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•12 122. Sonntag, den 28. Mai 1882.
Fuldaer
Die ,Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertags ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg. Die ,illustrirten Sonntagsblätter" der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg. Inserate: Die Petttzeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
O Bedenken gegen den Unfall- Versicherungs- Entwurf.
Unter dieser Ueberschrift bringt die ,D. R? Folgendes:
Es sollen nach dem Gesetzentwürfe sämmt- liche im Reichsgebiete belegenen versicherungspflichtigen Betriebe in Gefahrenclassen eingetheilt werden und sämmtliche Betriebe derjenigen Industriezweige und Betriebsarten, für welche eine durchschnittliche gleiche Unfallsgefahr besteht, zusammen eine Ge- fahrenclasse bilden und zu den Entschädigungen für die in der betreffenden Gefahren- classe vorgekommenen Unfälle in gleichen! Maße herangezogen werden. Es dürfte zweifellos sein, daß diese Schablonisirung unzulässig und ungerecht ist. Mögen an und für sich die gleichen Betriebe in gleichem Maße gefährlich sein, in der Wirklichkeit werden die Etablissements derselben Gewerbegattung rücksichtlich der Gefährlichkeit durchaus verschieden sein, . da Einrichtung und Verwaltung in den einzelnen Etablissements eine verschiedene sein wird. Es ist darum nicht der Gerechtigkeit entsprechend, fr. .sämmtliche» Etablissements derselben Betriebsgattung denselben Antheil an der zu leistenden Entschädigung zur Last zu legen; die zweckmäßig eingerichteten und sorgfältig verwalteten Anlagen, in denen darum selten Unglücksfälle sich ereignen, können nicht zu denselben Leistungen verurtheilt werden, wie diejenigen Etablissements, welche durch unzweckmäßige Einrichtungen oder die leichtfertige Art des Betriebes und schlechte Beaufsichtigung ungewöhnlich gefährdet sind.
Die bei dem Betriebe, worin sie beschäf-
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Zum Glück geboren.
Original-Erzählung von A. Linden.
(Fortfetzung.)
Nach wenigen Stunden Schlafes ward ich geweckt. Florentine war da; der Großvater hatte nach mir verlangt, und sie hatte endlich seinem ängstlichen Drängen nach mir nachgeben zu müssen geglaubt. Ich warf mich rasch in die Kleider und folgte dem weinenden Kinde, in welchem bange Ahnungen des Ausganges aufdämmern mochten.
Ich fand den Geistlichen des Dorfes bei ihm, beschäftigt, ihm die heilige Wegzehrung zu reichen und ihm religiösen Trost zuzusprechen. Der Greis war sichtbar schwächer geworden, und meine Hoffnung, ihn noch einige Tage erhalten zu können, hatte sich nicht erfüllt. Es konnte höchstens noch einige Stunden mit ihm bauern. Die Aufregung der letzten Tage und Stunden mochte beschleunigend aus seine Auflösung eingewirkt haben.
Als der Geistliche sich entfernt hatte, betete der alte Ehrlich noch eine Weile still für sich; denn die Hände waren über der Brust zusammengefaltet, und die Lippen bewegten sich leise. Dann wandte er den Kopf nach mir und reichte mir die Hand. „Herr!" sagte er, „ich werde bald dort an-
tigt sind, verletzten Arbeiter sollen erst vom Beginn der vierzehnten Woche an neben freier ärztlicher Behandlung und freier Arznei die festgesetzte Rente empfangen und für die ersten dreizehn Wochen auf die Krankencaffen angewiesen sein. Da die bei weitem größte Zahl der Unfälle eine auf dreizehn Wochen sich ausdehnende Erwerbsunfähigkeit nicht zur Folge hat, so fallen also die bei weitem meisten Unfälle den Krankencaffen zur Last. Die dem Gesetzentwürfe beigefügte Begründung berechnet allerdings die auch so nach der Unfallversicherung zur Last fallende Entschädigung auf, 13,796,872 M., während die für die Krankencaffen sich ergebende Ge- sammtbelastnng nur 2,732,500 M. betragen würde. Da aber nach dem Krankenver- sicherungsentwurfe zu den Krankencaffen die Arbeiter zwei Drittel und die Arbeitgeber nur ein Drittel beüMgen sollen, so würde immerhin eii^WM unbedeutender Theil der zu zahlenden WAerstützungen von den Arbeitern selbst aufzubringen sein, nachdem sie im Dienste und vielleicht durch die Schuld anderer von dem Unfall betroffen worden sind.
