Sonnabend, den 25. März 1882.
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& Politische Streifzüge.
(Nachdruck verboten.)
Seit die Menschen sich zu Staatengebilden vereinigten, hat es im ganzen Laufe der Geschichte wohl wenig Reiche gegeben, die, was Kraft und Stärke nach Außen anbelangt, dem neuen deutschen Reiche überlegen waren, wenn sie auch an Größe und Einwohnerzahl dasselbe übertrafen. Aber nie hat es einen Herrscher gegeben, der so geistig und körperlich frisch seinen 86. Geburtstag feierte, wie unser Kaiser Wilhelm am 22. d. M. Mit den Wünschen, die dem greifen Monarchen bei Vollendung seines 85. Lebensjahres von allen Seiten dargebracht nurden, haben wir die unsrigen vereinigt, und wahrlich Se. Majestät weiß, daß die 16 Millionen Katholiken Deutschlands noch lange nicht die schlechtesten Unterthanen sind, daß sie, was Königstreue anbelangt, dem Throne am nächsten stehen, weit näher, als gar manche Barrikadenhelden von 48, die damals die Fundamente des Staates unter« wühlten und die sich heute als die Säulen Les Reiches aufspielen und ihren Patriotismus an der Rocktasche herausflattern lasien. .Ist .es gestattet, das hohe Alter und ,die seltene Rüstigkeit des Kaisers als günstiges Omen für Las Reich selbst zu deuten? Wir wollen es gern, aber mit unseren Wünschen für die Person des Kaisers verbinden wir die Hoffnung, daß zu der Achtung gebietenden Stärke des Reiches nach Außen, die auf dem Militarismus beruht, auch der Friede im Innern sich gesellen möge. Erst dieser gibt dem Reiche Halt und Kitt und garautirt einen langen Bestand, und dieser Friede ist nur möglich, wenn der alte Hader, den der kircherpo- litische Streit geschaffen, beseitigt wird. Reicht die weltliche Macht, die sich auf Soldaten und Festungen stützt, der geistigen Macht, der Kirche, welche die Gewißen beherrscht, die Hand, dann ist es im Lande wohl bestellt; befehdet aber der Staat seine treueste Helferin und Bundesgenossin und legt ihr segensreiches Wirken lahm, dann kann sich kein gutes Gebild gestalten.
Leider war die Freude am Kaisergeburtstage bei vielen Millionen Katholiken durch das Bewußtsein getrübt, daß wir noch weit, sehr weit von einem einträchtigen Zusammenwirken zwischen Staat und Kirche, d. h. dem Ende des Culturkampfes entfernt sind. „Frühling, Frühling wird es nun bald," fangen dieser Tage die Kinder vor meinem Fenster; das knospet und grünet auf Baum und Strauch, nur die Knospen am kirchenpolitischen Friedensbaume sind wieder einmal von kaltem Nachtreif jäh geknickt worden. Die kirchliche Vorlage soll in zweiter Lesung erst nach Cftern im Abgeordnetenhause zur Verhandlung kommen und hat in ihrer ursprünglichen Gestalt wenig Aussicht auf Lebensfähigkeit. Richt einmal die Anträge Windthorst's auf Freigebnng des Meßelesens und der Sacramentespendung haben Aussicht
auf Erfolg, denn die ,Krenzztg.' erklärt, die Regierung sei entschloßen, dieselben mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen und zurückzuweisen! Herr Windthorst, der geniale aber für gewiße Leute höchst unbequeme Centrumsführer, ist wieder die Zielscheibe liberaler Scribenten. Die .Norddeutsche' wirft ihm vor, die Polen in Schutz zu nehmen, die ,Köln. Ztg.' erinnert „an die nahen persön sönlichen Beziehungen Herrn Windthorst's zu dem bekannten Jesuiten-General Beckx (brr!), und die ,Magdb. Ztg.' nennt es „unvers chämt", daß Ercellenz Windthorst es gewagt hat, von der Wiederherstellung der katholischen Abtheilung im Cultusministerium und der Beseitigung des Gerichtshofs für kirchliche Angelegenheiten zu sprechen. Herr v. Goßler erkennt die ideale Bedeutung der Religion zwar an, aber er meint, es sei doch ein „Unterschied" zwischen der Religion und der Art und Weise, wie sie gelehrt werde und in der Kirche zur Erscheinung komme. Wo steckt denn dieser Unterschied, oder hat Herr Windthorst nicht Recht, wenn er sagt, der Kirche stehe die Leitung des Religionsunterrichtes zu, dieses Recht habe ihr Gott selbst gegeben? Der Kaiser will, daß dem Volke die Religion erhalten bleibe; die Kirche ist aber die Trägerin und Lehrerin der Religion, und wer anders kann sie dem Volke lehren, als die Diener der Kirche? Fassen wir aber alle diese Einzelheiten zusammen, so sehen wir, wie wenig hoffnungsvoll die Lage ist, trotz des Herrn von Schlözer in Rom und trotz des neuen Bischofs von Paderborn.____________________
Deutsches Reich.
