzusehen strebte; wie es endlich zu Erklärungen zwischen uns kam und sie — mit Wonnethränen im Auge — an meine Brust sank; das Alles läßt sich nur empfinden und nicht erzählen. Genug, ich ließ es mit der Adoption auf sich beruhen und zog lieber die Copulation vor, als ich selige Gewißheit erlangt hatte, daß sie mit mir darüber einverstanden war. Jetzt bin ich glücklicher Gatte und Vater und habe noch nicht Ursache gehabt, es zu bereuen, daß ich das Hagestolzenleben aufgegeben habe, was Du begreiflich finden wirst, wenn Du einen Blick auf das allerliebste Weib
gewiß ein sehr erfreuliches Zeichen, allein noch erfreulicher wäre es, wenn die Bischöfe die Möglichkeit hätten, die Seelsorge in einen geordneten Gang zu bringen. Wir dürfen uns kaum über die überhand nehmenden Selbstmorde — in Metz kamen in der letzten Woche 9 vor! — und die Zahl und Scheußlichkeit der Verbrechen wundern, wenn Tausende im Volke ohne Religion heranwachsen, wenn weite Strecken Landes frivole „Sängerinnen" in Tingel-Tangels, aber keinen einzigen Priester aufweisen; schaudernd stehen wir vor dem achten Lustmorde, der bei Bochum verübt worden; entsetzt blicken wir in die tiefe Kluft und den Abgrund sittlicher Verkommenheit, den solch' viehisches Unwesen vor unseren Augen öffnet, aber erklärlich ist die Verwilderung des Volkes, deren Ursache klar auf der Hand liegt. Fürst Bismarck hat die Parole vom „praktischen Christenthum" ausgegeben. Das praktische Christenthum bethätigt sich aberin Gesittung, Nächstenliebe, Fleiß, Gehorsam, und dies kann nur seine hohe Mission erfüllen, wenn die Priester, die Träger der Religion und die Verkünder ihrer Heilswahrheiten, in der Lage sind, auf das Volk zu wirken. Die protestantischen Blätter Berlins klagen darüber, daß an den hohen Pfingsttagen das Volk schaaremveise den Vergnügungen nachgegangen sei, daß Tausende in Extrazügen die Stadt verlassen hätten, ohne auch nur an die Heiligung ihrer Seele zu denken, und daß die Kirchen leer gestanden, — ist's ein Wunder? Die naturalistischmaterialistische Zeitströmung erstickt ja geflissentlich jeden höheren Gedanken, und wirfst, wie es eben mit den drei Herzblättchen wieder auf unfern Pavillon zukommt."
„Freilich finde ich das begreiflich," erwiderte ich, und zwar diesmal nicht ohne einen Anflug vou Neid, „daß Du unter solchen Verhältnissen und an der Seite eines solchen liebenswerthen Wesens glücklich bist. Nur das würde mir unbegreiflich sein, wie einem Menschen die gebratenen Tauben so von selbst in den Mund fliegen können, wenn ich nicht schon wüßte, daß Du nun einmal ein Glückspilz bist. Ich möchte säst wetten, daß man Dir die Professur als Anerkennung für Deine burschenschastlichen Umtriebe gegeben hat."
„Nicht doch!" lachte Reinhold, „über die war glücklicherweise Gras gewachsen, als ich von meinen Reisen zurückkehrte. Den Ruf als Professor verdanke ich der warmen Empfehlung meines großmüthigen englischen Freundes, Sir Redwood, welcher sich längere Zeit in Dresden aufhielt."
„Nuu ja!" grollte ich, „also doch ungesucht und ungebeten erhalten! Unser Einer plagt und müht sich und wird noch dazu ausgelacht; da vergehen einem die Heirathsgedanken."
„Wie?" fragte Reinhold, „Du bist noch Hagestolz? Wie kommt das? Du sprachst ja damals schon vom Heirathen, als ich Dich das letzte Mal sah!"