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Politische Streifzüge.

(Nachdruck verboten.)

Ter bekannte Thierlieferant Karl Hagen- deck in Hamburg hat einen Schlangen- Transport ans Indien erhalten: 400 Exemplare, darunter 12 Riesenschlangen, die in Berlin ausgestellt werden sollen. Du grundgütiger Himmel, haben wir denn noch nicht Schlangen und Reptilien genug in Deutschland und Europa? Schlangen, die mit ihrem Giste die öffentliche Meinung verfälschen; Schlangen, die ihre Giftzähne in das Herz des Volkes schlagen und ihm den Glauben und die Moral, die Zucht und die Achtung vor der Autoriät aus dem , Herzen reißen; Schlangen, die durch die Presse, durch Leitartikel und Feuilletons, dnrch schlüpsrige-Romane und Bilder, durch Possen und Operetten und vom Katheder herab in der Haut der Gelehrsamkeit über­all hin ihr zersetzendes Gist ansspritzen! Ist nicht die Gegenwart ein Riesenkrater, der in Gestalt eines Schlangenrachens ganze Lavaströme ausspeit, die sich über das Land ergießen, so daß breite Volksschichten, was Idealismus, Religion, Sittlichkeit und Pie­tät anbelangt, einem faulen Leichnam, mit einem Phrasenmäntelchen drapirt, gleichen? Ist Europa nicht ein Sarkophag, in wel- cheni die gistgeschwollene Leiche des Un­glaubens, der Verbrechen und der Bruta­lität ihre eklen Dünste aushaucht, deren verpestenden Qualm die Räucherkerzen der „Humanität, Bildung und Aufklärung" nicht zu vertreiben vermögen? Die traurigen Er­scheinungen auf politischem, sittlichem und socialem Gebiete sind die greifbaren Früchte jenes Schlangengiftes, das bald in „wissen­schaftlichen" Düten, bald als belletristisches Bonbon, bald im politischen Harnisch dem Volke geboten worden und noch Tag für Tag vorgesetzt wird. Ich will einige That- sachen aus der jüngsten Zeit reden laffen: der Redacteur des Berliner Montagsbl.' Dr. Levysohn, nmßte zu 14 Tage Gefäng- niß verurtheilt werden, weil er (nach einem pariser Blatte) Gambetta mit Christus ver­glichen und ihm Worte in den Mund ge­legt hatte, welche der Priester bei Spen­dung des heil. Abendmahls anwendet; die Scenen, die sich am Charfreitag beim Spandauer Bock, wohin Tausende von Berlinern gepilgert waren, abspielten, wa­ren so roh, so wüst, so gemein, daß selbst das jüdische .Tageblatt' einen Schmerzensschrei ausstößt. Am Charfreitag hielten die Lyceumsschüler in Montpellier ein Wursteffen ab, und einer derselben ging Ostern zum Tisch des Herrn, legte die hl.

Hostie in sein Gebetbuch und trieb später Spott damit. Das Kreuz, welches die Colossalstatue der Roma in Rom in der Hand hielt, ist von den „Freidenkern" her­untergeschlagen worden, und auf einem Maskenballe, der am 15 März in Danzig stattfand, wurden der Papst, die katholischen Orden und kirchliche Gebräuche in der schamlosesten Weise verhöhnt; in einem Maskenzuge in Brüssel, der in der Verspot­tung des Bußsacramentes und der Klöster gipfelte, mußten Kinder aus den Staats­schulen Mitwirken; bei Herne in Westfalen ist der siebente Lustmord seit stark drei Jahren vorgekommen; in Berlin gibt es 91,000 Dirnen, in Deutschland wenigstens 100,000 Paare ohne kirchliche Trauung und */< Mill, ungetanster Kinder; die Zuchthäuser sind allenthalben überfüllt. Ist das Schlangen­gift genug? Wer hat es unter's Volk ge­bracht? In erster Linie jene knoblauchduf­tenden Reptilien, die für Gold die Seele und das Gewissen des Volkes verkaufen, die mit Kladderadatsch-Geifer das Christenthum besudeln, die mit Gartenlaube-Schirling den materialistischen Brei" verniengen, die in Deutschland vor dem monarchischen Princip auf dem Bauche kriegen, in Frankreich die rothe Fahne schwenken und in Rußland Dynamitbomben werfen. Ja, an Schlangen fehlt es nicht, und vielleicht sind die Riesen­schlangen, die Hagenbeck einführt, und die nur Hämmel verschlingen, noch die unschul­digsten von allen. In Berlin hat sich am 14. d. ein Samariter-Verein gebilligt, der Verunglückten und körperlich Leidenden bei­springt; das ist sehr schön, aber dürste sich nicht auch ein Saniariter-Verein für die geistig Kranken empfehlen, z. B. für Redac­teure, die so hirnlahm sind, daß sie den Bischof von Tunis einen Kirchhof excom- municiren lassen, die da meinen, mit schön­klingenden Schlagwörtern, Humanitätsduselei und ähnlichem Quark die Religion zu er­setzen und das Volk auf den Weg der Tugend und Rechtschaffenheit führen zu können? Der Leser denkt vielleicht, das hat mit der Politik Nichts zu thun. Ganz entschieden, denn das politische, religiöse, sociale und sittliche Leben greift wie das Räderwerk in einer Uhr in einander; solche Erscheinungen sind das allgetreueste Spiegelbild des Lebens, und die Politik ist vielfach die Ursache jener betrübenden Erscheinungen; ich erinnere an die Staatsschulen in Belgien, an die Schulen ohne Gott in Frankreich rc.

