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M 112

Dienstag, den 16. Mai 1882.

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-o- Die Lehrschwesternfrage in der Schweiz.

Seit einer Reihe von Jahren wirkte der von dem seligen Volksmann P. Theodosius gegründete Verein der Lehrschwestern segens­reich in den katholischen Kantonen der Schweiz; sie erfreuten sich der Zufriedenheit der Schulbehörden und der Zustimmung selbst liberaler Gemeinden. Vor 4*/2 Jahren wurde plötzlich von „altkatholischer Seite" in zwei Gemeinden den Lehrschwestern der Krieg erklärt und der Bundesrath ange­gangen, dieselben als den Confessionsfrieden störend aus den Schulen zu entfernen. Der Bundesrath ernannte in Folge dieses Recur- ses sofort zwei Sachkundige, welche die betreffen­den Schulen zu prüfen und die Frage zu begutachten hatten, ob die Leistungen der Schulschwestern annehmbar und mit den Vorschriften der Bundesverfassung vereinbar seien. Welches war das Resultat? Der Bestand der Experten (beide liberal) lautete außerordentlich günstig. Keine Thatsache konnte namhaft gemacht werden, welche dem Wortlaute, dem Sinne oder Geiste der Bundesverfassung (bezüglich der Lehrweise, confessioneller Uebergriffe rc.) zuwider ge­wesen wäre. Dazu kam eine großartige Manifestation des katholischen Volkes, welches in allen Kantonen, wo Schulschwestern wirk­ten, in seltener Einmüthigkeit, ohne Unter­schied der politischen Parteifärbung, selbst unter Mitwirkung einer schönen Zahl von Protestanten sich für die bedrohten Lehrerinnen erhob und innerhalb drei Wochen einen 40,000 stimmigen Mahnruf an den Bundesrath richtete.

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Zirm Glück geboren. *)

Original-Erzählung von A. Linden.

Es war Michaelismesse in Leipzig; Ge­schäfte hatten mich dort hingerufen. Aber die Geschäfte gingen mordschlecht, und die Witterung war mo möglich noch schlechter; ein häßlicher, rauher Nordwestwind durch­schauerte Einem die Glieder, der Regen klatschte von den Dächern, zeitweise sogar mit schweren Schneeflocken untermischt, so groß, daß sie mir ordentlich die Augen zu schließen drohten, wenn sich eine derselben so recht quer über das Gesicht legte. Ich war sehr übel gelaunt und verdrießlich. Wer das Glück schon gehabt hat, Leipzig in diesem schmutzigen Hauskleide zu genießen, wird das begreiflich finden. Der Koth war wirklich unermeßlich und von ächt deutscher Natur, denn je mehr er getreten wurde, um so nachgiebiger zeigte er sich und um so mehr Anhänglichkeit an seine Unterdrücker bewies er. Dazu sah man auf dem ganzen Brühl, soweit ich ihn überblicken konnte, nichts wie langbärtige Juden in ihren schwarzen Kaftanen und mit den Mützen von Pelzschweifen oder den breitrandigen Hüten auf dem Kopfe, untermischt mit groben und einigen christ- llchen^ Rechenknechten, denen das Einmaleins

*j Nachdruck verboten.

Nach Empfang des Experten-Berichtes fetzte der Nationalrath eine siebengliedrige Com- mifsion (4 Radicale und 3 Conservative) nieder und diese faßte nach zweimaliger Be- rathung und in Uebereinstimmung mit dem Bundesrath den einmüthigen Beschluß, auf Grund der gegenwärtigen Actenlage die Ab­weisung des Recurses zu beantragen. Mitt­lerweile trat aber das radicale Centralco- mite (Dr. Weibel, Wyß und Comp.) mit einer Hetzschrift auf, welche die Staatsge­fährlichkeit der Lehrschwestern behauptete und das Jesuiten-Gespenst heraufbeschwor. Die Commission trat zu einer dritten Berathung zusammen und beantragte nun mit Mehr­heit, den Recurs nicht ab^ sondern an den Bundesrath zurückzuweisen. Nach längerer, bewegter Berathung gelangte der neuge­wählte Rath über den 4V2 Jahre alten Recurs zur Abstimmung. Der Antrag, den Recurs als begründet zu erklären, wurde zwar mit 77 gegen 33 Stimmen abgelehnt, dagegen mit 56 gegen 52 Stimmen beschlossen: „es sei der Recurs, wie auch die neuen Eingaben zur Begutachtung und eventueller Antragstellung an den Bundesrath zurück­zuweisen."

