Dienstag, den 14. März 1882.
M 60
Zeitung
Fuldaer
Verwendung möglichst schlechten Materials, durch eilfertige Arbeit oder durch Fälschung sich schadlos zu halten. Freilich sind Diejenigen, welche auf solche Weise Verluste erleiden, in der Regel Leute, die ihr Geschäft überhaupt nicht verstehen, keine Kostenrechnung anstellen können, aber durch ihre oft unverständig niedrigen Anerbietungen verdrängen sie den soliden Meister, welcher rechnet und keine Lust hat, sein Geld zu verlieren. Die Wirkungen des heutigen Subwissionsverfahrens erstrecken sich aber noch über das Gebiet der Submifsionsar- beiten hinaus. Die Submissionspreise, einmal öffentlich bekannt, bilden eine Art Maßstab für anderweitige Arbeitsaccorde gleicher Art und drücken darunr auch die Preise auf
qp. Die gegenwärtige Harrd- werksnoth.
Daß das Handwerk feit einer Reihe von Jahren mit immer größerer Roth zu kämpfen hat, wird wohl kaum in Abrede zu stellen fein. Mit Recht klagen die Handwerker, daß ihr durch Handwerksbetrieb erzieltes Einkommen immer weniger zureiche zum anständigen Unterhalt einer Familie. Die Ursachen der gegenwärtigen Handwerksnoth liegen aber hauptsächlich in unserer Gesetzgebung, in der durch die Gesetzgebung geschaffenen Gewerbefreiheit , Freizügigkeit und Riederlaffungs- freiheit. Durch diese „Freiheiten" wurden die früher für den Gewerbebetrieb bestandenen, wenn auch beengenden, so doch auch ordnenden Schranken niedergerissen, und, wie die,christlich-socialen Blätter' sich ausdrücken, ein rein naturalistischer Concurrenzkampf eröffnet, sowohl zwischen den Angehörigen des Handwerkerstandes unter sich selbst, als zwischen dem Handwerk einerseits und dem Fabriksbetrieb und dem zwischenhändlerischen Capital anderseits.
Vor Allem ist eine Folge der gesetzlich eingeführten Gewerbefreiheit das „Ueber- setztsein" vieler Handwerke. So lange die Möglichkeit, selbstständig ein Gewerbe zu betreiben, abhängig war von einer Gesellen- und Meisterprüfung, von einer Anzahl von Lehr-, Gesellen- und Wanderjahren, von einer Zugehörigkeit zu einer Zunft, welche meist auch über die Bedürfnißfrage zu entscheiden hatte, von dem Erwerbe oder Besitz einer Gemeindezugehörigkeit, wurde Mancher 30-35 Jahre alt, bis er ein eigenes Geschäft gründen und anderen Meistern Con-
currenz machen konnte; es ergiebt also ein einfaches Rechenexempel, daß dazumal viel weniger Meister zu gleicher Zeit auf dem« felben Handwerk arbeiteten, als heutzutage, wo Fälle nicht selten sind, daß mit 20 oder 22 Jahren eine Familie gegründet und auf eigene Rechnung ein Geschäft betrieben wird. Man sage nicht: die Freizügigkeit mache es möglich, überschüssige Arbeüskräfte dahin abzuleiten, wo Nachfrage nach ihnen ist. Denn abgesehen davon, daß diesen überschüssigen Arbeitskräften oft gar nicht bekannt ist, wo für sie Verwendung wäre, macht sich die Uebersiedelung einer gewerblichen Anlage und einer Handwerkerfamilie nicht fo einfach, wie die eines alleinstehenden Fabrikarbeiters, kostet jedenfalls ein schönes Stück Geld, wie es bei einem arbeitslosen Handwerker nicht so leicht sich findet.
Eine andere Art recht nachtheiliger Con- currenz der Handwerker unter sich selbst verursacht das Institut der sog. Submissionen. Das hiebei stattfindende Verfahren ist frer- lich eine unvermeidliche Consequenz aus dem Grundsatz unbeschränkter Concurrenzfähigkeit und der von unserer Gesetzgebung adoptirten liberalen Wirthschaftslehre, daß auch die Arbeit, Waare und ihr Preis sich lediglich nach dem Verhältniß von Angebot und Nachfrage zu bestimmen habe. Die Sitte, dem Mindestnehmenden die Arbeit zu übertragen, verleitet so Manchen, ein möglichst niederes Angebot zu machen. In Folge besten ist der Verdienst des betreff. Unternehmers natürlich sehr gering, gar oft erleidet er noch Verlust; anderseits verleitet ihn die Furcht vor drohendem Schaden dazu, durch Gaeon, gedenke der Tag unserer Jugend! das herannahende Unglück hat uns schnell zu Männern gereift. Flüchte Dich an des Freundes Herz, welches noch eben so warm wie in jenen Tagen für Dich schlägt und schütte Dein Herz an dem meinen aus! — Laste mich Dir einen Vorschlag machen, fuhr er, da ich nichts erwiderte, sanft fort: „gehe vorab zu Deinen Eltern. Dort in der stillen Hütte, zwischen den armen Fischern, wird Dein Herz gesunden. Dort ain Gestade des herrlichen Meeres, wo kaum noch ein Widerhall von den Stürmen, die jetzt Frankreich durchtoben, hingedrungen ist, da sammle Dein Herz. Dort wird der hebe Gott Dir den Weg zeigen, den Du wandeln sollst. — Aber willst Du nicht Einsicht von dem Schreiben Deines Vaters nehmen?" ,
Fast bewußtlos zog ich den Brief hervor und öffnete denselben. Ein herzzerreißender Schrei entrang sich meiner Brust, ich schnellte auf und flog an die Brust meines Freundes. „Louis, meine gute Mutter, meine gute Mutter!" _ ,
Liebevoll umfaßte mich die treue Seele und nahm das Schreiben entgegen. „Armer Gaoon," fprach er tief bewegt, „so habe ich Deine Heimkehr nicht gedacht." Nur me wenigen Worte enthielt der Brief: „Theures
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Durch Nacht zum Licht.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
(Fortsetzung.)
