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M 123.

Mittwoch, den 31. Mai 1882.

Jfulbarr Ititung.

Die ,Fuldaer Zeitung^ erscheint tLglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Die Mustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg, Inserate: Die Petitzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

MT Für den Monat Jnni nehmen Bestellungen aus die ,Fuld. Zeitung^ alle Postanstalten, Land­briesboten und sür Fulda die Ex­pedition, Buttermarkt 112, zum Preise von 50 Pfg. (ohne Bestell­geld) an.

rn. Was sagen Völkerkunde nnd Geschichte zum italienischen „Cin- heits"-Staate?

Rom als italienische Hauptstadt bedeutet die strammste Centralisation des Einheits­staates; es entsteht daher die Frage, ob das italienische Volk diesen einheitlichen Nationalstaat wünsche, ob es für denselben die natürlichen Vorbedingungen in seinem Charakter und in seiner Geschichte besitze, ob derselbe überhaupt ein Entschuldigungs­grund für die Gewaltthaten und Rechtsum­stürze Neu-Italiens sei. Will das italienische Volk den Nationalstaat? Nein! und ewig Nein! Freilich das amtliche Italien stellt diesen Satz als Axiom auf, das keines Be­weises bedürfe und droht jedem Zweifler mit-dem Strafgesetze. Hören wir aber das avirckliche Italien)' so lautet.d« Antwort ganz anders. Wie Fürst Bismarck über die Reichsebbe, so klagt die italienische Regie­rung noch tausendmal mehr über den „Re- gionalismus" und „Proviucialismus", wel­cher der Einheit jeden moralischen Halt in der Nation raube, ©teilten will nicht zum Festlande gehören, Neapel klagt über Zurück­setzung, Mittelitalien denkt an seine alten Fürsten, und Oberitalien theilt sich noch heute in Piemontesen, Lombarden und Ve-

netianer, von kleineren Unterabtheilungen ganz abgesehen. Dies ist aber kein Wun­der, sondern beruht auf sehr wirklichen natür­lichen Vorbedigungen; bietet doch kaum ein Land Europa's eine so bunte Mischung von Nationallitäten, wie die Apennin-Halbinsel. In Pirmont begegnen uns die alten Allo- broger, weiter östlich die Longobarden von der Niederelbe, die sich heute noch durch ihre großen Füße und durch die Aussprache des s (-sch) verrathen, dann die Veneter, tue ur­sprünglich Slaven gewesen sein sollen. Weiter im Süden treffen wir die Nach­kommen der Etrusker, die unsägliche Völker­mischung der ewigen Stadt, das vorherrschend griechische Unteritalien, ehemals „Groß- Griechenland" genannt Uno Stellten mit seiner griechisch - arabisch - italienischen re. Völkermischung. Und zudem ist Italien seit mehr als einem Jahrtausend seiner ganzen Länge nach mit deutschem Blute unter­mischt. Und nun gar die Geschichte! Die schöne Halbinsel blühte, so lange sie aus Communen mit größerem oder kleinerem Hinterlande bestand; sie verkommt immer mehr, seitdem sie in das Procustesbett des Einheitsstaates gespannt ist... 'Ser .hochrsthe Brofferio hatte seiner Zeit dik' volle Wahr­heit gesagt in den Worten: „Die italienische Nationalität besteht in der Achtung vor ihren Munieipien, und vergeblich werdet ihr diese niedertreten wollen." Und ent­rüstet wiederholt er: „Nein, niemals wird die so ersehnte italienische Nationalität auf­erstehen aus der Vernichtung der Nationalität der Venetianer, Piemontesen, Lombarden, Römer, Sieilianer, Neapolitaner; das sind

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Zum Glück geboren.

Original-Erzählung von A. Linden.

(Fortsetzung.)

Ich reiste ab. Ein ganzes Jahr lang trieb ich mich erst in Frankreich und England herum, um mir die dortigen Zustände etwas mehr in der Nähe zu besehen und zu er­mitteln, ob denn wirklich auch Alles von purem Gold sei, was sich in der Entfer­nung fo glänzend ausnahm und von den politischen Reformern meines deutschen Vater­landes als der wahre Stein der Weisen gepriesen wurde. Namentlich die freisin­nigen politischen Institutionen Englands, welche sich aus so großartigen Stürmen entwickelt, dann aber auch sie überdauert haben, während die politischen Zustände Frankreichs ganz den wechselvollen Charakter seiner Bewohner an sich tragen, zogen mich an. Ich fand gar bald, daß sehr Vieles nur auf optischer Täuschung beruhe, und daß es nur in der Ferne das Auge des Beobachters zu blenden vermöge, während man erst die zur Unzierde gereichenden Flecken und Flicken gewahr wird, wenn man nahe herantritt. Ich fand allerdings freisinnige Institutionen, aber ich erkannte auch, daß sie eigentlich nut dem verhältniß- mäßig geringsten Theile des Volkes zu Gute

