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Sonntag, den 21. Mai 1882.
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Xt Politische Streifzüge.
(Nachdruck verboten.)
Am Himmel geschehen allerhand Zeichen, die, wenn die Astrologie nicht in Mißcredit gerathen wäre, zu mannigfachen Deutungen Anlaß geben würden. Am Mittwoch, den 17. d. M., hatten wir eine Sonnensinsterniß, und Ende Mai wird ein prachtvoller Komet auftauchen, der möglicherweise sogar am Tage sichtbar sein wird. Die alten Leute, die noch nicht so aufgeklärt sind wie unsere modernen Astronomen und Wetterpropheten, schreiben den Kometen Unheil zu, was natürlich nicht richtig ist, denn der Schweif eines Sternbildes kann ebenso wenig für die Zänkereien der Menschen auf dem Planeten Erde, für Krieg, Pestilenz und Katholikenhetze, wie der Mond für die Sünden des Liberalismus. Aber sind diesmal die Unglücksfälle dem Kometen nicht schon vorausgegangen? Auf der Zeche Pluto bei Wanne fanden 65 Bergleute in Folge schlagender Wetter einen jähen Tod; in Berlin brannte die Hpgieine-Ausstellung nieder, und auf dem Schwarzen Meere ging ein Transportdampfer zu Grunde, wobei 55 Personen ertranken.
Hat damit der Komet, — um bei der Ansicht der alten Leute zu bleiben, — Opfer genug gefordert? Wer vermag es Zu sagen, denn im Pharaonenlande (Egypten) erheben sich dunkle Wolken, die sich hoffentlich nicht wie das „Bischen Herzegowina" , zu einem furchtbaren Gewitter zusanmienballen, die aber immerhin einen starken Pulvergeruch verbreiten. Das im Schlepptau der Militärpartei segelnde egyp- tische Ministerium ist auf dem besten Wege, einen Staatsstreich auszuführen, den Vicekönig Tewfik, der ein Pensionär der europäischen Westmächte sein soll, abzusetzen, und, wenn es nicht anders geht, einen Bürgerkrieg heraufzubeschwören. Die Notabeln, d. h. die Kammern am Nil, waren nämlich nicht so gefällig und gefügig, die Auflehnung des Kriegsministers Arabi Bey in ein gesetzliches Mäntelchen zu hüllen, und nun trotzen die revolutionären Minister nicht blos dem Vice-König und den Kamniern, sondern auch England und Frankreichs In den Zeitungen schwimmen schon die französischen und englischen Kriegsschiffe nach dem Lande der Pyramiden, — Anker haben sie freilich vor Kairo noch nicht geworfen. England hat seine Interessen am Nil zu verfechten, denn der Suezcanal führt so bequem die englischen Handels- und Kriegsschiffe nach Indien, und Frankreich, das den ganzen Nordrand Afrika's niederzwingen möchte, — Algier und Tunis in der rechten, das Nilland in der linken Westentasche, — darf auch nicht gleichgiltig zusehen; aber hat denn die Türkei, unter deren Oberhoheit doch Egypten steht, kein Wort mitzureden? Fast sollte man es glauben, wenn man die Londoner und Pariser Journale liest, und offenbar glauben die
Westmächte den Zeitpunkt günstig, um mit dem faulen Egypten aufzuräumen. So eine kleine häusliche Revolution in Kairo und dann eine große Flottendemonstration und dann noch größere internationale Verwicklungen, — auf diese Weise kann aus Kleinem Großes entstehen und wird Welt- und Völkergeschichte gemacht. Die Diplomaten sind jn voller Thätigkeit; in Paris und London, vielleicht auch noch anderswo, werden Pläne entworfen, — nur Bismarck schweigt, denn er ist so krank, daß er sich kaum rühren kann. Ich will nun nicht den Teufel an die Wand malen, aber es wäre nicht das erstemal, daß kleine Ursachen große Wirkung haben, und so ganz undenkbar wäre es nicht, daß das egyptische Wölkchen sich zu einem großen Wolkenknäuel zusammenballte, der die alte Jungfrau Europa mit Blitz und Donner überschüttet.
