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^2 86. Sonnabend, den 15. April 1882.

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xt Politische Streifzüge.

(Nachdruck, verboten.)

Das hl. Osterfest hat eine kleine Panse in das politische Hasten und Treiben ge­bracht; die Parlamente feiern und die Völ­ker, die Woche für Woche, Tag für Tag mit neuen Gesetzentwürfen, Anträgen und ellenlangen Reden heimgesucht wurden, ath- men einigermaßen erleichtert auf und be­grüßen die momentane Stille mit um so mehr Genugthuung, als sie wissen, daß bei all der politischen Sysiphnsarbeit doch we­nig oder nichts Ersprießliches, meist sogar recht Unerquickliches" herauskommt. Die Ostertage sind ferner, wie kaum eine andere Zeit des Jahres, dazu angethan, die großen Gegensätze, welche die Gegenwart bewegen, dem denkenden Menschen zum Bewußtsein zu bringen. Entweder gibt es eine Auf­erstehung, ein Fortleben nach dem Tode, oder die Materialisten und Atheisten haben Recht, die mit dem Tode Alles enden lassen. Hier ist die große Scheidewand, die Wurzel der Kämpfe, die gegen das Christenthnm uni) die .Kirche fast allenthalben geführt werden. Hätten die Atheisten aber Recht, die ihre trostlosen Grundsätze in das Phra­senmäntelchen der Cultnr und Bildung hüllen, dann müßte das ganze soeialpoli- tische und sittliche Leben, das auf dem Fun­damente des Christenthums steht, sehr bald über den Hansen geworfen werden. Wenn die Völker nicht mehr an ein Jenseits, an eine Auferstehung und eine Vergeltung glau­ben, dann können die menschlichen Anord­nungen, die Gesetze des Staates mit) die

— äs-

Durch Nacht zum Licht.

Original-Novell« von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

16. Capitel.

Die Ankunft der beiden Reisenden rief in dem Forsthaufe getheilte Empfindungen, der Freude, wie des Schmerzes, hervor.

Mit Freudenthräneu in den Augen ruhte der junge Krieger an den Herzen seiner Eltern; als er sich zu der geliebten Schwester wandte, flog diese schluchzend an seine Brust, um int nächsten Augenblicke sich erröthend der Umarmung zu entziehen. Der Vicomte wurde mit der gleichen Herzlichkeit bewill- kommt, als ob keine Veränderung in den gegenseitigen Beziehungen eingetreten wäre. Ohne Ziererei reichte Lina ihm ihre Hand, die er überglücklich an seine Lippen drückte.

Keine leichte Aufgabe war es für den biederen Förster gewesen, seiner Tochter die Mittheilung über ihre Herkunft zu machen. Tagelang konnte er nicht zur Ausführung gelangen. Als nun ein trüber Regentag die Familie an das Zimmer bannte, begann er die für ihn so schwere Mittheilung. Dem guten Mädchen wich alle Farbe von den rosigen Wangen, die Hände krampfhaft in­einandergeschlungen, hörte sie lautlos zu, indeß eine Thräne die andere von den

Polizeisäbel die Schranken von Zucht _ und Sitte, die Autorität, die Achtung des frem­den Eigenthums re. wahrlich nichts mehr aufrecht erhalten. Wie die Auferstehung des Heilandes der christlichen Lehre das Siegel aufdrückte, so ist auch der Aufer­stehungsglaube der Schwerpunkt, mit wel­chem die moralische und bürgerliche Ord­nung steht und fällt. Die Osterwoche ist drittens so recht geeignet, den Menschen Einkehr in sich selbst halten zu lassen. Wie der Müller, wenn das Geklapper der Müh­lenräder nach langer Arbeit aufhört, sich sagen muß, daß das Drehen der Räder und Steine doch nur Mittel zum Zweck ist, so sagt sich auch der Mensch, daß die po­litische Maschinerie doch nicht ihrer selbst wegen da sein kann, das; das Rollen und Rauschen, Klappern und Hämmern, Reden und Arbeiten doch einem höher» Zwecke bienen muß, der schließlich der Gesammt- heit, und da diese nur aus Einzelwesen be­steht, dem Individuum zu gut kommen soll. Geschieht dies aber immer? Welchen Zweck hat überhaupt die Politik? Sie soll das Uhrwerk in den einzelnen Staakenge- bilden in geordnetem Gange erhalten und das große Uhrwerk, das die Staaten in ihren auswärtigen Beziehungen zu einander regelt, vor Stößen und Collisionen bewah­ren. Diese Aufgabe wäre eine so einfache und leicht lösbare, wenn sie durch Jntri- guen, Bosheit, Selbstsucht und Hinterlist nicht gar zu sehr erschwert und verwickelt werde.

