JH 83. Mittwoch, den 12. April 1882.
Jfulbarr ®S Jdlung.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertag- ausgenommen. Man akonnirt gegen Borausbezahlung zu Fulda
In der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche AbonnementSpreis beträgt ausschließlich Brmzerlohn in Fulda 1 Mark und 50 Pfg., mit Bringerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg.. ins Haus gebracht 1 M. 90 Pfg-' Die ,illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 25 Pfg-, in s Haus gebracht 40 Pfg.
Inserate: Die Petit,eilender deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.
* Der Pauslavismus.
Wir wollen auf das wiederholt auftauchende Gerücht, der Czar werde abdanken müssen, wenn er nicht der Kriegspartei folgen wolle, und auf die Meldung, daß augenblicklich die Strömung sich zunächst gegen Oesterreich richte, kein übermäßiges Gewicht legen. Wir kennen die Schwächen des russischen Colosses und wir hören darum mit um so größerem Glauben die Friedensbotschaften, welche uns gleichzeitig von der Newa gebracht werden. Allein es kann nun einmal nicht verhehlt werden, daß in Rußland eine heftige Bewegung gegen die beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche im Gange ist. In den chauvinistisch -panslavistischen Kreisen lautet die Parole: „Krieg gegen Deutschland und Oesterreich, sei es mit, sei es ohne, sei es gegen den Czaren!"
Um die öffentliche Meinung aufzuregen, zieht die Actionspartei jetzt das religiöse Moment ins Spiel, so gänzlich fern ihr selbst dies auch steht. Die Masse des russischen Volkes hat nun einmal für den modernen Nationalitätsfanatismus, also auch für den Panslavisinus als solchen, gar kein Verständniß; desto leichter läßt es sich aber religiös fanatisiren. Aus diesem Grund veröffentlichte ein Blatt der Partei, die .Ruß', unlängst einen Leitartikel, in welchem es Oesterreich, wegen seiner kath. Propaganda — daß Gott erbarm! — als den Störer des slavischen Friedens und der slaoischen Einigkeit hinstellt. Es heißt da: „Aus den ersten Blick erscheint Oesterreich als ein Conglomerat verschiedenster Stämme, die mit deutschem Gement aufeinandergefugt
~ 38
Durch Nacht zum Licht.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn. (Fortsetzung.)
Das Getose des Kampfes war verstuinnit, entweder war derselbe beendet oder der überschrittene Bergrücken entzog ihm den Schall des Waffenlärms. Tiefe Stille umgab den Ermüdeten. Der hereinbrechende Abend färbte bereits den Saum der Wolken und begann in den Schatten des Waldes sein Dunkel auszubreiten. Eisige Kälte war der früheren Hitze gefolgt, Fieberfrost durchschüttelte den Verwundeten. Er raffte sich auf, lud seine Pistole und stieg möglichst raschen Schrittes in's Thal hinab. Der bereits hereingebrochene Abend ließ ihn am Fuße des Berges eben noch einen schmalen Weg erkennen. Nach kurzem Besinnen schlug er die Richtung ein, auf welche er Chetre zu erreichen hoffte, welches am Morgen als Ziel des heutigen Marsches bestimmt worden war. Allmählich führte der Weg wieder bergan. Seit dem Morgen ohne Nahrung, durch den Blutverlust geschwächt und durch den Schmerz der Wunde gepeinigt, schwanden die Kräfte; mühsam schleppte er sich weiter, den mit der Scheide gelösten Säbel als Stütze benutzend. Keuchend hatte er die Höhe des Weges erreicht; von unendlicher Angst ge-
sind. Es wäre aber falsch zu denken, daß die Organisation seiner Regierung nur ein staatlicher Mechanismus ist, der in das Leben der verschiedenen durch ihn zusaminen- gehaltenen Volker hineingestellt worden und nur äußerlich ihr organisches Leben beeinflußt; nein, diesem Organismus ist eine historische, aber doch noch lebendige Idee eigen, der ■ - Katholicismus. Von den slavischen Völkerstämmen Oesterreichs sind nur die Polen in ihm aufgegangen und damit aus der großen slavischen Familie ausgeschieden. Die Kroaten, Slowaken, Slowenen leben in den untern Volksschichten auch noch in der Ueberlieferung des „alten" Glaubens (des „rechtgläubigen"), und bei ihnen Allen sind die nationalen Interessen großer als die religiösen. Nur die Serben des Banats und in dem Grenzgebiet, das jetzt zum katholischen Kroatien gehört, bleiben der Rechtgläubigkeit nach wie vor verschloffeu; und dazu kommen die unglücklichen Russen in Galizien (,Ruß' meint die Ruthenen), die bereits zur Zeit der polnischen Herrschaft mit Gewalt, wenn auch nicht