kamen; für den übrigen Theil desselben waren sie illusorisch. Eigennutz, Selbstsucht, Ehrgeiz und Talent beuteten sie für ihre Zwecke aus; für die übrigen Bevölkerten blieb nur der Abfall. Ich fand den Glanz und die Pracht einer vornehmen Aristokratie, wie sie nirgends in diesem Grade vorhan­den ist; ich sah die hohe anglieanisch-pro- testantische Geistlichkeit in ihren Sineeuren (arbeitslosen hochbesoldeten Aemtern) schwel­gen; aber ich sah auch den armen Land­pächter, der im Schweiße seines Angesichtes sein kärgliches Brod verzehrte und doch end­lich von der mühsam bebauten Scholle ver­trieben wurde, weil er den hohen Pacht mit aller Anstrengung nicht zu erschwingen vermochte. — Ich übersah nicht den armen Pfarrviear, der die Pflichten, welche eigent­lich den hohen Pfründnern obliegen, für 15 bis 20 Pfd. St. jährlich alle auf sich nehmen mußte, während dieser nur in dem Genuffe seiner hohen Vorrechte schwelgte und den sauren Schweiß derer verpraßte, die nicht einmal seines Glaubens waren. Ich sah eine großartige Industrie, unterstützt von einem Welthandel, wie es keinen mehr in dieser Ausdehnung gibt. Aber ich bemerkte auch, daß die Vortheile derselben in der Hauptsache nur einigen Wenigen zufloffen, während Hunderttausende von fleißigen Ar-

Nationen, die existirt haben und immer existiren werden, so lange nämlich, als man nicht mit Feuer und Schwert ihr Andenken vertilgt." Dennoch ist die heutige italienische Einheit eine Chimäre und das Sympol der­selben, die Hauptstadt Rom, die Ausgeburt der Chimäre.

Die einzig mögliche Einigung Italiens ist ein Staatenbund, der Föderalismus, der in der Beschaffenheit des Landes", im Nationalcharakter und in der Geschichte be­gründet ist. Alles andere ist Hirngespinnst und ganz besonders wird der jetzige Cen- tralismus mit der ganz unpassenden Haupt­stadt nachgerade von einigen Liberalen selbst als verderbliche Fiction erkannt. Noch im Beginne des laufenden Jahres 1882 gestand z. B. der Mailänder, Secolö, daß der Zwist des Regionalismus, die Gegensätze zwischen Nord- und Süd-Italien einzig nur durch eine Föderation beigelegt werden kön­nen, und schloß mit den Worten: „Dies Alles kann man nicht mit der Decentrali- sation erreichen, mit jenem nebelhaften und unbestimmten Worte, das Viele nur aus Bequemlichkeit im Munde führen, nm ihre innerste.Ueberzeugtzng nicht kurz und bündig offenbaren zu müssen. Man stößt auf noch radicalere Vorschläge, die in dem anderen Begriffe enthalten sind, welchen Manche still im Herzen tragen, aber sich nicht auszu­sprechen getrauen. Zur Beschwörung des sittlichen und materiellen Niedergangs, zur Zerstreuung der Mißverständnisse, zum Steuer gegen die Geldverschleuderung und schlechte Verwaltung bedürfen wir des Föderalis­mus. Die Einheit in dem bisherigen beitem mit Hunger und Kummer, mit An­strengung und Krankheit kämpfen mußten, ohne des Lebens einen Augenblick froh wer­den zu können. Ich fah, daß auch in dem stolzen Albion bei aller Freiheit seiner In­stitutionen die bei weitem größere Anzahl der Bevölkerung kaum eine Ahnung von den heiligsten und natürlichsten Menfchen- rechten hatte, viel weniger im Besitz der­selben war. Ich fand, daß Reichthum, Macht und Ansehen Alles, das Recht allein nichts vermochte. Es gab bestechliche Rich­ter, mit Geld erkaufte Zeugen und spitz­bübische Advocaten in demselben großartigen Maßstabe wie alles Andere in England; und die untersten Schichten des Volkes zeig­ten einen Grad religiöser und moralischer Verwilderung, von welchem wir in Deutsch­land — Dank dem Himmel! — noch keine Ahnung, viel weniger Seitenstücke aufzu­weisen haben; welcher dort aber selbst in den höheren Ständen — wenn auch auf feinere Weise kundgegeben, keineswegs zu den Seltenheiten gehörte, aber rasfinirt aus­geübt und durch gefällige Formen dem Auge des oberflächlichen Beobachters verborgen blieb. Alfo fort nach Amerika! — Dort beruht die Freiheit auf naturgemäßeren Grundlagen und ist nicht blos ein Attribut der Macht.