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I M 12«. Freitag, den 26. Mai 1882.

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qp. Woran wir Menschen eigent­lich sterben.

Die ,Fuld. Ztg/ hat bereits in einer früheren Nr. auf eine wichtige Entdeckung hingewiesen, die neuestens auf dem Gebiete der Medicin d. i. der Kenntniß von den Krankheiten und ihren Heilmitteln gemacht worden ist, näinlich in Betreff der verderb­lichsten aller Krankheiten, der Lungen­schwindsucht.

Welche Bedeutung die Lungenschwindsucht für das Menschengeschlecht hat, erkennt man am besten aus der Thatsache, daß von allen Gestorbenen nahezu 90 Procent und an manchen Orten noch mehr der Lungenschwind­sucht erliegen. Jedes Alter und Geschlecht liefert diesem entsetzlichsten aller Nebel seine Opfer, und zwar nicht allein das Menschen­geschlecht, sondern auch das Thier. Denn nicht wenige unserer Hausthiere erliegen der mit der Lungenschwindsucht gleichen Krank­heit, der Perlsucht.

Schon von lange her hat man den Zu- L sammenhang dieser beiden Krankheiten, die. r~* einen des Menschen, die anderen des Thieres vermuthet; eine lange Kette von Untersuch­ungen ist voraufgegangen, bis endlich Dr. Robert Koch, Mitglied des Reichsgesund­heitsamtes, die Sache klar stellte.

Im Volke galt schon längst ldie Lungen­schwindsucht als ansteckend, besonders bei den südlichen Völkern. Aber es gehörte viel da­zu, bis man entdeckte, wie und in welchem Grade.

Zuerst war es den Aerzten aufgefallen, daß so viele Menschen, die im späteren Lebensalter an der Schwindsucht zu Grunde

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Zum Glück geboren.

Original-Erzählung von A. Linden.

(Fortsetzung.)

„Ich war tief erschüttert, als ich in diese Zelle trat, — fuhr Reinhold in seiner Er­zählung fort, - eine Zelle, in der Jammer und Roth ihr Feldlager aufgeschlagen hatten. Aber auch eine tiefe Bewunderung, ja eine wirkliche Hochachtung empfand ich, als ich erfuhr, daß außer dem kleinen achtjährigen Mädchen sich Niemand um den Unglücklichen bemühte, daß dieses schwache, unter dem Drucke der Entbehrung leidende Wesen alle Arbeiten verrichten mußte, welche in einem Hauswesen unvermeidlich sind, wenn es auch noch so klein ist."

„Großvater!" sagte sie, als ich mit ihr eintrat, „hier kommt der gute fremde Herr Doctor!"

„Ist es der Engel, den uns der Herr gesandt hat, als wir zu ihm aufschrieen in unseren Nöthen, daß er uns erretten möge?" fragte er und versuchte sich auszurichten, wozu aber seine Kräfte offenbar nicht aus­reichten.

Ich eilte hinzu, um ihn davon abzuhalten und dem Strome feiner Dankbarkeit einen Damm entgegenzusetzen; denn ich fühlte mich tief beschämt, da Dank ernten zu sollen, wo

gingen, in ihrer Jugend entweder anScro- pheln oder an Ohrenleiden erkrankt gewesen waren. Man fand bei der Section von deren Leichen in den einst von den Scro- pheln ergriffen gewesenen Drüsen oder er­krankt gewesenen Ohren noch alte Eiter­massen vor, die offenbar von dem anschei­nend schon längst geheilten Scrophel- oder Ohrenleiden herrührten. Villemin in Paris, Lebert und Wiß in Breslau kommen nun in den fünfziger Jahren auf die Idee, dieser alte Eiter könne daran schuld sein, daß die betreffenden Personen später an der Schwind­sucht erkrankten. Sie spritzten deshalb solchen Eiter einer Anzahl gesunder Hunde oder Kaninchen unter die Haut, worauf sämmt- liche Thiere schwindsüchtig wurden. Damit war bewiesen, daß die früher fcrophel- oder ohrenkrank gewesenen Personen, welche später schwindsüchtig wurden, einer Selbstansteckung unterlegen waren.

Nun gibt es aber eine große Anzahl Schwindsüchtiger, die niemals scrophel- oder ohrenkrank gewesen sind. Wie kamen diese zur Schwindsucht? Diese Frage zuerst be­antwortet zu haben, ist das Verdienst des Dr. Tappeiner, Badearztes in Meran, in­dem er nämlich die Uebertragung der Krank­heit durch Ansteckung erwies. Dr. Tappei­ner sammelte den Auswurf (das Ausge­spukte) Schwindsüchtiger, trocknete ihn über gelindem Herdftuer zu einer festen Masse und zerrieb diese dann zu einem feinen Staube. Wenn solcher Schwindsuchtsstaub in einem großen Zimmer, worin sich eine Anzahl ganz gesunder Hunde befand, zer­streut wurde, so bekamen sämmtliche Ber­ich mich offenbar einer Pflichtverletzung gegen die leidende Menschheit anzuklagen hatte. Denn wie wenig hatte ich gethan, im Ver- hältniß zu dem, was ich hätte thun können und sollen.

