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Freitag, den 5. Mai 1882.

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qp. Die „moderne Wissenschaft" und das kirchliche Abstinenzgebot.

Um die Eintönigkeit seiner endlosen Thier­beschreibungen etwas zu mildern, bringt Dr. Brehm, der im verflossenen Jahre auch in Fulda einen wisienschaftlichen Vor­trag über eine Reise nach Rußland hielt, den er aber vorher in Würzburg wegen an­geblicher plötzlicher Unpäßlichkeit, in Wirk­lichkeit jedoch wegen Mangel an Zuhörern nicht zum Besten geben konnte, in seinem ,,Thierleben", wie mancher Romanschreiber, da und dort einen kleinen Hieb auf die „Pfaffen" an. „Die Pfaffen", so witzelt er u. A., „glauben noch in unseren Tagen, es dürfe der Fischotter zu den Fischen und nicht zu den Säugethieren gezählt werden". Der Witz ist höchst wohlfeil, weil schon oft gemacht, und zeigt im Grunde nur die Unkenntniß des Spötters, der weder die Be­deutung des kirchlichen Abstinenzgebotes noch den deutschen Sprachgebrauch im belegten Punkte kennt. Die Kirche verbietet für Ab- flinenztage das Fleisch der Landthiere, und dies deshalb, weil es im Allgemeine^ - aoi schmackhaftesten ist und somit flie frei« , willige Enthaltung von dieser Speise uns in der Beherrschung der Sinnlichkeit übt. Welche Thiere nun im Sinne des Gebotes zu den Landthieren und welche zu den Wasser- thieren gehören, das hat schon von den äl­testen Zeiten an das kirchliche Gewohnheits­recht festgestellt, und zwar nicht nach ana­tomischen oder physiologischen Principien, sondern lediglich nach dem augenfälligsten und leichtfaßlichsten Kriterium, nämlich nach dem gewöhnlichen Aufenthalt der Thiere.

Dieses Kriterium bildet freilich kein inneres Classiftcations-Prineip der Thiere, aber darauf ist es ja auch in unserem Falle nicht abge­sehen; es leistet aber das, worauf es für Befolgung allgemeiner Kirchengesetze ankommt, indem es ein leicht erkennbares Unterscheid­ungszeichen an die Hand gibt. Dasselbe ist auch nicht so ganz und gar unwissenschaftlich. Es hat der Wissenschaft früher gute Dienste geleistet und kommt auch bei der heutigen Naturbeschreibung immer noch in Betracht, da der gewöhnliche Aufenthalt der Thiere stets in enger Beziehung zu deren Organi­sation steht. Schon (der berühmte heidnische Philosoph) Aristoteles, dessen naturhistorische Ansichten das größte Ansehen für die alte Zeit und das Mittelalter besaßen, rechnet dort, wo er die Thiere nach ihrer Lebens­weise in Land- und Wasserthiere scheidet, den Fischotter zu letzteren, aber so, daß er ihn, weil er außer dem Wasser gebiert und Äthern schöpft, den Fischen gegenüber stellt. Ebenso sagt Brehm selbst in seinem Thier­leben vom Fischotter: „daß er ein eigent­liches Wpsserthier ist" jinb nennt das Wasser seine „eigentliche Heimcuh". Auch bezeugt er, daß das Otterfleisch „wenig versprechend und schwer verdaulich" ist und deshalb „an vielen Orten für werthlos" erachtet wird. Die „Pfaffen" sündigen also nicht wieder die Wissenschaft, wenn sie die Fischotter mit den Fischen, Krebsen, Muscheln zu den „Wasserthieren" gerechnet haben, und be­gehen ebenso wenig einen wisienschaftlichen Unsinn, wenn sie bisweilen den Fischotter zu den „Fischen" und „Fischspeisen" zählen. Da ganz Deutschland einmal katholisch war

8 Clara.

(Bilder aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Fortsetzung.)

III.

Clara im Dienst.

Die Metzgersfrau hatte sich der Clara liebreich angenommen und in ihrer Kund­schaft einen Dienst verschafft. Sie wohnte nun in einem großen Hause bei reichen Leuten, die sie um ihrer Unbeholfenheit willen zu den geringsten Diensten verwandten. Ihren Onkel hat sie wirklich nicht erfahren können, erst später wurde sie gewahr, daß er vor Kurzem in tiefer Armuth gestorben. Zuweilen sprach sie bei der Metzgersfrau vor, die sie lieb behielt, wie eine Mutter. Max, der sich mit seiner Rosalia wieder ausgesöhnt hatte, hatte noch immer seinen Spaß über die Alte, wenn er das bestellte Fleisch in's Haus brachte und bedauerte immer nur, daß er damals die Alte nicht für immer unschädlich gemacht. Er meinte, wenn er ihr Arm und Bein entzwei geschlagen, würde Mancher es ihm Dank gewußt haben und vieles Böse wäre verhütet worden seit­dem. Das war ihm indeß doch nicht so ernst. Heftig und bis zur Gefahr zornig war er wohl, wenn man ihn reizte, aber

