Mittwoch, den 18. Mai 1882.
-nk- Die erste Berathnng des Arbeiter - Unfall - Versichernngs-
Gesetzes.
Wie jede erste Lesung, so hatte auch die gestrige einen mehr akademischen Charakter und die Debatte nahm einen um so ruhigeren Verlauf, als die Natur des zu bera- thenden Gegenstandes nicht, wie etiva die Monopolfrage rc., aufregende Momente in sich selbst aufzuweisen hatte. In gemessener Sprache wiederholte der Vertreter des Bnn- desrathes, Herr v. Boetticher, im Wesentlichen die Darlegungen, welche bereits in dem dem Gesetzentwürfe beigedruckten Motive enthalten sind. Hiernach gesteht die Regierung zunächst ein, daß sie in Folge des Widerspruchs, den ihr früherer Vorschlag, gemäß dessen das gesammte Arbeiter- Versicherungswesen von einer dazu gegründeten Reichsanstalt in die Hand genommen werden sollte, aufgegeben habe und daß sie an Stelle dieser Anstalt genossenschaftliche Verbände (Betriebsgenossenschaften und Betriebsverbände) ins Leben rufen wolle, welche nach Art der bei Handwerkern, Beamten rc. schon bestehenden genossenschaftlichen Cassen das Versicherungswesen zu verwalten hätten. Strenggenommen liegt hierin zwar nicht die Ausführung des früheren Reichstagsbeschlusses, demzufolge statt der Reichsanstalt Versicherungsanstalten der Einzelstaaten treten sollten; indeß werden ja die einzelnen Betriebsgenossenschaften sich auf Bezirke erstrecken, welche eher kleiner sind, als das
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Zum Glück geboren.
Original-Erzählung von A. Linden.
(Forisetzung.)
Ich hatte, wie schon bemerkt, meinen Freund Gustav Reinhold, so hieß der jetzige Professor, feit achtzehn Jahren nicht wieder gesehen; ebenso wenig etwas von ihm vernommen. Er war mir und ich ihm so gänzlich aus den Augen gerückt worden, daß wir Einer für den Andern so gut wie verschollen waren. Beide aus Haideleben gebürtig, fast von gleichem Alter, — er war nur zwei Jahre älter, als ich — Nachbarskinder, waren wir in inniger Freundschaft mit einander aufgewachsen und hatten Freud und Leid mit einander getheilt: Ich nämlich mit ihm mein Leid, und er mit mir sein Glück. Es war wirklich fabelhaft, welcher Glücksstern schon von frühester : Jugend an über diesem Menschen waltete;
es machte sich bei ihm Alles von selbst ganz nach Wunsch, ohne daß er auch nur im Mindesten Hand anzulegen brauchte, und selbst dann, wenn er in seinem Uebermuthe etwas absichtlich verkehrt anfing, so gelang es schließlich durch irgend eine unvorhergesehene Zufälligkeit doch auch auf das Vollständigste. Dabei war er einer der fleißigsten Schüler, dem aber auch das Lernen nur
Gebiet der Einzelstaaten, so daß der cen- tralistische und bureaukratische Gedanke, den der Reichstag aus dem ursprünglichen Entwürfe durch Verwerfung der Reichsanstalt entfernen wollte, jetzt erst recht beseitigt erscheint. — Eine zweite Hauptforderung des ursprünglichen Entwurfes, bezüglich deren jetzt aber der Kanzler kein Entgegenkommen bewiesen, bestand in der von der Regierung verlangten Beihilfe zu den Versicherungsbeiträgen der Arbeiter resp. Arbeitgeber. Der Reichstag wollte bekanntlich von einer solchen Beihilfe unter keinen Umständen etwas wissen und zwar weder von einem Reichszuschuß, noch von einem Zuschuß der Einzelstaaten, sondern verpflichtete, — wenn wir von unwesentlichen Bestimmungen absehen — die Arbeitgeber zur Entrichtung von zwei Dritteln, die Arbeiter zu einem Drittel der Versicherungspräinien. Man erkannte eben in dem Vorschläge der Regierung ein gefährliches staats- resp. reichsfociali- stifches Princip, das auch mit der Würde des Arbeiters'nicht verträglich sei. Umgekehrt aber verfolgte der Reichskanzler das Bestreben, das Reich als den großen Wohl- thäter hinzustellen, das dem „armen Manne", dem „Enterbten", sein ihm entzogenes „natürliches Gut" wenigstens einigermaßen zu ersetzen bemüht sei. Die Verwerfung des Reichszuschusses hatte darum auch haupt- fächlich den Kanzler bewogen, das Unfall- gefetz, wie es im vorigen Reichstage um- geündert worden war, nicht anzunehmen — kein Wunder, daß der Zuschuß in dem neuesten Entwürfe abermals verlangt wird.
geringe Mühe machte; überall gern gesehen und gern gelitten, denn er war der gut- müthigste Bursche, den es nur auf Gottes weitem Erdboden geben konnte; immer heiter, immer glücklich und immer zufrieden. Er freute sich 'feines Glücks nur, um dessen Andere mit theilhaftig machen zu können, und hatte deßhalb auch nie Neider und Feinde.
