M 68.
Donnerstag, den 23. März 1882.
Fuldaer 331 Jeitung.
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Durch Nacht zum Licht.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn. (Fortsetzung.)
10. Capitel.
In tiefster Ruhe lag Bucht und Küste. Leise kosend plättscherten die Wellen an den Strand. Das silberne Licht des Mondes zog glänzende Streifen über die Fluth und zeichnete die gigantischen Felsen in dunklen Tiefen an den Horizont. Allmählich ver- schwand das Licht in den Fluthen und tiefes Dunkel lag auf Meer und Strand.
Aus einer steilen Felsenrinne stieg ein Mann zu den; Strande hinab. Der leise und trotz der Dunkelheit sichere Tritt ließ den Uferbewohner erkennen. — Auf einer Felsenkante inachte er Halt und richtete seinen Blick auf das Meer. Geraume Zeit verharrte er unbeweglich in derselben Stellung, dann zog er unter seiner Jacke eine Laterne hervor, welche er einige Fuß unter seinem Stande auf einen Felsenvorsprung niedersetzte. Das kleine Licht warf einen glänzenden zitternden Streifen auf die zu seinen Füßen ausgebreitete Wafferfläche.
Langsan; stieg der einsame Wanderer zuin Strande hernieder und lehnte sich an einen Felsen an.
gh. Die Realie» in der Elemen- tarschnle.
Die königliche Regierung zu Düsseldorf hat am 26. November v. I. eine Verfügung erlassen, in welcher eine Beschränkung des realistischen Lehrstoffes für die Volksschulen angeordnet wird. Bemerkenswerth ist die Erklärung der Regierung, daß ihre Räche in den Schulen „Ausschreitungen" gefunden, „welche den neuerdings der Volksschule geinachten Vorwurf einer Ueberschüttung der Schüler mit realistischem Stoff als nicht ganz unbegründet erfcheinen lassen." Daher veranlaßt sie die Schul- infpectoren, „gegenüber der hin und wieder zu Tage tretenden einseitigen Bevorzugung des realistischen Unterrichtes mit besonderer Sorgfalt darauf zu halten, daß die Hauptlehrgegenstände Religion, Muttersprache und Rechnen die hervorragende Stellung im Volksschul-Lehrplan überall behaupten und dabei der Gesang, und zwar auch der volksthümliche, die erforderliche Berücksichtigung finde. Insbesondere werden die Herren Kreisschulinspectoren in dieser Hinsicht ihr Augenmerk auf die jüngeren Lehrer zu richten haben, da erfahrungsgemäß dieselben nur zu leicht versucht sind, gerade auf dem Gebiete des Realunterrichtes die Kenntnisse, welche sie zu ihrer eigenen Ausbildung im Seminar sich angeeignet haben, in derselben Ausdehnung auch in die Volksschule zu übertragen." Diese Verfügung ward allenthalben beifällig ausgenommen; denn der Uebelstand, daß die Kinder ob „der Ueberschüttung mit realistischem Stoffe" Religion,
„Wo nur der alte George bleiben mag," sprach er zu sich selbst. „Die Nacht ist bereits weit fortgeschritten, noch immer höre ich nichts. Wenn ihnen nur kein Unglück zugestoßen ist. Vier Nächte harre ich vergebens auf seine Rückkehr. — Von den beiden Herzenswünschen meines Lebens schien wenigstens einer sich verwirklichen zu wollen. Mein armes Kind wiederzusehen, darf ich nicht mehr hoffen. Und doch vergeht feit länger als zwanzig Jahren kein Tag, wo dieser Wunsch nicht vor meine Seele tritt. Gibt der liebe Gott mir nun die Gnade, noch einmal in das Antlitz meines Wohl- thäters zu schauen, so will ich gerne mein altes Haupt zur Ruhe legen. Jedoch Alles, wie Gott es fügt, der in so mancher Trübsal mich aufrecht erhalten hat. — Aber so ist das arme Menschenherz; bis zum letzten Athemzuge klannnert es sich an den schwächsten Halm der Hoffnung an."
Plötzlich erbeb er sich rasch; das Haupt weit vorgebeugt, lauschte er lange regungslos und preßte seine Hände gegen die Brust.
„Ruhig, armes altes Herz; du schlägst ja nicht in eines Knaben Brust. Faffe dich, wenn auch die letzte Hoffnung schwindet."
An sein Ohr mußte ein kaum vernehmbares Geränfch gedrungen sein, denn wie im Tact bewegte er seine Hand auf und ab. Das
Lesen, Schreiben und Rechnen, also den eigentlichen Lehrstoff für die Elementarschulen, nicht mehr ordentlich erlernen, wird allgemein empfunden. Würde man in der Elementarschule sich auf das beschränken, was deren Zweck ist: Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen, so wäre auch ein achtjähriger Schulzwang unnöthig, weil man zur Erlernung dieser Gegenstände nicht int Allgemeinen acht Jahre braucht. Nun aber, wo diese lange Zeit allgemein vorgeschrieben, sucht man dieselbe mit anderen höheren Lehrgegenständen auszufüllen, und unsere ganze Zeitrichtung treibt zu den realistischen Fächern und der Liberalismus fördert solches aus allen Kräften, da er die Religion durch die „exacten Wissenschaften" zu ersetzen sucht. So werden die Kinder mit „realistischem Stoffe überschüttet", und lernen nicht jene nothwendigen Dinge, die der eigentliche Lehrstoff der Elementarschule sind. Das Volk aber weiß kaum mehr die Comlnunallasten für Schulzwecke aufzubringen. Wäre es da nicht beffer, mit dem achtjährigen Schulzwang und dem so kostspieligen Humbug, der sich daran haftet, aufzuräumen? Sollte man da nicht daran denken, das noch gegenwärtig für Rheinpreußen giftige Gesetz, die königliche Cabi- netsordre vom 14. Mai 1825, welche weder Minister, noch Regierung, noch Schulin- speetoren aufheben können, auszuführen ? Nach diesem Gesetze ist nicht eine bestimmte Schulzeit vorgeschrieben, sondern der Seelsorger hat darüber zu befinden, ob ein Kind die zu feinem Stande nothwendigen Kenntnisse besitze und darum aus der Schule zu entlassen scharfe Ohr des Seemannes hatte ferne Ruderschläge vernommen; jetzt wurden sie fchon deutlicher, und nach Verlauf einer Viertelstunde nahte ein Boot der Küste. — Noch einmal warf das Licht der Laterne seine Strahlen über die Wasserfläche, dann deckte tiefe Finsterniß das Ufer. — Der kurze Schrei einer Seemöve scholl vom Wasser herüber, dem das melangolische Gekrächze eines Käuzchens antwortete. Jetzt knirschte der ufersand unter einem sich anlegenden Boote und zwei Männer näherten sich vorsichtig dem Felsen, hinter welchem der späte Wanderer sich zuzückgezogen hatte.
„George?" scholl es gedämpft vom Felsen.
„Gelungen trotz allen Kreuzern und Duanen", lautete die Antwort.
Der Zweite der Angekommenen trat näher und reichte schweigend seine Hand dem Schiffer, die dieser ehrerbietig an seine Lippen führte. Einen Augenblick ruhten die Blicke der beiden Männer trotz der Dunkelheit aufeinander, dann schloß der Fremde den alten Schiffer in seine Arme. Vorsichtig führten die beiden Männer ihn den steilen Felsenpfad hinan und bald öffnete der Alte die Thüre seines Hauses. — George stellte das Gepäck des Fremden hin und wollte sich entfernen.
„Haft guter Mann," sprach der Fremde.