JK 107. Mittwoch, den 10. Mai 1882.
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Deutsches Reich.
-uk- Berlin, 7. Mai. Seit einigen Tagen beschäftigt sich die Presse aller Parteien lebhaft mit der Frage, ob die Centrums- fraction des Reichstags den Gesetzentwurf über das Tabaksmonopol einer Commission überweisen, oder ob sie denselben kurzweg nach Arides „Verwendungsgesetzes" durch Plenarberathung abthun werde. Diese Angelegenheit ist jetzt entschieden. Das Centrum hat nämlich in einer vorgestern Abend abgehaltenen Fractionssitzung beschlossen, den Gesetzentwurf einer Commission zu überweisen. Für das Monopol an u. für sich sprach sich bei der Discussion darüber nur ein einziges (württembergisches) Mitglied der Fraction aus, welches erklärte, daß er mit der überwiegenden Mehrzahl seiner Wähler in Widerspruch gerathen würde, wenn es sich gegen das Monopol erklären wollte; wenn nun trotzdem aber auch alle übrigen Fractionsmitglieder, welche sich als Gegner des Monopols zu erkennen gaben, sich für ^CommMonsberallMNg. aus- iprachen, so geschah dies hauptsächlich aus dem Grunde, weil sie durch eine gründliche Commissionsberathung das Monopolpro- ject sicherer zu beseitigen hofften, insofern hierdurch wenigstens für lange Zeit der Regierung die Möglichkeit entzogen wird, in einer späteren Session die Monopolvorlage unter dem Vorwande wiedereinzubringen, daß dieselbe bisher vom Reichstage noch nicht gründlich berathen worden sei. In gleicher Weise wird der bereits von fortschrittlicher »Leite eingebrachte Antrag, der sich gegen jede weitere Erhöhung der be
stehenden Tabaksteuer ausspricht — ein Antrag, welcher dem Centrum ebenfalls sympathisch ist — von der Fraction der Monopol - Commission überwiesen werden. In die letztere sind seitens des Centrums diejenigen Mitglieder gewählt worden, welche schon im Jahre 1879 in die Tabakcommission gewählt worden waren (Freiherr v. Bodman, Graf Galen, Gielen, Lender, Dr. Lingens und Dr. Majunke;) indeß ist es noch fraglich, ob alle diese Herren diesmal Zeit gewinnen werden, in die Commission einzutreten. — Die erste Plenarberathung über das Monopol wird wahrscheinlich am Mittwoch und Donnerstag stattfinden, worauf die Con- stituirung der Commission erfolgt.
* Berlin, 8. Mai. Der Kaiser hatte schon am Sonnabend eine Stunde nach der um 9 Uhr 50 Min. Abends glücklich erfolgten Entbindung der Prinzessin Wilhelm telegraphisch von dein srohen Familienereignisse Kenntniß erhalten. Gestern früh 8 Uhr erstattete Prinz Wilhelm persönlich Meldung. In Berlin und Potsdam wurden je 72 Kanonenschüsse abgefeuert. Rach 12 Uhr Mittags begab sich der Kaiser mittelst Extrazuges nach der Station Neu-Babelsberg, woselbst der Kronprinz seinen kaiserlichen Vater erwartete, um ihn nach Austausch gegenseitiger Glückwünsche nach deni Marmorpalais zu geleiten. Se. Majestät hatten die Freude, die hohe Wöchnerin einige Minuten zu sehen, da die Frau Prinzessin es sich nicht hatte nehmen lassen wollen, dabei gegenwärtig zu sein, wenn der greise Monarch den Urenkel zum ersten Male erblickte.
„Richt häufig werden," so schreibt der .Reichsund Staatsanzeiger/ „die Häupter von vier direct von einander abstammenden Generationen gleichzeitig unter den Lebenden sein; in wenigen anderen Herrscherfamilien möchten Beifpiele dafür anzuführen sein: die Freude aber, welche unserem Vaterlande jetzt zu Theil wird, um den Monarchen den Sohn, den Enkel und den Urenkel versammelt zu wissen, war wohl noch keinem anderen Volke beschieden. Diese vier Generationen der Königlichen Familie waren am gestrigen Tage im Marmorpalais bei Potsdam zum ersten Male unter einem Dache vereinigt."
— Reichstag. Sitzung vom 8. Mai. Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen Sitzung fanden verschiedene Recla- mationen in Betreff der Präsenzliste vom vorigen Sonnabend ihre Erledigung. Der Abg. v. Holstein wies nach, daß in dem stenographischen Berichte der Gewerbeordnungsrede des Abg. Lasker die Stelle, welche von dem Werth der Hausirer handelt, entstellt worden sei. Herr Lasker habe die Hausirer als die „tüchtigsten" oder „edelsten" Kräfte der Nation bezeichnet, worauf Heiterkeit der Rechten erfolgt sei. In dem gedruckten Berichte stehe jetzt nur, daß das Hausirgewerbe „tüchtige" Kräfte der Nation enthalte. In der jetzigen Fassung erscheine die verzeichnete „Heiterkeit" unmotivirt, während sie thatsächlich durchaus begründet gewesen. Herr Lasker mußte durch sein Schweigen anerkennen, daß eine solche Cor- rectur, die seine Rede des Charakters lächerlicher Uebertreibung entkleiden sollte, vorgenommen worden sei.
