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Donnerstag, den 25. Mai 1882

Fuidtier W Jeiillllg.

g. Oesterreichs auswärtige Politik.

Unter diesem Titel enthalten die,Histor.- polit. Blätter' aus der Feder eines „öster­reichischen Patrioten" einen Artikel, welcher von einer hohen staatsmännischen Begabung des Verfassers zeugt. Der Raum dieses Blattes gestattet es nicht, eine Skizze dieses ziemlich umfangreichen Artikels zu geben; die reiche Gedankenfülle desselben möchte auch dessen Skizzirung sehr erschweren. Gleich­wohl können wir es uns nicht versagen, wenigstens desien Schluß hier wiederzugeben, weil letzterer gewisier Maßen das Resumö aller vom Verfasser ausgesprochenen Anschau­ungen enthält, und weil andererseits den da­rin enthaltenen Darlegungen hinsichtlich der durchs die jetzige Lage der Dinge dem öster­reichischen Kaiserstaate vorgezeichneten Politik kaum in einem wesentlichen Punkte zu wider­sprechen sein dürfte.

Zu den unumstößlichen Principien, sagt der Verfasser, von welchen sich die österreich­ische Politik in nächster Zukunft leiten lassen muß, wird in erster Linie auch fortan die Pflege der .freundschaftlichen Beziehungen zum deutschen Reiche und dem Berliner Cabinet zählen. Dieses gute Einvernehmen wird sich aber für beide Großftaaten gleich nothwendig und nützlich erweisen, vorausge­setzt, daß bei dem Genüsse gleicher Vortheile auch von Unterordnung keine Rede sei und die vollkommene Parität zum obersten Grund­sätze erhoben werde.

Der Gedanke, welcher der Politik des nächsten Jahrzehnts das Gepräge aufzu­drücken bestimmt ist, läßt sich mit Leichtig- keit aus der gegenwärtigen Weltlage, als

einem unwiderlegbaren Factum, ableiten. Es ist die Eventualität eines russisch-französischen Bündnisses, dem sich alle Oesterreich und Deutschland feindlichen Elemente angliedern werden. Beide Großmächte, Rußland so gut als Frankreich, haben Ursachen zu grol­len; beide halten sich an ihrer Ehre und ihrem Vortheil verletzt, getäuscht, verge­waltigt; beide empfinden das Bedürfniß nach Genugthuung, und jede von beiden ist für sich zu schwach, um sich die ersehnte Genug­thuung zu verschaffen. Sie müssen sich also suchen — und sie werden sich finden.

Trotz dieses Grundgedankens, der den politischen, Bestrebungen Farbe und Gestalt verleihen sollte, kann und wird es nicht an Seiten- und Reben- und selbst auch nicht an Gegenströmungen fehlen. Im Interesse des Cabinets von St. Petersburg liegt es, in die deutsch-österreichische Freundschaft den Keil einzutreiben. Die russische Diplomatie, welcher das große Glück zu Theil wurde, von moralischen Scrupeln und Vorurtheilen in ausgezeichnetem Maße frei zu sein und ein staatsmännisches Gewissen zu besitzen, das sich zusammenlegen und ausdehnen läßt ganz nach Belieben und Wahl seines jewei­ligen Inhabers, wird in verschiedenster Ge­stalt an das Berliner Cabinet herantreten und, auf das große böhmische Becken und die Sudeten-Länder hinweisend, sprechen: „Das Alles will ich Dir geben, wenn Du Dich ruhig verhältst und mich machen lässest." Oder: „Von einem Freundschaftsbunde mit Deinem Feinde (dem Franzofen) soll keine Rede sein, im Gegentheile will ich Dir gegen alle Feinde beistehen, wenn Du mir dieses

Oesterreich, das mir überall im Wege steht, schlachten hilfst. Die besten Stücke sollen Dein sein, und ich will mich mit den weniger civilisirten und fetten Theilen begnügen."

Ein anderer Versucher mag in Berlin selbst erstehen, wenn Oesterreich im Verlauf des nächsten Jahrzehnts in Roth und Ge­fahr gerathen und des deutschen Beistandes nöthig haben sollte. Dieser gefährlichste aller Versucher würde sich einreden, daß er sich ja nur redlich bezahlen lasse, daß die Be­stellung eines Faustpfandes nicht unehren­haft sei, daß man Pflichten gegen den eige­nen Staat und seine Bürger habe, daß Je­manden des Ueberflusses entkleiden ihn noch nicht berauben und bestehlen heiße, daß ja Alles in bester Ordnung vor sich gehe, da der Erleichterte nicht einmal — seine Gurgel ist zusammengeschnürt — um Hilfe schreie.