Vergeblich warnten die hervorragendsten Vertreter der katholischen Kantone vor diesem Beschlüsse; vergeblich appellirten sie in das Rechtsgefühl der National- räthe, indem sie betonten: Die projectirte Unterdrückung der Lehrschwestern sei eine Verletzung der Freiheit der Katholiken in dem als frei gepriesenen Schweizerlande. Oder hätten vielleicht die armen Lehrschwe­stern solche Angriffe verschuldet? Habe unverkennbar vom Gesichte abzulesen war. Das naffe Stroh, für mich der widerwär­tigste Anblick, den ich mir denken kann, lag haufenweise aus der Straße. Kurz, es ver­einigte sich Alles, mir die Welt zuwider zu machen. Ich schritt eilig den Brühl hinauf, um dem abscheulichen Wetter und dem ver­haßten Anblick zu entgehen: allein es war gerade, als sei es heute speciell darauf ab­gesehen, mich zur Verzweiflung zu bringen, denn ich kam nicht vom Fleck. Solches Wetter und solche Umgebung auswendig und solche Laune inwendig, da weiß ich schon im Voraus, daß mir irgend etwas Dummes begegnet; an solchen Tagen verfolgt mich mein Pech, und wäre ich nicht eine so gut- müthige Haut, ich wäre längst aus derselben gefahren. . . .

„He!" brüllte mir ein Schleifknecht bei­nahe dicht vor den Ohren; er hatte wohl­weislich mit seinem Warnungsruf gewartet, bis mir die Pferde ganz dicht auf dem Nacken waren und mich fast Umrissen. Ich machte vor Schreck einen gewaltigen Seiten­sprung, so daß mir der Hut vom Kopfe flog, kam aber im wahren Sinne des Wortes aus dem Regen in die Traufe.

Mein schadenfroher Kobold führte mich gerade unter eine recht gemüthlich nieder­plätschernde Dachrinne, deren Erguß mir die

man eine einzige Thatsache erbracht, die solch gewaltmäßiges Vorgehen rechtfertigt? Die gegnerischen Anträge richteten sich aber auch wider die verfassungsmäßig garantirte Vereinsfreiheit. Solle einzig den Lehr­schwestern gegenüber, die einen Verband bildeten so gut wie jeder andere, der Grund­satz der Vereinsfreiheit verleugnet werden? Sollen 253 harmlose Ordensfrauen unter dem Vorwande der Staatsgefährlichkeit aus­getrieben werden? „Gut! dann stelle man vorher eine Untersuchung über alle Schulen an, und zwar auch an solchen Orten, wo die Lehrer schon als Candldaten öffentlich sich mit dem Ruhme brüsteten, an keinen Gott zu glauben. Wenn Frömmigkeit im Schweizerlande eine Gefahr für den Staat bilde, dann möge man auch die Frage in Erwägung ziehen, ob der Atheismus viel­leicht "für das Schweizervolk glückverheißend sei?" Die Bundesverfassung, welche für Alle gleich verbindlich und unantastbar sein soll, fordere bezüglich der Volksschule nur: genü­genden Un:erricht, ausschließlich staatliche Leitung und Wahrung der Glaubens- und Gewissensfreiheit der Jugend. Was nun die Leistungsfähigkeit der Lehrfchwestern im Unterricht betreffe, so sei diese allseitig an­erkannt; der staatlichen Leitung und Ober­aufsicht hätten sich die Schulschwestern durch eine Statutenänderung unterworfen. Die Lehrschwestern bildeten auch keinen klöster­lichen Orden, sondern nur eine Congrega- tion: sie legten nicht bindende Gelübde ab wie Klosterfrauen, es stehe ihnen jederzeit frei, aus dem Verbände auszutreten. Also sei man tolerant — doch nein, die Katho- Haare meines hutlosen Kopfes eiligst über das Gesicht wusch, gerade als ich im Begriff war, den groben Schleifknecht mit einem Blick meiner Augen zu vernichten. Der flämische Kerl verzog das breite Maul zu einem so hämischen Grinsen, als er mich unter der Dachrinne stehen sah, daß ich glaubte, die beiden Mundwinkel müßten hinten im Genick zusammen kommen.

Ich hätte dem malitiösen Kerl einen Pflasterstein zwischen die Zähne schieben mögen; ein grimmiges Scheltwort auf den Lippen trat ich rasch bei Seite, um der Spülerei zu entgehen und mich nach meinem Hute umzusehen. Dabei langte ich mit dem Absatz ziemlich kräftig auf den Hühneraugen eines polnischen Juden an, und obgleich ich einen urkrästigen Rippen­stoß von ihm erhielt, empfand ich doch eine ungeheure Schadenfreude darüber, und wollte ebenfalls malitös auflachen. Aber mein un­glückseliger Hut benahm mir die Lachlust sofort wieder: da kam er, ganz harmlos und gemüthlich, den Deckel nach unten und die Krempe nach oben gerichtet auf den Fluthen des Straßengerinnes daher ge­schwommen und traf eben glücklich unter derselben freigebigen Dachrinne ein, welche nur einige Secunden früher mich selbst in der Wäsche gehabt hatte. Ich hätte heeuln