Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

M 67

Mittwoch, den 22. März 1882

Fuldaer HB Jeitung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Man abonnirt gegen Vorausbezahlung zu Fulda bt der Expedition, Buttermarkt Nr. 112, auswärts bei den Postämtern. Der vierteljährliche Abonnementspreis beträgt ausschließlich Brmgerlohn ,n Fulda 1 Mark mü> 50 Pfq., mit Brinqerlohn 1 M. 70 Pfg., auswärts bei den Postämtern: bei der Post abgeholt 1 Mark und 50 Pfg" ms Haus gebracht 1 M. 90 Pfg- Dte ,illustrirten Sonntagsblätter' der Fuldaer Zeitung kosten vierteljährlich in Fulda 20 Pfg., auswärts am Postschalter 2o Pfg., m s Haus gebracht 40 Pfg.

Inserate: Die Petitzeile^oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg-, bei Wiederholungen entsprechenden Rabatt.

qp. Wodurch der Handwerkerstand sich selber schädigt.

Wir haben in einem früheren Artikel ge­sagt, daß wir den Handwerkerstand selbst mancher Fehler und Mißstände anklagen müßten, wodurch er seine gegenwärtige miß­liche Lage mitverschuldet hat.

Wir nennen in dieser Beziehung in erster Linie den Mangel an Gemeinsinn, an Corps­geist. Jenes Standesbewußtsein, welches die Handwerker zur Blüthezeit des Hand- iverkes erfüllte, bewirkte, daß man auf per­sönliche Vortheile verzichtete, wenn dieselben nur auf Kosten der Zunft oder des Standes zu erwerben waren, ja es legte dein Einzel­nen einen moralischen Zwang auf, vor Pfuscharbeit sich zu hüten, seine Lehrlinge zu tüchtigen Gesellen, und seine Gesellen zu tüchtigen Meistern heranzubilden. An Stelle dieses edlen Standesbewußtseins ist vielfach die schnöde Selbstsucht getreten, welche die Gunst des Augenblicks für Kauf und Ver­kauf, für Anlage und Erweiterung und Be­trieb des eigenen Geschäftes rücksichtslos ausbeutet, ja solche Rücksichtslosigkeit als lobenswerthe Gewandtheit betrachtet, so lange sie nicht in Conflict kommt mit der Polizei und dem Strafgesetz. Diese Selbst­sucht läßt den Meister in seinem Lehrjungen einen baldigen Concurrenten erblicken, ein Umstand, der sicher nicht dazu beiträgt, daß auf dessen Ausbildung viel Fleiß verwendet werde.

Mit diesem Mangel an Gemeinsinn hängt zusamnien die bekannte Indolenz der Hand­werker in Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Wir haben eine Menge Ein-

—

Durch Nacht zum Licht.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

(Fortsetzung.)

Trostlos raffte ich mich auf und verließ das Geinach, den Hof. Wilder Verzweif­lung preisgegeben erreichte ich mühsam die Schenke und warf mich zu Tode erschöpft auf das Lager. Obgleich kein Schlaf meine Augen schloß, konnte ich keinen bestiminten Gedanken fassen. Meine Phantasie führte mir die Bilder meines Lebens bunt durch einander vor. Meine Heimath, das brandende Meer, das gräfliche Schloß, Studien und Ferienzeit, Kriegsereignisse, Alles zog in buntem Chaos an meinem Geiste vorüber. — Der anbrechende Morgen ließ mich nur auf kurze Zeit in Schlummer sinken. Als ich erwachte, war ich erst fähig, die Ereig- niffe klar zu übersehen. — Also verloren, alles verloren, wofür ich Leib und Seele eingesetzt hatte! Aber das Kind, das Kind meines Todfeindes! Welche Wonne, das Kind des Aristokraten in meiner Gewalt zu haben, es zu erziehen in dem Hasse gegen den Stand, aus welchem es entsprossen war! Aber war es nicht auch Melaniens Kind — das Kind der angebeteten, edlen Duldnerin, deren Gatten ich getödtet, die ich zu Tode gehetzt hatte? — Furchtbare Schuld! — Das arme,

richtungen bei den Verkehrsanstalten, im Börsen- und Bankwesen, welche einseitig den Interessen des Capitals und der Fabrik dienen, von denen das Handwerk keinen Nutzen, vielfach Schaden hat. Die Vertreter des Geldcapitals und der Fabrikindustrie haben es verstanden, durch ihren politischen und socialen Einfluß die öffentlichen Einrich­tungen im Steuerwesen, Verkehrswesen, die Handels- und Zollpolitik ihren! Interessen dienstbar zu machen. Wie wenig ist von Seiten des Handwerks geschehen, um solche einseitige Maßregeln abzuwenden? Wie wenig Interesse zeigen die Handwerker, wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, Vertreter ihrer Wünsche in die Gewerbekammern zu wählen, oder bei Steuereinschätzungen, Wegeanlagen, Eisenbahnbauten die Vortheile des Hand­werkerstandes zur Geltung zu bringen?