jedes Unrecht war ihm doch hintennach von Herzen leid; ließ man ihn aber gewähren, that er ohne Roth feinem Thiere weh. Daß er das alte Weib durchgeklopft, that er nach seiner Meinung im Sinne der alten Gerech­tigkeit. Liederliches Volk, pflegte er zu sagen, scheut nichts so sehr als Schläge. Die Fängerin ging ihrem alten Gewerbe nach, doch ließ sie alle Anschläge auf Clara fallen, weil sie den nervigten Arm des Max fürch­tete, überhaupt wich sie dem Fleischerhause mit seinen Bewohnern aus. Richt lange damach wurde sie von der Polizei über eine Hehlerei erwischt und auf ein paar Jahre in's Zuchthaus gesteckt. Clara fügte sich willig in die Arbeit, war dienstfertig, gut- müthig gegen Alle, trotzdem, daß sie anfangs ihrer Unbeholfenheit wegen manches zu er­dulden hatte, still und eingezogen, fein böses Wort tarn über ihre Lippen. Aber in ihrer Umgebung tonnte sie sich um so weniger zurechtfinden. Es gibt oft Menschen, die, so lange sie in ihrer gewohnten Lebensweise bleiben, ruhig ihre Wege gehen, ihre aufer­legte Pflicht thun und die Anlagen zu großen Dingen, die in ihnen schlummern, faum er- fennen lassen. Werden solche Naturen aber in andere Verhältnisse versetzt, erhalten ihre Anlagen Pflege oder finden ihre Neigungen Widerstand, beides ebenmäßig nützlich, ent«

und das kirchliche Abstinenzgebot anerkannte, so hat das Wort „Fisch, Fischspeise" außer seinem stricten Sinn auch eine weitere Be­deutung erlangt, welche dem kirchlichen Ge­wohnheitsrecht entspricht, es wird nämlich auch im Sinne von Abstinenz- oder Fasten­speisen genommen. Deshalb sagt Sanders in seinem großen „Wörterbuch der deut­schen Sprache", Leipzig 1860, Bd. I., ©.450: „Namentlich in der kathol. Kirche gelten auch manche, von Fischen sich nährende Thiere selbst, im Gegensätze zu Fleisch, für Fische, das heißt für erlaubte Fa­stenspeise, z. B. das Fleisch der Fischotter". In diesem Sinne wird auch das Fleisch der Muscheln Fisch genannt. (Siehe Grimm, Deutsches Wörterbuch, Leip­zig 1862, Bd. III., S. 1681.) Wenn also Katholiken, gemäß diesem von den größten Lexikographen anerkannten deutschen Sprach­gebrauch, Fischotter, Krebse und Muscheln , zu den Fischspeisen rechnen, so wollen sie damit nur sagen, daß sie „Fastenspeisen" sind, was fein vernünftiger Mensch einen zoologischen Jrrthum nennen wird. Niemals aber wird ein Katholik den Fischotter für einen Fisch im eigentlichen Sinne des Wortes gehalten haben. Auf welcher Seite ist also die Dummheit: auf Seiten der „Pfaffen", welche mit den berühmtesten Zoologen, von Aristoteles bis auf Brehm selbst herab, den Fischotter zu den „Wasierthiereu" zählen, oder aber auf Seiten Brehms, der nicht ein­mal den deutschen Spkachgebrauch in dem von ihm verspotteten Punkte kennt? Andere Spöttereien über das kirchliche Fastengebot, sowie den Ausfall über die „heilige" Jn-

wickeln sich in ihnen Kräfte, die man nicht geahnt hätte. Das gilt für gemein mensch­liche Anlagen, das ist bei der christlichen Tugend nicht minder der Fall, nur daß in letzterem Falle noch eine besondere Hilfe Gottes anzuerkennen ist, in welcher die Tugend erst recht eigentlich Tugend ist. Unter Hindernissen und Beschwerden wird die Tugend groß und stark. Clara lebte in einem Hause, worin Alles reichlich geboten war. Die Herrschaft ließ sich wohl sein. Täglich wohlbesetzte Tafel, Vergnügen bei jeder Gelegenheit, Putz nach der neuesten Mode, Unterricht in allen Künsten für die Kinder, hofirende Schmeichelei von allen Seiten; dabei laxe Aufsicht über das Dienst­personal, das es sich denn auch nach Kräften wohl sein ließ. Schon das war für die Dienerschaft ein Unglück, daß sie größer war, als die Arbeit des Hauses es eigentlich noth- wendig machte. Wo die Arbeit für den Dienstboten aufhört, da fängt gewöhnlich sein Unglück an. Aber der Reichthum war da, man genoß davon nach Kräften, ohne zu fürchten, daß er aufgezehrt werden könne. Die Vorschriften der Religion wurden zwar beobachtet, doch that man sich nicht gern weh dabei; die Armen erhielten ihren be­stimmten Theil und damit war das auch abgethan; für öffentliche Zwecke gab man