M 97. Freitag, den 28. April 1882.
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6. K. Erwägungen eines christlichen Landwirthes über die Hagelversicherungen. *)
Wir kommen jetzt wieder in die Jahreszeit, in welcher sich die verschiedenen Hagel- versicherungscassen durch die Zeitungen offe- riren und empfehlen. Die Agenten derselben suchen die Bauern in ihren Wohnungen auf und rathen denselben dringend, bei ihnen gegen Hagel zu versichern. Da heißt es : „Bauer versichere Dich; Du bist es Dir und Deiner Familie schuldig; das Versichern ist ein Fortschritt der Neuzeit; alle verständigen Landwirthe versichern; es hagelt jetzt mehr wie früher; und dergleichen mehr." Dazu kommt nun noch, daß man sich auch höheren Orts mit dem Gedanken trägt, für die Bauern eine Zwangs-Hagelversicherung einzuführen. Unter solchen Umständen wird es nicht schaden, zu hören, wie ein Bauer über Hagelversicherung denkt.
Ich sage nun: Die Hagelversicherung t schadet dem Bauer mehr, als sie nützt, dem Bauer mit eigenem Grund und Boden; die größeren Pächter, deren Vermögen gewöhnlich nur (?) im Inventar der Wirtschaft besteht, mögen gegen Hagel versichern, weil ein starker Hagelschlag sie auf einmal rniniren kann.
*) Obwohl wir uns nicht mit allen Ausführungen des Verfassers, der ein uns bekannter tüchttger Landwirth des Kreises Fulda ist, einverstanden erklären können, geben wir seinen „Erwägungen" doch gerne Raum, weil dieselben unseres Erachtens aufklärend und anregend auf unsere ländlichen Leser zu wirken geeignet sind.
D. R.
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Clara.
(Bilder aus dem Leben einer Dienstmagd.) (Fortsetzung.)
Clara ließ, während sie ihr Bündel mit dem Neisestecken neben sich legte, vorerst ihren Thränen freien Lauf und kniete dann dicht vor dem Kreuze nieder. Sie bekreuzte sich und legte unter schluchzendem Gebet all' ihr gehabtes Leid zu den Füßen ihres Heilandes. Sie that das nicht mit Worten, sondern mit dem Herzen im Drange ihrer tiefen Gefiihle, die Gott besser versteht, als der Mensch sich selbst zn sagen und auszulegen weiß. Sie betete währenddem den Engelsgruß. Dann rief ihr Herz um Schutz und Hilfe für die Folgezeit. Es war ihr so entsetzlich weh dabei. Sie kannte ja die Welt nicht, war nie über ihr Dorf hinaus- gekommen; aber eine dunkle Ahnung durchzog wie dräuendes Wetter ihre Seele, daß sie einer gefahrvollen Zukunft entgegen gehe, daß Leid ihr begegnen werde, was sie bis dahin doch noch nicht gekannt. Mit der ganzen Kraft ihres Innern umklammerte sie im Geiste die Füße ihres Heilandes, obwohl sie nur das Vaterunser betete und flehte um seinen Beistand in jeder Noth; und als es ihr dabei endlich so heimlich wohl ward,
Tas Hagelwetter ist ein Zuchtmittel in der Hand Gottes, womit er straft und seine Kinder an sich ziehen will. Man sagt, es hagele jetzt mehr wie früher. Wenn man an die Vorsehung Gottes und an eine sittliche Weltordnung glaubt, und den heutigen Unglauben, die Sonntagsschänderei, die Ausschweifungen re. der meisten Menschen betrachtet, so darf es nicht wundern, daß der Allmächtige öfter an den Halmen rüttelt nnd seinen muthwilligen Kindern den Brodkorb etwas höher hängt, damit sie wieder zu ihm aufsehen lernen und sich seiner Gesetze erinnern. Vor dem lieben Gott aber können wir uns bei keiner Casse versichern. Will er uns fassen, so laufen wir ihm nicht davon. Ich könnte dieses mit einigen Beispielen beweisen. Mein Bruder, mein Vetter und ich, wir disputirten eines Frühjahrs über die Hagelversicherung. Mein Bruder und ich ivoll- ten nicht versichern, sondern uns auf den lieben Gott verlassen. Mein Vetter meinte: Bedenkt die schöne Erndte! Wenn da ein Hagelwetter käme! Nnd er versicherte. Es kam aber kein Hagelwetter, dagegen cre- pirte im Sommer sein bestes Pferd und das war — nicht versichert.
Vor zwei Jahren ist die hiesige Gegend arg verhagelt. Voriges Jahr haben die meisten Bauern versichert, ich selbst gab dem Drängen meiner Frau und Kinder nach. Aber ach, wir dummen Menschen! Wir sind nicht verhagelt, aber verdürrt! Wir hätten im vergangenen Jahre gegen Dürre versichern müssen!