Grobe Fehler werden gemacht bei Heran­bildung für das Handwerk, wie beim Betrieb desselben. Statt bei der Wahl des Meisters auf dessen Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit zu sehen, läßt man die 'Höhe des Lehrgeldes, die Aussicht auf baldige Entlassung aus der Lehre und baldigen Verdienst den Ausschlag geben. Durch die Möglichkeit, ohne Nach­weis zunftmäßiger Ausbildung selbstständig zu arbeiten, läßt sich so Mancher verleiten, viel zu frühzeitig als sog. Meister sich auf- zuthun, bevor er sich die so nothwendige Geschäftsgewandtheit und einen im harten Kampf des Lebens gestählten und erprobten Mannescharakter erworben, Umsicht und Vorsicht gelernt hat.

Ist es da ein Wunder, wenn ein großer Theil des sog. Meisterstandes das Bild fort­schuldlose Wesen, welches durch mich zur Waise geworden, allen Unbilden ausgesetzt, von Noth und Entbehrungen umgeben! —

Es war mein guter Engel, der mir zu­flüsterte: „Rette das Kind, sühne an ihm Deine Frevel, fliehe mit ihm zu dem stillen Dörfchen an dem Meeresftrande, zu der väterlichen Hütte, an das Herz Deines guten Vaters; erziehe es zu einer braven Jungfrau und führe es später in die Arnie seines Großvaters, Deines edlen Wohlthäters."

Namenlose Seligkeit zog in mein Herz ein. Ich raffte mich auf und eilte zum Hofe. War ich am vergangenen Tage schon mit Mißtrauen empfangen worden, so zeigte die drohende Bewegung des Landmannes und das nicht mißzuverstehende Zeichen seiner Peitsche, daß ich erkannt sei. Vergebens waren alle Bitten und Versprechungen. Niedergeschlagen verließ ich den Hof. Noch eine ganze Woche lang durchstreifte ich die Gegend, Kunde von dem Verbleib der Dienerin und des Kindes zu erlangen. — Alles ver­gebens. — Erbittert über das Mißlingen meiner Anstrengungen, gequält von Gewis- sensbisien, kehrte ich nach Frankreich zürück. - In dem Gasthofe einer kleinen Stadt,, wo ich einige Tage zu rasten beschloß, traf ich mit Ofsicieren der Chasseur ä cheval zu­sammen. Ohne langes Zögern ging ich auf

schreitender Degeneration des Handwerkes darbietet und das Publicum vielfältigen Anlaß hat, über die Geschäftsgebahrung der Handwerksmeister zu klagen! Solche Meister können natürlich nur nach der Schablone arbeiten, sind außer Stand, den besonderen Bedürfniffen des Orts, der Zeit, den Be­sonderheiten des zu verarbeitenden Rohmate­rials Rechnung zu tragen, mit den Forder­ungen der Mode des technischen Fortschritts gleichen Schritt zu halten, neue Erfindungen und Verbesserungen in der Arbeitsmethode sich nutzbar zu machen. Ihr Arbeiten ist und bleibt dann ein mechanisches Nachmachen, aber kein selbstständiges Schaffen. Welch' ärgerlichen Mißhandlungen sieht sich die Kundschaft oft ausgesetzt von Seiten solcher Handwerker, die nur geflickte oder ungenaue, weil schablonenhafte Arbeit liefern.

Wie oft konnnen die Kunden in die größte Verlegenheit, weil der Handwerks­mann die bedungene Lieferungsfrist nicht einhält? Da soll ein Neubau vermiethet werden. Die Schreinerarbeit, Anstreiche­arbeit ist veraccordirt auf einen bestimmten Termin. Weil derselbe aber von den Handwerkern nicht eingehalten wird, kann der Vermiether seinen Vertrag nicht halten, der Miether hat keine Wohnung; oder der Schreiner, der die Aussteuer einer Braut verfertigen soll, wird auf den anberaumten Tag der Hochzeit nicht fertig! Können sich solche Handwerker beklagen, wenn das Pub­licum ihnen seine Kundschaft entzieht und seine Bedürfnisse aus Magazinen und Fabriken befriedigt?

So manche Meister beginnen einen selbst- deren Zureden ein, die Militair-Carriere zu ergreifen. Wenige Tage nachher war ich als Souslieutenant bei dem Regiments eingetreten.

„Es kann nicht meine Absicht sein," fuhr der Capitain fort, „Ihnen ein Bild meines Kriegerlebens zu entwerfen. Obgleich der Wurm meines Gewiffens in der ersten Zeit nie ruhte, gelang es mir allmählich in dem Taumel der Kriegszüge durch das Beispiel meiner Kameraden und durch die gänzliche Entfremdung von Gott, Alles zu vergessen. Nur dem Augenblick mich hingebend, den Glauben an Gott und Ewigkeit verloren, lebte ich in den Tag hinein, geliebt von meinen Untergebenen, geschätzt von meinen Kameraden. — Endlich erbarmte sich der Herr meiner armen Seele; zu Tode ver­wundet, kani ich in Euer gastsreies Haus. Als ich nun vom Tode erstand und der erste Blick meines erwachenden Auges auf diese edle Sameriterin fiel, in deren Ant­litz ich die Züge der theuren Verstorbenen wiederzufinden glaubte, da brach die Rinde meines Herzens. Ihre Gottesfurcht, Ihre Freundlichkeit und Liebe vollendeten meine Wandlung.

Heute danke ich dem Schöpfer, daß durch Leiden mir der Herr seine Gnade wieder aufgeschloffen hat. Mein sehnlichster Wunsch