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Clara.
(Bilder aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Fortsetzung.)
Wenn sich die Bande zu lösen drohen, mit denen der Mensch an das irdische Leben gebunden ist, richtet er sich entweder mit um so größerer Kraft zu Gott auf, oder versinkt in duinpfes Hinbrüten und verzweifelt. Das Letztere ist nicht des Volkes Art, das ist im Grunde nur Sache einzelner, durch Hochmuth, Geiz oder Sinnenlust ausgebrannter Herzen, eine Folge des Widerstandes gegen die lebendige Wahrheit, gegen die ewige Liebe. Als die Cholera ausbrach und ihre ersten Opfer wie mit glühenden, zermalmenden Händen faßte, war der erste Ruf der Befallenen nach dem Priester. Das thaten auch solche, die verhetzt von salschen Propheten, noch vor wenigen Monden sie an den Galgen zu knüpfen gedroht und geprahlt hatten. Der zweite Ruf galt dem Arzte. Je mehr man einsah, wie wenig in den meisten schweren Fällen der Arzt auch mit dem besten Willen ausrichten konnte, um so stärker hing sich das Volk wiederan seinen, meist so schrecklich vernachlässigten Glauben. Die Kirchen wurden ungleich stärker besucht als früher, Schaaren von Büßern knieten an den Beichtstühlen; die
Arbeit der Geistlichen wuchs von Tag zu Tag unter Gesunden, Kranken und Sterbenden. Und das. Volk hat sich über seine Geistlichen nicht zu beklagen gehabt, seine wahren Freunde in der Roth gefunden. Aber die Armuth wollte in so schrecklicher Noth noch besondern Trost. Als die Opfer sich mehrten und es in einzelnen Straßen fast kein Haus mehr gab, in dem nicht ein Kranker oder Todter lag, einzelne Kranke selbst auf offener Straße umfielen, Andere direct von der Straße sich in das naheliegende Spital schleppten, um wenigstens unter pflegenden Händen ihren Tod zu empfangen, Jammer und Elend jeglicher Art einzog in die fo schwer geschlagenen Familien: erhob sich spät Abends, wenn die Nacht ein- gebrochen, in den Arbeitervierteln von Fern her ein lautes Beten, das die Straßen hinauf und hinunter scholl. Bald kam ein Trupp Männer daher in ihrer ärmlichen zerrissenen Alltagskleidung, das Kreuz vorauf. Das „Kyrie eleison!" rief seinen erschütternden Laut in die stille Nacht, in alle Menschenwohnungen hinein. Der Zug vergrößerte sich von Schritt zu Schritt; aus allen Häusern wandelte Jung und Alt mit ihrer Angst und Noth, ihrer Furcht, ihrem Entsetzen und Gottvertrauen in den Zug, der von Hunderten zu Tausenden anwuchs, [
dessen ergreifendes, aus der tiefen Nothund Herzensbedrängniß ausströmendes Gesammt- gebet Gassen, Markt und Plätze füllte und durch die dunkle, stille Nacht zum sternbe- säeteu Himmel drang. Da fah man Leute mit elenden Lumpen bedeckt, die aus Armuth und Verkommenheit seit Jahr und Tag keine Kirche mehr besucht, bärtige Arbeiter, die jüngst noch mit drohenden Fäusten dem Besitz den Krieg erklärt hatten, zwischen beffer gekleideten Bürgern dahergehen, in geiueffe- uer ruhiger Ordnung, Jeder mit seinem eigenen Jammer, ein endloser Zug, der nach den Kirchen pilgerte, zum gekreuzigten Heilande rief, die Mutter der Barmherzigkeit anflehete, daß die Menschenherzen, wie sie auch fein mochten, wurden sie von dem furchtbar erschütternden Gebete erreicht, sich umwendeten in erbarmendem Mitgefühl. Das wiederholte sich fast jeden Abend, ohne daß der gewaltige Eindruck um ein Mindestes schwächer geworden. Ja, die Noth lehrt beten, das Unglück macht fromm.
In den ersten Tagen nach dem Ausbruche der Cholera war ein großer Theil der Familie, bei der Clara diente, aufs Land gereist; auch in ihrem Hause wohnte der Schrecken, nur nicht im Herzen Clara's. Sie kannte keine Furcht und hätte Alles drum gegeben, wenn man sie ihrer Arbeit