Zu den irr Folge eines Unfalls zu zahlenden Entschädigungen soll nach dem Gesetzentwürfe das Reich 25 Procent beitragen. Als es sich bei dem vorjährigen Entwürfe um einen Zuschuß des Reiches zu der Versicherungsprämie handelte, gab der Reichstag seine Zustimmung dazu nicht. Es dürfte überaus zweifelhaft sein, ob der Reichstag jetzt seine Zustimmusg zu dem Zuschuß zu der Entschädigung geben wird. Bedürftig wie die Arbeiter sind auch viele andere Leute im Reiche. Es ist unbillig, wenn das Reich
den Einen zu Hilfe kommen soll, und den Anderen nicht, und wenn solche, die selbst bedürftig sind, zur Unterstützung anderer Bedürftigen Steuern zahlen sollen. Es ist das um so unbilliger, wenn diese Unterstützung des Reichs anderseits den Industriellen zu Gute kommt, die trotz der schlechten Zeiten wohlhabend genug sind, um die in ihren Betrieben verunglückten Arbeiter oder deren Hinterbliebenen zu unterstützen, zumal, wenn sie zu großen Verbänden vereinigt werden, wie es in dem Entwürfe geschieht. Man darf mit Recht wohl erwarten, daß jedes Gewerbe seinen Mann ernähren und für sich selbst aufkommen solle.
Die nach dem Gesetzentwürfe zu bildenden Genossenschaften sollen ihre Angelegenheiten selbst verwalten. Ob diese Selbstverwaltung billiger sein wird, als die Verwaltung bei den jetzt bestehenden, durch die neue Einrichtung dem Untergänge gciveihten Privatversicherungs-Gesellschaften, dürfte ziveifelhaft sein. Ich glaube, die Kosten für Bureau's, Reisen, Besichtigungen, Schadenfestsetzungen werden, abgesehen von Gehältern und Remunerationen, nicht gering sein. Dazu ist der ganze Mechanismus, wie der Entwurf ihn vorschreibt, ein so complicirter, daß insbesondere die Arbeiter schwerlich in denselben einbringen werben. Auch bürste es nicht so leicht fein, allenthalben bie Betriebsunternehmer zu fatben, welche Zeit unb Fähigkeit haben, eine so schwierige Verwaltung zu führen. Ein tüchtiger Fabricaut ist noch lange fein tüchtiger Verwaltungsmann.
Zum Wohle bes Arbeiterstanbes wünschen gewiß Alle eine Regelung ber Unfallent-
gelangt sein, wo meine Sehnsucht gestillt wirb, meine Bitten unb Wünsche nicht un- gehört verhallen werben, benn Gott ist bie Liebe! — Ich gehe zu meinem Weib unb zu meinen Kindern, um mit ihnen vereint bes Allvaters Segen über Sie zu erflehen!"
Ich brückte ihm stumm bie Hanb unb schwieg, benn sein Auge fiel auf Florentine, welche still an feinem Lager niebergesunken war. Ich sah, baß er noch mehr sprechen wollte unb doch immer schwächer wurde.
„Und Du, mein liebes, gutes Kind! Du treues Abbild Deiner Mutter! — Stab meines Alters!" fuhr er, satzweise, abbrechend fort; „vielleicht sendet Dir — Gott auch bald — einen erbarmenden Engel! - - Vertraue auf — den Allvater! — Er wird Dich — segnen, — und feine Gnade — Dich nicht — verlassen!"
„Wenn Euch die Sorge um das Kind drückt, Ehrlich!"' rief ich erschüttert, „so werft sie von Euch! Ich werde für Florentine sorgen. Das schwöre ich Euch! Meine Schwester soll ihr eine neue Mutter fein!"
Damit faßte ich des Kindes Hand und zog sie zu mir. Er wandte das immer matter glänzende Auge noch einmal auf mich, ein dankbares Lächeln spielte um seine Lippen. Er, legte seine kalte Hand auf unsere Hände, die einander gefaßt hielten
und sagte: „Der Herr — segne — Euch Beide! — Jetzt — sterbe — ich leicht!"
Er faltete die Hände mühsam wieder über der Brust und betete still, wie die leise zuckenden Lippen anzeigten. Auch mich hatte es unwillkürlich neben das Kind niedergezogen ; es war mir, als befände ich .mich an dem Sterbebette meines eigenen Vaters. — Plötzlich athmete er tief auf und flüsterte leise und gebrochen, aber vollkommen verständlich : „Ja, — thenres Weib! -- Ja, gute Kinder! — mein Jesus! — ich komme!"
Es waren die letzten Worte des edlen Dulders. Ich drückte ihm die Augen zu; Florentine schluchzte laut. Ich hob das Kind auf und sprach ihm Trost zu. Als ihre Thränen etwas milder flössen, verließ ich mit ihr das enge Behältniß und nahm sie mit in den Gasthof.
Erst des andern Tages konnte ich an meine Rückkehr nach Leipzig denken; ich hatte Alles Röthige besorgt, um dem seligen Dulder den letzten Dienst zu erweisen. Florentine nahm ich mit mir; theils um das Kind zu zerstreuen, theils um ihr den nöthigen Kleiderbedarf anzuschaffen.
Nachdem dies geschehen war, bat ich meine Wirt hin, das Kind einstweilen an sich zu nehmen und ordnete nun mit Eifer Alles zu meiner Abreife.