M 100.
Dienstag, den 2. Mai 1882.
Jfulbarr WR Jalung.
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Deutsches Reich.
* Berlin, 30. April. Abgeordnetenhaus. 56. Sitz. v. 29. April. In 3. Lesung wurden die Gesetze über Einsetzung von Bezirks- Eisenbahnräthen und eines Landeseisenbahnraths, über den Ankauf der Anhalter Bahn und den Nachtrags-Etat der verstaatlichten Bahnen säst ohne Aenderung genehmigt. Der § 1 der Hundesteuervorlage wird nach den Anträgen der Commission angenommen.
— Das Stärkeverhältniß der einzelnen Fractionen des Reichstages ist augenblicklich (unter Berücksichtigung der vier erloschenen Mandate) folgendes: Deutsch-Conservative 48, deutsche Reichspartei 26, Centrum 96 Deutsch-Hannoveraner 9, Polen 18, Rational-Liberale 45, Secessionisten 47, Fortschrittspartei 59, Volkspartei 8, Social-De° mokraten 12, „Wilde" 25, darunter 15 Elsaß-Lothringer.
— Die Fortschrittspartei brachte im Reichstag folgenden Antrag ein: Der Reichstag wolle erklären 1) daß nach der erst durch das Gesetz vom 16. Juli 1879 stattgehabten beträchtlichen Erhöhung der Tabaksteuer jede neue Störung der Tabakindustie durch nochmalige Veränderung der Besteuerungsverhältnisse ausgeschlossen sein muß und daher die in der Eröffnungsrede eventuell angekündigte Erhöhung der Tabaksteuer nicht minder unzulässig fein würde als die Einführung des Monopols; 2) daß die schon vorhandenen und in Zunahme begriffenen Einnahme bei angemessener Sparsamkeit in allen Zweigen des öffentlichen Haushalts die Mttel darbieten würden, um die in der Steuer- und Zollgesetzgebung vorhandenen
©lata.
(Silber aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Fortsetzung.)
II.
Clara erzählt ihre Geschichte und wird gerettet.
Am andern Morgen schon recht früh war die Alte bei der Hand und braute am Kaffee. Auch Clara kam bald zum Vorschein und schickte sich nach dem freundlichsten Morgengruß, der ihr zu Gebote stand, dazu an, den Tisch zum Frühstücken herzurichten. Die nächtliche Ruhe hatte sie erquickt und ihr einsames, herzliches Morgengebet einen wundersamen Trost ihr in's Herz gesenkt. Sie wäre so gern gleich zur Kirche gegangen, aber die Alte schob das mit kurzen Worten hinaus, da sie erst Kaffee trinken und mit ihr reden müßte. Dagegen hatte die Fängerin sie während der Arbeit mit steigendem Wohlgefallen um und um besehen und einzelne Kleidungsstücke parat gelegt zu bestimmtem Zweck. Clara aß und trank mit gutem Appetit und, arglos, wie sie war, wurde sie gegen die Alte offenherzig. „Also," hob die Alte an, „ist die Jungfer von Heilbach aus der Eifel und will sich in der Stadt einen Dienst suchen. Lebt denn sonst von ihrer
Härten und Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
— Wie in Abgeordnetenkreisen erzählt wurde, hat der Reichskanzler Fürst Bismarck hierher melden lassen, er würde an der ersten Lesung der Tabakmonopolvorlage im Reichstage sich betheiligen, bis dahin aber noch in Friedrichsruh bleiben. ~ Die nationalliberale Partei beabsichtigt, in nächster Woche hier in Berlin eine vertrauliche Besprechung abzuhalten, an welcher sich die Mitglieder dieser Fraktion aus dem Reichstag und Landtag, sowie zahlreiche Vertrauensmänner aus den Provinzen betheiligen werden. Zweck der Zusammenknnst ist, über die Organisation der Wahlvorbereitungen eine Verständigung herbeizuführen.
