Jti 71.
Dienstag, den 28. März 1882.
Jfulbarr NV Jeitung.
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-u. Ein Bild vom Enltrrrkampfs- Schauplatze.
Man versucht von gewissen Seiten den Schein zu verbreiten, als ob das Juligesetz ungefähr alle Wunden des Culturkampfs geheilt habe. Solchen Bestrebungen kann nicht kräftig genug entgegen getreten werden. Zur richtigen Beleuchtung der Ruinen und Nöthen auf dem Culturkampf-Schauplatze dient eine treffliche Rede, welche der Abg. Franz bei der Berathung des Cultusetats gehalten hat.
Das Juligefetz, so ungefähr ließ sich Herr Franz vernehinen, hat freilich einige gute Wirkungen, hier und da ist die Hilfsseelsorge ermöglicht; mehrere Bischöfe und Capitelsvicare sind zugelassen worden. Aber ist damit den dringendsten Forderungen und Bedürfnissen der Katholiken abgeholfen? Nein, so lange die Maigesetze in ihren wesentlichen Grundzügen fortdauern, so lange die Bestiinmungen weiter gelten, die jetzt noch in Wirksamkeit sind, wird es nicht möglich sein, eine geordnete Diöcesanver- waltung herzustellen, der geistlichen Roth der Katholiken abzuhelfen. Auch die Bischöfe, welche jetzt in den einzelnen Diöcesen bestellt sind, und die Capitelsvicare können ihr Amt in vollem Umfange nicht ausüben. Abgesehen von der Unmöglichkeit, die erledigten Stellen zu besetzen, liegt auch die gesetzliche Unmöglichkeit vor, ihre Dis- ciplinargewalt über Klerus und katholisches Volk auszuüben; es ist ihnen unmöglich, die Geistlichen, die während des unglücklichen Kampfes in der einen oder anderen Diöcese als Staatspfarrer den Gemeinden
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Durch Nacht zum Licht.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn. (Fortsetzung.)
„Auch verloren! O Martin, man verliert Alles, was man liebt. Auch ich habe mein Kind, meinen Ga?on verloren!"
Bewegt durchschritt der Gast das Gemach. Keiner sprach. Wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, blieb er stehen und trat dann dicht an seinen alten Diener heran. „Martin," keuchte er mit gepreßter Stimme; „Martin, — doch nein, - - wozu aufreißen die alte Wunde; — es wäre Thorheit, die Möglichkeit zu denken. — Martin," seine Stimme zitterte. „Wann Ivar es, als Du den Knaben rettetest? Erinnerst Du Dich des Tages?"
Martin, welcher bestürzt und betrübt in das Gesicht des Gastes sah, öffnete seinen Schrank und entnahm demselben ein Buch, welches er aufschlug. „Gnädiger Herr," sprach er mit zitternder Stimine, „die Ereig- nisse vergeffe ich nicht, aber ich bin alt, das Gedächtniß ist nicht mehr so treu, als in den Tagen der Jugend. Dieses Buch enthält die Aufzeichnung der merkwürdigsten Ereignisse meines Lebens. Seit zwanzig Jahren habe ich keine Veranlassung gehabt, etwas hinzu zu fügen. Doch sehen Sie,
aufgedrängt worden sind, zu beseitigen und die Gemeinden von dem Unheil dieser Leute zu befreien.
In der Diöcese Culm ist die Zahl der verwaisten Gemeinden 42, gerade ein Sechstel; 26 davon haben weder einen Pfarrer, noch einen Kaplan. In der Diöcese Trier sind gegenwärtig 257 Seelsorgerstellen unbesetzt, darunter 207 Pfarreien. In der Diöcese Köln, welche 813 Pfarreien zählt, sind 226 ohne Pfarrer, 73 Pfarreien mit 55,372 Seelen ohne jede Seelsorge; 112 der noch amtirenden Seelsorger sind im siebenzigsten, 30 sogar im achtzigsten Lebensjahre, die Verwaisung dieser Pfarreien steht also hier nach menschlichem Er- meffen auch in kurzer Zeit bevor. Nur einen Geistlichen haben in der Erzdiöcese Köln 372 Pfarreien; auch hier kann die Verwaisung leicht eintreten. Was die Diöcese Breslau betrifft, so ist die Verwaisung der Pfarreien in den letzten Jahren weit vorgeschritten. Es sind dort von 760 Pfarreien 184 verwaist, in den verwaisten fungiren noch 69 Kapläne, dagegen sind ohne Pfarrer, ohne Kapläne, ohne Vicar 115 mit einer Seelenzahl von 239,390. Es könne demnach nicht ordnungsmäßig pastorirt werden in Summa 575,490 Seelen.
