Jfä 87. Sonntag, den 16. April 1882.
Fuldm Jeitung.
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». Der russische Tschiu.
Der Dschin ist der bureankratische Ädel, der hervorgegangen ist aus dein Beainten- thuin, welches Peter der Große der russischen Nation durch eine rein äußerliche, ausländische Bildung entfremdete, uni daraus das Werkzeug sich zu schaffen, mittelst dessen er die Eigenart der Nation selbst unnvandeln zn können wähnte. Seit sich der alte große grundbesitzende Ädel, der ehemals eine thatsächliche Fortsetzung der Regierung war, mau weiß nicht wohin, verflüchtigt bat, coucentrirt sich der ganze staatliche Einfluß in dem Dschin, in den sich Alles hineindrängt, was Gelegenheit hatte, sich eine sogenannte höhere Bildung anzueignen. Peter der Große hatte sich den Dschin hergerichtet als Werkzeug für seine Hand, um, wie erwähnt, vermittelst desselben sein Volk im westeuropäischen Geiste zu eivilisiren. Bald aber, unter we- niger selbstständigen Herrschernaturen, wuchs sich das Werkzeug zu einem eigenen Negierungsfactor aus, wenn auch noch immer zu'ischen dem Staatsoberhauvte und dem Dschin ein großer Raum offen blieb. Dieser letztere aber schloß sich saft vollkommen durch die Resornien M. Sperauski's (geb. 1771, 1809 Staatsrath, 1819 Generalgouverneur von Westsibirien, später Mitglied des Reichsraths, redigirte die Sammlung der russischen Gesetze, st. 1839), so daß seitdem das Ezailhnm gleichsam als ein Bestandtheil der Bnreaukratie selbst erschien und zu einem sörmlichen Beainten- Kaiserthurn umgewandelt wurde. Die Folgen waren überaus bedeutungsvoll. Es
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Durch Nacht zum Licht.
Ctigiim!--9ioueUe von Wilhelm van Lin». (Fortsetzung.)
Die wechselvollen Eindrücke der Reise verwischten allniählig den Schmerz der Trennung.
Mir großer Befriedigung sah der Eapi- tain, ivelcher die Reise nicht beschleunigte, welches Jntereffe seine Nichte den Schönheiten seines Vaterlandes widmete. Martha, welche ihre junge Gebieterin begleitete, konnte nicht begreifen, ivelches Interesse man an dem großen Babel von Paris haben könne. Sie war sehr erfreut, als die Reise wieder fortgesetzt wurde.
Endlich näherte man sich dem Ziele, lieber den prachtvollen Bäumen des Waldes tauchten die von den Zinnen des Schlosses flatternden Fahnen auf, der Wagen bog in die stattliche Allee ein und rollte in den Schloßhof. Heftig pochte das Herz der Jungfrau, als der Wagen an der Rampe der Freitreppe vorfuhr und der Vicomte sie dem ehrwürdigen Herrn, welcher am Eingänge stand, entgegen führte.
Prüfend ruhte der Blick des Marquis einen Augenblick auf den Zügen der schönen Jungfrau, ein Strahl der Freude und des Glückes flog über sein Gesicht, er breitete seine Arme ans und rief:
war nicht mehr der Ezar, welcher persönlich durch Männer seines Vertrauens regierte, sondern die ganze Administration des ungeheuren Reiches verfiel einem Mechanismus, auf welchen das Staatsoberhaupt so gut wie keinen Einfluß zu üben vermochte. Der Chef der Abtheilung war für seine Untergebenen allmächtig und unfehlbar, und es kam fast niemals vor, daß ein Nnterbeam- ter seinem Vorgesetzten gegenüber mit einer Beschwerde, so begründet dieselbe auch sein mochte, durchdringen konnte. Bei dieser absoluten Starrheit des Mechanismus stelle man sich die moralische Versunkenheit vor, welche die nothwendige Folge der religiösen Versumpfung im Staatskirchenthum sein mußte, und dann bedenke man, daß dieses geist- und charakterlose Beamtenthum durch seine Draditionen und durch seine Erziehung allein nationalen Wesen nnd Interesse voll- kouunen entfremdet worden ist. So hatte sich der Dschin zu einer wahren Eiterbeule am socialen Organismus Rußlands entwickelt, nnd diese Beule zehrte die Kräfte der Ration in immer wachsendem Maße auf. Fast den zehnten Dheil der Ration macht gegenwärtig der Dschin aus, und der Unterhalt dieser Parasiten verschlingt den größten Dheil der Staatseinkünfte theils durch Besoldungen nnd Gratisicationen, theils durch Betrügereien und Unterschleife.