* Berlin, 23. März. Abgeordnetenhaus. 40. Sitz, vom 23. März. Fortsetzung der Berathung des Eisenbahnetats. Bei Tit. 8: „Außerordentliche Remunerationen und Unterstützungen an Beamte" (195,650 M.) beantragt der Abg. Rickert: „Die königliche Staatsregierung zu ersuchen, dem Landtage in der nächsten Session mit dem Staatshaushaltsetat eine Nachweisung bezüglich der aus Titel 8 gezahlten Ausgaben an: a) Unterstützungen, b) außerordentlichen Remunerationen für besondere Dienstleistungen, c) Weihnachts- gratificationen vorzulegen." Der _ Antrag wird auf Empfehlung Windthorst's angenommen.
Es folgte die Debatte über den Steuererlaß. Die Conservativeu beantragen bie Auserhebungssetzung der untersten Classen- fteuerftufe, die Budgetcommission beantragt Ablehnung des Steuererlaßes, Rauchhaupt plaidirt für den Antrag der Conservativeu, Stengel für den der Commission. Das Haus vertagt die Debatte bis morgen. Da das Cent rum größtentheils für Bewilligung des Steuererlaßes ist, dürste derselbe wahrscheinlich angenommen werden.
- Der Kaiser theilte dem Präsidenten des Reichstags v. Levetzow mit, daß Bismarck deninächst für einige Zeit Berlin
verlaße. Derselbe wünsche die Einberufung des Reichstags, für welche jedoch noch kein Termin bestimmt fei.
* ®ä ding en, 20. März. Die tneftge St. Fridolinskirche ist von den Altkatholiken oceupirt, und wird deshalb das St. Fridolinsfest nicht wie früher begangen. Nach dem ,Säck. Volksbl.' wird der Ausfall an Einnahmen, den die hiesige Geschäftswelt in Folge dessen erlitten hat, auf 15—20,000 M. angesetzt; das macht seit vier Jahren 60—80,000 M. aus, Die Zahl der Altkatholiken wird auf 2-300 geschätzt, wahrend die katholische Gemeinde 3000 Seelen zählt.
— Vom 1. April ab werden sämmtliche Schulen in P ommern wieder (evangelische) geistliche Schnlinfpeetoren im Nebenamte haben. c
* Karlsruhe, 23. Marz. Die ,Bad. Landesztg.' meldet das Eintreffen des päpstlichen Hausprälaten Spolverini, um über die Bisthnmsbesetzung in Freiburg zu unterhandeln.
Frankreich.
• Paris, 23. März. Die berühmten Solesmenser, die Benedictiner der Abtei Solesmes, sind heute Morgen gewaltsam ausgewiesen worden.
— Der Ausstand in Algier und Tunis bricht von Neuem los. Sowohl von Tripolis als aus Marokko brechen starke bewaffnete Banden gegen die französischen Truppen auf.
Rußland.
• Petersburg, 23. März. Nach emer Mittheilung des,Herold' wurde gestern den Apothekenbesitzern jüdischer Confession in Petersburg ein Erlaß des Ministers des Innern verlesen, wonach nicht länger geduldet werden könne, daß sie Apotheken besitzen und daß sie verpflichtet feien, ihre Apotheken an Nichtjuden während Jahresfrist zu verkaufen. Die Verfügung trifft vierzehn jüdische Apothekeninhaber, die alle den Grad des Provisors besitzen. Der Erlaß stützt sich auf einen Gesetzesparagraphen, wonach den jüdischen Provisoren erlaubt ist, hier zu wohnen, aber nicht gestattet ist Handel in ihrem Specialfache zu treiben. Außerdem wurde den jüdischen Provisoren, welche bis dahin hierselbst Apotheken verwaltet haben, die Mittheilung gemacht, daß auf Verfügung des Ministers des Innern die Verwaltung der betreffenden Apotheken mit dem heutigen Tage auszuhören habe.
Provincielles und Locales.
Fulda, 24. März. Die „Kreuz- Mange", seither Eigenthum des Herrn Färbermeister Hermann Wegner, ging für den Kaufpreis von Mk. 17,142.85 (10,000fL) an Herrn Färber Max Knips von hier käuflich über und wird von letzterem am 1. October d. I. übernommen. Bis dahin führt Herr Wegner das Geschäft weiter.
— Der hochwürdigste Herr Bischof hat allen Geistlichen der Diöcese, welche m