Das Gebet übt eine sittigende Kraft gelobte sie dem Herrn auch ein treues Kind zu bleiben und ihn vor Augen zu halten Tag für Tag. Nnd als sie ausgebetet den tiefen dunklen Drang ihres Herzens und mit dankbarer und verzeihender Liebe der Vergangenheit gedacht, schloß sie mit den fünf Vater unser und Gegrüßet seist du Maria zu Ehren der hl. fünf Wunden, in die das fromme Landvolk gewöhnlich all' sein Leid einschließt, küßte den Stamm des Kreuzes, stand auf, nahm Bündel und Stecken, neigte sich und ging getröstet den Hügel hinab. Keine Thräne floß mehr, mit einem geheimen, unerklärbaren Vertrauen ausgerüstet, ging sie in den frischen Tag hinein, ihrem Schicksale mit Gott entgegen.
Es ging gegen Abend, als Clara nach einsamer, gottvertrauender Tagesreise recht ermüdet, mit Staub bedeckt, in die Nähe einer großen, rheinischen Stadt gelangte. Nach Möglichkeit hatte sie sich wieder etwas zurecht gerichtet, den Staub abgewaschen und saß nun da an der Landstraße, nm etwas auszuruhen und sich zu sammeln, bevor sie den schweren Eintritt in das Meer von Häusern versuchte, welches vor ihren staunenden Augen lag. Den Tag über war sie nur Landleuten begegnet und hatte nicht die geringste Furcht empfunden, dieselben um Auskunft des Weges oder um die nothwen-
auf den Menschen. Ein unversicherter Bauer wird aber lieber als ein versicherter beten: „Vor Blitz und Ungewitter rc. bewahre uns o Herr!" Denn:
Er traut dem großen Hüter, Der Haus und Feld beschirmt. Und singt den: Weltgebieter, Wenn's donnert oder stürmt.
Ich weiß aus Erfahrung, daß gerade die Bauern, die nicht gern beten, die ersten sind, die gegen Hagel versichern. Wenn dagegen eine Geldsammlung für milde Zwecke stattfindet, haben sie in der Regel kein Geld dafür.
Da mag nun mancher „aufgeklärte" Leser sagen: Der Schreiber Dieses ist noch aus der alten Schule, jetzt heißt es: Versichert ! Das ist ein gesunder Fortschritt. Zur Beruhigung will ich Dir sagen, daß ich allgemein für einen Fortschrittsbauer gehalten werde. Ich will Dir deshalb in Folgendem beweisen, daß die Hagelversicher- nng auch in materieller Hinsicht für den Bauer nicht von Nutzen ist.
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
* Berlin, 26. April. Gegenüber der Meldung der Blätter, daß die Regierung mittelst Genehmigung des Compromisses mit dem Centrum Handel in der Monopolfrage treibe, sagt die,Nord. Allg. Ztg.', daß bisher in keiner Erwägung des Staatsministeriums über das Compromiß weder schriftlich noch mündlich die Stellung des Centrums in gedachter Beziehung nur entfernt berührt oder angedeutet worden sei, vielmehr würden seine Erwägungen lediglich digste Erfrischung anzusprechen; aber hier in der Nähe der Stadt wurde es ihr Angst um die Leute. Sie waren ihr zum Theil zu vornehm, aber auch die Aermeren gingen an ihr vorüber, ohne auch nur nach ihr umzusehen, geschweige denn, sie zu grüßen. In den Alleen oder Spaziergängen, welche die Stadt umgeben, war ein Menscheugewoge, als ob es hier ein Fest gebe. Aus naheliegenden Gärten erscholl Musik, Fahnen' waren dort ausgesteckt, Buden mit Zuckerwerk oder sonstigem Mundkram waren an den Eingängen der Gärten oder unter den äußeren Bäumen der Alleen aufgeschlagen, und mitten unter den geputzten Stadtleuten, die ihre Kleider, ihre Hüte/ ihre glatten, oft gefärbten Gesichter, oder ihre Schnurr-, Backen- und Kinnbärte gespreizt spazieren führten, trieb sich eine schmutzige, lumpige, sreche Gassenjugend bettelnd umher, die mit allerlei Leibeskunststückchen das Almosen verdiente, am Kuchenkram oder beim Cigarren- verkäuser es wieder an den Mann brachte. Es war zwar mitten in der Woche und kein Fest, aber man ging damals gerade gern nach dem Westthore, obschon dort gar nichts Besonderes ivar, und wohin die Stadtleute eben gern hingehen, da gehen sie hin. Um das Warum kann man nur ihre Vergnügungssucht, oder ihre Eitelkeit fragen. Clara