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den 3. Mai 1882.

Jrihing.

h. Zur Selbstmord-Statistik.

Der Professor Dr. von Dettingen in Dorpat liefert in feinem Buche über „acuten und chronischen Selbstmord", ein mit vielem Fleiß gezeichnetes, aber sehr düsteres und abschreckendes Bild über die Zunahme der Selbstmorde in allen Ländern, besonders aber in den protestantischen Gegenden. Mit Ausnahme der scandinavischen Reiche — so führt der Verfasser sehr eingehend aus — wo die Selbstmordsbewegung schon in den sechziger Jahren ihren Höhepunkt erreicht zu haben scheint, steigt die Selbst­mordziffer stetig in allen Ländern. Ins­besondere in ganz Deutschland wüthet der Selbstmord mit am stärksten und in dem reich bevölkerten Königreich Sachsen am allerstärksten. Von allen Seiten der Wind­rose hebt sich allmählig, je nach der näheren oder ferneren Berührung mit den sächsischen Grenzen die Selbstmordziffer. Von der sarlnatischen Ebene, wo sie nur 30 ans eine Million Einwohner beträgt, geht es immer aufwärts nach Deutschland zu: in den Ost­seeprovinzen erreicht die Ziffer schon 65, in Ost- und Westpreußen fast 100, in Branden­burg über 200, in der Provinz Sachsen 235, um im Königreiche Sachsen den Gipfel­punkt mit 408 zu erreichen. Die Rhein­lande zählen 65 Selbstmorde, Westfalen schon einige 70, Hannover über 140, die thüring­ischen Lande 342, der Süden Bayerns er­reicht kaum die Ziffer 70, der Durchschnitt des ganzen Königreichs ist 100, aber das an Sachsen stoßende Oberfranken steigt bis 150 und 160. Oesterreich, wenn wir von den 285 Fällen in Wien absehen, hat 130

6 Clara.

(Bilder aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Fortsetzung.)

„Der Nachbar kam, sobald die Mutter begraben war und forderte sein Geld oder Sicherheit. Er ist ein reicher Mann, aber hat kein Herz. Er rechnete mir vor, daß das Häuschen mit dem Garten nicht mehr werth wäre, als meine Schuld betrüge. Das erklärte er auch beim Gericht und hat Recht behalten. Also in dem Häuschen sollte und konnte ich nicht wohnen bleiben, um mich durch Waschen und Spinnen zu ernähren, wie bisher. Ach, ich war so trostlos, und kein Mensch konnte mir auch helfen. In Dienst treten bei dem Nachbar, was er mir anbot, konnte ich auch nicht, denn das that mir doch gar zu weh. Sechs Wochen hab' ich bei armen Leuten gewohnt, denen ich unser armseliges ©erlitt) überlassen. Die Leute waren auch gar so arm! Täglich habe ich am Grabe meiner Mutter gebetet und Gott angerufen, daß er mir in den Sinn gäbe, was ich thun solle. Die Leute riethen mir, ich solle mir draußen einen Dienst suchen. Wie ungern bin ich aus meiner Heimath gegangen, wo ich alle Leute kannte. Aber bleiben konnte ich auch nicht, denn es fand sich kein anderer Dienst, als beim

Selbstmorde auf eine Million Einwohner, aber in den Sachsen nahe liegenden Pro­vinzen Mähren 150, Böhmen 180, Schle­sien 225.

Die jährliche Zahl, der officiell constatir- ten Selbstmorde in Europa berechnet sich auf mindestens 22,000 Fälle; doch fehlen für Rußland, Türkei, Griechenland und Spanien solide Angaben. Dazu kommt nun aber noch, daß die ofsicielle statistische Ziffer lange nicht alle Selbstmordfälle umschließt, geschweige denn die unzähligen Selbstmordver­suche. Vor 20 Jahren zählten Dänemark und Sachsen die größte Zahl. Dänemark ist von 280 auf 225 gefallen, Sachsen aber ist in grausiger Progression von 270 aus 408 gestiegen , besonders stetig nach dem großen französischen Kriege, von 1872 an. Der Krieg von 1870—1871 hatte die sächsische Selbstmordziffer sinken gemacht, während der ungünstige von 1866 eine Steigerung der Selbstmordziffer gebracht hatte.