„Von meinem Vater," sagte ich in wohl zu gleichgiltigem Tone und schob ihn in die Tasche. Als ich aufschaute, sah ich den Blick meines Freundes mit Bekümmerniß auf mich gerichtet. „Mein lieber Gayon", fprach er mit bewegter Stimme, meine Hand ergreifend, „mit innigem Schmerze habe ich die traurige Wahrnehmung gemacht, daß mit Dir eine Wandelung vorgegangen ist; daß irgend etwas Dein Herz bedrückt. Ich will nicht hoffen, daß die paar Jahre unserer Trennung die Freundschaft und das gegenseitige Zutrauen, welches uns immer verband, verschwinden machen konnte. Ich kann und darf es nicht glauben. sUnd doch sehe ich, daß Du den Kummer, der Dein Herz bedrückt, dem Freunde vorenthältst. Noch weniger aber kann der Gedanke Raum in meinem Herzen finden, daß Du den Prin« cipien untreu geworden seiest, die jetzt das Herz eines jeden Patrioten erfüllen müssen. Wer jetzt nicht in heißer Begeisterung sein Letztes einsetzt, Altar, Thron und unsere verbrieften Rechte zu retten, den erachte ich nicht werth, daß ihn die Erde trägt. —
Di- ,Fuldaer Zeitung' erscheint "glich. Sonn- und .°^?°^^Exmentspr°is"beträg?^ausfthließttch^BrlNgerlohn^n Fulda 1 Mar!
dem öffentlichen Arbeitsmarkt überhaupt. (Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
* Berlin, 12. März. Abgeordnetenhaus. 32. Sitzung vom 11. März. Die 3. Lesung des Gesetzentwurfs, betr. den Erwerb von Privateisenbahnen für den Staat, wird auf Antrag des Abg. Köhler von der Tages-Ordnung abgesetzt, weil zuerst das financielle Garantiegesetz erledigt werden müsse. Die 2. Berathung des Etats wird dann fortgesetzt bei dem Kapitel „indirekte Steuern." Abg. v. Griesheim erklärt bei dem Posten „Tabaksteuer," bei der 3. Lesung werde er die Tabakmonopol-Vorlage zur Sprache bringen. Das Kap. 9 (Zoll- und Steuererhebung und Controle 22,471,265 MI wird auf den Antrag des Abg. Kind! Schwer ruht die Hand des Herrn auf mir. Meine gute Marie weilt nicht mehr hienieden. Eine rasch verlaufene Krankheit führte sie in's ewige Vaterland. Ihr letztes Wort war: Gatzvn. Eile in die Arme Deines tief betrübten Vaters."
Nach zwei Tagen kniete ich an der irdischen Hülle derjenigen, die mehr als Mutterliebe an dem armen Waisenknaben geübt hatte. Stumm, thränenlos, von den heftigsten Ge- wistensbissen gequält, folgte ich dem Sarge; der dumpfe Ton jeder auf. denselben nieder- fallenden Scholle schien mich anzuklagen. Mechanisch antwortete ich aus das Gebet des würdigen Seelsorgers. Ich konnte nicht beten. Wie im Traume hörte ich der Erzählung des Vaters über die letzten Tage der Hingeschiedenen zu, der feinen eigenen Schmerz vergaß, um mich in meiner dumpfen Verzweiflung zu trösten.
Die nun folgenden Tage gehörten zu den traurigsten meines Lebens; der Kampf zwischen Gut und Bös tobte in meinem Herzen. Aus den Klippen an dem Ufer des Meeres wogte es in mir. Hundertmal drängte es mich, an der Brust des würdigen Pfarrers mein Herz auszuschütten. Dann zeigte der Bose mir wieder die verlockende Aussicht, Melanie zu gewinnen. „Die Freiheit siegt^ was gilt Adel, was Geschlecht? Die alten Traditionen