M 105.
Sonntag, den 7, Mai 1882.
Fuldaer
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Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Ssnn- und Feiertage ausgenommen. Ran abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda in der Sn-edition. Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Pofiiimtern. Der vierteljährliche AbonnementSpreis beträgt ausschließlich Bringerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Psg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. SO Pfg. Die .illustrieren Sonntagsblätter- der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg., in's Haus gebracht 40 Pfg. Inserate: Die P-tttzeile oder deren Raum 15 Prg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
Politische Streifzüge.
(Nachdruck verboten.)
Der Reichstag, der zum großen Leidwesen des ohnmächtigen Liberalismus seine frühere conservativ - clericale Spitze wieder hat, trat sang- und klanglos im gewöhnlichen Sitzungssaals zur außergewöhnlichen Session zusammen. Er hat die doppelte Aufgabe, mit der Arbeiterunfallversicherung ohne staatlichen Zuschuß, mit der obligatorischen Krankencasse und mit der Abänderung der Gewerbeordnung dem wirth- schaftlichen Reformprojecte des Fürsten Bisinarck vorzuarbeiten und mit dem Tabakmonopol die Steuerreform lebensfähig zu machen. — Das Abgeordnetenhaus ist über den Nachtragsetat, die Anhalter Bahn, die Kosten für den Volkswirthschaftsrath, die westfälische Güterordnung und die Eisenbahn- Garantien auf die Hundesteuer gekommen, und da kam endlich in die trockene Debatten ein Hauch erfrischenden Humors und belebenden Witzes. Ein gesunder Humor und ein guter Witz ist doch immer noch mehr werth, als die geistreichste Rede Virchow's oder die deutsch- veremlichen Jerennad'en v.' Eyriern'S.' Der Witz rüttelt die schlaffen Geister aus ihren Schlummerpolstern auf und verhält sich zu den gewöhnlichen Parlamentsreden, wie ein Glas Champagner zu einer Medicinflasche. Den Bogel schoß unser Windthorst ab; er sagte:
So wollt' den Hector auch Ihr noch besteuern! Des Kindes Spielzeug und des Hauses Hüter? Wollt' Ihr des Armen einz'ge Freud vertheuern, Der blos dem Hunde gegenüber ist Gebieter? O, laßt sie doch in Ruh, die kleinen Spitze Und auch den Reichshund, Bismarck's Leibtrabant;
iö Clara.
(Bilder aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Fortsetzung.)
IV.
Clara im Kloster und ihre weiteren Schicksale.
Clara wurde in die Tracht der Novizen gekleidet und in den Krankendienst und die Hausarbeit eingeführt. Bon nun an war sie in ihrem Elemente. Bon der Morgenfrühe bis in die Nacht war ihr keine Arbeit zu schwer, keine Prüfung zu hart. Man wies sie an die ekelhaftesten Kranken und es waren ihr die liebsten, gab ihr oft Arbeit über ihre Kräfte, sie aber glaubte es selber nicht. Gegen Alle war sie die Milde und Freundlichkeit selbst, bedurfte wenig für sich, hätte aber ihr zugewiesenes, reichliches Mahl noch mit Freuden zu den Armen oder Kranken in der Stadt getragen, wenn man es ihr gestattet hätte. Der Gehorsam hielt sie in Schranken. In der Capelle betete sie mit seltener Inbrunst, da war sie so selig bei ihrem Gott, dem sie in seinen Armen diente; zwischen den Kranken betete sie mit vollem Herzen, aber schweigenden Lippen. Die Oberin mußte ihren Eifer zügeln, aber verbot sie ihr die
Arbeit, verzehrte sie sich in ihrem Innern. Es gibt Herzen, die müssen stets im Feuer bleiben, sollen sie nicht vor innerer Gluth zusammen gehen. Clara ist selig im Hingeben, in völligem Hingeben an ihren vermeintlichen Beruf. Gott hat es anders gewollt.
Noch bevor die Novizenzeit zu Ende ging, schienen ihre Kräfte dahin zu schwinden. Sie erkrankte und wurde auf lange Zeit für den Krankendienst untauglich. Schweigend ergab sie sich in die göttliche Fügung und befolgte die Vorschriften des Arztes mit pünktlicher Genauigkeit. Sie genas allmählich; aber der Arzt erklärte, sie tauge für den Klosterdienst nicht, in wenigen Jahren würde ihr Eifer sie zu Grunde gerichtet haben. Mit möglichster Schonung kündigte man ihr an, daß man ihre förmliche Aufnahme beanstanden müsse,, und sie also nach völliger Herstellung das Kloster zu verlaffen habe. Sie empfing diese Nachricht wider Erwarten mit der Ergebenheit einer wahren Christin, obschon ihr der Tod unter der Krankenpflege lieber gewesen wäre, als daß sie jetzt wieder hinaus sollte in die Welt, wo sie nichts inehr hatte, und so wenig ausrichten konnte. Es war ihr, als riffe man sie mit Gewalt aus ihrem heimischen Boden, als schneide man die zartesten Fasern ihres
Die Hundewirthschaft paßt nicht diesem Sitze, Glaubt mir, die Steuer haßt das ganze Land! Der arme Mann kann nirgendwo befehlen, Selbst seinen Kindern in den Schulen nicht; Wollt ihn nicht auch mit Hundesteuer quälen Und haltet über Hunde kein Gericht!