Die Ausführungen des Verfassers über die Art und Ursachen der Selbstmorde sind von hohem Interesse. Die heiße Sommer­zeit erschlafft den Willen, daher finden im Sommer fast noch einmal soviel Selbstmorde als im Winter statt. Am Sonnabend neh­men sich relativ am wenigsten Menschen das Leben; das Weib mordet sich am häufigsten am Sonntag, wo der nichtsnutzige Mann es der Noth überläßt, der Mann besonders oft nach durchschwelgtem Sonntage oder blauen Montage am Montag oder Dienstag. Ein Drittel aller Selbstmordfälle wird auf Geisteskrankheit geschoben, bei Frauen fast

Nachbar. Da hab ich an den Onkel gedacht in der Stadt, von dem mir die Mutter noch auf dem Sterbebette erzählt, und das Herz hat mich nach dem Onkel gezogen. Beider Familie oder in ihrer Nähe, dachte ich bei mir, bist du doch am Besten aufgehoben und Gutes thlm, und in den Himmel kommen, kannst du überall. So hab ich in der Stille Abschied genommen von der Heimath und könnt Ihr nun leicht denken, wie schmerzlich es für mich armes Mädchen ist, wenn der Onkel wirklich gestorben ist. Aber Ihr seid so gut gewesen, mich aufzunehmen und wer­det für mich sorgen," wandte sich Clara an die herumtretende Alte, „wie werde ich Euch lebenslang dankbar sein?"

„Will die Jungfer nicht mal dieses Kleid anprobiren?" fing die Alte an, die nur des­wegen das Mädchen hatte auserzählen lassen, um sich von ihrer hilflosen Lage nochmal gründlich zu überzeugen. „In Eurem fla­nellenen Nock da könnt Ihr hier in keinen Dienst treten und gar nicht in den, welchen ich für Euch ausgedacht habe. Es ist nöthig, daß ich Euch zilerst ausstaffire, bevor ich Euch zu der Herrschaft bringe. Kommt mal her Jungfer, wollen sehen, ob Euch dieses Merinokleid paßt !" Clara meinte,. „das sei doch zu schön für sie, in ihrem Leben habe sie ein so schönes Kleid nicht getragen

die Hälfte. Doch nimmt der Antheil der Irrsinnigen in Preußen stetig ab in Folge der sorgfältigen Pflege dieser Unglücklichen in geordneten Asylen, während die Selbst­morde in Folge von Lasterhaftigkeit und Trunksucht, Kummer über Vermögensverlust wachsen und die gewissermaßen edleren Mo­tive wie Reue, Scham, unglückliche Liebe, Schwärmerei abnehmen. In Rußland, Preußen, Sachsen ist das häufigste Mittel der Selbstentleibung bei etwa zwei Drittel Fällen der Strick, in den Jnselländern Eng­land, Dänemark, Italien das Ertränken, in Dalmatien und Frankreich das Erschießen. Verhältnißmäßig sterben freiwillig am meisten die Lebensüberdrüssigen im Alter von 60 bis 70 Jahren; Frauen weisen in dem Alter von 20—25 Jahren einen hohen Procent­satz auf; im übrigen natürlich die Männer einen drei Mal höheren Procentsatz als die Frauen; die Ledigen, Verwittweten und na­mentlich die Geschiedenen mehr als die Ver- heiratheten. Die Selbstmordtendenz des halb­wüchsigen Alters ist in den meisten Ländern eine steigende. Militärpersonen, Dienstboten und Kellner morden sich sechsmal häufiger als nach dem betreffenden Bevölkerungsgrade zu erwarten wäre; die höheren Bevölker­ungsschichten liefern einen hohen Beitrag: mit der Cultur, ja mit der intellektuell wie religiös fortschreitenden Entwickelung ist überall die steigende Selbstmordziffer ver­bunden. Die schlaffen Wilden morden sich fast nie, die trägen Mohammedaner sehr selten, die Slaven und Griechen mit ihrem starren orientalischen Kirchenthum halb so oft als die der katholischen Kirche ange- und ihr Sinn stände auch gar nicht auf die Pracht; auch habe sie ja kein Geld, es be­zahlen zu können." „Ihr habt auch die Stadt noch nicht gesehen," warf die Alte unwillig ein, „und wißt nicht, was sich hier paßt. Was das Bezahlen aber angeht, so seid Ihr mir gut genug dafür. Ich stehe mit der Herrschaft, von der ich geredet, in guter Bekanntschaft, und werde das schon Alles in Ordnung machen, wenn Ihr Euch nur zu Allem recht anschickt, was man Euch Zu thun befiehlt." Clara versprach Alles in der bestgemeintesten Absicht und ließ sich das Kleid und noch mehreres Andere anprobiren. Die Alte lobt ihren Wuchs, spricht in ver­blümten Ausdrücken von Glück, was sie machen könne und von der Freude, die man in der Jugend sich machen müsse. Clara schämt sich des Lobes, versteht von dem An­deren nichts und ist höchst verlegen in dem sonderbaren Staat. Die Alte hat noch immer was Neues anzuprobiren. Aus einmal klopft es sehr vernehmlich an der Hansthüre. Die Alte, in der Meinung, Jemand von ihrer Bekanntschaft habe sie gestern Abend mit dem Landmädchen vorüber gehen gesehen, eilte zu öffnen, und berechnete schon im Voraus, was bei dem bevorstehenden Handel heraus kom­men werde. Hätte sie gewußt, wer draußen stand, sie wäre nicht so eilfertig gewesen.