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Mittwoch, den 5. April 1882.

Zeitung

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-r- Das Testament eines Kircheu- fürsten.

Nachdem der jetzt verewigte Fürstbischof Hein­rich von Breslau schon in früheren Jahren zu wiederholten Malen letztwillige Verfügungen getroffen hatte, errichtete er am Allerseelen­tage des Jahres 1869, als er, wie er selber von sich sagt, alt und gebrechlich, mit bangem Herzen in rauher Winterszeit die Reise nach Rom zum allgemeinen Concil anzutreten im Begriffe stand, abermals ein Testament. Das Testament eines edlen Mannes ist wie ein Wort aus dem Grabe, das Testament eines frommen Bischofs ist wie eine Predigt und ein Segen aus dem Jenseits. Aus dieser letztwilligen Verordnung des Fürst­bischofs Heinrich geben wir den Anfang und den Schluß wieder, der gewiß die Herzen aller Katholiken rühren und ihre Verehrung für den frommen und treuen Hirten erhöhen wird.

„Indem ich," hebt der Hochselige in die­sem Schriftstücke an, „nun von Neuem niei- nen letzten Willen ausspreche, richte ich meinen ersten Blick auf Gott, meinen Schöpfer, Erlöser und Richter, — und ich vermag die Gefühle des kindlichen Dankes, aber auch der tiefsten Beschämung nicht auszudrücken, von denen mein Herz voll ist bis zum Ueber- fließen, — wenn ich in mein Leben zurück­blicke bis zu seinem Anfänge, und jeden Tag gezeichnet finde mit Wundern der gött­lichen Barmherzigkeit und Liebe, aber auch mit den Flecken meiner Schwächen und Sünden. Ach, mein Gott! wie langmüthig und gnädig bist du! Ach, mein Gott! wie schwach und mühselig bin ich! Allein das Kreuz meines Erlösers ist meine Zuflucht, ' 35

Durch Nacht zum Licht.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

„Derselbe, Herr Marquis, der Ihre Güte und Liebe aber nicht verdiente, der das Gute mit Bösem vergolten hat und nach langen Jahren erst durch die Gnade Gottes endlich zur Erkenntniß seiner Frevel ge­kommen ist."

„Sie irren sich, mein Herr. Ich bitte sehr, mit mehr Achtung von dem Herrn Gayon Marceaux, dem Sohne des Steuer­mannes, zu reden. Hier muß eine Ver­wechslung vorliegen. — Wenige Tage vor meiner Emigrirung weilte er noch hier und verließ uns plötzlich, weil er die Nachricht von dein Tode seiner guten Mutter erhalten hatte. Leider habe ich seit dieser Zeit nichts mehr von ihm gehört. Lebte unser Gaxon noch, so würde er längst seinen väterlichen Freund aufgesucht haben."

„Es ist mir sehr schmerzlich, das Bild, welches Sie von dem Undankbaren im Herzen tragen, zerstören zu müssen. — Ja, dieser Ga^on lebt. Schuldbewußt, elend, ohne Glauben durchlebte er lange Jahre. — End­lich, durch edle Menschen vom Tode gerettet, durch Leiden gedemüthigt, ging er in sich, der Friede kehrte in fein Herz zurück und

— allein das Blut des Lammes ist meine Hoffnung, — allein die Kirche, meine theure, heilige, unaussprechlich geliebte Kirche ist mein Heil. Als ihr getreuer, wenn auch unwürdiger Diener vertraue ich auf das Versöhnungsopfer Jesu Christi, auf die viel- vermögende Fürbitte der allerseligsten Jung­frau Maria, auf die Fürbitte meiner heiligen Patrone — Heinrich, Hedwig und Elisabeth — auf die Fürbitte aller Heiligen und aus die Gebete so vieler frommer Priester und Gläubigen, mit denen ich in heiliger Ge­meinschaft gestanden und, so hoffe ich, stehen werde in Ewigkeit.

Ich bin arm gewesen von Hause aus und habe — dem Herrn sei Dank! — nie dar­nach gestrebt, reich zu werden. Seit ich Bischof bin, habe ich geglaubt, einfach, wie es einem Priester ziemt, aber doch standes- mäßig leben zu müssen, wie es die Würde fordert, die ich unverdient übernommen habe. Mit dem zeitlichen Gute habe ich hausge­halten als mit dem Eigenthume der ver­armten und so bedürftigen Braut Jesu Christi. Darum habe ich meinen leiblichen Verwandten schon bei meinen Lebzeiten fast nur das kleine Vermögen zugewendet, das ich mir mit Schriftstellerei erworben habe; für einen Raub aber an der Kirche würde ich es halten, wollte ich meinen Freunden und Verwandten mehr zuwenden, als die kleinen Legate und Andenken, die sich nach­stehend verzeichnet finden.