Unter dem zermalmenden Drucke dieses entsetzlichen Hebels seufzen 70 Millionen Russen, welche dem Geiste der abendländischen Bildung, wie Peter sie nach Rußland zu übertrage» gedachte, gänzlich fern geblieben sind. Diese Masse der Ration,
„Willkommen, thenre Melanie, in dem Hause Deiner Väter. Viele Arme strecken sich Dir entgegen, doch komme zuerst an das Herz Deines Großvaters, der diese Stunde als die glücklichste seines Lebens preiset, wo er Dich an sein Herz ziehen kann."
Auf's tiefste erregt sank die Jungfrau in die Arme des Großvaters, welcher einen Kuß auf die reine Stirn seiner Enkelin drückte.
Neues Leben schien mit Melanie, denn diesen Namen hatte sie in der hl. Dause erhalten, seinen Einzug in die weiten Hallen des Schlosses gehalten zu haben. Durch ihre Anmuth sand die Erbin, zur größten Freude Aller, sich bald in die neuen Verhältnisse. Wenn der Marquis am Morgen das Familienzimmer betrat, so fiel sein erster Blick auf den Erker, in welchem seine geliebte Melanie zu verweilen pflegte, nach deutscher Frauenart mit irgend einer Handarbeit beschäftigt. Mit zärtlichem Blicke folgte sein Auge jeder Bewegung der Jungfrau, die bei aller Bescheidenheit doch auch so sicher auftrat, als ob sie von Jugend auf in solchen Verhältnissen gelebt hätte. Er sand an ihr eine aufmerksame Schülerin. — Rach kurzer Zeit war sie mit der Geschichte ihres Hauses vertraut. Am Anne ihres Großvaters durchwandelte sie den Ahnensaal. Lange Reihen stattlicher Ritter
welche durch die Geschichte und den Ralio- nalcharakter auf eine streng monarchische Verfassung als ihrer Eigenart allein entsprechend angewiesen ist, fühlt sich durch den Dschin in unnatürlicher Weise von dem Monarchen wie durch eine unüberfteigliche Mauer geschieden. Es ist das ein Zustand, der auf die Dauer absolut unhaltbar ist. Nun ist seit der Bauern-Eniancipation durch Alexander II. das Gros der russischen Ration zu mächtigem Selbstbewußtsein erwacht. Da der große nationale grundbesitzende Adel längst zerstört ist, und die Erlasse der Regierung nicht mehr als Ausflüsse des monarchischen Herrscherwillens anerkannt werden, so hat sich eine ungeheure Kluft zwischen dem russischen Volke und der offi- ciellen Regierung gebildet, welche letztere man allgemein als etwas Rationalseindliches und Fremdartiges, als einen unerträglich schmerzenden Splitter im Fleische des socialen Körpers empfindet. Daraus erklären sich die wilden Zuckungen, die das heutige Rußland erschüttern. Es ist ein Kampf der großen russischen Ration gegen eine von ausländischem Geiste genährte, in sich verdorbene, das Land aussaugende, stets an- wachsende Bnreankratie, um eine sociale Reorganisation auf nationaler Grundlage und den persönlich regierenden Eza- ren sich wieder zu erobern.
So also steht auf der einen Seite die Ration, auf der anderen Leite die Burean- kratie, der Dschin. Object des Streites ist zunächst der Ezar; die Ration will ihn als ihren unmittelbaren autokratischen Herrscher zurückhaben, cs ist das der „Bauern- nnd holder Frauen blickten aus den dunkeln Eichenrahmen ans den letzten Sprößling hernieder, der im frischen Waldesgrün zu einer herrlichen Blume sich entfaltet hatte. Bei jedem Bilde wußte der alte Herr Interessantes aus dem Leben des Ahnen mitzutheilen. Diesbewegt blickte die Jungfrau auf eines der letzten Bilder, das Portrait ihrer so früh verstorbenen Mutter, deren Aehnlichkeit mit ihren eigenen Zügen nicht zu verkennen war. Freundlich blickte das sinnige Äuge der im schwarzen Reitkleide dargestellten Com- teffe, die Hand aus dem schweren Kopfe einer Dogge ruhend, ihr entgegen.
„Der Himmel hat mir meine Melanie zurückgegeben," sprach der Marquis, seine Enkelin an sich ziehend. Dankbar drückte diese ihre Lippen auf die Hand des Großvaters.
Die Güter des Grafen Ehateaulaine waren in der Revolutionszeit eingezogen ivorden. Kurze Zeit nach der Ankunft Me- lanien's war der alte Vicomte mit seinem Sohne nach Paris gereift, die Restitution zn betreiben. Versehen mit den amtlich beglaubigten Aussagen Marthas, der noch lebenden Frau des Frohnbauern und des Ortspfarrers, gelang es der bei den Bourbonen einflußreichen Familie, endlich ein königliches Decret zn erwirken, welches die