Sonntag, den 14, Mar 1882.
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/t Politische Streifzüge.
’ (Nachdruck verboten.)
Hab' ich nicht gesagt, daß der Mai auf dem besten Wege ist, sich zu bessern? Durch die Maigesetze war der Wonnemonat stark anrüchig geworden, aber jetzt bietet er Alles c auf, wieder in guten Geruch zu kommen:
r am 3. Mai fand die Consecration und In
thronisation des Bischofs Dr. Hötting von Osnabrück statt; am 4. Mai, den auch ; Dr. Windthorst als einen „glücklichen" Tag
bezeichnete, kam das neue Kirchen- oder Maigesetz zu Stande, das aber eine Nummer t besser ist, wie seine abgelebten Vorgänger;
3 am 5. Mai traf die Bestätigung des neuen
Erzbischofs von Freiburg, Dr. Orbin, ein, und am 6. Mai bekam unser Kaiserhaus und das deutsche Volk ein neues Mai-Prinz- t j chen, Thronfolger und Kaiser in spe. Sind das nicht schöne Gaben? Wenn der Wonnemonat so fortfährt, wenn er den greisen Bischof von Limburg bis zum Tage des t ■ 50jährigen Jubiläums (17. Mai) in seine Diöcese zurückführt, wenn er den Liberalen - ebenso viele Schmerzen wie den Katholiken
t . Freude verursacht, dann wollen mir ihm t eine recht gute Note ausstellen.
- Kaiser Wilhelm vergoß Freudenthränen,
- | f als er seinen Urenkel, den neuen kräftigen
t ! Sproß am blühenden Hohenzollernstamme,
t in den Armen hielt; erblickte er doch in
dem Sohne seines Enkels den dritten Erben seiner Krone und seines Reiches, — möge
I der Himmel das Kind segnen, und zum
. ' Heile des Landes und unserer Nachkommen
t ein tüchtiger Regent ans ihm werden! —
Aber nicht blos dem Kaiserhause lacht die
16 Clara.
(Bilder aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Schluß.)
Rasch holte man den Geistlichen. Aber das Bewußtsein kehrte bei der Alten doch noch nicht wieder. Nur wurden die Lebensspuren immer sichtbarer. Man behielt sie stets in wachsamem Auge, da die Kranken gewöhnlich aus der Erstarrung gleich vor ihrem Tode zu klarem aber kurzem Bewußtsein erwachten.
Es wurde Abend, Clara litt unbeschreiblich, aber mit engelgleicher Ergebung. Da wandelte die Abendprocession wieder durch die Stadt und das erschütternde Gebet hallte von gern her bis zum Spital hinüber. Dann verklang es in die entferntem Viertel. Wie gleichgiltig die Kranken für Alles waren, was um sie unmittelbar vorging, das Gebet stimmte Alle, die es vernahmen zum Mitgebet, in den Sälen der Genesenden betete man laut in den Chor. Clara wurde von dem Gebet wie angestoßen, es war kaum möglich, da sie in ihrem Zustande dasselbe konnte gehört haben, sie betete vernehmlich wie im Schlummer den Rosenkranz. Aber ihre Lebensgeister führten einen ungleichen Kampf mit dem wühlenden, betäubenden Schmerz. Bald lag sie in Ohnmacht. Da
Maisonne sreundlich, auch auf die preußischen Katholiken fiel ein milder Strahl. Das Abgeordnetenhaus nahm das neue Kirchengesetz nach den Beschlüssen des Herrenhauses an, und nach den Erklärungen des Cultusministers ist an der Königlichen Genehmigung nicht zu zweifeln. Viel ist damit zwar nicht erreicht, aber doch etwas; die noch lebenden „abgesetzten" Bischöfe können • zurückberufen werden; das Culturexamen ist beseitigt und neue Staatspfarrer werden nicht mehr angestellt. Das ist practisch sehr wenig, aber bedeutungsvoll durch die Umstände, unter denen es zu Stande kam, und durch die Folgen, die sich nothwendig daran knüpfen müssen. Ueber die Maigesetzgebung ist der Stab gebrochen; der Cul- turkampf liegt in den letzten Zügen. Zwar ist das neue Gesetz nur ein Schritt aus dem Wege der Besserung; zwar beibt die Hauptsache, die Anzeigepflicht, welche die Besetzung der verwaisten Seelsorgestellen ermöglicht, noch zu regeln, (was hoffentlich der directen Verständigung zwischen Berlin und Rom bald gelingt,) aber groß ist der moralische Erfolg, den das Centrum errungen! Noch im letzten Augenblicke" bot der kirchenfeindliche Nationalliberalismus Alles auf, der gewaltigen, unüberwindlichen Roma den Dolch in's Herz zu stoßen; der Cnlturpauker Götting öffnete alle Schleusen seines Hasses gegen die Kirche; er warf mit Phrasen und Schlagwörtern um sich, wie ein Unterofficier mit Donnerwettern; er malte sogar das Schreckgespenst der Jesuitenmoral an die Wand und ließ den armen Staat, der über Canossa durch v.