Da die menschliche Natur nicht gegen Ver­suchung gefeit ist und man in den seltensten Fällen voraussehen kann, ob der Versuchte unterliegen oder aus dem Zwiespalt siegreich hervorgehen werde, so wird es für die lei­tenden Staatsmänner Oesterreichs immer rathsam bleiben, sich auch für derlei Ereig­nisse vorzufehen. Immer volles Vertrauen, aber zwei Pfeile im Köcher; immer volles Vertrauen, aber die Unbeständigkeit alles Irdischen vor Augen! Diese Vorsicht hat in noch höherem Grade in Bezug auf den Quirinal zu gelten. So schroff sich auch Italien dermalen von Frankreich abwendet, o eifrig sich die wälschen Staatsmänner um die deutsch-österreichische Freundschaft bewer­ben, so schiene uns doch jeder Schluß auf die zukünftige Politik der avenninischen Halb-

Zum Glück geboren.

Original-Erzählung von A. Linden.

(Fortsetzung.)

Sie faßen richtig auf der Steinbank; ich ging auf sie zu. Eine ganz fchwache, feine Röthe stieg dem Mädchen in's Gesicht, als ich stehen blieb und sie grüßte, und sie erwiderte mit schüchterner Zurückhaltung meinen Gruß.

„Ist der Kleine Dein Bruder?" frug ich sie, indem ich eine Mundsemmel auseinan­der brach und sie dein Kleinen in die ab­gemagerten Hände gab, welche er begierig darnach ausstreckte.

„Ja, lieber Herr!" antwortete sie mit einem so weichen Tone der Stimme, daß er mir unwillkürlich im Innern wieder- klang, und sie blickte dabei mit freudiger Genugthuung auf den kleinen Bruder, wie dieser mit einem wahren Heißhunger die Semmel verzehrte.

. „Dein Bruder ist krank; was fehlt ihm?" fragte ich weiter.

„Wir wissen es nicht, lieber Herr!" ent­gegnete sie wieder; er verlangt immer zu essen, und wir geben ihm, so viel wir können."

Es lag etwas tief Erschütterndes in der Art und Weise, mit der sie diese einfache

Antwort gab, daß es mir ordentlich in's Herz schnitt^ Ich ärgerte mich, daß ich nicht alle Taschen voll Nahrungsstoff ge­packt hatte. Ich langte schnell den noch übrigen Vorrath heraus und legte ihn auf die Steinbank, indem ich zugleich dem Klei­nen, welcher mit fehnsüchtigem Verlangen „mehr" forderte, eine frische Semmel reichte.

„Habt Ihr keinen Arzt?" forschte ich weiter.

„Nein! wir können ihn nicht bezahlen!" lautete die Antwort.

„Wer sind denn Eure Eltern?" fragte ich wieder.

„Wir haben keine Eltern. Der Groß­vater ist bei uns," sagte sie und ihre Stimme zitterte unmerklich, während sich um die schön geschnittenen, aber bleichen Lippen ein Zug schmerzlichen Weinens legte.

Das war viel Elend auf einmal und Hilfe dringend nothwendig, denn der Kleine litt offenbar, so weit der äußere An­schein dies lehrte, an einem durch Mangel nahrhafter Speisen herbeigeführten Zehr­fieber. Helfen wollte und mußte ich; aber für heute war es zu spät, den kleinen Lei­denden zu untersuchen nnd etwa nöthige Medicamente herbeizuschaffen. Ich that, was mir für den Augenblick nöthig und ausreichend erschien und sagte dem Mäd­

chen: „Ich sei Arzt und würde morgen wiederkommen, um nach dem kleinen Bru­der zu sehen."

„Ach, wenn Sie doch den Bruder gesund machen könnten. Thun Sie es doch ja!" sagte sie, den Kleinen, welcher sich ihr um den Hals klammerte, unwillkürlich fester an sich pressend.

Ich gab ihr etwas Geld, welches sie dem Großvater einhändigen sollte. Die schwache Röthe zeigte sich wieder, als sie es entge­gen nahm. Sie dankte nur ganz leise, aber in dem Blick, mit dem sie mir nach­sah, lag ein ganzer Himmel voll Dank­barkeit.

Des anderen Tages waren sie natürlich wieder da. Ich hatte mich, außer mit Eß- waaren, auch mit einigen Medicamenten versehen. Allein als ich den Zustand des Kindes genauer untersuchte, fand ich leider, daß hier ärztliches Wissen nicht mehr aus­reichte, das hilflose kleine Wesen dem ge­wissen Tode zu entreißen. Es litt wirklich an einem Zehrfieber, aber dieses war bereits in ein solches Stadium der vollkommensten Entkräftung übergegangen, daß das junge Leben wohl noch eine Zeit zu fristen, aber nicht zu erhalten war.

Ich beschränkte mich daher darauf, das Mädchen anzuweisen, dem Kleinen mehr