Wenn es auf die Völkermassen selbst an­käme, die aus Frauen und Kindern, Arbei- bleichen Wangen drängte. Als der Förster nun endlich geendet hatte und ihr das Schreiben des Marquis überreichte, starrte sie wie geistesabwesend auf die fremden Schriftzüge und eilte dann an das Herz der Mutter.

„Mutter, theure Mutter, o sage mir, daß es nur ein Traum sei, was ich gehört habe. Ich kann ja niemand Heben außer Euch; stoße Dein armes Kind nicht von Deinem Mutterherzen!"

Die gute Frau Krause, selbst unfähig ein Wort zu erwidern, schloß das weinende Mädchen in ihre Arme.

„Lina, theures Kind!" rief der Förster, der sich zuerst gefaßt hatte. — Die Jungfrau ließ sich aus der Umarmung der Mutter los und eilte zu dem Vater, das Köpfchen an seine breite Brust bergend.

„Siebe Lina," suhr der Förster fort, das thränende Antlitz des Kindes empor richtend, „fasse Dich, gutes Kind, — wie die Ver­hältnisse sich auch gestalten mögen, Du wirst immer unsere gute, liebe Tochter bleiben. Wenn Dein Scheiden uns auch großen Schmerz bereiten wird, so sind wir gleichzeitig auch sehr erfreut, daß der Schleier Deiner Geburt gelüftet ist. — Du entstammst einem edlen, schwer geprüften Hause, welchem Trost zu bringen Du vom lieben Gott bestimmt bist.

tern, Handwerkern, Geschäftsleuten, Kauf­leuten, Gelehrten, Beamten rc. bestehen, so würde es schwerlich innere Confliete und äußere Verwicklungen geben, denn diese alle wollen den Frieden im Lande und den Frieden nach Außen; aber das ist das Traurige, daß immer einzelne Männer, wie ein Skobeleff, ein Jgnatieff re., an den Rä­dern des Uhrwerks herumarbeiten, daß hierdurch, weil der Ehrgeiz und der Ei­genwille Einzelner über die Interessen der Gesamnitheit gestellt werden, Störungen entstehen, und daß die Volksmassen nur die willenlosen Gewichtsteine Derer sind, welche die Politik „machen".

Die jüngsten Tage haben hierfür so recht wieder den Beweis geliefert. Als es hieß, der russische Reichskanzler Fürst Gortsch a- t'off, ber Gegner des Fürsten Bismarck, hak endlich auch formell fein Amt niedergelegt u. der deutschfreundliche Herr Giers, nicht I g n a - t i e ff, ift an seine Stelle getreten, da begrüßten, und wohl mit Recht, die Zeitungen dieses Ereigniß als ein Symptom des Friedens und nannten den Wechsel ein willkommenes Ostergeschenk für Deutschland und Europa. Auf den alten Gortschakosf also kam es an, ob Hunderttausende verbluten, Länder zer­treten, Städte und Dörfer verwüstet wurden oder nicht. Europa ist von dieser Sorge einstweilen befreit; Jgnatieff und die Pan­slawisten müssen ihre Pläne vertagen (?), und der Czar hat bewiesen, daß er doch noch ein klein wenig zu sagen hat. Hätten aber die Männer ü la Gortschakosf und Jgnatieff ihre Absichten durchsetzen können und die Mittel dazu gehabt, — was dann? Dann Denke Dir die Freude des hochbetagten Edelmannes, wenn er das Kind feiner ge­liebten Tochter in seine Arme schließen kann. Ich bin überzeugt, daß die glänzenden Ver­hältnisse, welchen Du entgegen gehen wirst, Dir den Abschied erleichtern werden; ich darf aber auch von meinem braven Kinde er­warten, daß es uns denselben nicht erschweren wird. D'rum fasse Dich und lies, was Dein theurer Großvater Dir schreibt."

Lina besah das Schreiben von allen Seiten und schüttelte das Köpfchen, als sie es erbrach. — Die Sehnsucht nach dem Kinde der geliebten Tochter, das väterliche Wohlwollen, das ans jeder Zeile des Briefes hervorleuchtete, der Apell an das Herz der Jungfrau, die Lücke auszufüllen, welche der Tod in die Familie gerissen, die Bitten des Greisen, seine letzten Lebenstage zu versüßen, ließen langsam die Thränen Linas versiegen.

„Ich muß mich mit dem Gedanken, Euch liebe Eltern, verlassen zu müssen, erst ver­traut machen. Was soll mir Glanz und Reichthum, wenn ich sie nicht mit Euch theilen kann? Verlangt der Himmel das Opfer, so will ich es bringen und mich bestreben, meine Pflicht zu thun. Der Großvater wird viele Geduld mit seiner schlichten Enkelin haben müssen."

„Ueberlasse das Alles getrost dem lieben