Mich hingegen hatte hinwiederum stets ein schadenfroher Kobold verfolgt. Nicht, als ob mich große Unglücksfälle besonders heimgesucht hätten; int Gegentheil waren meine Verhältnisse mehr als angenehm, ja sogar in einem gewissen Grade glänzend zu nennen; aber der Fluch des kleinlich Lächerlichen klebte an mir und machte mich zur Zielscheibe gutmütigen Spottes. Die Geschichte auf dem Brühl war eine der unzähligen neckischen Zufälligkeiten, welche mir fast jeden Tag passirten; und nur metn unverwüstlicher Humor, der immer bald wieder Merger und Unmuth durchbrach, wie niedergetretenes Gras sich immer von Neuem wieder aufrichtet, konnte es möglich machen, daß ich Alles gutmütig über mich ergehen ließ, ohne die Geduld für länger als einen Augenblick zu verlieren. Ich war das Auslachen so gewöhnt, daß ich endlich that, als bemerke ich es gar nicht mehr und
Nur über die Offenheit muß man sich wundern, mit der die „Motive" die diesbezüglichen Ziele des Kanzlers zu Tage treten lassen. „Die Gewährung eines Zuschusses aus Reichsmitteln", sagen sie, „scheint in hohem Maße geeignet, die socialpolitische Wirksamkeit des zu erlassenden Gesetzes zu verstärken, weil in demselben am unmittelbarsten und in der dem Arbeiter verständlichsten Weise die Fürsorge des Reichs für die Verbesserung seiner Sage zum Ausdruck gelangt!" — Dieses grundgütige „Reich"! Herr Leuschner (Eisleben) sagt uns, daß ohne eine in Waffen starrende Armee das Reich zerfallen würde, so daß das Tabakmonopol die Mittel für die immer theurer werdenden Soldaten aufbringen müffe und die Motive zum Unfallgesetz deuten an, daß, wenn das Reich nicht wenigstens den Schein erwecken könne, daß es eine „fürsorgliche" Einrichtung sei, es um seinen inner« Halt im Volke schlecht bestellt sei! - Herr v. Boetticher hatte die undankbare Aufgabe, diese Seite der Reichspolitik gestern wieder vertreten zu müffen. „Undankbar", muß mau sagen, weil es schon jetzt so gut wie feststeht, daß ein Uufallgesetz m i t Reichszuschuß nicht zu Stande kommt. — Dem Vertreter des Bundesrathes antivor- teten gestern ein Demokrat, ein ganzer und ein halber Socialdemokrat, nämlich die Abgg. Sonnemann, Kräker und Dr. Hirsch. Heute wird die Generaldebatte über den Gesetzentwurf festgesetzt und dann eine Commission für Einzelberathung eingesetzt werden. ______________________________
entweder mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt irgend eine Bemerkung machte, die zu dem Vorhergegangenen paßte, wie eine Heugabel zum Kirschenpflücken, oder selbst mitlachte, was jedenfalls das Klügste war, weil ich dann wenigstens keine neue Dummheit beging. Dies hatte uns beiden schon als Knaben jene Spitznamen zu Theil werden lassen, welche uns auch auf dem Gymnasium unserer Vaterstadt, welches wir gemeinschaftlich besuchten, verblieben waren. Aber immer und unter allen Umständen waren wir die unverwüstlichsten Freunde geblieben. Mit dem siebenzehnten Jahre verließ er das Gymnasium, um eine Universität zu beziehen. Ich hatte nie viel Glück mit dem Lateinischen und Griechischen gehabt und hatte es nunmehr noch weniger. Gottes freie Natur zog mich noch mehr an, als die tobten Bücher. Mein Vater merkte dies und nahm mich ebenfalls von dem Gymnasium. Ich kam noch einige Jahre auf eine polytechnische Schule und widmete mich später der Landwirthschast.
Drei Jahre später, kurz bevor er sein Examen machte, sah ich meinen Freund noch einmal bei Gelegenheit eines Besuches, den ich ihm in der Universitätsstadt wo er seinen Studien oblag, machte. Ich blieb mehrere Wochen bei ihm. Er war noch