Ich setze darum den sürstbischöflichen Stuhl von Breslau zum Erben meines gesummten Nachlasses in meinem preußischen und öster­reichischen Bisthumsantheile ein, es bestehe jetzt kennt er keine heiligere Pflicht, als seinem edlen Wohlthäter seine Frevel zu be­kennen und ihn um Christi Willen um Ver­gebung anzuflehen."

Nun entrollte der Capitain ungeschminkt das Bild seines Lebens, seine Zuneigung zu der jungen Comtesse, seine Eifersucht bei dem Empfange des Grafen, feine Verzweiflung bei der Nachricht von der Vermählung, seine Flucht, den Aufenthalt in Paris, die Kämpfe in der Vendee, die Verfolgung und Auffind­ung der entschlafenen Dulderin und seine vergebliche Bemühung um die Auffindung des Kindes. In kurzen Zügen schilderte er dann seine Kriegslaufbahn, die Schlacht bei Hanau und den Aufenthalt und feine Bekehr­ung durch die brave Försterfamilie.

Ruhig hatte der greise Edelmann beim Beginn der Erzählung zugehört. Als aber der zerknirschte Capitain die Erstürmung des Schlosses schilderte, sprang der Greis auf und durchschritt, ohne ein Blick auf den Sprechenden zu werfen, heftig erregt das Gemach. Geraume Zeit hatte der Capitain geendet, seine flehenden Blicke folgten dem noch auf und abschreitenden Edelmann, als dieser plötzlich vor ihn hintrat. .Jede Farbe war aus seinem edlen Antlitz gewichen, die hohe Gestalt zitterte und mit gepreßter Stimme wandte er sich zu dem Fremden:

dieser Nachlaß nun in baarem Gelde, in Geldpapieren, in Beständen bei den Rent­ämtern, in ausstehenden Forderungen, rück­ständigen Bezügen und in Sachen, welcher Art sie sein mögen, und ich verordne und bestimme, daß mein Nachfolger im bischöf­lichen Amte im Verein mit dem Hochwür­digen Domcapüel darüber nach reiflicher, gewiffenhafter Erwägung so verfüge, wie es zu Heil und Frommen der Kirche, der Schulen und Armen am heilvollsten ist, — zumal, wenn es gilt, in armen Gemeinden Kirchenspsteme zu gründen und Schulen zu stiften oder schon vorhandene zu erhalten."

Dies der allgemeine Inhalt des Testa­mentes. Als der Fürstbischof im Verlaufe des Culturkampfes sah, daß das Vermögen des fürstbischöflichen Stuhles nicht gesichert sei, änderte er diese allgemeine Bestimmung des Testamentes im Mai 1875 durch einen Nachtrag ab. Wie der Nachtrag lautet, ist noch nicht bekannt. Es folgt nun im Testa­mente eine lange Reihe von Vermächtnissen für milde Stiftungen, Schulen, Kirchen, Venvandte, Freunde, Beamte rc.

Der Schluß des Testamentes lautet:

„Und so übergebe ich denn meine Seele der göttlichen Barmherzigkeit, ohne welche sie ewig verloren gehen würde, meinen Leib aber der Erde, aus der er genommen ist. Mein letztes Gebet, mein letzter Wunsch und die letzte klare und bewußte Regung meines Herzens wird ein Gebet, ein Wunsch und eine Regung sein für das Heil meiner theuren, bis in den Tod und über den Tod hinaus in Ewigkeit geliebten Diöeefe."

„Mein Herr, wer sind Sie? Wie kommt es, daß Sie von den traurigen Ereignissen meines unglücklichen Hauses so unterrichtet sind?"

„Der Anwalt eines reuigen Sünders, der Ihnen durch mich das Kreuz des edlen Grafen schickt, welches er dem Sterbenden aus der Hand nahm."

Der Capitain sank auf feine Knie nieder, zog das Kreuz aus feinem Busen und reichte es dem Marquis entgegen. „Auch Er, der Gottessohn, verzieh sterbend seinen Feinden; darf der Unglückliche auch Sie anflehen, Verzeihung zu üben?"

Hastig ergriff der Graf das Kreuz, be­trachtete es aufmerksam, drückte es ehrer­bietig an seine Lippen und rief in /einen Lehnstuhl zurücksinkend: „Ja, das ist das Kreuz, mit welchem meine theure Melanie ihren Gatten bei der Vermählung schmückte."

Tiefe Stille herrschte in dem weiten Ge­mach. Endlich erhob der Marquis seine Augen, und den noch immer Knieenden er­blickend, schien er sich erheben zu wollen. Seine Kräfte gestatteten es ihm nicht und mit zitternder Stimme sprach er: „Ich muß noch­mals die Frage an Sierichten: wer sind Sie?"

Als nun der Capitain sein bleiches Gesicht er­hob und schweigend den flehenden Blick auf seinen Wohlthäter richtete, rief dieser plötzlich :