Deutsches Reich.

* Berlin, 20. April. In der Herren- hauscommission, welche soeben die Berath- ungen über das kirchenpolitische Compromiß des Abgeordnetenhauses beginnt, beantragt, der ,Frkf. Ztg.' zufolge, der Referent Graf Lippe, im Artikel 1 „Discretionäre Voll­machten werden ohne jede Terminbestimmung gewährt". Beibehalten werden vom Com­promiß die Beseitigung des Culturexamens

und die Abschaffung der Staatspfarrer. Art. 4 und 5 der ursprünglichen, vom Ab­geordnetenhause abgelehnten Regierungsvor­lage sollen wieder aufgenommen werden. Art. 2, der Bischofsparagraph, ist nicht auf- genommen, weil nach Ansicht des Referenten der König ohne Gesetz allein die Bischöfe begnadigen kann. Der Antrag des Referen­ten hat keine Aussicht auf Annahme in der Commission. Jedoch hat die Commission mit 11 gegen 2 Stimmen zu Art. 1 bereits den Antrag angenommen, daß die vom Ab­geordnetenhaus bis zum 1. April 1883 ge­wahrten discretionären Vollmachten bis zum 1. April 1884 verlängert werden sollen. Der Cultusminister erklärte, daß die Vor­lage des Abgeordnetenhauses für die Re­gierung annehmbar sei, falls der Termin der discretionären Vollmachten verlängert und einige Aenderungen an den Bestimmungen über die Vorbildung der Geistlichen ange­nommen würden.

— Abgeordnetenhaus. 49. Sitz, vom 20. April. Der Nachtragsetat für die verstaatlichten Bahnen wird der Budgetcom-, misston überwiesen. Mehrere Secundär- bahnen, darunter die Bahmn von Wabern nach Wildungen, Eifelbahn und Wester­burg-Hachenburg werden nach längerer De­batte genehmigt. Nächste Sitzung morgen: (Westfälische Landgüterordnung.)

C. P. C. Zur zweiten Berathung der Landgüterordnung für Westfalen haben die Abgg. von Heede und Lamb­recht den Antrag eingebracht, daß bei Feststellung der Taxe eines Landgutes die zur Wohnung des Eigenthiimers, seiner Fa­milie, seiner Dienstleute und Arbeiter be­stimmten, sowie die zur Bewirthschastung erforderlichen Gebäude nicht außer Berech­nung bleiben sollen; vielmehr sollen nur die zum Wirthschaftsbetriebe erforderlichen, im Kataster zur Gebäudesteuer nicht veran­lagten Gebäude nicht besonders geschätzt werden und außer Berechnung bleiben, und ferner sollen, entgegen der Vorlage, auch der Werth des Guts-Jnventariums, namentlich der beweglichen Gegenstände, welche in den §§. 48 u. 59 der Titel 2. Theil 1 des Allgemeinen Landrechts als Pertinenzstücke des Gutes aufgeführt sind, so wie der Werth aller derjenigen Sachen, welche mit dem Betriebe der Gutswirth- chast in keiner Verbindung stehen, beson- rers abgeschützt und dem Gutswert he in zugerechnet werden. — Die Antrag- 'teller begründen den Antrag damit, daß ohne die vorgeschlagenen Abänderungen die Miterben eines Gutsabnehmers bei denr Vorhandensein von Schulden gar nichts erhalten, selbst wenn diese im Verhältnisse zu dem Verkaufswerthe des Guts nicht be­deutend sein sollten und der Gutsannehmer ein nicht unerhebliches Vermögen erhält.

Zur zweiten Berathung des Hunde- 'teuergesetzes hat Abg. Gründler den Antrag eingebracht, den Steuersatz entspre-