Totale Sonnensinsterniß lagert über Irland. Es ist immer ein Zeichen der Schwäche und Kopflosigkeit, wenn eine Regierung aus einem Extrem in's andere füllt. Vom 2. bis 6. Mai wandelte das englische Cabinet den Weg der Milde, und jetzt soll plötzlich wieder eiserne Strenge und despotische Dictatur Platz greifen. Das neue Zwangsgesetz, welches das englische Unterhaus unter dem Eindruck des furchtbaren Verbrechens in Dublin in erster Lesung annahm, und welches der Polizei und dem Vicekönig unumschränkte Vollmachten gibt, wird ebensowenig wie die verkrachte Landbill die Zustände in Irland bessern, wenn nicht die Axt an die Wurzel der Hebet gelegt wirb, d. h. wenn die socialen Mißstände auf der grünen Insel nicht von Grund aus aufgehoben werden. Weder unangebrachte Milde noch drakonische Strenge führen zum Ziel, sondern der feste Entschluß, das an Irland seit Jahrhundetten begangene Unrecht zu sühnen und die rechtlosen Pächter in ansässige Bauern umzuwandeln. Und wie trostlos steht die Polizei da! Jn Volkshaufen schlagen und schießen die Polizisten hinein, aber die Mörder können sie nicht fassen! Fast alle Agrarmörder sind unentdeckt geblieben, während doch selbst in Rußland, wo die Polizei vielfach mit den Nihilisten unter einer Decke lag, die Attentäter abgefaßt wurden. Die englische Regierung setzte 200,000 M. auf die Ergreifung der Mörder vom 6. Mai aus, und heute ist man so weit, daß man die Miethkutsche ermittelt zu haben glaubt, deren sich die Mordgesellen bedienten, und einige „Verdächtige" festgenommen hat. Parnell selbst bedarf des militärischen Schutzes, weil die Fenier den Compromiß verabscheuen, den die Führer der Liga mit der Regierung schlossen, und in Baltina ist abermals ein Gutspächter tödtlich verwundet worden. Bis zur Revolution ist nur ein Schritt; — doch nein, einzelne Unversöhnliche machen keine Revolution, sondern das Volk; das irische Volk aber, im Herzen noch immer gut katholisch,
trotzdem England seit 300 Jahren Alles aufgeboten hat, den Katholicismns auf der Insel zu ersticken, wird der Stimme des Papstes gehorchen, der die Iren aufgefordert hat, die Gesetze zu beachten. So sehen wir wieder, daß in allen Nothlagen der Staaten die Kirche es ist, welche warnend und helfend eintritt, wie ja auch katholische Bischöse und Priester es waren, die anno 48 die preußischen Freiheitshelden von den Barrikaden herabholten.
Heber den Katholiken Fra nkreichs steht auch ein böser Komet mit langer, drohender Ruthe; aber wir wollen hoffen, daß die Parole: „Widerstand, Einigkeit und Ausdauer", welcher der Katholiken-Congreß, der dieser Tage in Paris tagte, auf feine Fahne schrieb, zum Schlachtrufe wird, der Tausende und aber Tausende begeistert, um fest geschlossen gegen den Atheismus und das neue Schulgesetz zu Felde zu ziehen. Erst mußte dieses Gesetz das revolutionäre Gebäude krönen, erst mußte diese moralische Guillotine zur Abschlachtung der Kindesseelen auf- gerichtet werden, ehe die Katholiken des Landes zu energischem Handeln sich auf» rafften. Schreiten sie aber auf dem betretenen Wege fort, dann ist der endliche Sieg ihnen sicher, und die Ruthe des Kometen wird die treffen, welche Gott absetzen zu können vermeinten.
Da lobe ich mir das viel verschrieene Rußland! Es hat dem römischen Stuhle eine der wichtigsten Forderungen bewilligt, nämlich eine Bestimmung, die unserer maigesetzlichen Anzeigepflicht wie ein Ei dem anderen glich, in Polen fallen lassen. Wenn nun der morsche russische Koloß darüber nicht zu Grunde geht, so könnte auch das kräftige Preußen es einmal ernstlich versuchen, die Anzeigepflicht mit der Curie zu regeln. Bis jetzt hat sich aber der deutsche Bundesrath noch nicht einmal mit dem am 12. Januar vom Reichstag genehmigten Antrag auf Aufhebung des Ausweisungsgesetzes befaßt, und das neue Kirchengesetz harrt auch noch auf die letzte Instanz, um Gesetzeskraft zu erlangen. Rußland scheint also Rom- und die katholische Kirche nicht sonderlich zu fürchten — nur von den Juden will es Nichts mehr wissen und schafft sie sich vom Halse. Die Berichte über die Judenverfolgungen, von Juden selbst geschrieben, leiden stark an Hebertreibungen, immerhin aber sind solche Erscheinungen tief beklagenswert!). Hub was thun bie russischen Flüchtlinge? Sie prügelten in Newyork ben Director der Gesellschaft für Auswanderung von Juden, weil er ihre übertriebenen Forderungen um Hnterstützungen nicht erfüllen konnte. Die. Vereinigten Staaten Nordamerikas habem die Einwanderung der Chinesen auf zehir Jahre verboten; bie russische Jubensiuth- wirb bem Laube nicht minber Sorgen bereiten.