Allein auch die Hunde müssen zahlen, die Gebrauchshunde bis zu 1 Mark und die anderen bis zu 20 Mark.
Was die vorige Woche sonst geboten hat, ist ein buntes Allerlei. Els aß-Lothringen hat einen Oberschulrath, welcher die bisherigen Unterrichtsabtheilungen mit ihrem verhängnißvollen Einfluß beseitigte, und das bayerische Parlament ist mit dem Zeugniß „für Nichts" heimgegangen. O e st e r r e i ch hat seinen Wiener Ringtheater- proceß, der eine traurige Perspective auf eine grenzenlose Lotterwirthschaft, auf Leichtsinn und Nachlässigkeit eröffnet, seinen 23 Millionen-Credit mit Abstrich von 2 Millionen zur Beruhigung der occupirten Provinzen und den Rücktritt des Reichsfinanz- ministers v. Slavy, welcher der Militärpartei in Bosnien und der Herzegowina das Feld räumen mußte. Das Uebrige ist nur Zcknk und Streit, von "dßm Strike der böhmischen Kohlenbergwerksarbeiter und den Judenverfolgungen in Rußland an bis zu den Indianer-Unruhen in Neu- Mexico, der ernsten Krisis im Zululande, den Wirren in Aegypten und dem Gefecht bei Tigri an der algerischen Grenze zwischen den Wüstensöhnen und den französischen Truppen. Und wo das Schwert nicht dreinschlägt, da kämpft man mit geistigen Waffen. Der belgische Finanzminister Graux, der ein Deficit von
3,200,000 Fr. in der Tasche hat, verlacht die Rechte, wenn sie vom liberalen Staatsschulwesen 5—6 Millionen streichen will und kündigt an, das Loch mit dem Kirchenvermögen und den Vermächtnissen der „tobten Hand" zustopfen zu wollen, und in Frankreich geht der Haß der fanatischen „Freidenker" so weit, daß sie die als Krankenwärterinnen und Pflegerinnen dienenden Ordensschwestern aus den Spitälern treiben, — die hochgradigste Verblendung, die sich denken läßt. Nur die englische Regierung scheint des Kampfes gegen die Iren müde zu sein und mildere Saiten aufziehen zu wollen, wofür auch der Wechsel im Vice- königthum von Irland spricht.....So
sehen wir im politisch-socialen Wochen-Kalei- doscope an unseren Augen vorüberziehen: feiernde Arbeiter in Böhmen, von Soldaten bewacht; zerstörte Judenwohnungen in Rußland und Massenauswanderung der Juden nach Amerika und Asien; Kämpfe in Afrika und Mexico, — Zwangs-Schulen ohne Gott, Spitäler ohne Nonnen, leere Staatscassen, großartige Projecte zur Volksbeglückung und — — da- fällt mir eine, Fkühlingsblüthe auf's Blatt, und die Nachtigall schmettert süße Triller vor meinem Fenster. Es ist ja Mai, des lieblichen Wonnemonats Wärme weckt Alles zu neuem Leben, neuer Lust. Wird auch den Völkern einmal der Mai erblühen und ihnen Knospen und Blüthen spenden? Wird das Geschick der ringenden Menschheit je so sonnig und wonnig rote ein Maimorgen, so rein wie Nachtigallengesang, so ungetrübt wie eine Thauperle im Rosenblatte sein? — Niemals, denn leben
Herzens ab. Oft weinte sie bittere Thränen; aber kein murrendes Wort kam über ihre Lippen. Die Oberin tröstete sie mit dem Willen Gottes, dem man fick ja unter allen Umständen unterwerfen müsse. Auch in der Welt könne sie Gutes thun, und mehr als die Kräfte zuließen, verlange Gott ja auch nicht. Clara nahm den Trost gern hin und schickte sich in das Unvermeidliche. Aber es lag doch eine unnennbare Trauer auf ihr, die sich steigerte, wie der Tag näher rückte, an dem sie die ihr so lieb gewordenen Klosterräume verlassen mußte. Nur an dem Tage des Austritts selbst schien eine merkwürdige Kraft über sie gekommen zu sein. Nochmal besuchte sie alle Kranke, befahl sich in ihr Gebet, reichte nochmal in dem ihr früher zugewiesenen Saale den Armen das Effen, betete mit ihnen und ging dann zur Oberin, den Scheidesegen zu empfangen. Diese war selbst gerührt und verehrte ihr einen schönen Rosenkranz zum Andenken. Er blieb ihr eine theuere Reliquie. Dann nahm sie ihr Bündel, grüßte die versammelten Schwestern und ging zur Capelle. Bor dem Altäre der seligsten Gottesmutter, wo sie so oft in seligem Entzücken geseffen, kniete sie nieder und betete lang, lautlos, aus der Tiefe ihres glaubensstarken Herzens. Gedankt hat sie Gott für Alles Gute, was sie