zll Katholiken, so doch zu Unirten gemacht wurden; und die Ruffen in Ungarn, die auch durch Zwang unter Maria Theresia in die Union hineingezogen ivurden, die aber im Volke gar keine Wurzel gefaßt hat. Alle übrigen slavischen Gebiete, die außerhalb der Grenzen Oesterreichs liegen, die es aber bereits in die „Sphäre seiner Jntereffen" hineinzuziehen sich bemüht, d. h. die ganze Balkan-Halbinsel mit ihren verschiedenen serbischen Volksstämmen und den Bulgaren sind treue Anhänger der rechtpeinigt, schweifte sein Blick umher. Tiefe Stille, undurchdringliche Finsterniß umgab ihn. Kein Licht, kein Geräusch verrieth, daß er sich in der Nähe menschlicher Wohnungen befinde. Kalter Schweiß drang aus seinen Poren. Ein Gefühl der Verlassenheit überkam den jungen Mann, wie er es nie empfunden hatte. Er kannte kein Zittern, wenn es galt, dein Feinde entgegen zu stürmen, keine Furcht im Gewühl der Schlacht. Aber jetzt in finsterer kalter Nacht, von allen Menschen verlassen, hungernd, frierend, erschöpft und elend, jetzt sank sein Muth. Er beneidete die braven Kameraden, die im Kampfe gefallen oder in Gefangenschaft ge- rathen waren; hatten letztere doch ein Stück Brod, ihren Hunger zu stillen, ein Feuer, die kalten Glieder zu wärmen. Allein sein, — schreckliches Gefühl! — Er wollte Menschen finden, gleichviel ob Freund oder Feind; nur nicht hier elend zu Grunde gehn. Er raffte sich auf und schleppte sich mühsam weiter. Nur noch kurze Zeit reichte die letzte Kraftanstrengung auf dem abschüssigen Wege ans; seine Schritte wurden unsicher, jeden Augenblick stolperte sein Fuß, da schimmerte ein Lichtstrahl vor seinem Auge, der Wald schien sich zu lichten -- war das nicht Hundegebell? „Vorwärts, vorwärts! O Gott, wie finster wirb es plötzlich! Vater
gläubigen Kirche. Und d ie rechtgläubigen Slaven haben ihre Nationalität fester erhalten und bewahrt als alle übrigen".
Augenscheinlich hat das russische Blatt einmal davon gehört, daß es allerdings die geschichtliche Mission Oesterreichs sei, die für die abendländische (katholische) Cnltur gewonnenen slavischen und anderen Volksstämme des europäischen Südostens politisch zusammenzufassen und als eine europäische Schutzmauer gegen den schismatischen Osten zu einigen. Aber wenn die ,Ruß' wußte oder wissen wollte, in einem wie geringen Grade die gegenwärtigen Staatslenker Oesterreichs ein Verständniß für diese Mission des Reiches besitzen, so würbe sie schwerlich bie Stirn gehabt haben - selbst einem russischen Publicum gegenüber — die katholische Propaganda des officiellen Oesterreich als Hetzmittel zu gebrauchen. Das Blatt mußte fürchten, ein homerisches Gelächter als Antwort zu erhalten.
Der Sache nach, wenn auch vielfach unbewußt, ist allerdings der Katholicismus der Einigungspunkt der verschiedenen österreichischen Völkerstäinme, wenn auch die Regierung von diesem Bindemittel absolut keinen Gebrauch zu machen weiß. Und wenn die ,Ruß' die Behauptung ausspricht, daß nur die Polen Oesterreichs im Katholicismus aufgegangen seien, so thut sie den übrigen österreichischen Slaven in der Thal schreiendes Unrecht. Der angebliche Hussitismus der Czechen spukt bei diesen fast nur bei der sogenannten gebildeten Classe, bei welcher es notorisch dort wie hier mit der Religiosität nur sehr mäßig bestellt ist.
im Himmel, erbarme Dich meiner! O, Mutter!"
Ohnmächtig sank der wackere Krieger nieder.
Fünfzehntes Capitel.
Der März war zu Ende. Freundlich sielen die wärmenden Sonnenstrahlen durch die kleinen Scheiben eines Winzerhäuschens auf einen rüstigen Sechziger, welcher mit einer Korbarbeit beschäftigt am Tische saß, als ein stattlicher Mann in das Zimmer trat.
„Guten Morgen, Pierre," rief er freundlich dem Alten entgegen, warf Hut und Reitpeitsche auf den Tisch und ließ sich auf einen Weidenstuhl nieder. — „Ich bringe gute Nachrichten mit. Die Alliirten sind in Paris eingezogen; der Senat hat Napoleon für abgesetzt erklärt, die Marschälle kehren zu ihrer Pflicht zurück, und bald dürfen wir wieder die weiße Cocarde auf den Hut stecken."
„Gott sei Dank! ich habe auch Sorge genug in der letzten Zeit um Sie gehabt; ich fürchtete das Schlimmste, als Alle auszogen, und man Sie zwingen wollte, die Führung einer Abtheilung zu übernehmen".
„Ich legte den Leuten ja kein Hinderniß in den Weg, sich den Banden anzuschließen. Meine Pflicht war aber, hier die Interessen