— Die.Norddeutsche' schreibt: „Der Hamburger Correspondent insinuirt den Bundesregierungen, welche für das Monopol gestimmt haben, dieselben hätten sich dem Willen der Präsidialmacht nnd ihres Vertreters nur widerstrebend und mit Rechnung darauf gefügt, daß der Reichstag für die Ungefährlichkeit der getroffenen Entscheidung sorgen werde. Unserer Meinung läßt sich dieser Satz geradezu umkehren in die Behauptung, daß diejenigen Regierungen, welche gegen das Monopol gestimmt haben, „widerstrebendem Willen der Opposition in Par» lament und Presse sich gefügt" und das gouoerneinentate Interesse dem parlamentarischen gegenüber in den Hintergrund haben treten lassen. Das financielle Reformbe- dürfniß ist für alle verbündeten Regierungen gleich groß und soviel wir wissen, hat keine der dissentirenden Regierungen einen Vvr- Familie Niemand mehr zu Hause?" Clara verneinte es, befeuerte, daß, wenn der Onkel wirklich gestorben sei, sie einsam und verlassen in der Welt da stände, und sie sich nur auf Gott und gute Leute verlassen müsse; folgendermaßen begann sie ihre Geschichte zu erzählen:
„Nein von meiner Familie lebt, wenn anders auch der Onkel, wie Ihr gesagt habt, tobt ist, Niemand mehr. Meine selige Mutter ist vor sechs Wochen gestorben, der Vater schon vor vielen Jahren. Ich habe ihn kaum gekannt. Mich hat die Mutter ernährt und erzogen und hab ich schon von früher Jugend an tüchtig arbeiten müssen. Wir waren arm, hatten nur ein kleines Häuschen mit Garten und eine Kuh, für die ich Futter schaffte, wenn die Mutter in den Tagelohn ging, um mit Waschen und sonstiger Mägdearbeit uns das nothdürstige Brod zu verdienen. Ach, es hat uns oft schlecht gegangen, aber wir haben uns immer an Gott getröstet und waren schon zufrieden, daß wir gesund und beisammen waren, zusammen schliefen, mit einander aßen, Abends beim Spinnen im Winter zusammen beteten und Einer dem Anderen das tägliche Kreuz tragen half."
„Das ist Alles wohl und gut," fiel die Fängerin ein, „aber der Teufel hol das
schlag darüber gemacht, in welcher Art diesem Bedürfniß anders und besser als durch das Monopol entsprochen werden könnte. Das Bedürfniß der Finanzreform wird dasselbe bleiben, man mag das Monopol ablehnen oder nicht."
— Der ,Reichsbote' schreibt: „Wie wir hören, hat sich im Reiche ein Ueberschnß der Einnahmen über die Ausgaben von 50 Millionen ergeben."
— Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht eine Verordnung, laut welcher folgende Eisen - bahndirectionen eingesetzt werden: für die Thüringer Bahn in Erfurt, für die Gorlitzer Bahn in Berlin. Die Cottbus-Großenhaiuer und Märkisch-Pofener Bahn werden der Direction in Berlin unterstellt und im Bezirke der Direction Berlin Betriebsämter in Cottbus und Guben errichtet.
— Auf Anregung Bismarck's - wird der Centralverband deutscher Industrieller ein Adreßbuch deutscher Exportfirmen herausgeben, das, für das Ausland berechnet, gleichzeitig in deutscher, französischer, englischer und spanischer Sprache erscheint und alle exportirenden Handelsfirmen nach Branchen entbalten soll.
* München, 29. April. Der Landtag ist heute Mittag 1 Uhr durch den Prinzen Luitpold geschlossen worden. Im Landtags- Abschied wird bezüglich des Gesetzes über Kasernenbauten die Ablehnung im Jntereffe der Fürsorge für das Heer lebhaft bedauert.
* Leipzig, 28. April. Das .Tageblatt' meldet aus Teplitz (Böhmen): Der am Montag begonnene Strike der Kohlenarbeiter umfaßt jetzt sämmtliche Werke an Hungerleiderleben in der Eifel. Gab's denn nichts Anderes zu thun?"
Clara erschrack vor dem rohen Ausfall der Alten, glaubte aber, es sei das nur eine üble Angewohnheit und erzählte weiter. „Alles Leid, was wir früher mit einander gehabt, will ich gern vergessen, aber in diesem letzten Winter ist es uns erst recht schlecht ergangen. Meine selige Mutter hatte sich die Jahre her fast zu Tode gearbeitet, voriges Jahr im Herbste befiel sie der Bluthusten und von Stund an kränkelte sie dergestalt, daß sie zu keiner Arbeit mehr fähig war. Noch vor Einbruch des Winters legte sie sich zu Bette, von dem sie nicht mehr aufgestanden. Ach, was habe ich während der Zeit ausgestanden! Unsere Kuh mußten wir für ein Spottgeld verkaufen, weil ich bei der kranken Mutter nicht mehr für sie sorgen konnte. Wie bald war das Geld verzehrt; denn mein Verdienst am Spinnrad war so gering, daß ich damit nicht mal das Allernöthigste für die kranke Mutter beschaffen konnte. Zudem waren wir unserm Nachbar noch von früheren Zeiten her Geld schuldig, von dem er die Zinsen einforderte, weil wir ja nicht mehr dafür arbeiten konnten."
„Arbeiten, arbeiten! das dumme Volk!" brummte die Alte, die sich bereits langweilte.