schlichen zwei Männer in den Saal und flüsterten mit der Wache habenden Schwester. Diese winkten nach der Ecke. Sie näherten sich mit behutsamen Schritten dem Bette Clara's. Der Eine mit starkem Barte, beugte sich über das toddsbleiche Mädchen, ein paar Thränen rannen auf das Bett. „Es ist zu spät, flüsterte er seinem Begleiter zu, der stumm da stand mit zitterndem Angesicht, sie erkennt uns nicht mehr!" Beide schwiegen und blieben eine Weile wie in Gedanken stehen. Da hörte man von Weitem das Beten wieder; die Proeession bei siebentausend Menschen, näherte sich dem Hospital, immer schwerer, erschütternder, gewaltiger wurde das ergreifende Chorgebet, das wie tausendstimmiger Hilferuf zu Gott um Erbarmung rief. Die beiden Männer knieten am Bette nieder und beteten mit der Menge, die sich rings um das Hospital schaarte und bevor sie sich zerstreute, die Leidenden und Sterbenden des Hauses der Barmherzigkeit Gottes befahl. Clara wurde durch den schweren Schall aufgeweckt, ihr Herz hörte das Bittgebet, sie richtete sich plötzlich int Bette auf, faltete die Hände: „Herr erbarme Dich unser! — Christus erbarme Dich unser! — Herr, erbarme Dich unser!" ries es von der Straße her: „Chir- stus, erlöse uns!" seufzte Clara. In ihrer
Schlözer nach Rom gegangen sei, ohnmächtig am Boden liegen, — Nichts half; man lächelte über die Hildesheimer Cassandraa und ihre Anachronismen. Und wie jammern die armen Liberalen! Selbst das Geheul der Neger bei Todenfeierlichkeiten ist ein sanftes Mailüftchen gegen ihre Klagetöne. Man sollte meinen, der Himmel stürze ein und die Erdrinde sei rundum geborsten. „Der Feldzug, sagen sie, sei gescheitert, und die Kriegsfahne, die der Kanzler seit 1873 so kühn gegen den Ultramontanismus getragen, liege unrühmlich gefällt auf dem Blachfelde." Jeder Schmerz erheischt Achtung, haben wir doch selbst mit der Verzweiflung eines verkrachten Gründers Mitleid. Warum sollen wir dem Liberalismus seinen Jammer nicht gönnen? Gewiß, er verdient ihn, er darf und soll wehklagen; wir wollen ihm dieses natürliche Recht nicht schmälern. Lange Jahre saß er hoch zu Roß, übermüthig, schimpfend^ hetzend; jetzt sitzt er neben Job auf dem Scherbenberge seiner Erfolge und weint blutige Thränen. Möge er sich ausweinen ; vielleicht erleichtert der Thränen- und Gallenerguß fein Herz. Ein geschlagener Feind ist nicht mehr gefährlich. Leider steht unsere Freude nicht im Verhältnisse zur Trauer der Liberalen; wir wissen, daß der Culturkampf noch nicht beseitigt ist und daß noch Bergeslasten abzutragen sind, bevor die Kirche ihre Rechte und Freiheit zurückerobert hat, — also keine Ueberschätzung! Aber freuen dürfen wir uns doch, daß wir auf dem Wege sind, der zum Frieden führt; und geht's auch nicht per Schnellzug, die Bummelzüge kommen auch an Ort und Stelle.
Nähe wurde ein schreckliches Röcheln hörbar, eilig lief die Ordensschwester hinzu. Clara wandte das Gesicht nach ihrer Nachbarin: „Gott, erbarme sich Eurer!" flüsterte sie, und sank in's Bett zurück. Die zwei Männer traten zu Clara, ergriffen ihre Hand, sie war bereits eiskalt und gefühllos und all' ihr Rufen konnte sie nicht mehr beantworten. Sie knieten wieder nieder und beteten, indem sie die Hände des sterbenden Mädchens festhielten.
Der Geistliche, von der Schwester herbei - geholt, versuchte die „Fängerin" zum Bewußtsein zu bringen und irgend ein Zeichen der Reue zu entlocken. Dumpses Murmeln war die Antwort. Dann wieder eine peinliche Stille. Der Geistliche wandte sich zu Clara. Sie war bereits am Sterben. Ueber sie sprach er die Todtengebete, ihr letzter Kampf war leicht; ruhig entschlummerte sie unter dem Gebete der Umstehenden und dem Scheidegebet der Proeession draußen. Die zwei Männer drückten ihr weinend die Augen zu. „Uns hat sie gerettet, sagten sie dem Geistlichen, wir müssen sie verscheiden sehen. Wahrhaftig, es war ein Engel vom Himmel auf Erden!" Das waren die beiden Arbeiter, die ihre Wohlthäterin aussuchen wollten, um sich nach ihr zu erkundigen, und Zeugen ihres Todes wurden.