Nun ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß durch das Juligesetz eine Reihe von Beschwerden beseitigt werden. Das mag vielleicht für die Herren hinreichen, welche der Ansicht sind, es genüge , wenn der Katholik vielleicht alle Viertel- oder Halbjahr den Gottes- hier steht es. - - Es war am 24. November 1772."
„Großer Gott!" rief der Vicomte, vom Stuhle aufschnellend. „In dieser Nacht litt ich Schiffbruch an dieser Küste. — Herr des Himmels! Wenn es mein Kind wäre, welches Du gerettest hast!"
Bittend faltete er seine Hände und flehte: „Martin, guter Martin! o, sage mir, daß er mein Sohn, mein Gayon war."
Martin schaute starren Blickes in das Gesicht des Vicomte, seine Lippen bewegten sich, als ob er reden wollte; dann richtete er wie suchend sein Auge nach oben. Nach einer Weile schwand das Starre seines Blickes, ein freudiger Zug legte sich um seinen Mund, und wiederum ruhte das Auge durchdringend auf den Zügen seines Gastes. Sich selbst vergessend, ergriff er deffen Hände und rief freudig: „Gnädiger Herr, lassen Sie mich alten Manu erst zur Faffung kommen, — es kann — es muß so sein. —
O meine blöden Augen, wie konnte ich so blind sein! — Mein herziger Junge hatte ja ihre Augen, dieselbe Stirne und doch verloren — o ich armer Mann!" Schluchzend barg er das Gesicht in den Händen.
„Martin," sprach der Vicomte, der sich zuerst gefaßt hatte, laffe uns als vernünftige Männer handeln; schaue auf, Du treue
dienst besucht. Aber dem Katholiken genügt es nicht, hie und da vielleicht den Gottesdienst zu besuchen, sondern die katholische Kirche verlangt einen regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes und eine ständige und regelmäßige Pastoration der Gemeinden. Aber bei der jetzigen Lage der Dinge ist es nicht möglich, Hunderttausende von preußischen Katholiken regelmäßig zu pasto- riren; Woche für Woche sterben Katholiken ohne den Trost der Sacramente, weil es unmöglich ist, in der kurzen Zeit, bis der letzte Augenblick herantritt, einen entfernt wohnenden Geistlichen herbeizuholen.
In der Diöcese Breslau befinden sich leider eine Anzahl von sogenannten Staatspfarrern, das sind Pfarrer, welche auf Grund der Maigesetze von Privatpatronen oder auch von der Staatsbehörde gegen die canonischen Vorschriften eingesetzt sind. Nach den canonischen Vorschriften darf kein Pfarrer in einer Gemeinde functioniren, der nicht die canonische Berufung hat. Diese haben sie nicht erhalten, sie sind vielmehr ipso facto excommunicirt. Die Katholiken dieser Ortschaften besuchen natürlich den Gottesdienst dieser Staatspfarrer nicht, sondern gehen Meilen weit, um ihren religiösen Bedürfnissen zu genügen. In der Diöcese Breslau sind solche Staatspsarrer an nicht weniger als neun Orten, und dazu kommt als der exorbitanteste aller Fälle Herzogswal d a u, wo ein Privatpatron einer römisch-katholischen Pfarrei einen altkatholischen Pfarrer aufgedrungen hat. Letzterer genießt seit Jahren die Pfründe, ohne daß irgend ein katholischer Christ seine Kirche Seele, und sage mir, ob Du Beweise oder Anhaltspunkte für Deine Behauptung hast."
„Beweise? Für mich bedarf es keiner ferneren Beweise! Ich blinder alter Thor! Ich hatte ein Kleinod in den Händen und habe es nicht bewahrt."
„Klage Dich nicht an, sondern antworte mir auf meine Fragen."
„Nichts, nichts! Es sei denn, daß die Kleider, die das Kind trug, als ich es vom Felsen aufhob etwas Aufschluß geben könnten. Meine gute Schwester hat sie sorgfältig gereinigt und bis zu ihrein Tode bewahrt. Diese, ihr Gebetbuch und ihr silbernes Kreuz waren mein Erbtheil. Ihre anderen Habseligkeiten konnten die Fischerweiber besser gebrauchen als ich."
Aus einer festen Truhe holte Martin eine kleine Holzschachtel. Seine Hände zitterten, als er die Schnur, womit sie umschlossen war, löste. „Am 24. November vorigen Jahres habe ich sie zuletzt gesehen. An diesem Tage eines jeden Jahres nehme ich sie heraus. Sie sind noch wohl erhalten."
In ein seidenes Tuch eingeschlagen lagen Kleidungsstücke eines zwei- bis dreijährigen Knaben. Mit übermenschlicher Kraft kämpfte der Vicomte seine Erregung zurück, als er die einzelnen Theile herausnahm und betrachtete.
(.Fortsetzung folgt.)