Ich suchte mich nun zunächst über seinen Zustand zu unterrichten. Er litt an einem ebenso unheilbaren Nebel, wie der dahinge­schiedene Kleine. Kummer, Entbehrungen und ein 68jähriges Leben hatten seine Kräfte aufgerieben, und das Oel, welches feiner Lebensflamme Nahrung gab, konnte höch­stens noch wenige Tage ausreichen. Alles was ich hier thun konnte, mußte sich darauf beschränken, ihm die letzte Neige seines Lebens so süß als möglich zu machen.

Ich that, mas meine Kräfte und die Ver­hältnisse gestatteten. Er wohnte nur zur Miethe in dem Häuschen und im Hause selbst war nichts zu erlangen; denn der Eigenthümer war ein armer Tagelöhner und mit seiner Frau auf Arbeit.

Ich eilte in den Gasthof des Dorfes, nahm Florentine — so hieß das Mädchen — mit und schickte sie vor Allem mit einer kräf­tigen Mahlzeit wieder zu dem Großvater zurück; ließ dann noch einige andere Dinge, welche ich für unentbehrlich hielt, durch einen Knecht des Gasthofes hinschaffen und besorgte dann das zum Begräbniß der kleinen

suchsthiere die Schwindsucht. Wurde der Schwindsuchtsstaub aber nur dem Freffen der Thiere beigemengt, so blieben sie gesund. Auch erkrankten sie nicht, wenn sie in Käfige gesperrt und dort der Ausathmungsatmo- sphäre Schwindsüchtiger durch längere Zeit ausgesetzt wurden. Durch die Versuche Dr. Tappeiner's war somit bewiesen, daß die Schwindsuchtsstoffe in dem Auswurf, nicht aber in der Athemluft Schwindsüchtiger ent­halten sind, und daß sie nur durch die Ein- athmung, nicht aber durch die Verdauung in einen bis dahin gesunden Körper gelangen. Aus den geschilderten Versuchen ging ferner hervor, daß das Schwindsuchtsgift kein todter Körper, sondern ein lebendiger Organismus sein müsse, denn ein todtes Gift, wie Arse­nik, Blausäuere, Phosphor ic. wirkt ent­weder sofort oder gar nickt. Das Schwind- fuchtgift wird dagegen anfänglich kaum ge­merkt und entwickelt erst allmählig seine Verderben bringende Kraft. Um dies zu erklären, muß man annehmen, daß es sich im Körper selbstständig vermehrt. Mithin muß es selbst lebend sein. Diesen lang ge­suchten Feind des Menschengeschlechtes tu Form eines kleinen Pilzes endlich gefunden zu haben, ist das Verdienst Kochs.

Trotz der vorhergehenden Beobachtungen war es für Koch noch gar nicht leicht, den Keim der Lungenschwindsucht zu finden. Man muß bedenken, wie klein derartige Bacterien, stäbchenförmige Pilze sind. Man denke sich die feinen Härchen der Brenn­nessel oder im Innern der Hagebutte, und theile jedes Härchen in tausend Theile, dann kommt ungefähr ein Batterie heraus. Um Leiche Nöthige, ehe ich wieder zu dem Alten ging.

Er reichte mir bei meinem Eintritte mit einem Blicke unaussprechlicher Dankbarkeit die Hand und sagte, indem er den Kopf auf die Seite wandte, wo das kleine Wachs­bild lag:

„Der Engel steht jetzt vielleicht schon am Throne des Allmächtigen, um seinen Segen für Sie zu erflehen. Bald vielleicht folge auch ich nach!"

Ich beruhigte ihn und suchte ihn so schonend als möglich über seine Verhältnisse auszuforschen, um ihn auf ein anderes Thema zu bringen. Ich hatte mir im Gasthofe ein Nachtlager bestellt, um in der Nähe zu sein, wenn der Alte auffällig schwächer wer­den sollte, und um zugleich bei dem Be­gräbniß des Kleinen, welches am Nachmit­tage des nächsten Tages stattfinden sollte, gegenwärtig zu fein; ich konnte daher noch einige Stunden bei dem Alten verweilen. Ich horchte auf das, was er mir in einzel­nen Bruchstücken über fein Leben mitlheilte, während Florentine in stiller Geschäftigkeit um uns herum schwebte."

Reinhold hatte die Cigarre meggelegt und sah einige Augenblicke, wie in wehmüthige Erinnerungen versunken, vor sich hin. Dann suhr er fort: